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Subcomandante im Netz

 

Chiapas: Radio Insurgente der EZLN ist auf Sendung – und mexikanische Soldaten desertieren

junge welt vom 19.08.2003
Dario Azzellini

  Mit einem Hahnenschrei beginnt kurz vor Sonnenaufgang die Morgensendung des zapatistischen Senders Radio Insurgente −»La voz de los sin voz« (Aufständisches Radio −Die Stimme der Stimmlosen). Sie sendet auf der UKW-Frequenz 97,9 FM in Chiapas »von irgendeinem Ort im Urwald, im Südosten Mexikos«, wie es die Ansage immer wieder verkündet. »Denn uninformiert sein ist wie unbewaffnet sein −deshalb höre Radio Insurgente«. Am frühen Morgen tönt aus fast allen ärmlichen Hütten der zapatistische Sender, der nicht nur auf Spanisch, sondern vornehmlich in den zwei meistgesprochenen Maya- Sprachen sendet.

Ein Radio ist in dieser Region mit mehrheitlich indianischer Bevölkerung von unschätzbarem Wert. Aufgrund ihrer langjährigen Marginalisierung können etwa die Hälfte der Männer und rund zwei Drittel der Frauen nicht lesen und schreiben. Viele, vor allem die Frauen, sprechen ohnehin kaum oder nur schlechtes Spanisch. Neben mexikanischen Corridos und Boleros, revolutionären Liedern lateinamerikanischer Künstler sowie von den zahlreichen Musikgruppen aus den zapatistischen Basisgemeinden selbst eingespielten Songs sind im Radio auch mal die Beasty Boys, Rage against the machine und vor allem Manu Chao zu hören. Am Nachmittag werden ausführliche Nachrichtenblöcke gesendet. Lokale, nationale und internationale Meldungen. Und die Nachrichten werden gehört. Vor einigen Jahren fast undenkbar, finden sich heute in den Dorfgemeinschaften Herumstehende, die über den Irak-Krieg diskutieren, vom US-Druck auf Kuba wissen und stolz auf das Radio verweisen.

In speziellen Aufrufen wenden sich die Radiomacherinnen, zum Großteil Frauen, an die indianische Landbevölkerung, Studiererende und immer wieder an die Frauen: »Hallo Frau! Träumst du von einer schönen Zukunft? Wir hier sagen dir, du hast das Recht, deinen Partner auszusuchen, und niemand kann dich mit Gewalt zur Hochzeit zwingen. So legt es das ?Revolutionäre Frauengesetz— der EZLN fest.«

Das Gesetz wurde im Jahr vor dem Aufstand vom 1. Januar 1994 von den zapatistischen Frauen verabschiedet und besitzt seitdem im gesamten zapatistischen Territorium Gültigkeit. Mehrere sich abwechselnde Frauenstimmen erklären im Radio die einzelnen Rechte: »Du hast ein Recht darauf, zur Schule zu gehen, daß dein Mann dich respektvoll behandelt, dich auszuruhen und zu vergnügen. Du hast ein Recht darauf, von deinem Mann zu fordern, daß er dich in der Küche, mit der Wäsche und den Kindern unterstützt. Du hast das Recht, deinem Mann ?nein— zu sagen, wenn du müde bist, dir schlecht ist oder du keine Lust hast. Du hast ein Recht darauf zu entscheiden, wie viele Kinder du willst. Wenn du dich schützen willst, dann frage deine nächste lokale Verantwortliche für Gesundheit.«

Eine Männerstimme hingegen wendet sich regelmäßig an die männlichen Zuhörer und macht ihnen klar: »Genosse Bauer, denk immer daran, daß Frauen die gleichen Rechte haben wie du selbst. Sie haben das Recht, als Personen respektiert zu werden. Wenn du eine Frau schlägst, begehst du ein Verbrechen. Wenn du eine Frau zwingst, etwas zu tun, das sie nicht tun will, dann verweigerst du ihr die Achtung. Wenn du ein guter Mann und ein guter Ehemann sein willst, denke immer daran!«

Doch der Sender wendet sich nicht nur an die eigene Basis. Ganz im Gegenteil werden Soldaten und Paramilitärs direkt angesprochen und zum Desertieren aufgefordert: »Soldat, der du aus dem Volk kommst, hör zu! Du bist genauso wie wir, genauso arm. Wenn du aufhörst, Soldat zu sein, dann gewinnst du ein würdiges Leben. Hör auf, gegen deine eigenen Leute zu kämpfen, gegen deine eigene Familie und deine Nachbarn. Laß dich nicht mehr von der Regierung für ein paar Krümel kaufen. Verweigere die Befehle einer Regierung, die nur den Reichen dient und die Armen ärmer werden läßt.« Und das Programm scheint Erfolg zu haben. Zwar veröffentlicht die mexikanische Armee keine Zahlen von Desertionen −sie sind wohl nicht nur in Chiapas hoch −, doch wird der Einfluß des Senders aus zahlreichen wohlgesonnenen Soldatenzuschriften deutlich.

Kürzlich nun begann eine neue Etappe im Leben des Radio Insurgente. Rechtzeitig zur Verkündung neuer Verwaltungsformen und einer umfassenderen Autonomie in den Gebieten der EZLN wollte das Radio ab
9. August wöchentlich mit einer »intergalaktischen« Sendung in den Äther. Auf der Frequenz 5,8 Megaherz im 49-Meter-Band der Kurzwelle sollten die Botschaften der Zapatisten auf dem ganzen Kontinent und bei günstigen Bedingungen auch in Europa zu empfangen sein. Zwar konnten die Störmanöver der Regierung die Ausstrahlung der Premiere mit Subcomandante Marcos als »DJ und Sprecher« sabotieren. Doch die Ausstrahlung erfolgte zwei Tage später. Ein Livestream findet sich auf Indymedia Chiapas. »Sie hören Radio Insurgente, die Stimme der Stimmlosen«, heißt es in der spanischen Ansage, die direkt im Anschluß in verschiedenen Maya-Sprachen, in Englisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch, Baskisch und Katalan folgt.

Gut gelaunt und spitzfindig kommentierte Marcos in der ersten Sendung die von ihm ausgewählte Musik und die internationale Politik. Er grüßte die EZLN, sprach über Globalisierung und das kaltfeuchte Wetter in den Bergen von Chiapas, wo gerade Regenzeit herrscht. Dazwischen legte er immer wieder Cumbias auf und spielte auch einen Blues von BB King: »There must be a better world some where«.

junge Welt 19.8.2003

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2003/08-19/006.php 
 

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