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Ein Widerspruch namens Uruguay

News vom 22.10.1999
Eduardo Galeano Brecha
übersetzt von Dana

  Wir Uruguayer neigen gewissermaßen dazu zu glauben, dass unser Land zwar existiert, aber der größte Teil der Welt sich dessen nicht bewusst ist. Die Massenmedien — die Medien, die einen weltweiten Einfluss haben — erwähnen diese winzige Nation irgendwo am südlichen Ende der Landkarten, mit keinem Wort. Als eine Ausnahme dieser Regel, erwähnte uns die britische Presse am Vortag des Besuches von Prinz Charles. Anlässlich dieses Ereignisses, informierte die renommierte London Times ihre Leser, dass nach dem Gesetz von Uruguay ein betrogener Ehemann das Recht hätte die Nase seiner treulosen Frau abzuschneiden, und ihren Liebhaber zu kastrieren. Damit schrieb die Times diese schlechten Angewohnheiten der britischen Kolonialtruppen unserem Eheleben zu. Wir wissen die Liebenswürdigkeit mit der dieser Zusammenhang gemacht wurde zu schätzen, aber in Wirklichkeit sind wir niemals so tief gesunken. Unser barbarisches Land, das die physische Strafe in den Schulen 120 Jahre vor Großbritannien abgeschafft hat, ist nicht das was es zu sein scheint, wenn es von oben herab und aus der ferne betrachtet wird. Wenn die Journalisten sich dazu durchringen würden aus dem Flugzeug zu steigen, könnten sie einige Überraschungen vorfinden.

Wir Uruguayer kommen auf eine ziemlich kleine Zahl: nur drei Millionen. Wir könnten in einem einzigen Vorort irgendeiner der größten Weltstädte passen. Drei Millionen konservative Anarchisten: wir lassen uns nicht gerne sagen was wir tun sollen, und es fällt uns schwer Veränderungen anzunehmen. Aber wenn wir beschließen uns zu ändern, nehmen wir das ernst, und der gesunde Wind der Veränderung weht nun durch diese ganze Nation. Es ist höchste Zeit für uns aufzuhören passive Zeugen unseres eigenen Missgeschickes zu sein. Uruguay ist lange Zeit bewegungslos in seiner eigenen Dekadenz verharrt, seit der Zeit als wir es fertiggebracht hatten an der Spitze so vieler Dinge zu stehen. Die Protagonisten sind zu Zuschauer geworden: drei Millionen politischer Ideologen, während die wahre Politik in die Hände von Politiker gefallen ist, die Bürgerrechte in Privilegien verwandelt haben, die von der Macht gewährt werden; drei Millionen technische Fußballdirektoren, während Fußball in Uruguay von seiner eigenen Nostalgie zehrt; und das nationale Kino hat sich nicht weiter als bis zu einem hoffnungsvollen Zustand entwickelt.

Das Land das ist lebt in einem ständigen Widerspruch mit dem Land das war. Uruguay führte die Acht-Stunden-Woche ein Jahr vor den Vereinigten Staaten und vier Jahre vor Frankreich ein, aber heutzutage eine Anstellung zu finden grenzt an ein Wunder, und mit acht Stunden Arbeit Essen auf den Tisch bringen zu können ist sogar noch wundersamer: Nur Jesus könnte das fertig bringen, wenn er ein Uruguayer wäre und immer noch die Fähigkeit hätte Fische und Brote zu vervielfältigen.

Uruguayer haben Scheidungsgesetze 70 Jahre vor Spanien, und die allgemeine Gleichberechtigung 14 Jahre vor Frankreich eingeführt. Aber die Realität behandelt Frauen weiterhin schlechter, als die Texte der Tangos mit ihnen umspringen, was einiges heißen will; und Frauen fallen durch ihre Abwesenheit in der Politik auf: einige wenige weibliche Insel in einem Meer von Männer.

Dieses erschöpfte, unfruchtbare System verrät nicht nur seine eigene Erinnerung, sondern überlebt in einem ständigen Widerspruch zur Wirklichkeit. Das Land hängt von dem Export von Fleisch, Leder, Wolle und Reis ab, aber das Land gehört nur einigen wenigen. Und diese wenige — die die Tugenden der christlichen Familie predigen, aber die Arbeiter die heiraten feuern — horten alles zusammen. Inzwischen wird jenen, die Land für den Anbau haben wollen die Tür vor der Nase zugeknallt, und jene die es schaffen ein kleines Stück Land zu ergattern, sind von Kredite abhängig, die von den Banken immer den Wohlhabenden gewährt werden, niemals denjenigen die sie brauchen.

Müde davon ein Peso für jedes Produkt zu erhalten, das zehn wert wäre, versuchen kleine Landproduzenten ihr Glück schließlich in Montevideo. Die Verzweifelten kommen in die Hauptstadt des Landes, das Zentrum der bürokratischen Macht und aller anderen Arten von Macht, um Arbeit zu finden, die ihnen die von Spinnweben verhangenen Fabriken verweigern. Viele enden als Müllsammler, und viele setzen ihre Reise von dem Hafen oder dem Flughafen weiter fort.

Im Bereich der Widersprüche zwischen Macht und Wirklichkeit gewinnen wir die Weltmeisterschaften, die uns im Fußball versagt bleibt. Auf der Weltkarte, umzingelt von seinen großen Nachbarn, sieht Uruguay aus wie ein Zwerg. Aber wir sind nicht wirklich so zwergenhaft. Wir haben fünf mal mehr Land als Holland, und eine fünf mal kleinere Bevölkerung. Wir haben mehr Anbauland als Japan, mit einer Bevölkerung die 40 mal kleiner ist. Dennoch wandern Uruguayer in Massen aus, weil sie hier kein Platz unter der Sonne finden können. Wir haben eine spärliche und alternde Bevölkerung. Weniger Kinder werden geboren.

Auf den Strassen sieht man mehr Rollstühle als Kinderwägen. Und wenn die wenigen Kinder die es gibt herangewachsen sind, vertreibt sie das Land. Wir exportieren Jugend. Uruguayer gibt es sogar in Alaska und Hawaii. Vor etwa 20 Jahre zwang die Militärdiktatur viele Menschen ins Exil. Heute, in einer Demokratie, treibt sie die Wirtschaft in noch größere Massen aus dem Land. Die Wirtschaft wird von Bankiers geleitet, die Sozialismus praktizieren, indem sie die Kosten ihrer betrügerischen Bankrotte sozialisieren, und Kapitalismus, indem sie ein ganzes Land zum Dienst anbieten. Um den Weltmarkt durch den Dienstboteneingang zu betreten, reduzieren sie uns auf den Status eines finanziellen Zufluchtsortes, mit Bankgeheimnisgesetze, ein paar Kühe im Hintergrund und Meersicht. In einer solchen Wirtschaft sind Menschen (egal wie wenige) überflüssig.

Ohne Bescheidenheit, sollten wir ebenfalls sagen, dass wir auch aus verdienstvollen Gründen ein Platz im Guinness Buch der Rekorde verdienen. Während der Militärdiktatur gab es nicht einen einzigen wichtigen Intellektuellen, Wissenschaftler oder Künstler in Uruguay — nicht einen einzigen — der sich willens gezeigt hätte die Herrscher zu applaudieren. Später, bereits in einer Demokratie, war Uruguay das einzige Land auf der Welt, das Privatisierungen durch ein Referendum besiegt hat: Ende 1992 entschieden 72% der Uruguayer in einem Volksentscheid, dass die essentiellen öffentlichen Dienste weiterhin öffentlich bleiben sollten. Diese Nachricht verdiente nicht eine einzige Zeile in der internationalen Presse, obwohl es ein seltenes Beispiel gesunden Menschenverstandes war. Die Erfahrungen anderer lateinamerikanischer Länder lehrten uns, dass Privatisierungen durchaus die privaten Bankkonten einiger Politiker bereichern können, aber auch die Auslandsschuld verdoppeln (wie in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko) während sie die nationale Souveränität zu Bananenpreise verschleudern.

Das übliche Schweigen der Massenmedien verhinderte jede kleinste Chance, dass sich das Beispiel des Referendums im Ausland hätte ausbreiten können. Aber innerhalb unserer Grenzen zeigte dieser kollektive Akt der nationalen Behauptung gegen den führenden Trend, ein solch blasphemisches Statement gegen die universelle Diktatur des Geldes, dass die Energien der Würde, die der Militärterror zu vernichten suchte, sehr lebendig bleiben.

Welchen Wert diese Zeilen auch immer haben mögen, wenn sie denn irgendeinen Wert haben, erlauben Sie mir sie als Basis dafür anzubieten für Encuentro Progresista zu stimmen. Ich hoffe, dass die Stimmzettel in den nächsten Wahlen die dreiste Berufung dieses paradoxen Landes bestätigen werden, in dem ich geboren wurde und gerne noch einmal geboren werden würde.

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