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Opium in Oaxaca - Die Saat im Nebel

Poonal vom 22.11.2022
übersetzt von Wolf-Dieter Vogel

  Opium in Oaxaca - Die Saat im Nebel
Screenshot: Pie de Página


(Oaxaca, Oktober 2022, Pie de Página).- Poonal veröffentlicht hier eine deutsche Übersetzung der Einleitung der Mini-Webseite Sembradores en la Niebla (»Säer*innen im Nebel«) des unabhängigen Rechercheportals Pie de Página. Das Projekt umfasst Karten, Fotos, Dokumente, Reportagen und Kurzchroniken aus drei Regionen, in denen im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca Mohn angebaut wird.

Im Nebel verhüllt pflanzen Indigene im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca Schlafmohn. Wie im Dunkeln und in aller Stille ernten sie das zähflüssige Opium aus den Kapseln, obwohl die Mittagssonne auf den Boden scheint. Zwischen ihren Fingern halten sie die Blüten, während sie über steiles, mit Steineichen bewachsenes Gelände in den Wald hinaufgehen. Ein weißer Tau fällt auf ihre Körper: Der Dampf vom Hügel erscheint wie ein nicht enden wollender Nieselregen.

Wir können sie nur aus der Ferne sehen. Es scheint, als kämen sie aus den ausgedehnten Hügeln angeflogen. Sie säen Mohn, um zu überleben. In den offizielle Darstellungen von Oaxaca werden ihre Geschichten, die Geschichten der indigenen Dörfer, versteckt und verleugnet: Niemand berichtet von den sozialen Zerstörungen und der Gewalt, die aus den Ruinen aufgestiegen ist. Es gibt nur wenige Berichte darüber. Diese Recherche ist ein Versuch, die Geschichten zu erzählen.

Historische Hochburg für den Mohnanbau und -schmuggel



Oaxaca ist der fünftgrößte von 32 Bundesstaaten Mexikos. Er liegt im Südosten des Landes. 19 ethnische Gruppen leben dort und sprechen 16 Muttersprachen. 66,4 Prozent der 4.132.000 Einwohner*innen leben in Armut*. Die drei indigenen Regionen Sierra Mixe, Nation Triqui und Sierra Sur sind aufgrund ihrer geografischen Lage isoliert, was den Drogen- und Waffenhandel begünstigt. Das Geschäft mit Rauschgift hat dort zur Verschärfung von bewaffneten und territorialen Konflikten beigetragen und zu einem erheblichen Anstieg der Gewalt geführt.

Informationen lokaler Medien aus Oaxaca weisen darauf hin, dass mindestens seit 2017 in der Sierra Mixe und der »Nation Triqui« Mohn angebaut wird und auch beschlagnahmt wurde. Die Sierra Sur gilt als historische Hochburg für den Anbau und den Schmuggel der Droge.

»Kriminelle Triade« aus Staat, Unternehmen und kriminellen Organisationen an der Macht



Die Konsequenzen des »Drogenkriegs«, also der massiven Mobilmachung des Militärs gegen die Mafia, sind in diesen Gegenden noch nicht angekommen. Die staatlichen Kräfte agieren dort in einer Art und Weise, die der Experte für ländliche, indigene Entwicklung Francisco López Bárcenas vom Sistema Nacional de Investigadores de México »Konflikt-Engineering« bezeichnet. Er spricht von einer »kriminellen Triade« aus Staat, Unternehmen und organisiertem Verbrechen, deren Macht auf der Verbreitung von Angst basiert. Menschen werden vertrieben, das soziale Gefüge durch Entführungen, Morde, Menschenhandel und weitere Verletzungen der Menschenrechte zerstört und indigene Gebiete für den Anbau von Drogen oder den Bau von Megaprojekten angeeignet.

Die Straßen in den Bergen bilden eine Brücke zwischen den Bundesstaaten Veracruz und Guerrero, In beiden Regionen ist das organisierte Verbrechen besonders stark präsent. Oaxaca ist zugleich ein Bindeglied zwischen dem Pazifik mit dem Atlantik. Dadurch bekommt der Bundesstaat große Bedeutung für den weltweiten Handel. In der Sierra Mixe, der Nation Triqui und der Sierra Sur verschmelzen transnationale kriminelle Organisationen mit lokalen Kaziken, jenen Machthabenden vor Ort, die häufig im Dienste der mexikanischen Regierung sowie politischer Parteien und Organisationen stehen. Hinter nicht wenigen sozialen Problemen und Agrarkonflikten verbergen sich diese Kräfte, die ihren Kontrollbereich durch gewaltsame Aneignung von Land und landwirtschaftlichen Ökonomien ausweiten wollen.

Oaxaca bleibt oft unbeachtet, ist aber eine der wichtigsten Regionen für den Mohnanbau zur Heroinproduktion



Oaxaca liegt weit entfernt von der bekanntesten Drogenregion Mexikos, dem »Goldenen Dreieck« − einer Bergregion im Nordwesten des Landes, die die Bundesstaaten Sinaloa, Chihuahua und Durango umfasst. Dort befindet sich das Epizentrum des mexikanischen Drogenhandels. Die Gegend wird vom Sinaloa-Kartell kontrolliert, das dort in großen Mengen Marihuana und Schlafmohn für die Heroinproduktion anbauen lässt. Während das Goldenen Dreieck immer wieder für Schlagzeilen sorgt, erscheint die Gewalt, die von dieser illegalen Wirtschaft ausgeht, in Oaxaca dagegen langsam und schleichend. Doch auch dort werden nach Angaben des Verteidigungsministeriums (Sedena)** in 444 der 570 Gemeinden des Bundesstaates die illegale Pflanzen angebaut. Laut der Datenbank der Organisation Mexico Unido contra la Delincuencia, die durch Anfragen bei der Sedena, dem Marineministerium (Semar), der Bundespolizei und der Nationalgarde erarbeitet wurde, sind von 2015 bis 2020 in Oaxaca 3.786 Hektar Mohnanbauflächen ausgerottet worden.

Nach Angaben eines Berichts des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) und der mexikanischen Regierung »Mexico, Poppy Plantations Monitoring 2018-2019« gehört Oaxaca neben Chihuahua, Sinaloa, Durango, Nayarit und Guerrero zu den sechs Mohn produzierenden Bundesstaaten. Es ist der Bundesstaat mit der zweitgrößten Produktion im Südosten des Landes.

Rechercheprojekt dokumentiert Erfahrungen aus drei Mohnanbauregionen



Sembradores en la Niebla ist eine Mini-Webseite mit Karten, Fotos, Dokumenten, Reportagen und Kurzchroniken aus den drei Regionen, in denen in Oaxaca Mohn angebaut wird. Für diese Arbeit sind wir mehrmals in die Sierra gereist. Wir gingen durch die Berge, haben Gefängnisse und Krankenhäuser besucht und an traditionellen Dorffesten teilgenommen. Wir suchten nach neuen Hinweisen, alten Dokumenten und den von den Kaziken kontrollierten Routen. Wir wanderten in den Schluchten neben Zauberern, Bäuerinnen, Säern mit verletzten Händen, begleitet von in vielerlei Hinsicht guten Menschen, die meist anonym blieben und sich verstecken, um nicht von der Gewalt verschluckt zu werden. Einige Namen und Orte haben wir geändert, um die Identität der Quellen zu schützen.

Jede der drei Region hat ihr eigenes soziales, politisches und kulturelles Umfeld. Sie haben unterschiedliche Muttersprachen, Identitäten, Bräuche und interne Organisationsstrukturen. Geografisch liegen sie viele Stunden voneinander entfernt und sind nur schwer zugänglich. Der Mohnanbau hat dort schon fast Tradition, relativ neu dagegen ist das Phänomen des Drogenhandels. Die Beziehung der Bevölkerung zu ihrem Land hat sich dadurch verändert, und damit auch die traditionelle soziale Dynamik und das Gemeinschaftsgefüge.

Wir mussten feststellen, dass die Regierung des Bundesstaats die sozialen Probleme, die durch den Schlafmohnanbau hervorgerufen werden, nicht anerkennt. Sie leugnet häufig die Existenz der Opiumproduktion und des illegalen Handels und tut die dadurch verursachten territorialen Probleme als Streitigkeiten zwischen den Gemeinden ab.

* Diese Daten stammen aus Untersuchungen des Nationalen Instituts für Statistik und Geografie (Inegi) und des Nationalen Rates für die Bewertung der sozialen Entwicklungspolitik (Coneval) − zwei staatlich unabhängigen, autonomen Einrichtungen, die die mexikanische Sozialpolitik prüfen, für das Jahr 2020.
** Nach Angaben des Umweltmininisteriums Serena in ihrem Bericht 2019 über die von 1990 bis 2018 zerstörten Marihuana- und Mohnplantagen und -flächen konzentrierte sich die Zerstörung illegaler Kulturen durch die Armee hauptsächlich auf das südliche Hochland von Oaxaca.

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Quelle: poonal
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 Quelle:  
  https://www.npla.de/thema/umwelt-wirtschaft/opium-in-oaxaca-die-saat-im-nebel/ 
 

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