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"Flor Y Canto" in Chiapas - Zapatistische Literatur

CounterPunch vom 15.01.2005
von John Ross
übersetzt von Dana

  Oventic, Chiapas. "Flor y Canto" (wörtlich ’Blume und Lied’), die literarische und musikalische Kunstform der indigenen Völker Mittelamerikas, liegt der zapatistischen Rebellion sehr am Herzen. Kein rebellisches Fest ist komplett ohne Harfen und Akkordeons, Lieder und Hymnen, dramatischen Vorträgen, Parodien und Gedichten, und die 11. Jahresfeier des Aufstandes, die am letzten Neujahrstag im "Caracol" von Oventic begangen wurde, das öffentlichste kultur- politische Zentrum der Zapatisten im Hochland über San Cristobal de las Casas, war keine Ausnahme.

Geleitet von ihrem redegewandten Sprecher, Subcomandante Insurgente Marcos, kann die zapatistische Rebellion als ein seit 11 Jahren andauernder Literaturworkshop über die indigene Maya Tradition und die Kultur des revolutionären Kampfes interpretiert werden. Die Kommuniques des EZLN Generalkommandos − des Geheimen Indigenen Revolutionären Komitees (CCRI) − füllen mittlerweile fünf Bände der laufenden ERA-Serie (ERA ist ein großes mexikanisches Verlagshaus), die die Dokumente der Rebellion kompiliert, die meisten aus der Feder von Subcomandante Marcos, angeblich ein Universitätsprofessor für Philosophie, dessen Doktorarbeit den wahnsinnigen französischen Philosophen Louis Althusser zum Thema hatte. Im Laufe der Jahren wurden die Kommuniques ins Englische übersetzt (zwei konkurrierende "komplette" Ausgaben) und sie sind auf französisch, italienisch, deutsch, portugiesisch, türkisch, und in einem Dutzend weiterer Sprachen erschienen.

2004 erwies sich als ein vorzügliches Jahr für das zapatistische literarische Geschick, da der Subcomandante-Literateur sein Programm um mehr als 30 neue Episteln, Essays, Denucias, Solidaritätsgrüße und politische Fantasien erweitern konnte. Dies war die umfangreichste Produktion seit den frühen Tagen der Rebellion, als Marcos täglich frische Spottwerke auf die korrupte und tyrannische politische Klasse Mexikos lieferte. Obwohl er in 2004 keine Dichtungen veröffentlicht hat, ist die Prosa des Subcomandante durchdrungen von poetischen Metaphern. "Eine Welt ohne Giraffen?" fragte der Sup in seiner "(Selbst-)Verteidigung der Giraffen" in Oktober. Die Antwort: "eine Welt ohne Giraffen wäre wie ein ’Taco de Pastor’ ohne das Fleisch oder die Tortilla oder die Zwiebel oder das Chili oder den Cilentro − nur Papier und ein bisschen Nostalgie." Das Kommunique ist ein durchdachter Angriff auf eine Globalisierung, die indigene Völker in einem einzigen gesichtslosen Markt homogenisieren würde: "die Giraffen sind wie die Indigenas der Tierwelt − wie wir, sind sie ’muy otra’ (sehr anders); da gibt es Giraffenfrauen, die nicht die Normen der weiblichen Schönheit erfüllen, und Giraffenjugendliche, die auf Piercings stehen." Sowohl die Indigenas als auch die Giraffen "brauchen ein Gesetz das uns als vom Aussterben bedrohte Spezies beschützt; wenn wir die Giraffen verteidigen, verteidigen wir uns selbst."

Der Subcomandante leidet eindeutig nicht an der Schreibblockade, die ihn manchmal bis zu 18 Monate lang zum Schweigen veranlasst hatte. Auf seinem Laptop in einer Schreibhütte in den Bergcamps über dem zapatistischen Dorf mit dem eindringlichen Namen La Realidad ("Die Realität"), kurbelte er in 2004 durchschnittlich ein frisches Kommunique alle 12 Tage herunter. Wie schon in den vergangenen 11 Jahren, erschienen praktisch alle Werke von Marcos zuerst in der linken mexikanischen Tageszeitung La Jornada.

Zu den literarischen Kreationen des Sup gehörte die dreiteilige Serie "Die Geschwindigkeit der Träume", die fragte, wie schnell Träume fliegen können, und die achtteilige Serie "Ein gelesenes Video", eine detallierte Studie der Erfahrungen im ersten Jahr der "Juntas de Buen Gobierno" (Juntas der Guten Regierung"), die nun das autonome zapatistische Territorium verwalten. Die Serie wurde vom "Zapatistischen Intergalaktisches Fernsehen" produziert − "Fernsehen, das man lesen kann".

In "Die zerrissene Hosentasche", analysierte der Subcomandante die brutale Welt des globalen Kapitalismus durch das Prisma der Süßigkeiten-Transaktionen der Kinder in La Realidad. In "Der Stiefel", referiert Marcos im Susan Sontag Stil über das Foto eines einzelnen, liegengelassenen Stiefels im Irak, und vergleicht es mit einem Stiefel, den eine junge zapatistische Frau namens Tonita auf einem Urwaldpfad verloren hat − die jungen Frauen in der Zone meiden es ihre Stiefel beim Gehen auf den Strassen zu tragen, und sparen sie lieber für die sonntäglichen Fußballspiele auf. Die Leser lernten Tonita zum ersten Mal vor 10 Jahren kennen, als sie vier Jahre alt war und sich beim Vorrücken der mexikanischen Armee weigerte Marcos einen Abschiedskuss zu geben, weil er "zu stachlig" war ("se pica.")

Zu Marcos’ Schriften in 2004 gehört auch eine beißende Debatte mit dem Distriktstaatsanwalt von Mexiko Stadt, Bernardo Batiz, über den "Selbstmord" zweier Aktivisten, eine offizielle Liste der gefallenen Zapatisten beim Aufstand von 1994, Solidaritätsbotschaften für einen verhafteten chilenischen politischen Gefangenen und verfolgte Globalisierungsgegner. Das Repertoire des Sup wurde von dem Wiedererscheinen zweier seiner populärsten Charaktere belebt: Der Alte Antonio, ein uralter Campesino, der wie das Popul Vuh, das heilige Buch der Maya, spricht, und Durito, ein Waldkäfer mit einem galoppierenden Don Quijote Komplex. Sammlungen von Geschichten über den Alten Antonio und Durito sind in de letzten Jahren in Mexiko, den Vereinigten Staaten und Europa publiziert worden.

Der quijotische zapatistische Sprecher verpasste auch nicht die Gelegenheit, sich in das größte literarische Getümmel der Buchmesse von Guadalajara zu stürzen, Mexikos führendes Literaturereignis. Beim Vorlesen eines Briefes von Sub Marcos während einer Hommage an den verstorbenen Katalanischen Krimiautors Manuel Vazquez Montalban, unterschlug Sealtad Alatriste, Montalbans mexikanischer Verleger, mehrere Abschnitte, in der die Stadt Guadalajara für die Misshandlung und Verhaftung von Globalisierungsgegnern im vergangenen Mai gerügt wurde (neun befinden sich immer noch im Gefängnis). Gegen diese krasse Zensur protestierte der Nobelpreisträger Jose Saramago, ein Mitglied des Forums von Guadalajara. Saramago selbst hat die zapatistische Zone bereits drei Mal besucht, und verbrachte häufig Nachmittage in ernsten Gesprächen mit Comandante David, dem singenden und liederschreibenden Kommandanten der Hochlandstreitkräfte von Oventic.

Zu den anderen Literaturgiganten, die in das zapatistische Gebiet gereist sind, gehören die kürzlich verstorbene Susan Sontag, Regis Debrey, der uruguayanische Maestro Eduardo Galeano, der eben erwähnte Vazquez Montalban, der ein von der Kritik gefeiertes buchlanges Interview mit Marcos, "Der Herr der Spiegel", veröffentlichte. Der Subcomandante steht im Briefverkehr mit dem anglo-französischen Guru des einfachen Lebens, John Berger, und kommuniziert periodisch sowohl mit Carlos Fuentes als auch dem prominenten mexikanischen Sozialkommentators Carlos Monsivais, obwohl nicht immer freundschaftlich.

Das literarische Ansehen des Sup auf dem Kontinent wird weiterhin von gelegentlichen Beiträgen in der Le Monde Diplomatique aufpoliert. In Mexiko, veröffentlicht die Zapatistische Nationale Befreiungsfront (FZLN), eine nicht-indigene Unterstützergruppe, das monatliche Magazin "Rebeldia" (die 25. Ausgabe erschien in Dezember) in der Marcos’ Gedanken oft beleuchtet werden. Marcos’ literarisches Schaffen in 2004 wurde des weiteren durch Dutzende Kindergeschichten ergänzt, wie zum Beispiel "Pamfila, die Hexe", die er für Radio Insurgente aufgenommen hat, dem Kurzwellen- und Internetsender, der nun die zapatistischen Gemeinden im Urwald und im Hochland miteinander verbindet, und das zapatistische Flor y Canto in die restliche Welt überträgt.

Die Sendungen sind nicht der erste Vorstoß des Sup auf den Kinderbuchmarkt. "Die Geschichte der Farben", Marcos’ erster Versuch auf diesem Gebiet (aber geeignet für alle Altergruppen) borgt sich eine Seite aus dem Popul Vuh aus, um zu erzählen wie der Ara seine vielen Farben erhielt. Von einer zweisprachigen Ausgabe, publiziert von Cinco Puntos Press in El Paso, wurden nach letztem Stand fast 30,000 Kopien verkauft, obwohl ihnen im letzten Augenblick die finanzielle Unterstützung der U.S.- amerikanischen "Nationalen Stiftung für die Künste" gestrichen wurde, dessen Leiter die Kürzung damit rechtfertigte, dass die Verwendung von US-Steuergeldern für ein Märchen, das von einem berüchtigten linken Guerillero erzählt wurde, nicht angemessen sei.

Aber das absolute Glanzstück in Marcos’ literarischem Jahr, ist ein glückliches Nebenprodukt des Getümmels auf der Guadaljara Buchmesse. Zur Ehrung von Vazquez Montalban, der dem Sup einst vorgeschlagen hatte, sich ihm und seinem gerissenen katalanischen Detektiv Pepe Calvaho bei einem Gemeinschaftsprojekt anzuschließen, gewann Marcos das herausragende Talent von Mexikos’ anspruchvollsten Krimiautors, des linksgerichteten Historikers Paco Taibo II, zu Produktion einer "policiaca" Detektivnovelle) um damit gemeinsam des pummeligen Kataloniers zu gedenken.

"Unbequeme Tote" ("Muertos Incomodos"), eine Novelle "für vier Hände und 20 Finger", erscheint nun jeden Sonntag in der La Jornada, und ist eine Art literarisches Ping-Pong Spiel, bei dem der Subcomandante ein Kapitel schreibt, und Taibo II das nächste. Genre-getreu kramte Taibo II seinen ramponierten, gutherzigen, irisch-baskisch- mexikanischen Privatdetektiv Hector Belascoaran Shayne hervor, der bereits mehrmals getötet worden war und den der Autor nach Aufforderung durch das Publikum mehrfach wieder zum Leben erweckte.

Marcos’ Detektiv andererseits ist ein Tojolabal Maya Zapatist mit dem Decknamen "Elias Contreras" − obwohl Contreras im Januar 1994 bei den Kampfhandlungen um Las Margueritas im Lakandonischen Urwald fiel, ist er scheinbar nach wie vor bei der Sache. Im sechsten Kapitel reist Contreras, der darauf beharrt, überhaupt kein Detektiv zu sein, sondern in Wirklichkeit ein designierter Vertreter der Zapatistischen Ermittlungskommission, aus dem Lakandonischen Urwald in den Großstadtdschungel, wo er Shayne unter der großen Kuppel des Revolutionsmonuments der Hauptstadt treffen soll. Was danach passieren wird, kann man nur raten (ein Hinweis: Shayne hat auf seinem Anrufbeantworter geheimnisvolle Botschaften eines seit langem verschwundenen Guerillaführers erhalten).

"Unbequeme Tote " is Marcos’ bisher ehrgeizigster Vorstoß in die literarische Welt. Sowohl der Sup als auch Taibo II haben einen lebhaften, beißenden Schreibstil, angemessen hartgesotten und gespickt mit falschen Hinweisen, so wie es sich für einen soliden Krimi gehört. In einem Fall beschreibt ein jungen katalanischer olidaritätsaktivist in einem Friedenscamp nahe La Realidad zweieinhalb Seiten lang das Alltagsleben im Dorf, als er sich plötzlich selbst unterbricht: "Tut mir leid. Ich muss Schluss machen. Man hat mich gerade darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich in dieser Novelle überhaupt nichts zu suchen habe. Das war alles ein Irrtum."

Das mexikanische Verlagshaus Planeta wird "Unbequeme Tote" nach dessen Beendigung hier und in Spanien veröffentlichen, und Seven Stories in New York feilscht gerade um die U.S. Rechte. Alle Einnahmen werden an die indigenen Gemeinden geleitet. Auch wenn er es noch nicht auf die Rezensionsseiten der New York Times gebracht hat (die Zensurgeschichte, wo die finanzielle Unterstützung für "Die Geschichte der Farben" durch die US-Stiftung für die Künste gestrichen wurde, schaffte es bis auf die Titelseite, aber unterhalb des Faltknicks), verspricht 2005 für Subcomandante Insurgente Marcos zum Durchbruchsjahr als produktivster Guerrillero-Literateur der Schreibwelt zu werden.

 Quelle:  
  http://www.counterpunch.org/ross01152005.html 
 

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