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Ein Projekt versucht Folgen der psychologischen Kriegführung in Chiapas zu lindern

Poonal vom 28.09.2001
Von Thomas Guthmann

  (Mexiko-Stadt, 25. September 2001, Poonal).- Am 26. August 2001 fährt morgens, um 6:30, ein blauer Transporter aus dem Besitz der Sicherheitspolizei Streife in den Strassen der "Autonomen Gemeinde 17. November" Morelia. Auf der Ladefläche befinden sich acht schwerbewaffnete Polizisten. In der Fahrerkabine sitzen zwei weitere Polizisten, die mit Wollmasken maskiert sind. Sie fragen die Bewohner "ob sie Diebe gesehen haben". Nachdem sie einige Male durch die Strassen patrouillieren und die Bewohner mit Fragen belästigt haben, verlassen sie die Gemeinde in Richtung Altamirano, wo der Transporter parkt und drei Polizisten den Transporter in einen Wald zwei Kilometer von der Gemeinde entfernt verlassen. "Wir verlangen von der Landesregierung von Chiapas, dass sie eingreift und die Belästigung und Einschüchterung indigener Gemeinden unterbindet", heisst es in einer Erklärung der BewohnerInnen der Gemeinde, die sich gegen die Willkür der Polizei richtet.

Beschwerden über Belästigungen oder Übergriffe von staatlicher Seite, wie die der BewohnerInnen der autonomen Gemeinde des 17. November, gibt es von indigenen Gemeinden in Chiapas immer wieder. Vor allem Gemeinden, die mit der Zapatistischen Befreiungsarmee — EZLN — sympathisieren, sind das Ziel von Übergriffen des Militärs, Polizei oder Paramilitärs. Der Konflikt in Chiapas dauert nun seit über sechs Jahren an. Am 1. Januar 1994 besetzte das Zapatistische Nationale Befreiungsheer (EZLN), für die mexikanischen Sicherheitskräfte völlig überraschend, die Kolonialstadt San Cristobal de las Casas und andere Gemeinden in Chiapas, sowie Kasernen und Polizeistationen. Nach zwölf Tagen Bürgerkrieg schwiegen die Waffen wieder. Aufgrund der Sympathiebezeugungen für die Zapatistische Bewegung im ganzen Land musste die Regierung ihre Absicht, den Aufstand militärisch niederzuschlagen, aufgeben. Statt dessen setzten sich Regierung und Rebellen an den Verhandlungstisch. Seitdem ruhen die Waffen, zumindest offiziell. Dem offenen Krieg folgte ein versteckter. Mit diesem "Krieg niedriger Intensität", wie es in der Militärfachsprache heisst, sind viele Gemeinden in Chiapas, die mit den Zapatisten sympathisieren, bis heute konfrontiert.

Bei dieser Art der Kriegführung, so die Psychologin Berenice Mejia, "handelt es sich um eine globale Strategie der Aufstandsbekämpfung, die auf verschiedene Art angreift: politisch und militärisch, aber auch sozial, kulturell oder psychologisch. Man nennt ihn auch psychologischen Krieg, weil es nicht notwendig ist, einen Schuss abzufeuern, sondern es reicht die Tatsache, das Soldaten einfach nur bewaffnet durch ein Dorf fahren. Das reicht dann schon dafür aus, dass die Kinder ständig verschreckt sind". Dr. Mejia, Psychologin an der Autonomen Universität von Mexiko — UNAM — in Mexiko-Stadt, leitet seit 1997 ein Projekt, mit dem die autonomen Gemeinden unterstützt werden die psychologischen Folgen dieses versteckten Krieges zu bekämpfen.

Die Initiative versucht nach den Bedürfnissen der BewohnerInnen der Gemeinden zu handeln. Den MitarbeiterInnen des Projekts geht es nicht darum, die BeschützerInnenrolle auf dem Gebiet der Gesundheit zu übernehmen, sondern bei der Entwicklung eines selbstverwalteten Gesundheitssystems unterstützend tätig zu sein. Durch die Tätigkeit der engagierten PsychologInnen und MedizinerInnen soll den Betroffenen die Möglichkeit gegeben werden, Krankheiten selbst zu erklären und zu behandeln. Es geht darum, so Mejia, dass die betroffenen Menschen in den Gemeinden "eine Form zu finden, mit der Problematik der Krankheit umzugehen."

Um diese Ziel zu erreichen reisen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Programms ein bis zweimal im Jahr nach Chiapas, besuchen die Gemeinden, arbeiten in Arbeitsgruppen mit Frauen, Kindern und Jugendliche und bilden Gesundheitsbeauftragte aus. Ziel ist: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Bedürfnisse der Menschen, ihre Traditionen und Lebensweisen stehen im Vordergrund, nicht die Konzepte westlicher Psychologie oder Medizin. Die Mitglieder der Gemeinde bestimmen, wie an die psychischen und physischen Probleme der Menschen herangegangen wird. Das Konzept der Projekts richtet sich nach der Sichtweise der betroffenen Menschen. Die Philosophie der Arbeit bedeutet: die indigenen Gemeinden selbst, die grösstenteils in bitterer Armut leben müssen und zudem noch den Schikanen von Polizei oder Paramilitärs ausgesetzt sind, entscheiden wann und wie sie die Hilfe des Projektes annehmen und was sie brauchen.

"Es ist nicht unsere Arbeit", so die Psychologin Berenice Mejia, "zu sagen, wir kommen um euch alle zu heilen. Es handelt sich um eine Arbeit des Zuhörens. Deswegen arbeiten wir auf verschiedene Weise, in Gruppen, z.B. mit Kindern, wo wir ganz genau das erklären". Die MitarbeiterInnen des Projekts unterhalten sich mit den Betroffenen über die Situation in der sie leben. Dabei thematisieren sie wie wichtig es ist, dass sie, die Betroffenen der psychologischen Kriegführung, die BewohnerInnen der Gemeinden einen Weg finden, sich miteinander austauschen. "Wichtig ist, dass sie unter sich sprechen können, und unter sich Wege finden können mit den Problemen umzugehen und dadurch auch weiter Widerstand leisten können" fügt die engagierte Psychologin hinzu.

Konkret geht es in der Arbeit darum, mit den Gemeindemitgliedern zusammen herauszufinden, ob eine Gastritis beispielsweise eine psychische oder eine physische Ursache hat, beides ist möglich. Es kann sein, das alle Medikamente nicht wirken, weil die Ursache der Krankheit psychosomatisch bedingt ist. Natürlich gibt es auch beide Ursachen gleichzeitig: Unterernährung und der Druck der Militärpatrouillen. Nicht die PsychologInnen entscheiden, ob jemand eine Depression hat. Das, so Berenice Mejia könnten sie schon deswegen nicht machen, "weil wir hier nicht dieselben Massstäbe benutzen können, die wir in einer städtischen Gesellschaft benutzen. Unsere Sicht der Welt muss auch nicht die Sicht sein, in der die Indígenas die Welt sehen. Deswegen beinhaltet das Projekt auch anthropologische und kulturelle Fragen. Die Kultur der Indígenas muss in die Arbeit mit einbezogen werden."

Berenice Mejia und ihre MitstreiterInnen sehen sich nicht als humanitäre Hilfsorganisation, im klassischen Sinne, die oft die Sichtweise einer westlichen Zivilisation mitbringen und die Traditionen und Lebenserfahrungen der Menschen vor Ort unterschätzen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts sind die Gemeinden, Kommunen im Widerstand, die gegen die jahrhundertelange Benachteiligung der indígenen Bevölkerung in Chiapas aufgestanden sind. Ihre Lebensweise unterscheidet sich in vielen Aspekten von der Lebensart der westlichen Zivilisation. Was die Gemeinden machen, ist, ihr Recht zu fordern, nach ihren Traditionen und ohne Benachteiligung zu leben. Deswegen sieht Berenice Mejia die autonomen Gemeinden nicht als Opfer, sondern als Akteure, die für ihre Rechte kämpfen.

Natürlich geht es auch um Soforthilfe. Immer noch sterben Kinder an Krankheiten, wie Fieber, die bei entsprechender medizinischer Versorgung, ungefährlich sind. Es werden daher materielle Mittel, wie etwa Medikamente, benötigt. Dazu gehören neben Medikamente auch Nahrungsmittel oder eine ausreichende Grundversorgung, sowohl sozial, als auch medizinisch beispielsweise für Kinder und Schwangere. Das Projekt ist auf materielle Spenden angewiesen.

(Wer sich für das Projekt interessiert, kann sich direkt an Berenice Mejia wenden: Dr. Berenice Mejia, Comisión de Salud, FZLN, e-mail: berenic-at-compuserve.com)


Quelle: poonal
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