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Mexiko-Stadt steht auf dem Schlauch

 

Ressource Wasser

Poonal vom 28.01.2010
Nils Brock

  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Coat_of_arms_of_Mexican_Federal_District.svg(Berlin, 28. Januar 2009, npl).- Vorbei die Zeiten, als Mexiko-Stadt geradezu im Wasser schwamm. Die einst von den AztekInnen auf künstlichen Inseln errichtete Metropole sitzt zunehmend auf dem Trockenen. Die Lage ist kritisch. Bürgermeister Marcelo Ebrard rief im August 2009 erstmals »Alarmstufe Orange« aus – denn in diesem Jahr könnte es zu anhaltenden Engpässen bei der Trinkwasserversorgung kommen.

Warum wird das Wasser in Mexiko–Stadt immer knapper? In der aktuellen Debatte wird selten ausführlich auf die Vielfalt an Gründen eingegangen – denn mit Wasser wird Politik gemacht, lässt sich Geld verdienen – egal ob nun bei der angestrebten Privatisierung des Wassernetzes oder dem Verkauf apokalyptischer Nachrichten wie: »Klimawandel nicht mehr aufzuhalten. Wir werden alle verdursten«

Ein Blick auf die jährliche Niederschlagsstatistik zeigt jedoch, dass der Wasserreichtum Mexikos immer schon ungleich verteilt war. Dem tropischen Südosten stehen fast 70 Prozent der Ressource zur Verfügung. In Mexiko–Stadt aber, wo fast jeder vierte Mexikaner bzw. Mexikanerin lebt, hat man nur ein Fünftel der nationalen Wasserreserven zur Verfügung.

Ganz unschuldig ist der mensch-gemachte Klimawandel jedoch nicht an der kritischen Wasserlage. Längst ist die mexikanische Hauptsstadt von einer schleichenden Wüstenbildung betroffen. Weiträumige Abholzungen, Smogwolken und eine fast lückenlose Betondecke haben das ökologische Gleichgewicht nachhaltig ruiniert.

Der hohe Wasserverbrauch in Mexiko–Stadt verschärft die Situation zusätzlich. Stünden statistisch betrachtet jeder Mexikanerin bzw. jedem Mexikaner täglich 153 Liter des kühlen Nass zur Verfügung, so wird dieser Verbrauch in der Hauptstadt mit 280 Litern deutlich übertroffen. Schlimmster Wasserfresser ist das undichte Leitungsnetz. Auch wenn man bemüht ist, die ständigen Lecks zu beseitigen, versickert oder verdunstet täglich immer noch mehr als ein Drittel des Trinkwassers ungenutzt. Doch das was da versickert kommt nicht etwa dem Grundwasser zugute – dafür ist die konsequente Übernutzung der unterirdischen Wasserspeicher viel zu groß. Das ständige Abpumpen führt vielmehr dazu, dass die Stadt immer weiter im Boden versinkt – und zwar bis zu satte 30 Zentimeter pro Jahr.

Das klingt bedrohlich und ist Wasser auf die Mühlen derer, die das kühle Nass mit harter Hand verteilen wollen. Nicht gleich aus Wasser Wein, aber zumindest aus einem öffentlichen Gut eine Ware machen – das war und bleibt die Richtlinie der mexikanischen Regierungen seit den 80er Jahren. Der frühere Umweltminister Alberto Cárdenas Jiménez drückte diese Idee besonders plastisch aus, als er verkündete, nicht müde zu werden, die Wasserpreise zu erhöhen, bis es weh tut.

Doch eine Verteuerung des Wassers trifft manche härter als andere. Schon heute geben Familien mit einem geringen Einkommen jeden dritten verdienten Peso für Trinkwasser aus. Und es sind die ärmeren Wohnviertel, wo das Wasser zuerst rationiert wird, wenn es in der Trockenzeit zu Engpässen kommt. Dabei sind die größten Schuldner der städtischen Wasserwerke staatliche Institutionen. Mit über 200 Millionen Euro stehen Ministerien und Verwaltungssitze in der Kreide – Geld das fehlt für die Instandhaltung der Wasserleitungen, aber auch für Aufklärungskampagnen, für eine nachhaltige Wassernutzung.

Ebenso problematisch wie die Einführung höherer Wasserpreise ist eine Privatisierung des Wassernetzes. Denn ein solches Vorgehen lohnt nur dann, wenn die Einnahmen mittelfristig das Geld der Investoren wieder reinbringen, sich Gewinne machen lassen. Und verkalkulieren sich Wasseranbieter auf dem freien Markt kann es zudem passieren, dass die Stadtverwaltung mit öffentlichen Geldern einspringen muss, um einen Bankrott zu verhindern und die Wasserversorgung zu sichern.

Schon jetzt reicht das Wasser in Mexiko–Stadt nicht das ganze Jahr für alle – oder kommt zumindest nicht bei allen an, wenn es knapp wird. Denn in Zeiten akuten Wassermangels wird zuerst in randstädtischen Bezirken wie Iztapalapa rationiert. Und das nervenaufreibende Schlangestehen vor den Tankwagen artet nicht selten in Handgreiflichkeiten aus. Derweil surren auf den nur wenige Kilometer entfernten Golfplätzen und dem Trainingsgelände der Fußballnationalmannschaft unentwegt die Rasensprenger.

Doch statt sich diesen gesellschaftlichen Widersprüchen zu stellen, setzt die linke Stadtregierung lieber auf technokratische Lösungen. Noch größere Röhren, die das Wasser aus dem Benachbarten Valle de Bravo für viel Geld über mehrere hundert Meter Höhenunterschied nach Mexiko–Stadt pumpen. Noch mehr Stauseen und Quellen, die das Wassernetz am Laufen halten sollen. Dass dieses zusätzliche Wasser irgendwo fehlen könnte, darüber wird nur selten laut nachgedacht. Dabei saugt sich Mexiko–Stadt wie ein großer Schwamm mit den Wasserreserven des benachbarten Bundesstaat Estado de Mexico voll. Gerade die dortige Landbevölkerung bekommt dies zu spüren. Wasser wird rationiert, oft gibt es nicht mal fließend Wasser in den Dörfern, obwohl rings herum Dutzende Quellen sprudeln.

Eine nachhaltige Wasserpolitik muss demnach überregionalen Charakter haben. Denn auch jene HauptstädterInnen, denen die Kritik aus der Provinz nicht mal ein müdes Schulterzucken abringen kann, sollten sich bewusst sein, dass eine Schädigung der natürlichen Wasserspeicher im Umland die Existenz der Metropole nicht langfristig sondern in greifbarer Nähe gefährdet. Wasser gibt es dann vielleicht nur noch abgefüllt und zu saftigen Preisen an der Supermarktkasse.

(Der dazugehörige Audiobeitrag von Nils Brock aus unserer Kampagne »Knappe Ressourcen? − Gemeinsame Verantwortung« kann kostenlos unter https://www.chiapas.eu/news.php?id=5171 auf unserer Homepage angehört oder heruntergeladen werden.)


Quelle: poonal
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