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Über Kriege (1. Brief an Don Luis Villoro)

 

vollständige Fassung

Kommunique vom 10.02.2011
Subcomandante Marcos
übersetzt von Dana

  Über Kriege (Erster Brief an Don Luis Villoro Toranzo)
Januar-Februar 2011

ZAPATISTISCHE ARMEE DER NATIONALEN BEFREIUNG
Mexiko

Januar-Februar 2011.

An: Don Luis Villoro.
Von: Subcomandante Insurgente Marcos

Doktor, Grüße.

Wir hoffen aufrichtig, dass es Ihnen gesundheitlich besser geht, und dass Sie diese Zeilen nicht nur als ein Austausch von Ideen betrachten, sondern auch als eine zärtliche Umarmung von uns allen, die wir sind.

Wir danken Ihnen für Ihre Einwilligung als Korrespondent an diesem brieflichen Austausch teilzunehmen. Wir hoffen, dass daraus einige Reflexionen hervorgehen werden, die uns dabei helfen, dort wie hier, zu versuchen den Kalender zu verstehen, den unsere Geographie, das heißt, unser Mexiko erleidet.

Erlauben Sie mir, mit einer Art von Entwurf zu beginnen. Es handelt sich um Ideen, fragmentiert wie unsere Realität, die ihren Weg unabhängig folgen oder wie ein Zopf miteinander verflochten werden können (was das beste Bild ist, dass ich gefunden habe, um unseren Prozess der theoretischen Reflexion zu »zeichnen«), und die das Produkt unserer Sorge darüber sind, was derzeit in Mexiko und auf der ganzen Welt geschieht.

Und hier beginnen diese hastigen Anmerkungen zu einigen Themen, die alle mit der Ethik und der Politik zusammenhängen. Oder vielmehr mit dem, was wir von ihnen imstande sind wahrzunehmen (und zu erleiden), sowie über Widerstände im Allgemeinen und unseren Widerstand ins Besondere. Wie zu erwarten, werden diese Anmerkungen vom Schematischen und der Zusammenfassung beherrscht, aber ich denke dass sie ausreichen um eine oder mehrere Linien von Diskussion, von Dialog, von kritischer Reflexion zu zeichnen.

Und genau darum geht es hier, dass das Wort kommt und geht, Checkpoints, Militär- und Polizeipatrouillen umgehend, von uns hier bis dort zu Ihnen, auch wenn das Wort danach vielleicht in andere Gegenden ziehen wird, und gleichgültig ob jemand es aufsammelt und von neuem im Umlauf bringt (den dafür sind Worte und Ideen da).

Obwohl das Thema auf das wir uns geeinigt haben Politik und Ethik ist, sind vielleicht einige Abschweifungen nötig, oder besser, einige Annäherungen von scheinbar entfernten Punkten.

Und, da es sich hierbei um eine theoretische Reflexion handelt, müssen wir mit der Realität beginnen, mit dem was die Detektiven »Fakten« nennen.

In »Skandal in Böhmen« von Arthur Conan Doyle, erklärt Detektiv Sherlock Holmes seinem Freund, Dr. Watson: " Es ist ein kapitaler Fehler zu theoretisieren, ehe man Daten hat. Unvernünftigerweise verdreht man dann die Fakten, damit sie zu den Theorien passen, anstatt seine Theorien den Fakten anzupassen. "

Wir könnten somit mit einer Beschreibung, hastig und unvollständig, dessen beginnen, was uns die Realität auf die gleiche Weise zeigt, das heißt, ohne irgendeine Narkose, und einige Daten sammeln. Etwa so wie der Versuch, nicht nur die Fakten zu rekonstruieren, sondern die Art und Weise, wie wir sie zur Kenntnis nehmen.

Und das erste, was in der Realität unseres Kalenders und Geographie erscheint, ist ein alter Bekannter der indigenen Völker Mexikos: Der Krieg.

I. - DIE KRIEGE VON OBEN
»Und am Anfang waren die Statuen«.

So könnte eine historiographische Abhandlung über den Krieg beginnen, oder eine philosophische Reflexion über die wahre Geburt der modernen Geschichte. Die Kriegsstatuen nämlich verbergen mehr als sie zeigen. Errichtet um in Stein das Andenken der militärischen Siege zu besingen, tun sie nichts anderes als den Horror, die Zerstörung und den Tod aller Kriege zu verbergen. Und die steinernen Figuren lorbeerbekränzter Göttinnen oder Engel dienen nicht nur dazu den Sieger an seinen Sieg zu erinnern, sondern auch um die Vergessenheit des Besiegten zu schmieden.

Aber heutzutage sind diese felsigen Spiegel aus dem Gebrauch gekommen. Nicht nur, dass sie täglich unter der unbarmherzigen Kritik von Vögeln aller Arten begraben werden, sie haben auch in den Massenmedien eine unschlagbare Konkurrenz gefunden.

Die Statue von Saddam Hussein, die in Bagdad während der US-Invasion im Irak gestürzt wurde, wurde nicht durch eine Statue von George Bush ersetzt, sondern durch Werbungen für die großen multinationalen Konzerne. Obwohl das dumpfe Gesicht des damaligen US-Präsidenten sich gut dazu geeignet hätte für Junkfood zu werben, zogen es die Multis vor eine Huldigung des neuen eroberten Marktes an sich selbst zu errichten. Dem Geschäft mit der Zerstörung folgte das Geschäft mit dem Wiederaufbau. Und obwohl der Abzug der US-Truppen vorangeht, ist das Wichtige das Geld, das kommt und geht wie es soll: fließend und in Fülle.

Der Sturz der Statue von Saddam Hussein ist nicht das Symbol des Sieges der multinationalen Streitkräfte die im Irak einmarschiert sind. Das Symbol ist das Steigen der Aktien der Sponsor-Unternehmen.

»In der Vergangenheit waren die Statuen, jetzt sind die Aktienmärkte«

So könnte die moderne Geschichtsschreibung des Krieges fortgesetzt werden.

Aber die Wirklichkeit der Geschichte (dieser chaotische Schrecken, der immer weniger und immer keimfreier betrachtet wird), kompromittiert, fordert Rechenschaft, verlangt Konsequenzen, fordert.

Ein ehrlicher Blick und eine kritische Analyse könnten die Teile des Puzzles ermitteln und dann wie ein makabres Donnern das Urteil hören:

»Am Anfang war der Krieg«

Die Legitimation der Barbarei.

Vielleicht war zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit, der materielle, physische Aspekt eines Krieges ausschlaggebend. Aber mit dem Vorrücken des schweren und unhandlichen Geschichtsrades, war das nicht mehr ausreichend. So wie die Statuen dazu dienten, des Siegers zu gedenken und den Besiegten in Vergessenheit zu stürzen, mussten die Kriegsteilnehmer ihre Gegner nicht nur physisch schlagen, sondern sie mussten sich auch ein propagandistisches Alibi verschaffen, das heißt eine Legitimierung. Den Gegner moralisch schlagen.

Irgendwann in der Geschichte war es die Religion, die der Kriegsherrschaft dieses Legitimationszertifikat ausstellte (obwohl einige der letzten modernen Kriege in diesem Sinne nicht sehr viele Fortschritte gemacht zu haben scheinen). Aber später wurde eine mehr ausgearbeitete Denkweise nötig, und die Philosophie kam an die Reihe.

Ich erinnere mich jetzt an einige Ihrer Worte: »Die Philosophie hatte schon immer ein ambivalentes Verhältnis zu der sozialen und politischen Macht. Einerseits trat sie die Erbfolge der Religion als theoretische Rechtfertigerin der Herrschaft an. Jede konstituierte Macht hat versucht sich zu legitimieren, zuerst in einem religiösen Glauben, dann in eine philosophische Doktrin. (...) Es scheint, dass die brutale Gewalt, die die Herrschaft aufrechterhält für den Menschen keinen Sinn innehat, wenn sie nicht mit einem akzeptablen Zweck rechtfertigt wird. Der philosophische Diskurs, der die Religion ablöste, hatte die Aufgabe ihr diesen Sinn zu verleihen; es ist ein Herrschaftsgedanke« (Luis Villoro, »Philosophie und Herrschaft«. Ansprache beim Eintritt in das Landeskollegium. November 1978.)

In der Tat konnte dieses Alibi in der modernen Geschichte so ausgiebig ausgearbeitet sein, wie eine philosophische oder juristische Rechtfertigung (die erbärmlichsten Beispiele stammen von der Organisation der Vereinten Nationen UNO). Aber die Hauptsache war und ist es sich in den Medien eine Rechtfertigung zu verschaffen.

Wenn eine gewisse Philosophie (ihnen zufolge, Don Luis, der " Herrschaftsgedanke« im Gegensatz zum »Befreiungsgedanke«) die Religion bei dieser Aufgabe der Legitimation ablöste, haben jetzt die Massenmedien die Philosophie abgelöst.

Erinnert sich noch jemand daran, dass die Rechtfertigung der multinationalen Streitkräfte im Irak einzufallen die war, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitzen sollte? Auf dieser Grundlage wurde ein gigantisches Mediengerüst errichtet, das den Treibstoff für einen Krieg lieferte, der noch nicht zu Ende ist, zumindest nicht im militärischen Sinne. Erinnert sich noch jemand daran, dass diese Massenvernichtungswaffen niemals gefunden wurden? Es spielt keine Rolle, ob es eine Lüge war, ob unter einem falschen Alibi Grauen, Tod und Zerstörung verübt worden sind (und werden).

Wie berichtet, hielt es George W. Bush bei der Erklärung des militärischen Sieges im Irak nicht für nötig die Berichte abzuwarten, ob die Massenvernichtungswaffen gefunden und vernichtet worden seien, noch die Bestätigung, dass die multinationalen Streitkräfte, wenn schon nicht das gesamte irakische Territorium, dann doch zumindest ihre Knotenpunkte unter Kontrolle hatten (die US-Streitkräfte waren in der so genannten »grünen Zone« verschanzt und konnte es nicht einmal wagen in die umliegenden Stadtteilen auszurücken − siehe die großartigen Reportagen von Robert Fisk für die britische Tageszeitung »The Independent«.)

Nein, der Bericht, den Washington erhielt und ihnen gestattete den Krieg für beendet zu erklären (der sicher noch nicht beendet ist), kam von den Beratern der großen transnationalen Konzerne: das Geschäft mit der Zerstörung kann zum Geschäft mit dem Wiederaufbau übergehen (siehe dazu die brillanten Artikeln von Naomi Klein in der wöchentlichen US-Zeitschrift »The Nation«, und ihr Buch »Die Schockstrategie«).

Somit ist das wesentliche im Krieg nicht nur die physische (oder materielle) Gewalt, sondern es ist auch die moralische Gewalt notwendig, die in diesen Fällen von den Massenmedien verliehen wurde (wie ehemals von der Religion und Philosophie).

Die Geografie des Modernen Krieges.

Wenn sich der physische Aspekt auf eine Armee bezieht, das heißt, eine bewaffnete Organisation, so hat diese je stärker sie ist (das heißt, je mehr Zerstörungskraft sie besitzt), desto mehr Chancen auf Erfolg.

Wenn sich der moralische Aspekt auf eine bewaffnete Organisation bezieht, so hat sie je stärker das Anliegen, das sie beflügelt legitimiert ist (das heißt, je stärker ihr Appell ist), desto größere Möglichkeiten ihre Ziele zu erreichen.

Das Kriegskonzept wurde erweitert: es ging nicht mehr nur darum die physische Gefechtskraft des Feindes zu vernichten (Soldaten und Bewaffnung) um den eigenen Willen durchzusetzen, es wurde auch möglich seine moralische Gefechtskraft zu vernichten, auch wenn sie noch über ausreichend physische Gefechtskraft verfügten.

So lange die Kriege nur im militärischen Bereich geschlagen werden konnten (physisch, da wir uns noch in dieser Referenz befinden), ist es logisch zu erwarten, dass die bewaffnete Organisation mit der größeren Zerstörungskraft dem Gegner ihren Willen aufzwingt (so lautet das Ziel des Zusammenstoßes der Kräfte) und dessen materielle Gefechtskraft vernichtet.

Aber es ist nicht mehr möglich irgendeinen Konflikt ausschließlich auf dem physischen Terrain zu beschränken. Das Terrain auf dem Kriege (kleine oder große, reguläre oder irreguläre, niedriger, mittlerer oder hoher Intensität, weltweite, regionale oder lokale) geschlagen werden, wird immer komplizierter.

Hinter diesem großen, unbekannten Weltkrieg (den die moderne Geschichtsschreibung als »Kalten Krieg« bezeichnet, während wir ihn »den Dritten Weltkrieg« nennen), kann ein historisches Urteil gefunden werden, das die kommenden Kriege kennzeichnen wird-

Die Möglichkeit eines Atomkriegs (bis zur Grenze getrieben durch das Wettrüsten, das grob gesehen darin bestand, wie oft man die Fähigkeit besaß die ganze Welt zu vernichten), eröffnete die Möglichkeit eines »anderen« Endes für einen Kriegskonflikt: das Ergebnis eines bewaffneten Zusammenstoßes konnte nicht mehr die Willensdurchsetzung eines Kontrahenten über den anderen sein, sondern die Annullierung des Kampfwillens, das heißt, der materiellen Gefechtsfähigkeit. Und mit »Annullierung« meine ich nicht nur dessen »Außergefechtsetzung«, sondern (und vor allem) dessen »Verschwinden«.

Tatsächlich sagten uns die geomilitärischen Berechnungen, dass es in einem Atomkrieg keine Sieger oder Besiegte geben würde. Eigentlich würde es gar nichts mehr geben. Die Zerstörung wäre so total und irreversibel, dass die menschliche Zivilisation ihren Gang an die Kakerlaken abtreten würde.

Das wiederkehrende Argument in den hohen Sphären der Militärgewalt jener Zeit war, dass Atomwaffen nicht dazu da waren um einen Krieg zu schlagen, sondern ihn zu entmutigen. Das Konzept der »Waffen der Eindämmung« wurde später diplomatischer als »Elemente der Ermahnung« übersetzt.

Zusammenfassend: die »moderne« Militärdoktrin lautete zusammengefasst: den Gegner daran zu hindern seinen Willen (oder seine »Strategie«) durchzusetzen, ist gleichzusetzen mit der Durchsetzung des eigenen Willens (»Strategie«), das heißt, die großen Kriege zugunsten kleiner oder mittelgroßen Kriege aufzugeben. Es ging nicht mehr darum, die physische und/oder moralische Gefechtsfähigkeit des Feindes zu vernichten, sondern zu vermeiden, dass er diese in einer direkten Konfrontation einsetzte. Hingegen suchte man, die Kriegsschauplätze (und die physische Gefechtsfähigkeit) vom weltweiten Bereich auf das regionale und lokale neu zu definieren. Kurzum: internationale friedliche Diplomatie und regionale und nationale Kriege.

Das Ergebnis: es gab keinen nuklearen Krieg (zumindest noch nicht, obwohl die Dummheit des Kapitals so groß ist wie sein Ehrgeiz), aber an seiner Stelle fanden unzählbare Konflikte auf allen Ebenen statt, die Millionen von Toten forderten, Millionen von Kriegsflüchtigen, Millionen von Tonnen an Schutt und Trümmern, zerstörte Wirtschaften, vernichtete Nationen, zerschlagene politische Systeme... und Millionen von Dollars an Einnahmen.

Aber das Urteil für die »moderneren« oder »postmodernen« Kriege lautete: es sind Militärkonflikte möglich, die aufgrund ihrer Natur auf dem Weg der physischen Gewalt nicht zu lösen sind, das heißt, dem Gegner durch Gewalt seinen Willen aufzuzwingen.

Wir könnten somit davon ausgehen, dass ein paralleler Kampf aufgenommen wurde, der die »konventionellen« Kriege überschreitet. Ein Kampf um einen Willen über den anderen aufzuzwingen: der Kampf der militärisch Starken (oder »physisch« Starken, um es in den menschlichen Mikrokosmos zu verlagern), um zu vermeiden, dass die Kriege auf Terrains stattfinden, wo keine konventionellen Ergebnisse errungen werden können (vom Typ »die Armee, die besser ausgestattet, ausgebildet und organisiert ist, ist potentiell einer Armee überlegen, die schlechter ausgestattet, ausgebildet und organisiert ist«). Wir können somit davon ausgehen, dass dem gegenüber der Kampf der militärisch Schwachen (oder »physisch« Schwachen) steht, um durchzusetzen, dass die Kriege auf Terrains stattfinden wo die militärische Stärke nicht ausschlaggebend ist.

Die »modernere« oder »postmoderne« Kriege sind also nicht diejenigen, die die höchstentwickelten Waffen ins Feld schicken (und damit meine ich nicht nur Waffen wie Militärtechnik, sondern auch solche, die in den militärischen Organigramms einbegriffen sind: die Waffen der Infanterie, der Kavallerie, Panzerstreitkräfte etc.), sondern jene, die auf Terrains geführt werden, wo die Qualität und Quantität der militärischen Macht nicht der ausschlaggebende Faktor sind.

Mit jahrhundertlanger Verspätung entdeckte die militärische Theorie von oben, dass so wie die Dinge stehen, Konflikte möglich sein könnten, in denen auch ein militärisch überwältigend überlegener Kontrahent unfähig sein wird einem schwachen Gegner seinen Willen aufzuzwingen.

Ja, sie sind möglich.

Beispiele hierfür gibt es in der modernen Geschichte in Überfluss; auf die Schnelle fallen mir gerade die Niederlagen der größten militärischen Weltmacht, der Vereinigten Staaten von Amerika, in Vietnam und in der Schweinebucht ein. Obwohl dem einige Beispiele der vergangenen Kalender und aus unserer Geografie hinzugefügt werden könnten: Die Niederlage der spanischen königlichen Armee durch die Rebellenstreitkräfte in Mexiko vor 200 Jahren.

Nichtsdestotrotz ist der Krieg hier und sein zentrales Anliegen bleibt nach wie vor: die physische und/oder moralische Zerstörung des Gegners, um den eigenen Willen aufzuzwingen, ist weiterhin das Fundament des Krieges von oben.

Wenn also die militärische (oder »körperliche«) Gewalt nicht nur nicht relevant ist, sondern sie als ausschlaggebende Variable für die endgültige Entscheidung auch verzichtbar sein kann, müssen in den Kriegskonflikt neue Variablen eintreten, oder derzeit sekundäre in den Vordergrund treten.

Das ist nichts Neues. Das Konzept der »totalen Krieges« (wenn auch nicht als solches) hat Vorgänger und Beispiele. Der Krieg mit allen Mitteln (militärische, wirtschaftliche, politische, religiöse, ideologische, diplomatische, soziale und sogar ökologische) ist ein Synonym für den »modernen Krieg«

Aber das Grundlegende fehlt: die Eroberung eines Territoriums. Das heißt, die Durchsetzung dieses Willens in einem festgelegten Kalender, und vor allem in einer fest umrissenen Geografie. Ohne erobertes Gebiet, das heißt unter direkter oder indirekter Kontrolle der siegreichen Macht, gibt es keinen Sieg.

Auch wenn man von wirtschaftlichen Kriegen (wie die Blockade der US-Regierung gegen die Republik von Kuba) oder von wirtschaftlichen, religiösen, ideologischen, rassistischen, etc. Aspekte reden kann, bleibt das Ziel eines Krieg weiterhin das gleiche. Und in der gegenwärtigen Epoche besteht der Wille, den der Kapitalismus aufzuzwingen versucht darin, das eroberte Gebiet zu vernichten/entvölkern und zu rekonstruieren/umzuordnen.

Ja, die heutigen Kriege begnügen sich nicht damit ein Gebiet zu erobern und der besiegten Macht Tribut aufzuerlegen. In der derzeitigen Etappe des Kapitalismus ist es notwendig das eroberte Gebiet zu vernichten und ihn zu entvölkern, das heißt, sein soziales Gefüge zu vernichten. Ich spreche von der Ausrottung von allem, was zu einer Gesellschaft Kohäsion verleiht.

Aber der Krieg von oben macht da noch nicht halt. Gleichzeitig zur Zerstörung und der Entvölkerung wird der Wiederaufbau dieses Gebiet und die Umordnung seines sozialen Gefüges vorangetrieben, aber jetzt mit einer anderen Logik, einer anderen Methode, anderen Darstellern, einem anderen Ziel. Kurzum: die Kriege zwingen eine neue Geografie auf.

Wenn in einem internationalen Krieg dieser komplexe Prozess in der eroberten Nation stattfindet und von der angreifenden Nation vorangetrieben wird, so gehört in einem lokalen Krieg oder einem Bürgerkrieg das Gebiet, das vernichtet/entvölkert und rekonstruiert/umgeordnet werden soll den Kriegsparteien.

Das heißt, die siegreiche Angreifermacht vernichtet und entvölkert ihr eigenes Gebiet.

Und sie rekonstruiert und ordnet ihn gemäß ihres Plans der Eroberung oder Wiedereroberung.

Wenn sie natürlich keinen Plan hat... dann wird dieser Wiederaufbau-Umordnung von »jemanden« betrieben.

Als mexikanische Ureinwohner und als EZLN können wir einiges über den Krieg sagen. Vor allem wenn er innerhalb unserer Geografie und in diesem Kalender geführt wird: Mexiko, Anfang des 21. Jahrhunderts ...

II. − DER KRIEG DES MEXIKOS VON OBEN

»Ich werde beinahe jeden Krieg willkommen heißen, denn ich denke, dieses Land braucht einen«

Theodore Roosevelt

Und jetzt wird unsere nationale Realität vom Krieg überfallen. Ein Krieg, der nicht nur denen nahe steht, die daran gewöhnt waren ihn in weit entfernten Geografien oder Kalendern zu sehen, sondern der auch anfängt die Entscheidungen und Unentschlossenheiten derer zu bestimmen, die dachten, dass die Kriegskonflikte nur in Nachrichten und Filmen aus weit entfernten Orten stattfinden, wie . Irak, Afghanistan, . Chiapas.

Und in ganz Mexiko müssen wir, dank dem Sponsoring von Felipe Calderón Hinojosa, nicht mehr auf die Geografie des Mittleren Ostens zurückgreifen um kritische Überlegungen über den Krieg anzustellen. Es ist nicht mehr nötig den Kalender auf Vietnam, Playa Girón oder Palästina zurückzustellen.

Ich erwähne jetzt nicht Chiapas und den Krieg gegen die indigenen zapatistischen Gemeinden, weil schon bekannt ist, dass sie nicht mehr in Mode sind, (deshalb hat die Regierung des Bundesstaates von Chiapas so viel Geld ausgegeben, um zu erreichen dass die Medien nicht mehr über den Kriegshorizont berichten, sondern stattdessen die »Fortschritte« bei der Biokraftstoff-Produktion, der »guten Behandlung« von Migranten, und die landwirtschaftlichen »Erfolge« anpreisen, und andere Lügenmärchen, die an Redaktionsleiter verkauft werden, die armselig editierte und aufgebaute Presseerklärungen der Regierung unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen.

Der Einbruch des Krieges in das Alltagsleben des heutigen Mexikos rührt weder von einem Aufstand her, noch von den Unabhängigkeits- oder revolutionären Bewegungen, die miteinander um ihre Neuauflage im Kalender, 100 oder 200 Jahre später wetteifern. Er rührt wie alle Eroberungskriege von oben her, von der Macht.

Und dieser Krieg hat in Felipe Calderón Hinojosa seinen Initiator und institutionellen (und jetzt peinlichen) Förderer gefunden.

Der Mann, der vom Titel des Bundespräsidenten de facto Besitz ergriffen hat, begnügte sich nicht mit der Unterstützung der Medien sondern musste noch auf etwas anderes zurückgreifen, um die Aufmerksamkeit von sich zu lenken und der massiven Kontroverse um seine Legitimierung auszuweichen: Krieg.

Als Felipe Calderón Hinojosa sich den Ausspruch von Theodore Roosevelt zueigen machte (obwohl einige dieses Zitat auch Henry Cabot Lodge zuschreiben), nach dem »dieses Land einen Krieg braucht«, erntete er das bange Misstrauen der mexikanischen Unternehmer, die begeisterte Zustimmung der hohen militärischen Befehlshaber, und den herzlichen Applaus derer, die tatsächlich regieren: das ausländische Kapital.

Eine Kritik dieser nationalen Katastrophe, die als »Krieg gegen das organisierte Verbrechen« bezeichnet wird, müsste mit einer tiefgehenden Analyse seiner wirtschaftlichen Unterstützer abgerundet werden. Damit beziehe ich mich nicht nur auf das alte Axiom, dass in Kriegs- und Krisenzeiten der Konsum von Luxusgütern steigt. Ich beziehe mich auch nicht nur auf die Zusatzgehälter der Soldaten (in Chiapas erhielten oder erhalten hochrangige Militärchefs ein zusätzliches Gehalt in Höhe von 130%, weil sie sich im »Kriegsgebiet« aufhalten). Man müsste sie auch unter den Patenten, Lieferanten und internationalen Krediten suchen, die in der so genannten »Merida Initiative« nicht erwähnt werden.

Wenn der Krieg von Felipe Calderón Hinojosa (auch wenn er sich vergeblich bemühte, die Befürwortung aller Mexikanern für ihn zu erringen) ein Geschäft ist (was er ist), müssen wir nur die Frage beantworten, für wen es ein Geschäft ist, und welche Einnahmen es erreicht.

Einige wirtschaftliche Schätzungen.

Es ist nicht eben wenig, was auf dem Spiel ist:

(Anmerkung: die hier ausgeführten Zahlen sind nicht genau, da in den offiziellen Angaben der Regierung keine Klarheit herrscht. Aus diesem Grund wurden in einigen Fällen die Veröffentlichungen im Offiziellen Regierungsanzeiger als Quelle herangezogen, die dann durch Angaben von Regierungsämtern und ernsthafte journalistische Informationen vervollständigt wurden).

In den ersten vier Jahren des »Krieges gegen das organisierte Verbrechen« (2007-2010), bezogen die wichtigsten verantwortlichen Regierungsorgane (das Verteidigungsministerium -- das heißt, Armee und Luftwaffe --, die Marine, die Generalstaatsanwaltschaft, und das Ministerium für Innere Sicherheit), aus dem Ausgabenetat mehr als 366 Milliarden Pesos (ca. 30 Milliarden Dollar zum gegenwärtigen Wechselkurs). Diese vier Bundesorgane erhielten in 2007 mehr als 71 Milliarden Pesos, in 2008 mehr als 80 Milliarden Pesos, in 2009 mehr als 113 Milliarden Pesos, und in 2010 waren es mehr als 102 Milliarden Pesos. Zu dem kommen die mehr als 121 Milliarden Pesos (ca. 10 Milliarden Dollar) hinzu, die sie in 2011 beziehen werden.

Das Verteidigungsministerium alleine ging von einem Budget von 13 Milliarden Pesos in 2007 zu mehr als 35 Milliarden Pesos in 2011 über (vielleicht weil ihre Filmproduktionen mehr kosten).

Laut dem Dritten Jahresbericht der Bundesregierung von September 2009, verfügten die bewaffneten Streitkräfte im Juni dieses Jahres über 254.705 Soldaten (202.355 in der Armee und Luftwaffe und 52.350 in der Marine).

In 2009 belief sich das Budget für Landesverteidigung auf 43.623.321.860 Pesos, zum dem 8.762.315.960 Pesos hinzukamen (zusätzliche 25.14%), insgesamt mehr als 52 Milliarden Pesos für Armee und Luftwaffe. Die Marine erhielt mehr als 16 Milliarden Pesos. Die Öffentliche Sicherheit mehr als 33 Milliarden Pesos, und die Generalstaatsanwaltschaft mehr als 12 Milliarden Pesos.

Das Gesamtbudget für den »Krieg gegen das organisierte Verbrechen« in 2009 belief sich auf mehr als 113 Milliarden Pesos.

In 2010 verdiente ein einfacher Bundessoldat ca. 46.380 Pesos im Jahr; ein Divisionsgeneral erhielt 1 603.080 Pesos im Jahr, und der Verteidigungsminister erhielt ein Jahresgehalt von 1.859.712 Pesos.

Wenn meine Mathematik mich nicht im Stich lässt, hätten mit dem gesamten Kriegsetat von 2009 (113 Milliarden Pesos für die vier Regierungsinstanzen), die Jahresgehälter von 2.500.000 Soldaten bezahlt werden können, oder von 70.500 Divisionsgenerälen, oder von 60.700 Verteidigungsministern.

Aber natürlich wird nicht das gesamte Budget auf Gehältern und Leistungen aufgewendet. Es werden Waffen gebraucht, Ausrüstungen, Munition . . . da, die alten nicht mehr funktionieren oder bereits veraltet sind.

* * * * *

»Falls die mexikanische Armee mit ihren mehr als 150.000 Schusswaffen und ihren 331.300.000 Patronen gegen einen internen oder externen Feind ins Gefecht treten müsste, würde ihre Feuerkraft im Durchschnitt lediglich für 12 Tage im ununterbrochenen Gefecht ausreichen, laut den Schätzungen des Generalstabs für Landesverteidigung (Emaden) für alle Waffen der Armee und Luftwaffe. Dieser Prognose zufolge würde die Feuerkraft der 105 mm Haubitzen für nur 5,5 Gefechtstage ununterbrochenen Beschusses der jeweils 15 Granaten pro Waffen ausreichen. Die Panzereinheiten besitzen laut Analyse 2.662.000 75mm Granaten.

In einem Gefecht würden die Panzereinheiten ihre gesamten Patronen innerhalb von neun Tagen verbraucht haben. Was die Luftwaffe angeht, besitzen sie laut Angaben wenig mehr als 1.7 Millionen Patronen Kalibers 7,62 mm, die für die Geschütze der Kampfflugzeuge Typs PC-7 und PC-9 sowie von Hubschraubern Typs Bell 212 und MD-530 benötigt werden. In einem Feuergefecht würden diese 1.7 Millionen Patronen innerhalb von fünf Gefechtstagen aufgebraucht sein, laut Berechnungen der SEDENA. Das Verteidigungsministerium warnt, dass die 594 Nachtsichtsgeräte und die 305.000 GPS, die von den Sonderstreitkräften bei der Bekämpfung des Drogenkartelle eingesetzt werden, »bereits ausgedient haben«.

Die Mängel und die Abnutzung in den Reihen der Armee und Luftwaffe sind offensichtlich und haben unvorstellbare Ausmaße in praktisch allen Einsatzbereichen der Institution erreicht. Die Analyse des Verteidigungsministeriums zeigt, dass die Nachtsichtgeräte und die GPS in der Regel 5 bis 13 Jahre alt sind und bereits »ausgedient haben«. Das gleiche gilt für die »150.392 Schutzhelme« der Soldaten. 70% davon haben ihr Verfallsdatum bereits 2008 erreicht, und die 41.160 kugelsichere Westen werden ihn in 2009 erreichen ( . . .).

In diesem Panorama hat die Luftwaffe am meisten unter Rückständigkeit und technologischer Abhängigkeit vom Ausland zu leiden, inbesondere von den Vereinigten Staaten und Israel. Laut SEDENA beherbergen die Waffendepots der Luftwaffe 753 Bomben zu je 250 tausend Pfund. Die Kampfflugzeuge Typs F-5 und PC-7 Pilatus verwenden diese Waffen. Die 753 vorhandenen Bomben reichen für genau einen Tag Luft-Boden Gefecht aus. Die 87.740 Granaten Kalibers 20mm für die F-5 Kampfjets reichen aus um externe oder interne Feinde sechs Tage lang zu bekämpfen. Zu guter Letzt enthüllte das SEDENA, dass sich die Anzahl der Luft-Luft Raketen für F-5 Kampfflugzeuge auf lediglich 45 Stück belaufen, was für genau einen Tag Feuergefecht ausreicht«

-- Jorge Alejandro Medellin, Tageszeitung »El Universal«, Mexiko, 2. Januar 2009.

* * * * *

Dies wurde in 2009 bekannt, 2 Jahre nach Beginn des so genannten »Krieges« der Bundesregierung. Lassen wir die offensichtliche Frage beiseite, wie es möglich sein konnte, dass der höchste Kommandant der Streitkräfte, Felipe Calderón Hinojosa, einen Krieg vom Zaun brechen konnte (einen »langfristigen«, wie er sagt), ohne auch nur die materiellen Mindestvoraussetzungen zu haben diesen aufrechtzuerhalten, geschweige denn ihn zu »gewinnen«. Fragen wir also: Welche Kriegsindustrien werden von den Käufen von Waffen, Ausrüstungen und Munitionen profitieren?

Wenn der Hauptförderer dieses Krieges das Imperium der Streifen und trüben Sternen ist (wohlgemerkt stammen die einzigen Glückwünsche, die Felipe Calderón Hinojosa erhalten hat von der US-Regierung), darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass nördlich des Rio Bravo keine Hilfsleistungen erteilt, sondern Investitionen gemacht werden, das heißt, Geschäfte.

Siege und Niederlagen

Haben die Vereinigten Staaten in diesem »lokalen« Krieg etwas zu gewinnen? Die Antwort lautet: ja. Mal abgesehen von den wirtschaftlichen Gewinnen und finanziellen Investitionen in Waffen, Munition und Ausrüstung (vergessen wir nicht, dass die USA hierfür Hauptlieferant beider Kampfparteien ist: Behörden und »Verbrecher«. Der »Krieg gegen das organisierte Verbrechen« ist ein glänzendes Geschäft für die US-Militärindustrie). Dieser Krieg hat auch eine Zerstörung/Entvölkerung und geopolitischer Wiederaufbau/Neuordnung zur Folge, von der sie profitieren.

Dieser Krieg (der für die Regierung schon seit dem Augenblick seiner Konzeption verloren war, nicht als Lösung für ein Problem der Sicherheit, sondern für ein Problem der kontroversen Legitimation) zerstört die letzte Grundfeste, die einem Land verblieb: das soziale Gefüge.

Was für einen besseren Krieg könnte es für die Vereinigten Staaten geben, als einen, der ihnen Gewinne, Gebiete und politische und militärische Kontrolle einbringt, ohne die unbequemen »body bags« und Kriegsverwundeten, die früher aus Vietnam und jetzt aus Irak und Afghanistan zurückkehren?

Die Wikileaks Enthüllungen über die Meinungen hochrangiger US-Offiziere über die »Mängel« des mexikanischen repressiven Apparats (seine Ineffizienz und seine Verstrickung mit der organisierten Verbrechen) sind nicht neu. Nicht nur in der allgemeinen Bevölkerung, sondern auch in den höchsten Sphären der Regierung und Macht in Mexiko ist dies eine Gewissheit. Der Scherz, dass dies ein ungleicher Krieg wäre, weil das organisierte Verbrechen ja organisiert sei und die mexikanische Regierung nicht, ist eine finstere Wahrheit.

Am 11. Dezember 2006 nahm dieser Krieg offiziell seinen Anfang, mit der damals so genannten »Gemeinsame Operation Michoacan«. 7000 Soldaten von Armee, Marine und Bundespolizei lancierten eine Offensive (allgemein als »El Michoacanazo« bekannt), die sich, sobald die Medieneuphorie der ersten Tage verfolgen war, als Desaster herausstellte. Der militärische Befehlshaber war General Manuel Garcia Ruiz, Einsatzleiter war Gerardo Garay Cadena vom Ministerium für Innere Sicherheit. Heute und seit Dezember 2008, ist Gerardo Garay Cadena ein Gefangener im Hochsicherheitsgefängnis von Tepic, Nayarit, und wird der Verschwörung mit »El Chapo« Guzman Loera beschuldigt

Und mit jedem weiteren Schritt in diesem Krieg, fällt es der Bundesregierung schwerer zu erklären, wo sich der Feind befindet, den es zu besiegen gilt.

Jorge Alejandro Medellín ist ein Journalist, der mit zahlreichen Medien zusammenarbeitet -- unter anderen das Magazin »Contralínea«, die Wochenzeitschrift »Acentoveintiuno«, und das Nachrichtenportal »Eje Central« -- und hat sich auf die Themen Militarismus, Streitkräfte, nationale Sicherheit und Drogenhandel spezialisiert. In Oktober 2010 erhielt er Todesdrohungen wegen eines Artikels in dem er auf mögliche Verwicklungen des Drogenhandels mit General Felipe de Jesús Espitia hinwies, dem Exkommandanten der 5. Militärzone und ehemaliger Befehlshaber von Sektion Sieben für Einsätze gegen den Drogenhandel unter der Vicente Fox Regierung, sowie Leiter des Rauschgiftsmuseums in den Räumlichkeiten der S-7. General Espitia wurde als Kommandant der 5. Militärzone abgesetzt, angesichts des schreienden Misserfolgs der Einsätze, die er in Ciudad Juárez angeordnet hatte, und für seine mangelhafte Reaktion auf die Massaker, die in dieser Grenzstadt verübt werden.

Aber das Scheitern des Bundeskrieges gegen das »organisierte Verbrechen«, das Kronjuwel der Regierung von Felipe Calderón Hinojosa, ist für die Macht in den USA kein Grund zur Trauer: es ist vielmehr das Ziel, das es zu verfolgen gilt.

So sehr die Massenmedien sich auch bemühen mögen, die Scharmützel, die im Landesgebiet täglichen stattfinden, als glänzende Siege der Legalität vorzustellen, sie können keinen davon überzeugen.

Und das nicht nur weil die Massenmedien in den Arten des Informationsaustausches vom Großteil der Bevölkerung überholt worden sind (nicht nur das, sondern auch die sozialen Netze und das Mobiltelefon), sondern auch und vor allem, weil der Ton der Regierungspropaganda von Betrugsabsicht zu Spott hinübergewechselt ist (von dem »auch wenn es nicht so scheint, werden wir gewinnen«, zu "[Drogenhändler] sind eine lächerliche Minderheit«, die als Angebereien der jeweiligen Staatsbeamten durchgehen).

Auf diese andere Niederlage der Presse, ob gedruckt, im Funk oder Fernsehen, werde ich in einen anderen Brief zu sprechen kommen. Zum jetzigen Zeitpunkt und im Hinblick auf das Thema, das uns derzeit beschäftigt, reicht er sich zu erinnern, dass das »in Tamaulipas passiert nicht das geringste«, das in den Nachrichten ausposaunt wurde (vor allem in Funk und Fernsehen), durch Videos zu Fall gebracht wurde, die von Bürgern mit Mobiltelefonen und Digitalkameras aufgenommen und ins Internet verbreitet wurden.

Aber kehren wir zum Krieg zurück, von dem Felipe Calderón Hinojosa sagt, dass er nie gesagt hätte, dass es ein Krieg wäre. Hat er das nicht? Ist es das nicht?


* * * * *

»Sehen wir mal ob es ein Krieg ist oder nicht: am 5. Dezember 2006 sagte Felipe Calderón: Wir arbeiten daran, den Krieg gegen das Verbrechen zu gewinnen ..«. Am 20. Dezember 2007 verwendete Señor Calderon bei einem Frühstück mit Angehörigen der Marine, den Ausdruck »Krieg« mindestens vier mal in einer einzigen Ansprache: »Die Gesellschaft erkennt insbesondere die wichtige Aufgabe unserer Marine in den Krieg an, den meine Regierung gegen das Verbrechen führt ..«, »Die Loyalität und Effizienz der bewaffneten Streitkräfte sind eine der mächtigsten Waffen in den Krieg, den wir führen ..«, »Beim Beginn dieses Frontalkrieges gegen das Verbrechen sagte ich, dass es sich um einen langfristigen Kampf handeln würde«, .«genau so sind die Kriege ..«. Aber es geht noch weiter: am 12. September 2008, während der Eröffnungszeremonie der Militärakademie, verwendete der selbsternannte »Präsident der Arbeitsbeschaffung« den Begriff »Krieg gegen das Verbrechen«, bis zu 12 Mal: »Heute führt unser Land einen Krieg, der sich sehr von dem unterscheidet, den die Aufständischen in 1810 geführt haben, einen Krieg, der sich von dem unterscheidet, dem sich die Kadetten der Militärakademie vor 161 Jahren gegenüber sahen ... ", "....alle Mexikaner unserer Generation müssen den Feinden Mexikos den Krieg erklären ... Deshalb, ist in diesem Krieg gegen das Verbrechen ..«, »Es ist unumgänglich, dass alle, die wir uns dieser gemeinsamen Front anschließen, von Worten zu Taten schreiten, und den Feinden Mexiko wahrhaft den Krieg erklären ..«, »Ich bin überzeugt, dass wir diesen Krieg gewinnen werden ..«

(Alberto Vieyra Gómez. Mexikanische Nachrichtenagentur, 27. Januar 2011).

* * * * * *

Wenn er sich unter Hinzuziehung des Kalenders selbst widerspricht, korrigiert Felipe Calderón Hinojosa weder seine Fehler, noch bessert er sich konzeptuell. Nein, was am Ende herauskommt ist, dass Kriege gewonnen oder verloren werden (in diesem Fall, verloren) und die Bundesregierung nicht zugeben möchte, dass der zentrale Fokus seiner Amtsführung militärisch und politisch gescheitert ist.
Endloser Krieg? Der Unterschied zwischen Wirklichkeit . . . und Videospiele.

Wird Felipe Calderón Hinojosa angesichts des unleugbaren Scheiterns seiner Kriegspolitik die Strategie wechseln?

Die Antwort ist NEIN. Und das nicht nur weil der Krieg von oben ein Geschäft ist, und wie alle Geschäfte so lange weitergeführt wird wie es Gewinne einbringt.

Felipe Calderón Hinojosa, oberster Kommandant der bewaffneten Streitkräfte; eifriger Verehrer von José María Aznar; selbsternannter »ungehorsame Sohn«; Freund von Antonio Solá; »Sieger« der Präsidentschaftswahlen durch einen halben Prozent der abgegebenen Stimmen, dank der Alchemie von Elba Esther Gordillo; der Mann von solch autoritärer Grobheit, die einem Wutanfall nahe kommt (»Komm runter hier, oder ich lasse dich herschaffen«), der die Kinder, die in der ABC Tageskrippe von Hermosillo, Sonora ermordet unter noch mehr Blut verdecken möchte; der seinen militärischen Krieg mit einem Krieg gegen würdige Arbeit und gerechte Löhne begleitet; der angesichts der Morde an Marisela Escobedo und Susana Chávez Castillo in einem berechneten Autismus verfällt; der Leichenetiketten mit der Aufschrift »Angehörige des organisierten Verbrechens« an Kinder, Männer und Frauen austeilt, die ermordet wurden und werden weil, ja, weil sie sich zufällig im falschen Kalender und in der falschen Geografie aufgehalten haben, und deren Namen noch nicht einmal erwähnt werden, weil sie weder in der Presse noch von den sozialen Netzwerken zur Kenntnis genommen werden.

Er, Felipe Calderón Hinojosa, ist auch ein Fan von Strategievideospielen.

Felipe Calderón Hinojosa ist der »Gamer«, der »innerhalb von vier Jahren ein ganzes Land in einer Realversion von »Age of Empire« verwandelt hat -- sein bevorzugtes Videospiel, ( . . .) ein Kriegsliebhaber -- und fürchterlicher Stratege« (Diego Osorno in der Tageszeitung Milenio ", 3. Oktober 2010).

Er ist es, der uns dazu bringt zu fragen: wird Mexiko wie ein Videospiel regiert? (ich glaube, dass ich es mir erlauben kann diese Art kontroverser Fragen zu stellen, ohne Gefahr zu laufen wegen Verletzung des »ethischen Codes« gefeuert zu werden, der sich nach der bezahlten Werbung richtet).

Felipe Calderón Hinojosa wird nicht haltmachen. Und das nicht nur weil die bewaffneten Streitkräfte ihn nicht lassen (Geschäft ist Geschäft), sondern auch aufgrund der Halsstarrigkeit, die die gesamte politische Karriere des »obersten Befehlshabers« der mexikanischen Streitkräfte bezeichnet hat

Machen wir eine kleine Gedächtnisübung: In März 2001 als Felipe Calderón Hinojosa parlamentarischer Koordinator der Bundesabgeordneten der Nationalen Aktionspartei (PAN) war, fand dieses bedauerliche Spektakel statt, als die PAN es einer gemeinsamen Delegation des Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) und der EZLN verweigern wollte die Tribüne des Bundeskongresses zu benutzen, anlässlich des so genannten »Marsches der Farbe der Erde«.

Obwohl sich die PAN dadurch als eine rassistische und intolerante politische Organisation zeigte (und zeigt), die den Indigenas das Recht verwehren wollte angehört zu werden, hielt Felipe Calderón Hinojosa an seiner Weigerung fest. Alle sagten ihm, dass es ein Fehler war diese Position beizubehalten, aber der damalige Koordinator der PAN-Abgeordneten gab nicht nach (und er endete mit Diego Fernández de Cevallos und anderen berühmten PAN-Angehörigen in einem der Privatsäle, wo sie im Fernsehen mitverfolgten wie die Indigenas das Wort in einem Raum ergriffen, den sich ansonsten die politische Klasse für ihre Komödiensketche vorbehält.
»Ungeachtet der politischen Kosten«, soll Felipe Calderón Hinojosa damals gesagt haben.

Heute sagt er das gleiche, obwohl es sich heute nicht mehr um die politischen Kosten einer einzelnen Partei handelt, sondern um die menschlichen Kosten, die ein ganzes Land wegen seines Starrsinns zahlen muss.

Als ich schon nahe dran war diesen Brief abzuschließen, stieß ich auf die Aussagen der US-Ministerin für innere Sicherheit, Janet Napolitano, die über möglichen Allianzen zwischen der Al Qaeda und den mexikanischen Drogenkartellen spekulierte. Ein Tag zuvor, hatte der Vizeminister der Armee der Vereinigten Staaten, Joseph Westphal, erklärt, dass in Mexiko eine Art von Aufstand unter Leitung der Drogenkartelle stattfände, die potentiell die Regierung übernehmen könnten, was eine militärische Antwort der Vereinigten Staaten erforderlich machen würde. Er sagte weiter, dass er nicht wünschte eine Situation zu sehen, in der US-Soldaten entsendet werden müssten, um einen Aufstand »an unserer Grenze zu bekämpfen ... oder um diese Grenze nach Mexiko zu überschreiten«.

Währenddessen nahm Felipe Calderón Hinojosa an einer Gefechtssimulation in einem Kulissendorf in Chihuahua teil, und kletterte in ein F-5 Kampfflugzeug, wo er sich im Pilotencockpit setzte und scherzhaft so tat als würde er »Raketen abfeuern«.

Von Strategievideospielen zu »Luftkampfsimulationen« und »Ego-Shootern«? von »Age of Empire« zu HAWX?

HAWX ist ein Luftkampfvideospiel, in dem in einer nahen Zukunft private Militärfirmen die Regierungsarmeen mehrerer Länder ersetzt haben. Die erste Mission des Videospiels besteht darin, Ciudad Juárez, Chihuahua, Mexiko, zu bombardieren, weil die rebellischen Kräfte diesen Ort besetzt haben und damit drohen in das nordamerikanische Gebiet vorzurücken.

Nicht in diesem Videospiel sondern in Irak, handelte es sich bei einer der privaten Militärfirmen, die vom nordamerikanischen State Department und der CIA unter Vertrag genommen wurden um »Blackwater USA«, die später ihren Namen zu »Blackwater Worldwide« änderten. Ihr Personal verübte schwere Missbräuche in Irak, einschließlich der Ermordung von Zivilisten. Neulich haben sie ihren Namen zu »Xe Services LL« umgeändert, und sind der größte Vertragspartner für private Sicherheit des nordamerikanischen State Departments. Mindestens 90% ihrer Einnahmen stammen aus Verträgen mit der Regierung der Vereinigten Staaten.

Am gleichen Tag, als Felipe Calderón Hinojosa im Kampfflugzeug (10. Februar 2011) herumspielte, und ebenfalls im Bundesstaat Chihuahua, starb ein 8-jähriges Mädchen, die von einer Kugel in einem Schussgefecht zwischen bewaffneten Personen und Militärangehörigen getroffen wurde.

Wann wird dieser Krieg enden?

Wann wird das »Game Over« auf dem Bildschirm der Bundesregierung erscheinen, gefolgt vom Abspann mit den Danksagungen an Produzenten und Sponsoren des Krieges?

Wann wird Felipe Calderón sagen können »wir haben den Krieg gewonnen, wir haben dem Feind unseren Willen aufgezwungen, wir haben ihre materielle und moralische Gefechtsfähigkeit zerstört, wir haben die Gebiete (wieder)erobert, die sie unter Kontrolle hatten«?

Seitdem seiner frühesten Konzeption hat dieser Krieg kein Ende und ist bereits verloren.

Es wird auf diesem Boden keinen mexikanischen Sieger geben (im Unterschied zur Regierung hat die ausländische Macht ja einen Plan zum Wiederaufbau/Neuordnung des Gebietes), und der Besiegte wird die letzte Ecke des sterbenden Nationalenstaates in Mexiko sein: die sozialen Beziehungen, die eine gemeinsame Identität gebend, die Grundlage einer Nation sind.

Noch vor dem angeblichen Ende, wird das soziale Gefüge vollkommen zerstört sein.

Das Ergebnis: der Krieg von oben und der Tod von unten.

Schauen wir mal, was das Regierungsministerium über den »Nicht-Krieg« von Felipe Calderón Hinojosa zu berichten hat:

* * * *

»2010 war das gewaltsamste Jahr der gegenwärtigen Amtszeit, mit einer Akkumulation von 15.273 Morde in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen, 58% mehr als die 9.614 Morde, die in 2009 registriert worden sind, laut der Regierungsstatistik, die am letzten Mittwoch veröffentlicht wurde. Von Dezember 2006 bis Ende 2010 wurden 34.612 Verbrechen registriert, von denen 30.913 Fälle als »Hinrichtungen«, 3.153 als »Konfrontationen« und 544 als »gewaltsame Morde« verzeichnet sind«. Alejandro Poiré, technischer Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, stellte eine von Experten ausgearbeitete offizielle Datenbank vor, die ab sofort »monatlich zusammengefasste Informationen auf Staats- und Bezirksebene« über die Gewalt im ganzen Land liefern wird«

(Tageszeitung Vanguardia«, Coahuila, Mexiko, 13. Januar 2011)

* * *

Fragen wir uns: wie viele von diesen 34.612 Mordopfern waren Verbrecher? Und die mehr als eintausend ermordeten Jungen und Mädchen, (die der Minister in seiner Aufzählung zu erwähnen versäumte), waren sie auch »Killer« des organisierten Verbrechens? Wenn die Bundesregierung verkündet »wir sind dabei zu gewinnen«, auf welchen Drogenkartell beziehen sie sich da? Wie viele Zehntausende mehr gehören dieser »lächerlichen Minderheit« an, die der Feind ist, den es zu besiegen gilt?

Während sie sich dort oben vergeblich bemühen in den Statistiken die Verbrechen zu verharmlosen, die ihr Krieg hervorgebracht hat, muss darauf hingewiesen werden, dass hier auch das soziale Gefüge in fast ganz Mexiko vernichtet wird.

Die kollektive Identität der Nation wird vernichtet und durch eine andere ersetzt.

Denn »eine kollektive Identität ist nichts anderes als ein Bild, den eine Bevölkerung sich von sich selbst schmiedet, um sich selbst als Angehörige dieser Bevölkerung zu erkennen. Eine kollektive Identität sind jene Züge, durch die sich der Einzelne als einer Gemeinschaft zugehörig zu erkennen gibt. Und die Gemeinschaft akzeptiert diesen Einzelnen als Teil ihres Ganzen. Dieses Bild, das die Bevölkerung sich schmiedet, ist nicht notwendigerweise die Fortdauer eines vererbten traditionell Bildes, sondern wird im allgemeinen von den Einzelnen entworfen, insofern sie einer Kultur angehören, um ihre Vergangenheit und Gegenwart mit den Projekten dieser Gemeinde in Einklang zu bringen. Somit ist die Identität nicht nur eine Hinterlassenschaft, die geerbt wird, sondern ein Bild, das erbaut wird, den jede Bevölkerung für sich erschafft, und ist dadurch den historischen Voraussetzungen gemäß wechselhaft und veränderlich«. (Luis Villoro, November 1999, Gespräch mit Bertold Bernreuter, Aachen, Deutschland).

In der kollektiven Identität eines Großteils des Nationalgebietes herrscht nicht, wie man uns glaubhaft machen will, der Disput zwischen Nationalhymne und Narco-Corrido vor (wenn man nicht die Regierung unterstützt, hilft man dem Drogenhandel und umgekehrt).

Nein.

Was vorherrscht, ist eine Aufzwingung durch Waffengewalt, von Angst als kollektives Bild, von Unsicherheit und Verwundbarkeit als Spiegel, in denen diese Kollektive sich widerspiegeln.

Welche sozialen Beziehungen können aufrechterhalten oder geflochten werden, wenn Angst das dominierende Bild ist, mit dem eine soziale Gruppe sich identifizieren soll, wenn der Gemeinschaftssinn unter dem Schrei »Rette sich wer kann« auseinander bricht.

Das Ergebnis dieses Krieges werden nicht nur Tausende von Toten sein . . . und saftige wirtschaftliche Gewinne.

Sondern auch und vor allem, eine Nation, die zerstört ist, entvölkert, und unwiderruflich zerbrochen.

III .- NICHTS ZU MACHEN?

Diejenigen, die aus dieser tödlichen Rechnung ihre schäbigen Summen und Restwahlstimmen ziehen, rufen wir in Erinnerung:

Vor 17 Jahren, am 12. Januar 1994, brachte eine gewaltige Bürgermobilisierung (merke: ohne Chefs, zentrale Führung, Anführer oder Leiter) den Krieg hier zum Stillstand. Konfrontiert mit Grauen, Zerstörung und Tod, war die Reaktion vor 17 Jahren fast umgehend, schlagend, effizient.

Jetzt mindern Erstarrung, Gier, Intoleranz und Geiz die Unterstützungen und rufen zur Unbeweglichkeit . . . und Ineffizienz.

Die lobenswerte Initiative einer Gruppe von Kulturschaffenden (»kein Blut mehr«) wurde von Anfang an disqualifiziert, weil sie sich nicht einem Wahlkampf-Projekt »verschreiben« wollten, nicht dem Befehl folgten bis 2012 zu warten.

Jetzt mit dem Krieg hier in ihren Städten, auf ihren Straßen, auf den Wegen, in ihren Häusern, was kann man tun? Ich meine, außer sich jemanden zu »verschreiben«, der »das beste Projekt«

»Die Leute aufzufordern bis 2012 zu warten? Weil sie dann wieder für das kleine Übel stimmen dürfen, und diesmal die Wahl respektiert werden wird?

Wenn es mehr als 34.000 Tote in 4 Jahren gegeben hat, sind das mehr als 8.000 Todesfälle pro Jahr. Heißt das wir sollen mehr als 16.000 Toten abwarten bevor wir etwas tun?

Denn es wird noch schlimmer werden. Wenn die derzeitigen Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahlen von 2012 (Enrique Peña Nieto und Marcelo Ebrard), die Staaten mit der höchsten Anzahl von Bürgern regieren, ist es da nicht zu erwarten, dass der »Krieg gegen das organisierte Verbrechen« sich gerade hier verschärfen wird, mit den sich daraus ergebenden »kollateralen Schäden«?

Was werden sie tun? Nichts. Sie werden den gleichen Weg der Intoleranz und Dämonisierung wie vor 4 Jahren folgen, als in 2006 alle, die nicht für López Obrador waren beschuldigt wurden der Rechten zu dienen. Jene, die uns damals und heute angegriffen und verleumdet haben, setzen den gleichen Weg gegenüber anderen Bewegungen und Organisationen, Proteste, und Mobilisierungen fort.

Warum tut die angebliche große nationale Organisation, die sich darauf vorbereitet bei den nächsten Bundeswahlen, diesmal aber wirklich, ein alternatives Projekt der Nation zum Sieg zu führen, nicht jetzt sofort irgendwas? Ich meine, wenn sie glauben Millionen von Mexikanern mobilisieren zu können, um für jemanden zu stimmen, warum sie nicht mobilisieren, um den Krieg stoppen und damit das Land überlebt? Oder ist das eine schäbige und gemeine Rechnung? Die die Summe der Todesopfer und Zerstörungen vom Gegner subtrahiert und dem Gewählten hinzuaddiert?

Heute, inmitten dieses Krieges, wird das kritische Denken wieder aufgeschoben. Das Wichtigste zuerst: das Jahr 2012 und die Antworten auf die Fragen nach den »Hähnen«, neu oder recycelt, für diese Zukunft, die heute schon zerbröckelt. Alles muss diesem Kalender und seinen vorhergehenden Schritten untergeordnet werden: die lokalen Wahlen in Guerrero, Baja California Sur, Hidalgo, Nayarit, Coahuila, Mexiko Stadt.

Und während alles am Auseinanderfallen ist, erzählen sie uns, dass das Wichtigste es sei, die Wahlergebnisse, Trends und Möglichkeiten zu analysieren. Sie rufen dazu auf auszuharren bis der Augenblick gekommen ist den Wahlschein anzukreuzen, und dann wieder darauf zu hoffen, dass alles in Ordnung kommt und das zerbrechliche Kartenhaus der mexikanischen politischen Klasse wieder errichtet wird.

Erinnern Sie sich, wie sie uns dafür verspottet und angriffen haben, weil wir seit 2005 die Leute dazu aufgerufen haben, sich nach ihren eigenen Bedürfnissen, Geschichte, Identität und Hoffnungen zu organisieren und nicht darauf zu setzen, dass irgend jemand dort oben alles lösen würde?

Haben wir uns geirrt, oder sie?

Wer traut sich in den Hauptstädten zu sagen, dass man nicht nur morgens furchtlos aus dem Haus gehen kann, sondern schon in der Nacht?

Wer macht sich das »wir werden gewinnen« der Bundesregierung zueigen, und betrachtet Soldaten und Polizei mit Respekt und nicht mit Angst?

Wer wacht heutzutage auf, ohne zu wissen, ob sie am Ende des beginnenden Tages noch am Leben, gesund oder frei sein werden?

Wer ist nicht dazu imstande den Menschen eine Lösung, eine Alternative anzubieten, die nicht darin besteht, auf die nächsten Wahlen zu warten?

Wer ist nicht dazu imstande eine Initiative aufzustellen und zu verfolgen, die zumindest auf lokaler Ebene zündet, wenn schon nicht landesweit.

Wer ist alleine geblieben?

Denn wer am Ende übrig bleiben wird, sind jene, die Widerstand geleistet haben; die sich nicht verkauft haben; die sich nicht ergeben haben; die nicht aufgegeben haben; die verstanden haben, dass die Lösungen nicht von oben kommen sondern von unten errichtet werden; die nicht auf die Illusionen gesetzt haben oder setzen, die von einer politischen Klasse verkauft werden, die mit der Zeit nach Leichnam stinkt; die nicht dem Kalender von oben gefolgt sind, noch ihre Geografie diesem Kalender angepasst haben, der eine soziale Bewegung in einer Liste Wählernummern der IFE verwandelt hat; die angesichts eines Krieges nicht unbewegt geblieben sind, um eine neue Jongliershow der politischen Klasse im elektoralen Zirkuszelt abzuwarten, sondern eine soziale Alternative von Freiheit, Gerechtigkeit, Arbeit und Frieden errichtet haben.

IV. DIE ETHIK UND UNSER ANDERER KRIEG.

Wir haben zuvor gesagt, dass der Krieg im Kapitalismus inhärent ist, und dass der Kampf für den Frieden antikapitalistisch ist.

Sie, Don Luis, sagten einst ebenfalls, »die soziale Moral stellt lediglich eine erste vorkritische Stufe zur Ethik dar. Die kritische Ethik beginnt dann, wenn das Subjekt sich von den existenten Formen der Moral entfernt und die Gültigkeit ihrer Regeln und Verhaltensweisen hinterfragt. Er/sie kann erkennen, dass die soziale Moral die Tugenden, die sie vorgibt nicht erfüllt«.

Ist es möglich, die Ethik in den Krieg einzubeziehen? Ist es möglich sie dazu zu bringen zwischen militärischen Paraden, Militärrängen, Wachstationen, Einsätze, Gefechte, Tode durchzubrechen? Ist es möglich sie dazu zu bringen, die Gültigkeit der militärischen Regeln und Verhaltensweisen in Frage zu stellen?

Oder ist die Fragestellung nach ihren Möglichkeiten nichts weiter als eine Übung in philosophischer Spekulation?

Denn vielleicht wäre die Einbeziehung dieses »anderen« Elements in den Krieg nur innerhalb eines Paradoxes möglich. Die Einbeziehung der Ethik als bestimmenden Faktor in einen Konflikt, würde als Konsequenz eine radikale Erkenntnis nach sich ziehen: der Kontrahent weiß, dass sein »Triumphes« gleichzeitig seine Niederlage zur Folge haben würde.

Und ich beziehe mich nicht auf die Niederlage als »Zerstörung« oder »Verwahrlosung«, sondern auf die Negation der Existenz als kriegsführende Macht. Das heißt, eine Macht, führt einen Krieg, der, wenn sie ihn gewinnt, ihr Verschwinden als eine Macht bedeutet. Natürlich auch wenn sie ihn verliert, aber niemand führt einen Krieg um ihn zu verlieren (außer Felipe Calderón Hinojosa natürlich).

Und hier ist das Paradox des zapatistischen Krieges: wenn wir verlieren, gewinnen wir; und wenn wir gewinnen, gewinnen wir. Der Schlüssel besteht darin, dass wir einen Krieg führen, der nicht darauf hinzielt den Gegner im klassischen Sinn zu vernichten.

Es ist ein Krieg, der versucht das Terrain seiner Umsetzung und die Möglichkeiten der Kontrahenten (uns eingeschlossen) zu annullieren

Es ist ein Krieg um aufzuhören zu sein was wir jetzt sind, und das zu werden, was wir sein müssen.

Dies ist möglich gewesen weil wir den anderen, den Anderen, die Andere erkennen, die in anderen Ländern Mexikos und der Welt und ohne uns gleich zu sein, die gleichen Schmerzen erleiden, ähnliche Widerstände aufrechterhalten, die für eine multiple Identität kämpfen, die nicht auslöscht, unterwirft und erorbert, und die sich nach einer Welt ohne Armeen sehnen.

Vor 17 Jahren, am 1. Januar 1994, machte sich der Krieg gegen die indigenen Völker Mexikos sichtbar.

Mit einem Blick auf die nationale Geografie in diesem Kalender, erinnern wir uns:

Waren nicht wir, die Zapatisten, die Gewaltsamen? Beschuldigte man nicht uns zu versuchen das Nationalgebiet zu spalten? Hieß es da nicht, dass unser Ziel darin bestünde den sozialen Frieden zu zerstören, die Institutionen zu untergraben, Chaos zu säen, den Terror zu fördern und dem Wohlstand einer freien, unabhängigen und souveränen Nation ein Ende zu setzen? Wurde zunächst nicht bis zum Überdruss darauf hingewiesen, dass unsere Forderung nach der Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur, die Gesellschaftsordnung untergrub?

Vor 17 Jahren, am 12. Januar 1994, forderte uns eine zivile Mobilisierung ohne definierte politische Zugehörigkeit auf, den Pfad des Dialogs zu versuchen um unsere Forderungen zu erfüllen.

Wir kamen dieser Forderung nach.

Immer wieder, trotz des Krieges, der gegen uns geführt wurde, bestanden wir auf friedliche Initiativen.

Jahrelang haben wir militärischen, ideologischen und wirtschaftlichen Angriffen widerstanden, und jetzt dem Schweigen über das was geschieht.

Unter den schwierigsten Bedingungen haben wir uns nicht nur nicht ergeben, nicht verkauft, und nicht aufgegeben, wir haben auf bessere Lebensbedingungen in unseren Dörfern errichtet.

Zu Beginn dieses Briefes sagte ich, dass der Krieg den eingeborenen Völkern der mexikanischen Indigenas ein wohlbekannter Pfad ist.

Mehr als 500 Jahre später, mehr als 200 Jahre später, mehr als 100 Jahre später, und heute mit dieser anderen Bewegung, die ihre kommunale multiple Identität fordert, sagen wir:

Hier sind wir.

Wir haben eine Identität.

Wir haben Gemeinschaftssinn, weil wir weder erwarten noch darauf hoffen, dass die Lösungen die wir brauchen und verdienen, von oben kommen.

Weil wir unseren Gang niemanden unterordnen, der nach oben blickt.

Weil wir die Unabhängigkeit unseres Vorschlages aufrechterhalten, können wir uns mit Gleichmut den anderen hinzugesellen, die so wie wir nicht nur Widerstand leisten, sondern auch eine eigene Identität errichtet haben, die ihnen soziale Zugehörigkeit verleiht und jetzt auch ihre einzige solide Chance darstellt den Desaster zu überleben.

Wir sind wenige, unsere Geografie ist begrenzt, wir sind niemand.

Wir sind indigene Völker, die in den fernsten Geografien und Kalender zerstreut sind.

Wir sind etwas anderes.

Wir sind wenige, unsere Geografie ist begrenzt.

Aber unser Kalender wird nicht von Unruhe bestimmt.

Wir gehören niemandem außer uns selbst.

Vielleicht weil wir wenig haben, haben wir keine Angst.

Leben Sie wohl, Don Luis. Grüße, und auf dass die kritische Reflexion neue Schritte beflügle.

Aus den Bergen des mexikanischen Südosten

Subcomandante Insurgente Marcos Mexiko, Januar Februar 2001

Original-Quelle:  
  PDF des Originals


 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/ 
 

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