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Das bittere Ende der Schokolade - In Mexikos Süden geht eine Tradition verloren

Poonal vom 21.09.2001
Von Andreas Boueke

  (Tapachula, September 2001, npl).- Dona Tinita war eine bekannte Frau in Mexikos südlichstem Bundesstaat Chiapas. Händler kamen von weither, um ihre Schokolade zu kaufen. Nie brauchte sie ihr kleines Dorf zu verlassen, denn die Käufer kamen zu ihr nach Hause. Ihre Schokolade war begehrt — in guten Zeiten konnte Dona Tinita an einem Tag bis zu fünfzig Kilo der braunen Masse verkaufen. Jahrzehntelang trocknete sie unzählige Kerne der Kakaofrucht. Sie hat sie geschält, gemahlen und mit Zucker zu Schokolade verarbeitet. So verdiente sie den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder, bis sie im November 1999 starb.

Auch Dona Tinitas Tochter, Dona Ana, hat ihr Leben lang Schokolade produziert. Die 72 Jahre alte Dame mit drei Zähnen im Mund und einem Zopf aus weißem Haar auf dem Rücken berichtet von den goldenen Zeiten des Kakaos, als ihre Mutter noch lebte: "Sie hat uns beigebracht, Schokolade herzustellen. Aber die Zeiten haben sich geändert. Früher sind die Leute bis hierhergekommen, um zu kaufen. Sie hätten das sehen müssen! Manchmal haben drei Autos vor dem Haus gestanden, um Schokolade abzuholen."

Die Hütte, in der Dona Ana lebt, hat sich seit dem Tod ihrer Mutter nicht verändert. Das Fundament aus Naturstein erinnert an die Mayaruinen im chiapanekischen Urwald. In die Bretterwände und Wellblechdächer hat sich die Verwesung der Zeit eingefressen. Der einzige große Raum der Hütte riecht süßlich, wie beim Imker. Hunderte Bienen umschwirren zahlreiche Eimer und eine alte Handmühle, mit der noch Dona Tinita den Kakao gemahlen hat. Alles ist überzogen von einer dicken Schokoladenkruste.

Das Dorf, in dem Dona Ana lebt, heißt Cacahoatan, das bedeutet "Ort des Kakao". Während des gesamten vergangenen Jahrhunderts war das Leben der Menschen dort von der Schokoladenproduktion geprägt. Schon die Azteken kannten die Kakaofrucht, die sie "Cacahuatl" nannten. Aus den gemahlenen Kernen stellten sie das Getränk "Xocoatl" her.

Heutzutage stellen immer mehr landwirtschaftliche Betriebe in der Umgebung von Cacahoatan auf andere Produkte um. So auch der Kleinbauer Anselmo Zesma: "Die Traditionen gehen verloren und der Tag wird kommen, an dem der Kakao ganz aus der Region verschwunden sein wird. Nur noch die alten Leute kennen die manuelle Schokoladenproduktion, die früher vielen Familien ein Einkommen gegeben hat."

Noch gibt es in der Umgebung von Cacahoatan rund siebenhundert Bauern, die Kakao ernten. Die Entscheidung, auf andere Produkte umzustellen, fällt ihnen nicht leicht, denn ein Kakaofeld produziert erst nach mehreren Jahren intensiver Pflege. Vor wenigen Jahren hat die Vereinigung der lokalen Kakaobauern noch eine Maschine zur Weiterverarbeitung des Kakao gekauft, um neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Eine Fehlinvestition, denn die Zwischenhändler kaufen heute nur noch unverarbeitete Kakaokerne, wenn überhaupt. Den Profit an der Veredelung machen die Schokoladefabrikanten. Raul Guzman, Präsident der Kakaobauernvereinigung, hat resigniert: "Die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre hat uns sehr geschadet. Die lokalen Bauern können auf dem offenen Markt nicht konkurrieren. Die Preise liegen unter den Produktionskosten."

Seitdem in Brasilien und der Elfenbeinküste eine Überproduktion des Kakao gefördert wird, sind die Weltmarktpreise enorm gefallen. Früher wurden die mexikanischen Produzenten in einem vom Staat kontrollierten Markt mit festen Preisen geschützt. Heute können sie mit den Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrieren. "In den siebziger Jahren konnte eine Familie mit drei Kindern von einem hektargroßen Kakaofeld gut leben," erinnert sich Raul Guzman. "Heute sind die Verhältnisse andere. Von einem Hektar Land kann nicht einmal mehr eine Person leben."

Lateinamerika, der Kontinent, aus dem der Kakao ursprünglich kommt, liefert heute nur noch 20 Prozent der Weltproduktion. Aus Westafrika stammen inzwischen 60 Prozent. Die jüngste Kakaoregion mit der schnellsten Wachstumsrate ist Südostasien, das innerhalb kurzer Zeit 20 Prozent des Marktes erobert hat. Auch die rund neun Kilo Schokolade, die sich die Deutschen pro Kopf und Jahr auf der Zunge zergehen lassen, kommen vorwiegend aus Brasilien und der Elfenbeinküste. Vermarktet wird das süße Pulver von multinationalen Konzernen wie Nestle, Jacobs-Suchard, Philip Morris oder Ferrero, die von dem sinkenden Rohstoffpreis zusätzlich profitieren.

Eine Tradition, aber auch eine Lebensgrundlage geht verloren. In Mexiko wird nur noch ein Prozent der Weltkakaoproduktion geerntet. Zu dem Niedergang haben auch Veränderungen der klimatischen Verhältnisse beigetragen. Seit einigen Jahren regnet es viel mehr als früher. Das hat zur Verbreitung von Pilzen geführt, die große Teile der Kakaoproduktion befallen.

Und die junge Generation in Chiapas setzt nicht mehr auf die Landwirtschaft. Nicht wenige verlassen die Region, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Rodolfo Ramirez ist einer der letzten jungen Kakaopflücker. Er arbeitet für eine staatliche Versuchsplantage. "Die Leute wandern aus," berichtet er. "Viele lassen ihr Land brach liegen und suchen nach anderen Beschäftigungen. Sie versuchen, in die USA zu kommen. Man hört immer, dass es dort besser bezahlte Arbeit gibt."


Quelle: poonal
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