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Trans-Textil International, S.A. de C.V., die Maquiladora von San Cristóbal de las Casas

Chiapas al Dia no. 339 vom 09.06.2003
übersetzt von Gabriele

  "Das sind die Alternativen, von denen wir lange Zeit für Chiapas geträumt haben" — Worte des Gouverneurs von Chiapas, Pablo Salazar Mendiguchía, anläßlich der Einweihung von Trans-Textil International am 11. April 2002 in San Cristóbal.

Vor einem Jahr, am 11. April 2002, flog Präsident Vicente Fox in seinem Präsidentenflugzeug nach San Cristóbal de las Casas, Chiapas, um eine neue und bisher einzige Maquiladora (1) in dieser Stadt einzuweihen, die Trans-Textil International (TTI). Der Besuch von Fox unterstrich die Bedeutung, die seine Regierung Initiativen wie der TTI beimißt. Sie ist das Ergebnis einer direkten Zuwendung von 17 Mio. Pesos (US$ 1,62 Mio.) aus öffentlichen Geldern, damit diese Fabrik aufgebaut werden konnte, und Teil des Bundesprogrammes Marcha al Desarrollo (Weg zur Entwicklung), dessen Ziel, so Fox, lautet, "die Bresche in der Entwicklung zwischen dem Süden und dem Norden unseres Landes zu schließen".

Für den Gouverneur von Chiapas, Pablo Salazar, war die Einweihung der TTI nicht weniger als "der Ausgangspunkt der industriellen Entwicklung dieses Staates". (2) In Anbetracht der Arbeitslosigkeit, die 20 Jahre neoliberaler Politik hinterlassen haben, und die, neben anderen Entgleisungen, eine hohe und wachsende Migration auf dem Land hervorruft, stehen die Regierungen auf jeder Ebene unter dem Druck, Arbeitsplätze zu schaffen. Auf die Maquiladoras haben sie ihre Hoffnungen gesetzt. Deswegen die Geste von Fox, die Einweihung der TTI zu übernehmen, da sie für ihn und Gouverneur Salazar ein Beispiel darstellt, dem zu folgen ist, und ein Beweis für die Unternehmer, daß der Südosten Mexikos eine Alternative für ihre Investitionen sein kann. So könnten sich die bisher überwiegend im Norden des Landes niedergelassenen Maquiladoras auch im Südosten ausbreiten. Haben wir eine neue Fata Morgana vor uns? Sind die Maquiladoras die Lösung für die Arbeitslosigkeit auf dem Land und die daraus entstehende Abwanderung, die durch 20 Jahre neoliberaler Politik hervorgerufen wurde? Ein Blick auf die Trans-Textil in San Cristóbal und auf die Exportindustrie der Maquiladoras im allgemeinen wird uns helfen, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob wir am Beginn einer von Fox und Salazar erträumten industriellen Entwicklung in Chiapas stehen.

Anreize

Damit sich eine Firma wie die TTI niederläßt, gewähren die Regierungen auf Bundes-, Staats- und Gemeindeebene "Anreize", das heißt, sie geben den Unternehmen von unseren Steuern Geld oder sie verzichten auf Zahlungen, die sie normalerweise von ihnen erhalten. Im Falle der TTI besteht die Zuwendung aus (mindestens) 17 Mio. Pesos, d.h. 6 Mio. aus dem Bundesprogramm Marcha al Desarrollo und weitere 11 Mio. aus dem Haushalt der chiapanekischen Regierung. Die 6 Mio. wurden auf der Grundlage einer Verpflichtung seitens der TTI gewährt, 1.500 Arbeitsplätze zu schaffen, wobei jeder versprochene Arbeitsplatz einer Zuwendung von 4.000 Pesos entspricht. Das sind jedoch bis jetzt nur versprochene, keine existierenden Arbeitsplätze. Nach dem ersten Jahr im April 2003 arbeiten laut Geschäftsführer José A. Chehuán Borge 450 ArbeiterInnen bei Trans-Textil. In Untersuchungen aufgrund von Besuchen vor Ort wurde kalkuliert, daß es weniger ArbeiterInnen sein müssen. Auf jeden Fall übergab die Bundesregierung der TTI die 6 Mio. Pesos, die für die Renovierung des Industriekomplexes, der heute die Maquiladora beherbergt, verwendet wurden.

Die staatliche Regierung Pablo Salazars hat ihrerseits dem Vorbesitzer Bodegas Gigante für 10 Mio. Pesos den immensen Komplex von 8.400 m? abgekauft und ihn als zinsloses Darlehen an TTI übergeben. Die Regierung von Chiapas deckt auch die Löhne der Beschäftigten von TTI während der ersten sechs Monate ihrer Beschäftigung in der Maquiladora ab; dem Zeitraum, den sie angeblich für ihre Schulung brauchen. Abgesehen davon, daß die Art von Arbeit dort eine minimale Schulung benötigt, stellen die Zuwendungen in Wirklichkeit den Mindestlohn dar, den die ArbeiterInnen in diesen sechs Monaten verdienen, und den sich TTI spart, allerdings auf Kosten der chiapanekischen Steuerzahler. Ebenso findet in diesen ersten sechs Monaten die Mehrzahl der Entlassungen oder freiwilligen Kürzungen statt, und das Unternehmen spart sich auch noch die Kosten, neu Eingetretene wieder einzulernen.

Schließlich hat die Stadtverwaltung von San Cristóbal diesem Paket von Anreizen noch ein Bonbon dazu gegeben, indem sie an den Haupteingängen des Komplexes einen Gehweg baute.

Doch anstatt sich für diese riesigen Zuwendungen aus der Staatskasse zu bedanken, gönnt sich die Trans-Textil International den Luxus, keinen von denen, die den Komplex renoviert haben, zu bezahlen. Derzeit hat die TTI Schulden von etwa 2 Mio. Pesos bei verschiedenen Bauunternehmen und Arbeitern, darunter dem Unternehmen Prefabricados S.A. de C.V. (574.678,36 Pesos Schulden, entspr. ca. 46.000,- EUR), Ingenieur Juan Gilberto Gómez Díaz (etwa 466.000,00 Pesos Schulden , entspr. ca. 37.000,- EUR), SEPROFEL, S.A. de C.V. (etwa 200.000,00 Pesos Schulden, entspr. ca. 16.000,- EUR) sowie Schulden für Schmiede-, Tischler-, Rohrleitungs- und Fensterarbeiten und bei verschiedenen Handwerkern, alle aus San Cristóbal de las Casas. (3)

Gouverneur Salazar und das Büro von Vicente Fox wissen von den Schulden, ohne daß innerhalb eines Jahres etwas passiert wäre. Amado Avendano, bekannter Journalist und Politiker in Chiapas, berichtet, daß Pablo Salazar in seiner Anwesenheit mit dem Besitzer von TTI telefoniert habe, um die Schulden und das schlechte Bild, das die Maquiladora abgibt, zu reklamieren, aber bis heute ist nichts geschehen. Die betroffenen Firmen erwägen eine Klage trotz des Kreuzweges, der sie bei den Winkelzügen der mexikanischen Justiz erwartet und wohl wissend, daß der Widersacher wohlhabend, einflußreich und übermächtig ist. "Er ist ein Individuum, das aus dem Nicht-Bezahlen eine Lebensform gemacht hat", so der Journalist David Páramo. (4)

Arbeitsbedingungen (5)

Die ArbeiterInnen dieser Textil-Maquiladora sind zu 60% Frauen und zu 40% Indigene; das Durchschnittsalter liegt bei 22 Jahren. Die Mehrzahl der Frauen hat Kinder zu versorgen. Die Beschäftigten erhalten den Mindestlohn, der sich derzeit auf 40,30 Pesos (US$ 3,84) pro Tag entsprechend der "Zone C", in der der Verdienst landesweit am geringsten ist, beläuft. Offiziell werden 45 Stunden in der Woche gearbeitet, verteilt auf 5 Tage, plus 2 Sonntage pro Monat — "Packtage". Laut Geschäftsführer Chehuán gibt es für die ArbeiterInnen, die ihre 6-monatige "Schulung" abgeschlossen haben, Leistungsprämien, wenn die Produktion eine vorgegebene Mindestquote überschreitet. Diese Anreize können eine bis zu 50%ige Steigerung des Mindestlohnes bedeuten. Die Beschäftigten erhalten auch die vom Gesetz vorgesehenen Leistungen wie Urlaub, Sozialversicherung etc. Die Belegschaft besteht aus "Modulen" à 16 Personen — Näherinnen, Prüferinnen bis hin zu Packerinnen. Wenn sie ihre Mindestquote nicht erreichen, müssen sie ohne zusätzliche Bezahlung weiterarbeiten, bis sie sie erreicht haben.

Auf die Frage, ob die ArbeiterInnen eine Gewerkschaft bilden können, antwortet Geschäftsführer Chehuán, daß dem nichts im Wege stünde, aber mit einem Lächeln fügt er hinzu, "daß es offiziell keine gibt". In der Tat berichtete der Geschäftsführer dem holländischen Journalisten Bertram Zagema im vergangenen November, daß er zu dem Zeitpunkt, da er von einem Bemühen der Arbeiter, sich zu organisieren, erfahren habe, schon alle Dokumente bereit hatte, um die Gewerkschaft "Fantasma" (Trugbild) (diese existiert nur dem Namen nach) zu gründen. Mit dem Schutz, den das Gesetz den Unternehmern gewährt, konnte er damit jeglichen Versuch, eine echte und unabhängige Gewerkschaft zu gründen, vereiteln.

Zumindest ein Grund, sich in San Cristóbal niederzulassen, ist der, daß seine Leute noch nicht "verdorben" sind, beichtete Chehuán während eines anderen Interviews. Nicht so wie die Disziplinlosen von Acapulco, hätte er vielleicht gerne hinzugefügt. In der Hafenstadt in Guerrero gab es im Jahre 2002 ernsthafte Konflikte in einer Fabrik des gleichen Unternehmens. Die Arbeiter von Acapulco forderten bessere Arbeitsbedingungen und die Maquiladora antwortete mit der Schließung ihrer Tore. Um zu ihrer Entschädigung, auf die sie von Gesetz wegen das Recht haben, zu kommen, bemächtigten sich die Arbeiter der Rohstoffe, der Maschinen und selbst des Industriekomplexes. Aber zu ihrem Unglück gehörte all dies Dritten, nichts gehörte der verschuldeten Firma selbst. Erneut ließ das Unternehmen mit einer Unverschämtheit, die das Gesetz zuläßt, die Arbeiter auf der Straße stehen und brachte die Maschinen nach San Cristóbal, genau in den Komplex, der zu jener Zeit für Trans-Textil auf Kosten der Steuerzahler des Landes renoviert wurde.

Produkte und Abnehmer

Als TTI im April 2002 seine Tore öffnete, produzierte sie Pullover für den Export. Nun erhält TTI in San Cristóbal im Zuge der Umstrukturierung des gesamten Industriekomplexes, zu dem sie gehört, Hemdenteile von Niederlassungen in Puebla und Tlaxcala. Die ArbeiterInnen von TTI nähen die Teile zu einem kompletten T-Shirt zusammen, und zwar 200.000 Stück pro Monat. Das Ziel wird vermutlich nach 3 Jahren auf 1 Million ansteigen.

Die T-Shirts gehen zu 95% auf den US-amerikanischen Markt und werden von den großen Einzelhandelsgeschäften wie Sears, Target, Wal Mart, J.C.Penny verkauft. Die T-Shirts tragen "Nobelmarken", die auf dem US-Markt in Mode sind, wie z.B. Tommy Hilfiger. Mit diesem Haus hat TTI wichtige Verträge.

Es ist unumgänglich, folgende Rechnung aufzustellen: Jedes Modul à 16 Personen muß 1.500 T-Shirts pro Tag produzieren, das heißt, fast 94 pro Arbeiterin. Das bedeutet, daß eine Arbeiterin mit ihrem Mindestlohn 43 Peso-Centavos (4 Dollar-Cent) pro T-Shirt, das bei Trans-Textil hergestellt wird, verdient. Ein "Tommy Hilfiger"-T-Shirt wird in den Vereinigten Staaten nicht unter US$ 20,00 verkauft, das heißt das 500-fache dessen, was der Arbeiterin dafür bezahlt wurde. In einer Untersuchung über die T-Shirts produzierende Textilindustrie fand Alisa Salomón heraus, daß "der Fabrikbesitzer und der Händler den Löwenanteil" des Endpreises, der vom Käufer bezahlt wird, bekommt. Sie fügt hinzu, "wenn die Ware (...) an Kaufhäuser, an Diskontläden oder an Edelboutiquen geht, lassen die hohen Kosten, eine Modemarke anzubringen und Werbung zu machen, die Preise steigen, aber auch den Gewinn. So werden die Industriellen der Textilbranche und ihre Aktionäre unter dem Schutz von Freihandelsverträgen immer reicher". (6)

Der Besitzer

Wer ist der große Nutznießer all dessen? Seine Initialen, KN, sind einen Meter hoch in Tiefrelief an der Fassade der Fabrik von Trans-Textil in San Cristóbal eingraviert. Das bedeutet Kamel Nacif, Mexikaner libanesischer Herkunft (vollständiger Name José Kamel Nacif Borge), der mächtige und wohlhabende "Jeanskönig". Nacif besitzt ein Textilimperium in Mexiko, in den Vereinigten Staaten und Hong Kong, und die Maquiladora in San Cristóbal ist ein relativ kleiner Teil seines gesamten Industriekomplexes, der als Tarrant Apparel Group (TAG) bekannt ist. Die TAG besitzt nicht weniger als 7 Maquiladoras in Tehuacán, Puebla; Eine Fabrik, die jährlich 18 Mio. m? Jeansstoff produziert, eine andere riesige Anlage (420.000 m?) zur Textilverarbeitung, sowie weitere Büros in China, Thailand, Korea, New York und Los Angeles. (7)

Er ist aggressiv und übermächtig, despotisch in seinem Benehmen, so die Berichte von Journalisten und Personen, die mit ihm zu tun hatten. Er trägt mehrere Handys bei sich und erteilt seinem Gefolge, Zigarre rauchend, Anordnungen. Aber gegenüber einer Menschenmenge ist er unwirsch und wortkarg. Formell ist Nacif nur einer von vielen Tarrant México — Angestellten, wo er vor Jahren ein Gehalt von einer Million Dollar per annum bezogen hat. Im Jahre 2000 hat sich sein Jahresgehalt dann auf US$ 250.000,00 reduziert, allerdings mit dem Recht, eine Million zusätzlicher Aktien der Firma zu reduzierten Preisen zu kaufen.

Die Menschen- und Arbeitsrechtkommission des Tehuacán-Tales in Puebla hat herausgefunden, daß Nacif mit der mächtigen Familie Guez zusammenarbeitet — Besitzerin von Sasson Jeans in den 80er Jahren. Die Hauptstrategie von TAG, so die obige Kommission, ist das "Komplettpaket" oder vertikale Integration, das heißt, sie nähen nicht nur Jeans und Hemden zusammen, sondern sie produzieren auch die Textilien, schneiden sie zu, fügen sie zusammen — nähen und andere Schritte -, waschen sie oder geben ihnen den letzten Modeschliff ("sand blasting" — eine Behandlung, die die Teile "verschlissen" aussehen läßt), verpacken und liefern sie direkt an große Einzelhandelskonsortien in den USA. "Das Schlimmste", sagt die Kommission, "ist, daß diese Form der Integration, abgesehen von der Ausbeutung der ArbeiterInnen, dort, wo sie sich wegen der Endbearbeitung niederläßt, eine enorme Gefahr für die Wasserressourcen darstellt".(8)

Abgesehen von seinem Textilimperium registriert die Presse in Mexiko und den USA, daß Kamel Nacif einer der großen Spieler der Welt ist. In Las Vegas werden die Spieler, die Millionen riskieren, "Wale" genannt, und Nacif ist einer der größten Wale in der Geschichte dieser Stadt. Man kennt ihn dort seit über 30 Jahren, als er, noch als Jugendlicher, mit gefälschten Papieren nach Las Vegas kam, um vor Vollendung seines 21. Lebensjahres — so fordert es das Gesetz — spielen zu können. Man kennt ihn auch als einen der Spieler, die das Caesar’s Palace Hotel bauten — mit dem beim Spielen verlorenen Geld. Wenn Nacif nach Las Vegas kommt, deponiert er zwischen 4 und 5 Millionen Dollar. Sein Lieblingsspiel ist Baccarat und er kann die vom Casino pro Spiel erlaubte Höchstsumme von etwa US$ 160.000,00 setzen. Das bedeutet, daß Nacif mit dem Betrag, den der bei einem einzigen Spiel auf dem samtüberzogenen Baccarat-Tisch setzt, alle Schulden, die die verschiedenen Unternehmen von San Cristóbal seit einem Jahr für Güter und Dienstleistungen an die Trans-Textil haben, bezahlen könnte.

1993 wurde Nacif in dieser Stadt verhaftet und ins Gefängnis gebracht, als er wie üblich tobte und auf andere Spieler an den Tischen in Las Vegas einschlug. Allerdings wurde er nicht wegen seiner schlechten Erziehung verhaftet, denn in den Casinos ist den Walen alles erlaubt. Er wurde aufgrund eines in Mexiko kursierenden Haftbefehls wegen Steuerhinterziehung gefangen genommen. Aber Nacif verbrachte wenig Zeit in den Zellen von Las Vegas, denn Jack Binion, Besitzer des Casinos Horseshoe, zog die 2 Millionen Dollar, die festgesetzt wurden, um diesen mexikanisch-libanesischen Wal gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen, aus seiner Brieftasche und lieh ihm dann noch 4 Millionen Dollar, damit er seiner Spielleidenschaft weiterhin frönen konnte. Gemäß der Zeitschrift Chicago Tribune war die geliehene Summe "ein kalkuliertes persönliches Risiko, mit dem er (Binion) hoffte, sich bei Herrn Nacif einzuschmeicheln... (und) die Strategie funktionierte: Nacif spielte später im Horseshoe von Nevada und verlor etwa 13 Millionen Dollar". (9)

Wenn auch die mexikanischen Behörden später von den Anschuldigungen gegen Nacif absahen, so genügte dies nicht, um den Verdacht des Spielüberwachungsorgans des Staates von Nevada, nämlich daß Nacif an unerlaubten Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel sowie Geldwäsche beteiligt war, zu besänftigen. Jahre später wurde er als einer der großen Schuldner der mexikanischen Banken genannt, die damals im Zuge der Wirtschaftskrise von 1995 überprüft wurden — die Betrügereien der Nationalbank, nämlich Kunden zweifelhaften Rufs Darlehen zu geben, wurden aufgedeckt. Mit den 50 Millionen Dollar, die Nacif den Banken nachgewiesenermaßen schuldet, "stellt er einen der größten Bankrotteure für das Bankensicherungssystem dar" (10) und könnte einer der größten Begünstigten von FOBAPROA und IPAB sein. Presseberichten bis Ende 2002 zufolge hatte Nacif den Banken seine millionenschwere Schuld noch nicht zurückbezahlt.

All das weiß man in Mexiko, aber die Behörden stellen sich taub. 1998 kam Nacif mit anderen Textilunternehmern ins Präsidentenhaus von Los Pinos, um Präsident Ernesto Zedillo für die Unterstützung zu danken, die die Bundesregierung dem Textilsektor gewährte. Da war Nacif der Stiftung Vamos México von Marta Sahagún, der Frau von Vicente Fox, sehr nahe.

Außer seinen Firmen in den Staaten Puebla und Tlaxcala, dem Herzen der mexikanischen Textilindustrie, und seinem Satelliten in San Cristóbal, besitzt Nacif zumindest eine weitere Maquiladora bei Chetumal, im Süden des Staates Quintana Roo, die ebenfalls T-Shirts herstellt. Auf den ersten Blick machen diese Maquiladoras wenig wirtschaftlichen Sinn, gelegen an Orten geringer strategischer Bedeutung, mit wenig Infrastruktur und Fachpersonal und weit abgelegen vom Haupt- , wenn nicht einzigen Exportmarkt, den USA. Gewiß gibt es Faktoren, die dafür sprechen, die schon als Anreize genannt wurden, wie niedrige Löhne, Arbeitskräfte ohne gewerkschaftliche Erfahrung etc.

Und dennoch scheint die Ansiedlung der Maquiladoras im "äußersten Südosten des Landes kein solides wirtschaftliches Fundament zu haben. Und in der Tat war die Reaktion der Unternehmen gering. Trotz der gelegentlichen Einweihung einer Fabrik gibt es keine umfassende Reaktion seitens der Unternehmen. Kamel Nacifs Maquiladoras in San Cristóbal und Chetumal scheinen eher die Ausnahme, denn die Regel zu sein.

Aber das Rätsel gewinnt an Form. Im Februar 2002 wurde bekannt, daß Kamel Nacif 12,1 Mio. Dollar für das Condohotel Dunas in Cancún bezahlt hatte, um in das Hotelgewerbe einzusteigen. Wie "La Revista" von Quintana Roo berichtet, "könnte die Lage nicht besser sein: neben dem jetzigen Hotel Marriot Casa Magna, im zweiten Bauabschnitt des Hotelgebietes. Man weiß, daß die Hotelkette Double Tree, Eigentümerin von 256 Beherbergungszentren in den Vereinigten Staaten, am Betrieb des neuen Dunas interessiert ist". (11)

Für einige Analysten weisen die Verbindungen zwischen Maquiladoras, Hotels, die Nähe zu Vamos Mexiko, seine Vergangenheit als großer Spieler, der Verdacht über seine Beteiligung am Drogengeschäft und Geldwäsche auf eine mögliche Quadratur des Kreises hin: Die Maquiladoras im Südosten des Landes sind, mehr als eine begründete unternehmerische Entscheidung, Abkommen zwischen Nacif und Präsident Fox, der seinerseits unter dem Druck steht, Ergebnisse seiner mannigfaltigen Programme wie Plan Puebla Panamá oder Marcha al Desarrollo vorzulegen. Nacif ist ein Spieler von Natur aus. Wenn man in ein Projekt des Präsidenten des Landes halbwegs etwas — wenig — investieren muß und im Gegenzug dazu Einfluß bei den Kreisen der Macht haben kann, könnten die Maquiladoras von San Cristóbal und Chetumal eine unbedeutende Investition sein, und die Belohnung groß. Der Hauptpreis könnte nicht weniger als eine Konzession sein, um ein Casino in seinem neu gekauften Hotel in dem Hotelgebiet von Cancún zu betreiben.

Denn das attraktivste Geschäft, das wirtschaftlich rentabelste und mit millionenschweren Gewinnen, ist nicht das mit T-Shirt-Maquiladoras, sondern mit Spielcasinos. Im mexikanischen Kongress wurde jahrelang und wird noch immer die Legalisierung des Geldspiels oder besser die erneute Legalisierung desselbigen, debattiert, denn es existierte in Mexiko bis es Präsident Lázaro Cárdenas in den 30er Jahren verboten hat. Aber nun stehen große Interessen hinter seiner Wiedereinführung im Lande, einschließlich einer "wichtigen Gruppe mexikanischer Unternehmer, angeführt vom Nationalverband der Handelskammern (Concanaco) und der nationalen Vereinigung von Hotels und Motels, die persönlich und über intrigierende Unternehmen wie die Grupo Estrategia Política (politische Strategiegruppe) an der Legalisierung des Spiels in Mexiko arbeitet. Zu dieser Bande gehören die Gouverneure von Quintana Roo, Joaquín Hendricks Díaz, und von Guerrero, René Juárez Cisneros (...), die direkt, zusammen mit den Beamten und Bundesgesetzgebern ihrer Staaten, zugunsten der Gründung von Casinos intrigieren". (12)

Letzten Endes stellt der Einsatz von H. Nacif ein relativ kleines Risiko dar. Wenn er verliert, können die Maquiladoras geschlossen werden und die Maschinen ohne größeres Problem an einen anderen Ort gebracht werden, so wie es der Fall bei der Ausrüstung war, die von der demontierten Maquiladora in Acapulco nach San Cristóbal kam.

Internationaler Kontext und Schlußfolgerung

Global gesehen steht die für den Export produzierende mexikanische Maquiladoraindustrie vor nationalen und weltweiten Veränderungen, die das baldige Verschwinden von Firmen wie Trans-Textil in Chiapas bedeuten könnten. Abgesehen von der aktuellen Rezession der Vereinigten Staaten, hat Mexiko nach neuen wissenschaftlichen Studien (13) in den letzten Jahren einen Teil seiner Wettbewerbsvorteile im Maquilabereich verloren. Das ist hauptsächlich auf Strukturfaktoren, verbunden mit größerem Bürokratismus, Verschlechterung der Infrastruktur, mangelnder öffentlicher Sicherheit, Zunahme von Gewalt, Korruption und Entführungen zurückzuführen; diese Tendenz wird nicht leicht umzukehren sein. Nun zeichnet sich China als Hauptkonkurrent der mexikanischen Maquiladoras aus, "denn während dieses Land Löhne bezahlt, die 4,5 mal niedriger als in Mexiko sind (...), übersteigen die verfügbaren Arbeitskräfte mehr als 10 mal die mexikanischen", so die Wissenschaftler Carrillo und Gomis.

Sie fügen hinzu:

...Angesichts des Verlustes von Konkurrenzvorteilen und der wachsenden Präsenz von Ländern wie China (...) in der weltweiten handwerklichen Produktion scheint es unvermeidbar, daß gewisse Industrien in naher Zukunft Mexiko verlassen. Die Unternehmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit auf arbeitsintensive Prozesse — wobei es sich um nicht qualifizierte Arbeit handelt — mit geringen Löhnen gründen, verlieren in dieser neuen Situation schnell ihren Markt. Verbrauchsartikel wie Kleidung, Spielzeug, Schuhe und Elektronikartikel für den US-amerikanischen Markt werden immer mehr in Ländern wie China hergestellt. (14) Also genau die Situation der Maquiladoras wie Trans-Textil und die Textil-Maquiladoras in Huixtla, Comitán, Villa Flores und Ocozocuautla, Chiapas. In der Tat hat die Flucht schon begonnen — Im Dezember 2002 schloß Kamel Nacif eine Firma von Tarrant Apparel in Tlaxcala und 1.600 Menschen wurden arbeitslos; eine mehr von den 424 Firmen, die in Mexiko seit Oktober 2000 zugemacht haben und 250.000 Menschen auf der Straße stehen ließen. Von daher die Sinnlosigkeit der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die seit den 80er Jahren verfolgt wird; allemal zerstörten die neoliberalen Rezepte die nationale Industrie, die auf dem lokalen Markt ansässig war und die die mexikanischen Zulieferer mit sich gezogen hatte mit dem daraus folgenden positiven Effekt für die Beschäftigung. Die neoliberale Politik legte den Schwerpunkt auf die vermeintlichen "Wettbewerbsvorteile" wie niedrige Löhne von Ländern wie Mexiko zum Schaden einer langfristigen Industriepolitik, die über diese Vorteile hinausginge, um mit der Zeit durch Technologietransfer und durch die Schaffung eigener Technologien immer ausgefeiltere nationale Produktionsprozesse zu schaffen. Nun steht Mexiko der schlechtesten aller möglichen Welten gegenüber: eine zugrunde gerichtete nationale Industrie und auf die Maquilaindustrie gesetzte Hoffnungen, wobei diese immer auf dem Sprung ist, in ein anderes Land abzuwandern, das um den kurzlebigen "Vorteil" , über schlecht bezahlte Arbeiter zu verfügen, wetteifert.

Nein, Herr Gouverneur Salazar, ich träume weiterhin davon, dass die Maquila-Industrie für den Export nicht die Alternative ist, die wir Chiapaneken uns für Chiapas wünschen.

Miguel Pickard

(1)"Das Wort Maquiladora wird verwendet, um eine Fabrik in Mexiko, nationalen oder ausländischen Eigentums, zu bezeichnen, die die Erlaubnis der mexikanischen Regierung, Produkte unter dem Schutz eines speziellen Zoll- und Einkommensteuersystems zu importieren und exportieren, besitzt. Der Begriff ruft oft die typischen Bilder der ersten Maquiladora-Generation hervor: sehr große Anlagen entlang der Nordgrenze und Eigentum
transnationaler Gesellschaften. Es gibt aber eine große Vielfalt im Maquiladora-Bereich: von immensen Niederlassungen transnationaler Konzerne bis hin zu kleinen Unternehmen, die nur einen Teil ihrer Produktion im Rahmen des Maquila-Systems exportieren, um den Absatz auf dem heimischen Markt zu vervollständigen". Entnommen aus "Los conglomerados locales en las cadenas globales: la industria maquiladora de confección en Torreón, México" von Jennifer Bair und Gary Gereffi, Comercio Exterior, April 2003, Band 53, No. 4, México, S. 343
(2) Die Erklärungen von Fox und Salazar stammen von der Web Site der Präsidentschaft, www.presidencia.gob.mx
(3) Angaben zu den Schulden wurden von Betroffenen geliefert. Siehe auch La Jornada, 23. Februar 2003, S. 2
(4) "Nacif spielt in Casinos mit Steuergeldern", von David Páramo, 28. August 2002. Verfügbar unter www.lavisiondelciudadano.tipod.com/2002_3/CI02SEP02.htm . Persönliches Gespräch mit Amado Avendano
(5) Information über Arbeitsbedingungen aus Interviews mit TTI durch Journalisten und Wissenschaftlern, darunter Jessica Roach von der American University, Washington, D.C., Daniel Nemser, unabhängiger Forscher bei CIEPAC und der Autor. Außerdem Daten von CAPISE, San Cristóbal
(6) "Shirts off their backs", Alisa Solomón, Village Voice, 5.-11. Dezember 2001, verfügbar unter www.villagevoice.com/issues/0149/solomon.php.
(7) Nachzulesende Daten auf der Web Site von Tarrant Apparel Group, www.tags.com, sowie in Dokumenten, die Behörden der Börse in den USA übergeben wurden, ebenfalls nachzulesen auf derselben Seite.
(8) Persönliches Gespräch mit Mart¡n Barrios, Co-Autor der Studie "Tehuacán: del calzón de manta a los blue jeans", Comisión de Derechos Humanos y Laborales de Tehuacán, A.C.
(9) "Minority Pacts Cloud Binion Casino Bid", Reportage von Douglas Holt und Maurice Possley, Chicago Tribune, 30. Juni 2000. Weitere Angaben zu Nacif in Las Vegas können leicht im Internet gefunden werden.
(10) "Nacif spielt...", Ibid.
(11) El magno fraude de Dunas", von Elizabeth Mart¡n López, La Revista, April 1997, verfügbar unter www.larevista.com.mx/ed393/boton_home.gif.
(12) "Inversionistas nacionales y extranjeros buscan el control de casinos en México", von Armando Alcántara Esteves, ohne Datum, unter www.tvmexiconoticias.com/Reportaje1.htm.
(13) Siehe Ausgabe über "La nueva maquiladora" von Comercio Exterior, April 2003, Band 53, No. 4, Méxiko.
(14) "Los retos de las maquiladoras ante la pérdida de competitividad", von Jorge Carrillo und Redi Gomis, Comercio Exterior, April 2003, Band 53, No. 4, Méxiko, S. 327

Miguel Pickard
CIEPAC. A.C.

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