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Plan B - Die Wahrheit kann man nicht umbringen

Poonal vom 15.08.2015
Lydia Cacho

  (Mexiko-Stadt, 03. August 2015, cimac).- Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Anruf von einem jungen Kollegen. Rubén fragte mich, wie ich es geschafft habe, so viele Jahre mit der Angst zu leben, wie man lernt, eine nicht enden wollende Zahl von Morddrohungen, einige davon eher verdeckt, andere ganz direkt, zu verarbeiten.

Posttraumatischer Stress

Für diesen jungen Fotoreporter und Korrespondenten der Foto-Nachrichtenagentur Cuartoscuro und der Zeitung Proceso waren Schlaflosigkeit, fehlender Appetit und die Depression, die er lieber Traurigkeit zu nennen pflegte, um ihre unbarmherzige Präsenz im täglichen Leben nicht herbeizurufen, Feind*innen, mit denen er sich in seinem Leben arrangieren musste.

Ich empfahl ihm eine Therapeutin, die auf posttraumatischen Stress spezialisiert ist – jenes Syndrom, das zu einem Kollateralschaden bei Journalist*innen und bei anderen Menschen wird, deren Beruf darin besteht, die Menschenrechte zu verteidigen.

Posttraumatischer Stress ist jener blinder Passagier, der sich im Leben jener Menschen niederlässt, die besonders heftige systematische oder plötzliche Formen von Gewalt erleiden mussten, durch die die physische Unversehrtheit oder die emotionale Gesundheit des Opfers auf dem Spiel stand.

Rubén hat gelernt, seine Kolleg*innen in Sicherheitsfragen zu schulen: wie man die Ungerechtigkeiten bildlich dokumentiert, die Kundgebungen der Zivilgesellschaft, und dabei persönliche Sicherheitsstrategien umsetzt und wie man das Bildmaterial schützt, das sich zu einem unverfälschten und unerbittlichen Beweis der Realität wandelt.

»Sieh dich als einen Feind des Volkes an«

Rubén erhielt, wie andere Kollegen und Kolleginnen, die Hilfe der Organisation »Article 19«, um aus Veracruz zu fliehen und ins Exil zu gehen. Und gemeinsam mit anderen mutigen Bildjournalist*innen, die in der Gruppe #FotoperiodistasMX vereint waren, entschied er sich nicht geschlagen zu geben – trotz der heftigen und real vorhandenen Morddrohungen, die er über die letzten Jahre wegen seiner guten Arbeit erhalten hat, die er in Veracruz machte.

Genau wie andere Kolleg*innen sah sich Rubén gezwungen, in den Hauptstadtdistrikt zu ziehen, wo er mit engen Freundinnen, wie der Aktivistin, Künstlerin und Anthropologin Nadia Vera, zusammenlebte, die der Bewegung #YoSoy132 aus Xalapa angehörte.

»Sieh dich als einen Feind des Volkes an«, sagte der Regierungssprecher des Bundesstaates Veracruz einmal zu ihm, während er Rubén den Eintritt zu einer Pressekonferenz verweigerte, auf der Gouverneur Javier Duarte sprechen sollte. Dies geschah nach der Veröffentlichung eines berühmt gewordenen Titelbildes in der Zeitschrift Proceso, auf dem Duarte ein bedrohliches Gesicht macht, das Geringschätzung ausdrückt, während er eine Polizeimütze trägt.

Zu jener Zeit protestierten die Menschen in den Straßen von Veracruz gegen die schlechte Regierungsführung, gegen Korruption, Straflosigkeit und mangelnde Sicherheit.

Sie taten dies mit Formulierungen, die mittlerweile sehr bekannt geworden sind und über die sich, laut Espinosa, die Sicherheitscrew des Gouverneurs mächtig empörte. Viele dieser Sprechchöre spielen auf das Übergewicht des Funktionärs an, auf sein jähzorniges Wesen, seine Gewalt, seinen Rassismus und seinen Sexismus.

Ein guter - ein unbequemer Fotograf für die Mächtigen

Fest steht, dass Rubén Espinosa ein guter Fotograf war. Er machte hunderte von bedeutenden Bildern und es gelang ihm mit einem Bild etwas zu erreichen, was ernste Worte auf einer Nachrichtenseite niemals hätten bewirken können: Zuzulassen, dass die eigene Persönlichkeit sich ungefiltert zeigt, die Metasprache der geballten Fäuste, der wütende Blick und diese Bordüre aus roten Buchstaben an seinem Hemd mit den Worten »Javier Duarte, Gouverneur«, die an seiner Brust prangen, wie um sich zu versichern, dass dies auch von niemandem angezweifelt wird.

Das Wort »Gouverneur« prangt auf seiner Mütze mit den Insignien der Polizei, einem silbernen Stern, der gleichzeitig das Symbol von Macht und sozialer Kontrolle ist.

Doch das war es gar nicht, was ihn, nach Angaben des Autors dieser Fotografie, so aufgebracht hat. Für den Regierungschef von Veracruz war es die Nahaufnahme, das Heranzoomen, wodurch auch eine krankhafte Fettleibigkeit sichtbar wird, wegen der er sich immer unsicher und als Ziel von Spötteleien, sowohl von Bekannten als auch von Fremden, gefühlt hat. Kein Wunder, dass er einen offiziellen Fotografen hat, der dafür verantwortlich ist, dass Duarte immer aus einem für ihn günstigen Blickwinkel abgelichtet wird.

Es scheint nebensächlich oder peinlich zu sein, darauf zu verweisen, dass viele Regierende sich persönlich mit bestimmten Journalisten und Journalistinnen überwerfen, die etwas nicht zu verheimlichendes an der Persönlichkeit von Regierenden, was sie zu verstecken suchen und sie verunsichert, ans Licht bringen.

Wir reden hier nicht nur von körperlichen Proportionen, sondern auch von Gesten, die jeden verraten, um so stärker man sie zu vermeiden sucht. Rubén hat mir gesagt, der Regierungssprecher habe auch erwähnt, den Gouverneur habe auch dieses andere berühmte Zoom von Cuartoscuro aufgeregt, auf dem Duarte die Augen herauszutreten scheinen wie bei einer dicken Kröte, und auf dem er mit seinem Körper gegen die Flut von Journalist*innen ankämpft, die jeden seiner Schritte verfolgen, und denen er die Zähne zeigt, als Zeichen des wütenden Angriffs. Ein ums andere Mal warnten sie Rubén, dass er nicht in Veracruz wohnen dürfe, da er auch der schwarzen Liste seiner Feind*innen stehe.

Wird es das Risiko wert sein?

Rubén hatte weder Zeit, sich in Therapie zu begeben, um dort von seinen Qualen erleichtert zu werden, noch dafür, die Beklemmungen zu erforschen, die es ihm bereitete, so viele Kolleg*innen von ihren Ängsten und den Drohungen sprechen zu hören, die sie tagtäglich erhalten, weil sie Journalismus oder Aktivismus für die Menschenrechte ausübten.

Er wurde zusammen mit der Menschenrechtsverteidigerin Nadia Vera umgebracht, einer mutigen jungen Frau mit fester Stimme und strahlenden Augen, die sich den Mächtigen und den Ungerechtigkeiten in Xalapa entgegenstellte. Mit ihnen wurden noch drei weitere Frauen wurden zu Opfern, erschossen mit einem 9-Millimeter-Kaliber, wie es beim Militär benutzt wird, mit sauberen Schüssen – das charakteristische Merkmal der Mörder.

Nur wer mit Drohungen lebt, weiß, dass die Uhren dann anders ticken: Man lebt nicht einfach mit der eigenen Angst, auch das Gespenst der Selbstzensur setzt einem zu und bewirkt, dass wir uns fragen: Wird es das Risiko wirklich wert sein, nur um eine weitere Gewalttat zu enthüllen in einem Land der unwürdigen Regierenden? Nur um dann Antwort zu antworten, dass es immer einen Wert hat, die Wahrheit zu sagen und gegen die Schmach zu arbeiten in dem Versuch ein Land zu schaffen, in dem es wert ist, zu leben, zu wachsen und zu lieben.

Die Schuld der Überlebenden

Auch die Schuld der oder des Überlebenden ist immer gegenwärtig. Man trägt sie bei sich wie ein Tattoo, wenn Drohungen miteinander geteilt werden, bis wir dann in einer miesen Nacht erfahren, dass der lange drohende Tod jene Person ereilt hat, mit der wir kaum gesprochen hatten, die einen Glauben hatte, die eine Ethik hochhielt. Eine Person, mit der gemeinsam wir ein Mantra wiederholten, dass sie sich nicht trauen werden dich zu töten, nicht, nachdem du so häufig darauf hingewiesen hast, nicht, nachdem du offen auf deinen potenziellen Mörder gezeigt hast. Sie werden dich sicher nicht umbringen. Ich höre, auf Tuchfühlung, noch die Stimme von Rubén, so wie ich im Sprechgesang auch die vieler anderer Kolleg*innen bei einer Solidaritätskundgebung hörte: Die Wahrheit kann man nicht töten, indem man Journalist*innen umbringt.

*Plan ‚B’ ist eine Kolumne, deren Namen auf die Annahme zurückgeht, dass es immer noch eine zweite Art und Weise gibt, Dinge und andere Themen zu betrachten. Eine Art und Weise, die wahrscheinlich von dem traditionellen Weg oder dem Plan ‚A’ nicht abgedeckt wird.


Quelle: poonal
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 Quelle:  
  http://www.npla.de/de/poonal/5218-plan-b-die-wahrheit-kann-man-nicht-umbringen 
 

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