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EZLN: Fünfter Teil - »Hier kommt der Schlag, junger Mann!« (8. November)

EZLN vom 08.11.2023
übersetzt von lisa - colectivo malíntzin

  Fünfter Teil: »Hier kommt der Schlag, junger Mann!«

November 2023.

PS. Was mitteilt: Wir wollten Euch eigentlich bereits gesagt haben, worum sich das Ganze handelt. Beim Lesen, Sehen und Hören von soviel Dummheiten − die von »Allround-Spezialisten« und Nichts-Wissern geäußert und geschrieben wurden (über angeblichen Rückzug, angebliche Auflösung, Vorrücken des organisierten Verbrechens und »Zurück zur Vergangenheit«; die meisten, die dies meinen, müssen wohl Coletos (*1) sein) − haben wir jedoch entschieden: Es ist besser, sie weiter herumrülpsen zu lassen.

Mit ihren tiefgründigen Analysen und wohl fundierten Untersuchungen urteilen die Zapatologen:

»Der Beweis für die zapatistische Niederlage liegt im Verlust der indigenen Identität: Die indigenen Jugendlichen tragen heutzutage Cowboy-Stiefel, anstatt barfuß oder in Huaraches-Sandalen zu gehen. Mit neuer Hose und neuen Hemd (oh, und dies noch gebügelt!) machen sie sich zurecht, um flirten zu gehen − anstatt aus einer Decke gewickelte Hosen zu tragen und ihre Frau gemäß indigener Bräuche einfach zu kaufen. Und sie fahren auf Motorrädern herum, anstatt ihre Herrin aus San Cristóbal auf dem Rücken zu tragen. Das hat noch gefehlt: Jugendliche Indigene tragen Hosen, und welcher Horror − spielen Fußball, fahren Motorrad anstatt den Damen Coletas (1*) zu dienen. Außerdem wagen sie es noch Cumbia und Ska zu tanzen anstatt den [traditionellen] Jaguar-Schlangen-Tanz, den Bolonchon (*2); und sie singen Rap und Hiphop anstatt Psalmen und Lobgesänge auf die Großgrundbesitzer, die Finqueros. Als weiteres Anzeichen des Verlustes ihrer indigenen Identität kommt es zu der Absurdität: Sie werden, sind Subcomandantes, Comandantes und Comandantas (*3)! Sie regieren sich selbst, und fragen nicht um die Erlaubnis so zu sein, wie sie es sein wollen. Sie reisen und lernen andere Länder kennen. Sie arbeiten und haben ihr Einkommen, ohne auf die ausbeuterischen Läden der Großgrundbesitzer (*4) angewiesen zu sein. Und sie werden auch nicht in Lagern wie in Gaza konzentriert, damit sie nicht auf »Sinalao-Ideen«, das meint, auswärtige Ideen kommen sollen − denn hört mal: die Mayo-Yoremes in Sinalao singen ja bloß noch Narco-Corrido-Lieder (*5). Wegen dem Zapatismus werden wir als Anthropologen keine Arbeit mehr haben. So ein Jammer. Und all das nur, weil der revolutionären Avantgarde des Proletariats oder der MORENA-Partei, was dasselbe ist, nicht gefolgt wird. Ein schwerer Fehler des Zapatismus, uns nicht zu gehorchen. Denn jetzt senken die Indígenas nicht mehr den Blick, wenn du auf sie triffst. Sie schauen dich wie respektlos, herausfordernd und wütend an − so als ob wir die Ungebildeten wären und nicht sie, so als ob wir die Verbrecher wären und nicht sie. Zuvor taten das nur die Zapatistas, jetzt blickt dich jegliches Mädchen aus Chamula (*6) einfach offen an. Und wie sagt der Marxismus-Leninismus-Stalinismus-Maoismus-Trotzkismus-Alle-Ismen: »Jede*r Indígena, der*die nicht dem Handbuch der Anthropologie entspricht, ist ein*e Narco, ein*e Drogenhändler*in.«

Wir sind uns sicher − nachdem das bekannt sein wird, was der ganze Sinn dieser Etappe ist − werden sie ein Minimum an Ehrlichkeit haben und sagen, publizieren: »Wir haben keinerlei Ahnung, was sie taten, tun, tun werden. Das Beste wäre gewesen, die Zapatistas selbst zu fragen, anstatt die Anti-Zapatistas.« Oder sind sie etwa nicht ehrlich?

Sagt diesen »Journalisten«, es sei immer besser − obzwar es unbequemer ist und keine Bezahlung verspricht − die Akteure selbst zu interviewen und nicht die Zuschauer, kleinstädtischen Hohlköpfe und Narco-Gauner. Ein investigativer Journalismus bedeutet professionelle Arbeit, welche oftmals mit Risiken und Unannehmlichkeiten einhergeht. Jedoch, keine Sorge, wir verstehen das: Jede*r sucht seinen*ihren Lebensunterhalt, so wie er*sie kann.

Und somit − als Gruß an die »Zapatologen« − fahren wir fort mit den Postskripten, welche mit viel Liebe gemacht sind.

PS. Aus dem Hauptquartier, der Capitanía von Puerto de Montaña (*7): Wir hatten eine Reihe von geistreichen Sätzen vorbereitet, um uns über die gesamte politische Klasse (die jetzt regierende und die der Opposition) lustig zu machen, aber jetzt denken wir: Das hat keinen Zweck, denn jede Herde hat ihren Hirten, und jeder Hirte seine Herde. Oder glaubt eine*r ganz naiv, es geht hier wirklich um zwei Hirtinnen?

Unser Schweigen der letzten Jahre war und ist weder Zeichen von Respekt noch Garantie für irgendetwas. Wir haben uns gestärkt, um weiter zu sehen und das zu suchen, was Alle* suchen: einen Weg aus dem Alptraum. Wenn Ihr durch die Texte, die nachfolgen werden, kennengelernt habt, was wir getan haben − werdet Ihr vielleicht verstehen, dass unsere Aufmerksamkeit auf einen anderen Punkt gerichtet war.

Wir verstehen jedoch, wenn mehr als eine*r unter dem leidet, was wir Zapatistas »theoretische Hals-Starre« nennen, welche durch das soviel Nach-Oben-Schauen erzeugt wird − und Urteilsvermögen, Alltagsverstand, Anstand und Ehrlichkeit angreift, auch süchtig macht und chronische Abhängigkeit schafft. Wir erkennen die Beschränkungen des Horizonts ihrer Analysen. Das eine sind der Schreibtisch, die Uni, die Zeitungskolumnen, die Gefälligkeitsreportagen, die Regierungsposten, der revolutionäre Kaffee-Klatsch, die Social Media − das Andere ist die Realität, die Wirklichkeit.

Jene bezahlt nicht, sondern kassiert, und zwar teuer. Das hat bereits Shakira gesagt: Die Realität präsentiert die Rechnung, jedoch ohne die Mehrwertsteuer. So ist es.

Wir werden aus den oben gefällten Bäumen kein Brennholz machen. Die Realität, diese unerbittlich Hartnäckige, wird das ihre tun − und die letzten Holzsplitter werden jene sein, welche das organisierte Verbrechen aus den Schutzgeldern für die [politischen] Vorschläge der einen oder anderen sich herausreißen wird.

Einige befriedigen sich selbst mit den morgendlichen Pressekonferenzen [von AMLO]. Andere erhalten ihren Genuss durch Zerstörung, Tod, Morde, Vergewaltigungen, Verschwunden machen, Verhungern lassen, Kriege, Krankheiten, Schmerz und Leiden. Keine*r hat einen machbaren und ernsthaften politischen Vorschlag, sie zögern nur hinaus ... bis es nicht mehr geht.

Wo wir jedoch dabei sind, über so was wie Autoerotik zu sprechen: zwischen Claudia oder Bertha [als Präsidentschaftskandidatinnen] zu wählen − dann auf jeden Fall Wendy wählen (*8).

-*-

Ok. Salud. Und was mache ich jetzt mit meinem Anzug, um umwerfende Corridos zu tanzen? »Compa, was hältst du von dieser Schirmmütze?« … Was? So geht das nicht? Habe ich es Euch nicht gesagt? Da zeigt sich der Verlust der indigenen Identität. Hoffentlich kommen bald die Anthropologen, um uns zu retten.

Aus den Bergen des Südosten Mexikos.


US
Der Capitán.
(ganz allerliebst mit seinem Cowboy-Hut. Na, jedem sein Stil. Dann mal los, ihr Bande!)

Mexiko, 40, 30, 20, 10 Jahre danach.


»Kontextuelles« PS: Televisa ist Televisa und Anthropologen sind Anthropologen:
https://www.nmas.com.mx/noticieros/programas/en-punto/videos/ezln-cierra-caracoles-avance-crimen-organizado/

Anmerkungen der_die Übersetzer_in:
(1) coletos: historische (Selbst-) Bezeichnung wie auch aktuelles Schimpfwort für die politisch-ökonomisch herrschende Klasse in San Cristóbal de Las Casas
(2) bolonchon (tseltal/ tsotsil): bolon: Jaguar; chon: Schlange
(3) subcomandante: Teil der militärischen Selbstverteidigungsstruktur der EZLN; comandante/ comandanta: Teil der politisch-zivilen Struktur der EZLN
(4) tienda de raya: frühere Läden der Großgrundbesitzer mit Wucher-Preisen, bei denen sich indigene Tagelöhner*innen unendlich verschuldeten (»anschrieben«), was sie abarbeiten mussten
(5) narco-corrido: Corrido-Lieder, die das Leben der Narcos, der Drogenhändler lobpreisen; teilweise sehr populär in Mexiko
(6) chamulita: rassistische Bezeichnung für Bewohnerinnen aus Chamula, in den Altos de Chiapas
(7) Puerto de Montaña: wörtlich: Hafen des Berges. Bekanntlich kam die Vorhut der Gira Zapatista im Anderen Europa in Vigo, Juni 2021, mit dem Schiff La Montaña an.
(8) Claudia Sheinbaum (MORENA-Partei) und Bertha Xóchitl Gálvez Ruiz (Frente Amplio por Mexico: ein Wahl-Bündnis aus den PRI-, PAN- und PRD-Parteien); beide suchen die mexikanische Präsidentinnenschaft in 2024.
Wendy Guevara: eine Transfrau, Gewinnerin einer populären mexikanischen Fernseh-Show, hat dabei angeblich mehr Stimmen erhalten als die PAN-Partei bei den Präsidentschaftswahlen 2018.

[i] Hinweis: Chiapas98 ist ein ehrenamtliches, nicht-kommerzielles Projekt. Sollten Sie nachweislich die Urheberrechte an einem der von uns verwandten Bilder haben und nicht damit einverstanden sein, dass es hier erscheint, kontaktieren Sie uns bitte, wir entfernen es dann umgehend.

 Quelle:  
  https://enlacezapatista.ezln.org.mx/2023/11/08/quinta-parte-ahi-va-el-golpe-joven/ 
 

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