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Brief von Marcos an Don Fermin

Text von Subcomandante Marcos vom 08.08.2005
Subcomandante Insurgente Marcos
übersetzt von Dana

  Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung

Mexiko
8. August 2005

An: Don Fermín Hernández
Von: SupMarcos

Don Fermin:

Grüße von uns allen. Wir haben mit großem Interesse und Respekt Ihren Brief gelesen, der neben andere heute im Correo Ilustrado der La Jornada publiziert worden ist. Wir bitten Sie um Ihre Geduld und Ihren Edelmut um diese Zeilen zu lesen, die wir Ihnen schreiben, und hoffentlich wird La Jornada so großzügig sein wie immer und sie veröffentlichen, damit Sie und andere wie Sie, die sich von dem was wir sagen und tun verwirrt fühlen, mehr darüber erfahren können, weshalb wir tun was wir tun. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich nicht versuche Sie davon zu überzeugen uns zu unterstützen oder Ihre Überzeugungen aufzugeben (die, wie ich fühle tief und beständig sind), wir bitten Sie nur, Sie und andere, zu versuchen zu verstehen, uns zu verstehen.

Es gibt viele Compas, die wie Sie den zapatistischen Kampf für die indigenen Rechte und Kultur unterstützt haben. Ohne auf der Tribüne zu stehen, oder ihr Bild auf den ersten Seiten zu haben, haben Menschen wie Sie es ermöglicht, dass erstens der Krieg gestoppt wurde, später, dass wir zuhörten; später noch haben Sie uns in all den friedlichen Initiativen unterstützt, die wir in den letzten fast 12 Jahren unternommen haben, mit dem Ziel einen Platz für die Indigenas in dieser Nation zurückzufordern. Nicht alle, aber viele dieser Personen, wie Sie, sind in der PRD oder sympathisieren mit dieser politischen Organisation. Außerdem sind sie nun voller Hoffnung und Entschlossenheit, dass López Obrador und die PRD die Präsidentschaft Mexikos gewinnen werden, und das damit die Dinge in unserem Land sich mit einer linken Regierung ändern werden. Es gibt einige Menschen wie Sie (glauben Sie mir, wegen dem was ich etwas später sagen werde, dass es nur sehr wenige sind), die sich mit dem Akronym der PRD identifizieren, und gleichzeitig mit dem Kampf der EZLN, und sie fühlen, dass beide Kämpfe gemeinsam gehen sollten, oder sich zumindest in den Grundzügen einig sein sollte. Und sie fühlen dass es nicht nur keinen Widerspruch darin gibt bei der PRD zu sein und den Zapatismo zu unterstützen, sondern dass es auch logisch ist. Und nicht nur den Zapatismo zu unterstützen, sondern all die Kämpfe, groß oder klein, die sich in unserem Land für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit erheben. Dann werden sie böse, irritiert, oder in den besten Fällen (zu denen wie ich glaube ihr Fall gehört, Don Fermín) werden sie verwirrt, und fragen, was vorgeht. Nun, Don Fermín, was geschehen ist, ist geschehen. Lassen Sie es mich erzählen.

In 1994 kamen einige Anführer der PRD auf unsere Einladung hin hierher. Don Pablo Gómez kam zum Beispiel. Heute ist Señor Gómez Koordinator der Bundesabgeordneten der PRD, und erklärte, dass die PRD die EZLN nicht verraten haben kann, da "wir niemals irgendetwas mit Marcos unterzeichnet haben, weil er niemals ein Abkommen wollte" (im ähnlichen Sinne sagte AMLO`s Ersatzmann in D.F:, Alejandro Encinas — während er nervös auf die Aufführung des Videos wartete, in dem er die Hauptrolle übernommen hat — dass es keinen Verrat gibt, weil wir niemals verbündet waren — die PRD und die EZLN) Nun, Don Pablo Gómez kam damals und er sprach mit uns. Er erzählte uns, dass er den zapatistischen Kampf unterstützte, stellte aber gleichzeitig mit Schärfe klar, dass er den bewaffneten Kampf missbilligte. Dass unsere Sache gerecht war, und dass er alles in seine Macht stehende tun würde um dafür zu sorgen, dass unsere Forderungen eine gerechte und friedliche Lösung finden. Nach dem zu urteilen was Señor Gómez jetzt sagt, hätten wir seinen Worten nicht glauben sollen, sondern ihn bitten müssen ein Papier mit dieser Verpflichtung zu unterzeichnen, weil er ansonsten ja tatsächlich argumentieren könnte, dass er sich niemals verpflichtet hat für die indigenen Rechte und Kultur zu kämpfen (Merke: für diesen Kampf, nicht für den bewaffneten Kampf), und da er niemals irgendein Dokument unterzeichnet habe, könne von einem Verrat keine Rede sei.

Und es war nicht nur Don Pablo Gómez. Andere Personen kamen auch hierher. Zum Beispiel Señor Cuauhtémoc Cárdenas Solórzano (damals der PRD Präsidentschaftskandidat und für lange Zeit der natürlich und unangezweifelte Anführer der PRD, und außerdem ein Referent für den friedlichen Kampf für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Mexikaner). Wir sprachen mit Señor Cárdenas, und er verpflichtete sich zum gleichen wie Señor Gómez. Natürlich unterzeichneten wir auch hier kein Papier mit dieser Verpflichtung.

Viele andere kamen, fast die gesamte Führungsspitze der PRD (die meisten ohne eingeladen zu sein, sondern als "Eindringlinge" mit Cárdenas Solórzano kamen, der eingeladen war), und sie sagten immer, unter Hervorhebung, dass sie nicht mit dem bewaffneten Kampf übereinstimmten, dass sie den Kampf der zapatistischen Indigenas unterstützen würden. In 1996 — ich kann mich nicht mehr erinnern was wir in San Cristóbal de Las Casas taten, aber wir trafen uns damals mit Jesús Ortega und ein paar andere, die ihn begleiteten. Sie sagten uns dasselbe. Nein, sie haben auch nichts unterzeichnet. Um diese Zeit trafen wir López Obrador, der damals der Präsident der PRD war, der uns das gleiche sagte und kein Papier unterzeichnete.

In dieser Hinsicht könnte man dann wohl sagen, dass alle die sagen, die EZLN könnte nicht von einem Verrat der PRD sprechen, weil ja niemals etwas unterzeichnet wurde, recht haben. Der Fehler liegt auf jeden Fall bei uns, weil wir nicht ihrem gesprochenen Wort hätten trauen sollen. Sie sehen, mal lernt nie aus. Jetzt haben wir das gelernt: für die PRD gilt nichts, das nicht gefilmt . . . Verzeihung, unterzeichnet worden wäre.

Nun gut, aber wie Sie sich erinnern, fand da mal ein Dialog mit der Bundesregierung statt, und Vereinbarungen wurden erzielt, die San Andrés Verträge. Damals bildeten diese politischen Parteien mit Abgeordnete und Senatoren eine Kommission, mit dem Namen "Kommission für Versöhnung und Frieden", die COCOPA. Gut, dann wurden die Verträge unterzeichnet, aber sie wurden nicht ausgeführt. Die Arbeit der COCOPA war es dabei zu helfen eine Einigung zwischen der EZLN und der Bundesregierung zu sichern, also bot sie an einen Gesetzesvorschlag zu entwerfen, der alle Vereinbarungen umsetzen würde, die die Verfassungsreformen betrafen. In der COCOPA waren zu der Zeit unter anderen, Luis H. Álvarez, gegenwärtiger Vertreter der Aluminiumblechfirma "Zintro Alum" in Chiapas, und der gegenwärtige Minister für Tourismus, Rodolfo Elizondo, beide von der PAN. Dann waren da auch, von der PRI, Jaime Martínez Veloz und Pablo Salazar Mendiguchia. Für die PRD waren es der inzwischen verstorbene Don Herberto Castillo und Juan N. Guerra, gemeinsam mit andere PRD Mitglieder. Für die PT war dort José Narro.

Ich erwähne sie insbesondere, weil sie die Legislatoren waren, mit denen wir am meisten direkten Kontakt hatten, und weil sie, außer im Fall von Don Herberto Castillo, das was ich Ihnen jetzt sagen werde zurückweisen oder bestätigen können.

Nun, die COCOPA Mitglieder trafen sich, und dann knallten sie gegen eine Wand, weil Zedillo die Verträge nicht erfüllen wollte, und die EZLN bereits Abgemachtes nicht noch einmal aushandeln wollte. Dann dachten sie, dass ein neuer Vorschlag gemacht werden müsste, und präsentierten uns das, was später als das "COCOPA Indigene Gesetzesvorschlag". Sie sagten uns es sei alles was sie tun könnten, und wenn die EZLN und Zedillo es nicht akzeptierten, würden sie nicht mehr zurückkommen, und müssten folglich au der COCOPA austreten. Wir akzeptierten. Zedillo sagte erst ja und dann nein. Was hinterher passierte ist bereits bekannt, und ich werde es nicht wiederholen, aber ich habe zufällig das Original dieses Vorschlages hier, und dieses Dokument trägt in der Tat die Unterschrift der PRD Legislatoren. Auch die von Don Pablo Gómez, Alejandro Encinas und den Halbstarken der PRD Hierarchie (im Augenblick in dem ich Ihnen das hier schicke, lese ich gerade die pathetischen Statements von Cota), die nun nach alles Seiten Erklärungen abgeben und diese Unterschriften leugnen.

Sehen Sie, Don Fermín, die PAN machte dann ein Rückzieher und ihre Abgeordneten stimmten gegen den Vorschlag — den sie bereits bewilligt hatten, versteht sich. Letzten Endes, hat die Rechte die demokratischen Prinzipien, die sie zur Wahlmacht erhoben haben zunehmend verraten. Ihre Verachtung für die Indigenas (und alle bescheidenen Menschen im allgemeinen) ist so tiefverwurzelt, dass sie Teil der Deklaration ihrer Prinzipien sein könnte, ohne zu irgendeinen davon in Widerspruch zu stehen. Was die PAN und die Rechte angeht, die in sich einen Raum findet um die Geschichte Mexikos über ein Amboss zu schlagen — kann man nur Dummheit in Markenanzüge erwarten . . . und die Verbrechen, die sich dahinter verstecken. Sie werden es sehen, wenn der PAN Kandidat seine Wahlkampagne beginnt: Fox wird neben diesem albernen, plappernden kleinen Mann geradezu erhaben wirken.

Der Rückzieher der PRI von dem was sie bereits vereinbart hatten, war nur eine Bestätigung ihrer Geschichte: die Prostitution der Politik; nach Prägung des Ausdrucks, dass "Politik nur ein Verbrechen ist, dass durch andere Methoden verübt wird", und dessen Bekräftigung mit dem Blut ihrer Widersacher . . . und ihrer Kohorten; Herodes’ Gesetz als Erklärung der Prinzipien; Rassismus erhoben zur konstitutionellen Ebene. Ob der PRI Kandidat nun Montíel oder Mardazo ist, nichts wird die "Sitten und Gebräuche " dieser Partei ändern: sie wird weiterhin der politische Arm des organisierten Verbrechens bleiben . . . und die PRI Absolventen ziehen dann weiter zur PRD, je nachdem wie die Wahlumfragen während der Wahlkampagne stehen, und wer die Wahlen gewinnt.

Aber dass die PRD ihr Wort verraten sollte, war etwas das wir damals nicht verstehen konnten. Wir hätten es verstehen können, dass sie nicht daran interessiert gewesen sein könnten das Wort zu halten das sie mit der EZLN UNTERZEICHNET HATTEN (sie hatten bereits klargemacht, dass sie nicht erfüllen würden, was sie wörtlich versprochen hatten), schließlich waren wir nur ein paar "verdammte" dreiste Indigenas. Aber wir verstanden nicht, weshalb sie die gesamte Mobilisierung ignorierten die zur Unterstützung des COCOPA Gesetzesvorschlages stattfand, weshalb sie auf die indigenen Völker und Organisationen herabsahen (von denen einige der PRD sehr nahe stehen), die die Forderung nach der konstitutionellen Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur aufgenommen hatten.

Wir verstanden nicht, Don Fermín, aber wir hofften. Vielleicht würde sich jemand ja die Mühe machen es uns zu erklären und uns irgendeinen Grund dafür zu nennen, auch wenn er absurd wäre (so was wie das derzeit beliebte: "mit der Anerkennung der indigenen Forderungen hätten wir der Rechten und Salinas in die Hände gespielt, und der Rückkehr von Madrazo und der PRI die Tür geöffnet, deshalb haben wir unser Versprechen nicht gehalten"), aber nein.

Auch so dachten wir, wie sie es damals sagten, dass die PRD Basen — die, die sagen sie wären auch Zapatisten — protestieren würden, und zumindest den Austritt der PRD Legislatoren fordern würden, die diesen Diebstahl verübt hatten. Aber nichts passierte, Don Fermín. Es hieß, es sei ein taktischer Fehler gewesen, aber die PRD ging weiterhin gegen das COCOPA Gesetz vor. Es passierte immer noch nichts. Wir dachten, das gibt’s nicht, die "zapatistische" PRD Basen haben doch bestimmt gute Gründe nichts zu tun.

Wir waren damals tiefverwundet, mit dem Eindruck wieder einmal verspottet worden zu sein (ein Eindruck, der Unten sehr vertraut ist), frustriert, weil wir all unsere Energie auf diese Bemühung konzentriert hatten . . . und wir hatten viele Menschen gebeten, Menschen wie sie, Don Fermín, aber Sie sind nicht von der PRD, mit uns gemeinsam das gleiche zu tun. Dann dachten wir, wir hätten einen Fehler begangen, und dass wir nie wieder auf etwas zählen werden, das von irgendeiner staatlichen Institution kommt, oder den politischen Parteien, die darum kämpfen sie zu führen. Wie Sie wissen, zogen wir uns zurück um unsere indigene Autonomie zu stärken, und die Caracoles und die Juntas der Guten Regierung wurden geschaffen.

Und dann passierte was passierte: die PRD Regierung von Zinacantán schnitt einigen Compañeros Unterstützungsbasen aus diesem Bezirk die Wasserversorgung ab. Die Compañeros wendeten sich an die Junta der Guten Regierung, und die Junta suchte nach einer Einigung durch Dialog. Die PRDistas weigerten sich, und die Junta fand einen Weg ihnen Wass er zu schicken. Sehen Sie, Don Fermín: man beschloss nicht eine zapatistische Militäreinheit loszuschicken, um sie vor der PRD Regierung zu verteidigen, man beschloss ihnen Wasser zu schicken. Die PRDistas verspotteten die Compañeros, sagten ihnen, sie wären allein, dass niemand ihnen Aufmerksamkeit schenkte, dass der PRD Regierung die zapatistische Autonomie nichts bedeutete. Und so verging die Zeit.

Dann dachten die Compañeros daran, einen Marsch abzuhalten und Wasser hinzutragen, um zu demonstrieren, dass die zapatistische Unterstützungsbasen von Zinacantán nicht alleine waren, und dass sie die Unterstützung der ganzen EZLN hatten. Sie konsultierten mich, und ich empfahl strenge Wachsamkeit, damit keiner der Compas, die jetzt wie wir sagen "angeheizt" waren, in ein Kampf mit andere geraten würde. Bringt ihnen nur Wasser und sagte ihnen, dass sie nicht alleine sind. Der Marsch kam an, sie lieferten das Wasser und hielten ihre Rede (lesen Sie darüber, Don Fermín, sie finden es in der La Jornada, in den Tagen nach den Marsch, am 10. April 2004, und urteilen Sie selbst ob es eine Einladung dazu war Einigungen zu erzielen oder nicht). Als die Compañeros sich zurückzogen, fanden sie die Strasse von Baumstämme blockiert, und während sie sich daranmachten sie zu entfernen, ging die Schiesserei los. Die Ordnung und Disziplin der Compañeros gestattete es ihnen einen Rückzug zu machen und verhinderten ein Massaker, aber mehrere Compañeros wurden angeschossen. Keine der Verwundeten, Don Fermín, waren aus Zinacanán, sondern aus andere zapatistischen Bezirke, und sie waren dort, um ihren Brüdern im Kampf Wasser zu bringen, nicht um die PRDistas anzugreifen.

Einer der Verwundeten trägt eine Kugel im Schädel. Ja, sie steckt immer noch dort. Eine Millimeter weiter zur einen oder anderen Seite, und er wäre tot. Und das ist nicht alles. Die Ärzte haben die Kugel dort gelassen, weil der Versuch sie zu entfernen ihn töten könnte. Der Compa läuft so herum, mit einer Kugel im Schädel. Aber wissen Sie was? Don Fermín, diese Kugel wurde nicht von Paramilitärs der PRI abgefeuert, oder von den Geheimkommandos der YUNQUE (oder PAN), sondern von Personen von der PRD, von der PRD Regierung. Vieles wurde damals gesagt (die Chiapas Regierung, zum Beweis, dass Dummheit kein Vorrecht einer einzigen politischen Faktion ist, sagte, die Zapatisten hätten eine Provokation angezettelt), aber nichts passierte.

Wir warteten um zu sehen, ob die zapatistische PRD Basen protestieren würden, aber nichts geschah. Es gab nur einen Brief (er ist im El Correo Ilustrado der La Jornada jener Tage zu finden), Don Fermín, von einem PRD Bruder, der den Vorfall verurteilte, neben einer lauwarmen Erklärung der staatlichen PRD, und das war alles. Nichts. Die PRDistas regierten weiterhin in Zinacantán, sie waren Kandidaten für die PRD bei den letzten Wahlen, sie sind weiterhin an der Macht und sie haben als erste eine dieser "Bürgernetzwerke" zu AMLOs Unterstützung gegründet.

Und wissen Sie wie diese ganze Geschichte in Zinacantán anfing? Weshalb die PRD Regierung den Compañeros das Wasser abschnitt? Nun, weil die zapatistische Unterstützungsbasen die Ämter nicht annehmen wollten, die die PRDistas ihnen anboten, weil, wie die Compañeros sagten, um die Ablehnung zu erklären, "die Zapatisten nicht kämpfen um die Regierung zu werden". Sie schnitten ihnen das Wasser ab um sie zu zwingen Ämter anzunehmen. Ja, Don Fermín, die PRDistas griffen uns mit Schusswaffen an, weil wir keine Regierungsämter wollten.

Gut, aber es war nicht nur, dass die PRD gegen die Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur gestimmt hat, es war nicht nur der Angriff in Zinacantán. Nur einige Monate zuvor, in einer anderen Region, die wir "Selva Fronteriza" (*"Urwald der Grenzregion") nennen, und wo La Realidad liegt, präsentierte ein Indigena, der kein Zapatist war, eine Denuncia wegen Diebstahl gegen jemand anderes, der ebenfalls kein Zapatist war. Die autonome Autorität ermittelte und stellte fest, dass der Diebstahl verübt worden war. Der Verbrecher, der seine Schuld zugab, wurde festgenommen, und man beschloss, dass er im Gefängnis bleiben sollte, bis er dem Opfer die gestohlene Summe zurückgezahlt hatte. Sie können in der La Jornada aus dieser Zeit lesen wie es war, Don Fermín: Nichtregierungs- Menschenrechtsorganisationen kamen nach La Realidad, und sie bestätigten, dass der Festgenommene nicht gefoltert worden war, er wurde bei guter Gesundheit vorgefunden und keins seiner Rechte waren verletzt worden- Nun, die PRD CIOAC dieser Region entschied jedoch, dass das was die Junta getan hatte schlecht war. Nein, Don Fermín, sie gingen nicht um mit der Junta zu sprechen. Was sie taten war mehrere Compañeros zu entführen (einige von ihnen waren keine Zapatisten, sondern gehörten einer anderen Organisation an), und sie hielten sie in einem Lastwagen gefangen, der zur Junta gehörte. Sie folterten die entführten Opfer, und einen von ihnen, einen zapatistischen Compañero, schleppten sie unter entwürdigenden Bedingungen von einem Ort zum anderen ("damit die EZLN ihn nicht retten konnte"). Nein, das war nicht die Polizei. Es war auch nicht die Armee. Es waren die PRDistas. Sie schlugen sie alle zusammen. Dann intervenierte die Staatsregierung und zahlte die Summe, die gestohlen worden war. Der Gefangene wurde befreit, und die Forderung des Anklägers nach Gerechtigkeit war erfüllt. Sie kennen den zapatistischen Humor, und die Compañeros änderten den Namen des Lastwagens (es ist bei uns Sitte, den Fahrzeugen Namen zu geben), jetzt heißt er "El Secuestrado — Der Entführte". Was ich Ihnen erzähle, Don Fermín, dauerte keine Stunden, sondern Tage. Ich könnte Ihnen von ähnlichen Angriffe und Feindseligkeiten der PRD ORCAO in den Bezirken von Ocosingo und Altamirano erzählen. Kam irgendeine Erklärung von der PRD? Irgendwelche Proteste von den PRD Basen darüber was ihre Partei Compañeros uns angetan hatten? Nein.

Rechnen wir mal zusammen, Don Fermín. Rechnen wir zusammen, und stellen uns den Konsequenzen von allem was passiert ist: die Ungerechtigkeiten, das Schweigen vor Argumenten wie "nicht der Rechten in die Hände spielen"; das Wegsehen, weil es letzten Endes "nur verdammte Indios sind"; die taktischen und strategischen Kalküle, das "alles gilt" um die Macht zu erreichen, auch wenn sie das gleiche tun, wogegen sie zu kämpfen behaupten. Fragen Sie sich selbst, Don Fermín, fragen Sie, ob die PRDistas, die auf zapatistischem Gebiet leben jemals mit Schusswaffen angegriffen wurden, fragen Sie, ob sie jemals entführt und gefoltert worden sind. Sie werden sehen, dass dies nie geschehen ist. Sie werden sehen, dass wir auf diese Angriffe nicht mit Gewalt geantwortet haben. Wir antworteten mit Geduld. Wir haben gewartet.

Sie sehen jetzt, Don Fermín, dass Sie für uns kein "armer Idiot" sind, sondern eine ehrliche, noble, und beständige Person, die fühlt, dass in dem was passiert, irgendetwas schlecht ist. Und ja, etwas ist schlecht, aber das passiert nicht jetzt. Vielleicht werden Sie jetzt verstehen, weshalb wir wütend und empört sind.

Was den Rest angeht, Don Fermín, werden Sie sehen, dass falls wir uns irren sollten, wir uns bei Ihnen und bei allen die es verdienen entschuldigen werden. Sie und alle anderen wissen, dass dies unsere Art ist, wenn wir falsch liegen, sagen wir das ganz klar. Denn vielleicht liegen wir ja falsch, und wir sollten tatsächlich alles auf eine Person setzen, und sogar eine politische Partei, die uns all das angetan hat. Vielleicht sollten wir weiterhin darauf warten, dass das was wir glauben von Unten errichten zu müssen, von Oben kommt. Vielleicht war es falsch von uns zu denunzieren, dass wir getäuscht, angegriffen, verspottet worden sind. Wenn dies passieren wird, dann werden wir öffentlich zugeben einen Fehler begangen zu haben, und wir werden uns bei allen entschuldigen, die wir durch unser Wort (und niemals durch Kugeln, Entführungen und Folter) verletzt haben. Aber währenddessen, werden wir weiterhin die Gefühle unserer Völker zum Ausdruck bringen, die Wut und Empörung angesichts des Zynismus und Erinnerungsmangel der PRD. Und deshalb, verzeihen Sie und, Don Fermín, werden wir weiterhin ein Ärgernis bleiben.

Noch etwas, Don Fermín. Wir verstehen, dass einige Medien, wenn wir etwas sagen, das größte Gewicht auf das legen, was wir gegen die PRD und AMLO sagen. Und wissen Sie was? Sie wollen López Obrador an die Zügel nehmen. Sie mögen es nicht, dass er so frei ausgeht und in seine Hängematte schaukelt, während seine Komplizen für ihn den Kopf hinhalten. Und auf der anderen Seite, will AMLO die Medien an die Zügel nehmen, und sie in seinem Sinne formen. Sie nutzen beide was sie in der Hand haben: die Medien suchen nach den Schwachpunkten der PRD (von denen es zufällig viele gibt), und López Obrador erklärt alle Kritiken zu einem Komplott von Salinas der Gortari, der PRI und der Rechten. So ist es. Aber Sie werden sehen, dass sie sich irgendwann einigen werden, das tun sie immer. Dann werden sie sehen, dass alles, was mit der "Anderen Kampagne" zu tun kleine Schlagzeilen mehr liefert. Das wird alles auf den "Mittelseiten" enden, als kleine verirrte Notiz hier und da, und schließlich wird es komplett verschwinden, weit weg von allem das man als "Öffentlichkeit" bezeichnen würde. Dann wird die "Andere Kampagne", und damit die Sexta weiterhin ihren Entschluss fortsetzen eine andere Art Politik zu betreiben zu errichten, ein nationales Programm des antikapitalistischen Kampfes aufzubauen und für eine neue Verfassung zu kämpfen.

Das ist jedenfalls was wir tun werden, Don Fermín. Die Wahlkampagnen werden stattfinden, und dort werden wir sein. Vielleicht wird López Obrador da wo Sie leben auf Stimmfang gehen. Wenn Sie können, fragen Sie ihn ob er die Elektrizitätsindustrie, Erdöl, Wasser, Sozialversicherung und Ausbildung privatisieren wird. López Obrador wird Ihnen sagen, dass er sie nicht privatisieren wird. Natürlich werden Sie glücklich sein und denken, "Verdammt, Comanche, du liegst falsch". Aber hören Sie da noch nicht auf, Don Fermín, und fragen Sie weiter. Fragen Sie ihn, was er stattdessen tun wird, und AMLO wird ihnen sagen, dass er "Investitionen fördern wird". Sie werden weiter denken, und das eine oder andere kleine Wort herumdrehen. Dann werden Sie untersuchen, was "Co-Investition" bedeutet, und Sie werden herausfinden, dass es bedeutet, dass der Staat einen Teil des Geldes in eine Industrie steckt, und das private Kapital den anderen Teil. Aber wenn Sie weitermachen, werden Sie sehen, dass es auch bedeutet, dass ein Teil dieser Industrie Eigentum des Staates wird, und der andere Teil Privatbesitz. Dann werden Sie verstehen, dass es nicht auf einmal privatisiert werden wird, sondern Stück für Stück. In anderen Worten, die Patria wird teilweise verkauft werden, zuerst ein Stück, dann noch einer, dann noch einer, bis nichts mehr übrig ist.

Hören Sie, Don Fermín, wenn Sie AMLO nahe kommen können, fragen Sie ihn auch, wenn wie er sagt, alle Kritiken von Salinas de Gortari, der PRI und der Rechten stammen, weshalb er sich dann mit lauter Salinistas, ex-PRIistas und Rechte umgibt? Und fragen Sie die Anführer der PRD weshalb sie die Partei in eine Recyclingmaschine für das Schlimmste der PRI verwandelt haben, ein weiterer Zirkusring für jene, die zum Trommelschlag des Budgets durch die Kreise springen. Fragen Sie AMLO weshalb, wenn sein Programm, wie viele Menschen annehmen, links ist, sein "Alternatives Projekt für die Nation" es nicht ist? Fragen Sie ihn, weshalb er Marcelo Ebrard für die D.F. Regierung unterstützt, wenn dieser kein Linker ist? Fragen Sie ihn, weshalb er den Gringos und den Geschäftsleuten eine Regierung der Mitte anbietet "die private Investitionen erleichtert" (die Reichen bevorzugt), und den anderen erzählt er sei ein Linker (der Arme bevorzugt). Fragen Sie ihn, vielleicht wird er Ihnen ja wirklich antworten — weshalb er, als wir auf all dies (und noch viel mehr) hingewiesen haben, er antwortete, er sei glücklich in eine Hängematte zu schlafen, um nicht in Verlegenheit zu geraten.

Danach werden die Wahlen vorbei sein, Don Fermí, und wir werden da sein. Vielleicht wird die Mehrheit des mexikanischen Volkes für López Obrador und die PRD stimmen. Wenn dieser Sieg nicht anerkannt wird, werden Sie und viele wie Sie mobilisieren, und glauben Sie mir, wir werden Ihnen zur Seite stehen, Schulter an Schulter, und gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen und sie denunzieren, genau wie wir es gegen den Desafuero getan haben. Aber vielleicht werden sie gewinnen, und der Sieg wird anerkannt. Vielleicht werden sie es zur Präsidentschaft von Mexiko bringen. Vielleicht wird sich zeigen, dass López Obrador die Gringos und die Geschäftsleute angelogen hat, und dass er seine Versprechen nicht erfüllen wird. Vielleicht wird dann tatsächlich ein großer Wandel des Landes beginnen, ein Wandel der Linken. Dann, was kann ich Ihnen sagen, Don Fermín, dann wird es große Aufruhr, Freude, Fiesta geben. Vielleicht werden Sie dann in Ihre Stadt, ein kleines Poster sehen, mit der Einladung zu einem Treffen für die "andere Kampagne". Und sie werden hören, dass Männer und Frauen herumlaufen, die die Menschen darüber fragen, wie ihre Kämpfe aussehen, wie sie sich organisieren, was sie über die Welt, unser Land, ihren Platz darin denken. Vielleicht werden sie hingehen, um zu sehen worum es da geht. Vielleicht werden Sie mich dort sehen, und sich vor mich hinstellen und sagen "Comanche, ich bin der Don Fermín aus diesem Brief". Ich werde Sie ansehen und lächeln. Sie werden ebenfalls lächeln und zu mir sagen "Verdammt, Comanche, Du lagst falsch." Und ich werde zu Ihnen sagen "Verdammt, Don Fermín, ich lag falsch." Und weder Sie noch ich werden an der "verdammt" Sache Anstoß nehmen. Und dann werden wir einander umarmen, und wir werden lächeln, wir beide zusammen, und wir werden beide glücklich sein: Sie, weil wir falsch lagen, und wir, auch weil wir falsch lagen.

Aber hören Sie, Don Fermín, wenn wir nicht falsch liegen, stimmt es, dass Sie und alle, die so sind wie Sie, dann nicht schweigen werden wenn die indigenen Rechte nicht anerkannt werden, wenn sie uns angreifen, uns entführen, uns foltern, wenn die PRD Beamte ihre Versprechen nicht erfüllen, wenn sie unsere Patria weiterhin vollständig oder stückweise verkaufen, wenn Korruption und Verrat weiter anhalten? Stimmt es, Don Fermín, dass Sie dann nicht nur einfach tatenlos zusehen werden, und behaupten, das sie nicht salinas, der PRI und der Rechten in die Hände spielen können? Stimmt es, Don Fermín, dass Sie uns dann nicht wieder alleine lassen werden, wie sie es seit 2001 getan haben?

Vale, Salud, und ich schicke Ihnen keine Umarmung, weil ich weiß, dass Sie wütend sind, also wird sie für Sie aufbewahrt.

Aus den Bergen des mexikanischen Südostens

Subcomandante Insurgente Marcos

Mexiko, August 2005

 Quelle:  
  http://www.ezln.org.mx/ 
 

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