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Indigenas wollen statt Mais Dollar ernten

 

Der mexikanische Bundesstaat Chiapas stellt immer größere Kontingente von Migranten in die USA

junge welt vom 22.10.2004
Gerold Schmidt, Mexiko-Stadt

  Noch Ende der 90er Jahre galt der mexikanische Bundesstaat Chiapas als Region mit niedriger »Auswandererintensität«. Das hat sich drastisch geändert. Innerhalb kurzer Zeit kletterte Chiapas von Platz 27 unter 31 mexikanischen Bundesstaaten auf Platz elf der Rangliste, die Auskunft über die Auswanderung von Arbeitskräften in die USA gibt. Von den 400000 Mexikanern, die nach jüngsten Erhebungen in diesem Jahr den Grenzgang schaffen werden, kommen mindestens 30000 aus den 118 Landkreisen von Chiapas. Die dortige Migration, so der Universitätsforscher Andrés Fabregas unlängst gegenüber der mexikanischen Tageszeitung La Jornada, hat dabei ein zunehmend indigenes Gesicht. In der Vergangenheit waren es fast nur Mestizen, die ihre Gemeinden verließen. Die offiziellen Statistiken verzeichnen heute jedoch 30 chiapanekische Landkreise mit überwiegend indigener Bevölkerung, die an der Auswanderung Richtung USA beteiligt sind. Dazu gehören auch solche bedeutenden Einflußgebiete der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) wie das Hochland um die Stadt San Cristóbal de las Casas oder der Lakandonen-Urwald.

Die direkten Auswirkungen der Auswanderung auf die zapatistischen Gemeinden sind allerdings ungewiß. Verläßliche Zahlen dazu liegen nicht vor. Einerseits gibt es die Hochburgen der EZLN, wo die Selbstverwaltungsstrukturen mit großer sozialer Kohäsion einhergehen. Es ist anzunehmen, daß Auswanderungswünsche trotz aller ökonomischen Beschränkungen dort eine geringe Rolle spielen. Anders gestaltet sich die Situation in den geteilten Gemeinden. Dort lebt die zapatistische Basis mit anderen Gruppen in einem Spannungsfeld zusammen, das von friedlicher Koexistenz bis zur offenen Konfrontation reicht. Je nach Kräfteverhältnis ist es hier eher denkbar, daß auch überzeugte Zapatisten den Weg der Migration wählen, ohne sich deshalb von ihrer Organisation lossagen zu müssen.

Knapp 500 Millionen Dollar werden die in die USA emigrierten Chiapanecos in diesem Jahr an ihre zurückgebliebenen Familien schicken. Ein wachsender Teil dieser Gelder wird auch in die fünf Gebiete fließen, die von den zapatistischen »Räten der Guten Regierung« geleiteten werden. In dieser neuen Situation müssen sich die Zapatisten doppelt bewähren. Zunehmend würden »die chiapanekischen Campesinos und Indigenas die traditionelle Maisernte gegen die Dollarernte aus den USA tauschen«, meint Daniel Villafuerte von der Universität für Wissenschaft und Künste in Chiapas.

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2004/10-22/007.php 
 

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