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EZLN-Kommuniqué: »Schuld hat die Blume«

Kommunique vom 27.12.2016
übersetzt von lisa - colectivo malíntzin

 

»Schuld hat die Blume«



27. Dezember 2016.

»Am 30. Februar diesen Jahres veröffentlichte das schwedische, auf wissenschaftliche Themen spezialisierte Online-Magazin, »River’s Scientist Research Institute«, eine Studie, die möglicherweise die Wissenschaften und ihre Anwendung im öffentlichen Leben revolutionieren wird.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern – angeführt durch die Schweden Dr. Stod Sverderg, Dr. Kurt Wallander, Dr. Stellan Skarsgård – präsentierte eine komplexe multi-disziplinäre Analyse, die zu der skandalösen Schlussfolgerung gelangte: Die quantitative und qualitative Vermehrung feministischer Bewegungen steht in direkter Beziehung zur Senkung der Geburtenrate.

Methoden der Statistik, der Embryologie, der Molekular-Biologie, Genetik und Verhaltenslehre mit einander kombinierend stellen die Wissenschaftler fest: Die Erhöhung der Vielfältigkeit und Kampfbereitschaft des Feminismus führt zu einer Hemmung männlicher Libido und vermindert somit die Frequenz der sexuellen Reproduktionstätigkeit.

Jedoch nicht nur das. Labor-Analysen begründen, die Spermatozyten von Männern, die einer feministischen Aktivität ausgesetzt wurden, seien schwächer als die von Männern, die dem nicht ausgesetzt waren. Das, was unter der Bezeichnung »Asthenosermia« oder »Syndrom des trägen Spermatozyt« bekannt ist, präsentiert sich häufiger innerhalb der männlichen Bevölkerung von Gesellschaften, in der der Feminismus eine führende Rolle innerhalb der sozialen Beziehungen einnimmt. Laut Zitaten der angesehenen Publikation konfrontierte Dr. Everet Bacstrom – vom »Rainn Wilson Institute« mit Sitz in London – die Untersuchungsergebnisse mit einer Probe europäischer Männer der Klasse »White-Anglo-Saxon-Protestant«, und kam damit zur selben Schlussfolgerung.

Befragt durch »River’s Scientist Research Institute« erklärten die europäischen feministischen Aktivistinnen, Chloë Sevigny und Sarah Linden, all das wäre nur ein schmutziges Manöver des – wie sie es nannten – »patriarchalen Szientifizismus«.

Währenddessen äußerte das internationale Berater-Zentrum für Regierungen, »Odenkirk Associated« – vertreten durch seine Sprecher James Gordon und Harvey Bullock: Sie würden den Ländern der ersten Welt empfehlen, »den Aktivismus und die Kampfbereitschaft des Feminismus zu hemmen« (wörtliches Zitat), um somit die Geburtenrate der entwickelten Länder zu erhöhen. Gleichfalls gaben sie den Regierungen der Länder der dritten Welt – hauptsächlich in Afrika und Lateinamerika – die Empfehlung, die Entstehung und Teilnahme von feministischen Gruppen, vor allen Dingen in marginalisierten Regionen, anzuregen, um derart in den dortigen Sektoren die Geburtenrate zu senken und damit die Hervorrufung sozialer Unruhen zu verhindern.

Dazu befragt, wollten die Beraterinnen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Stella Gibson und Gillian Anderson, weder bestätigen noch dementieren, dass die zitierte Studie Grundlage der neuen internationalen Politik Europas gegenüber der dritten Welt sei.«

Nun gut, was ich euch vorgelesen habe, stellt ein Beispiel des neuen Wissenschaftsjournalismus dar. Obzwar es meiner vollständigen Autorschaft entspringt, übergeben wir es euch als Weihnachtsgeschenk(1). Nehmt es und macht ein Experiment: Veröffentlicht es.

Wendet euch nicht an die Printmedien. Außer demjenigen, der das hier schreibt und einer jedes mal kleineren Anzahl von Leuten, liest keiner mehr Zeitungen und Zeitschriften, um sich zu informieren. Ja, nicht einmal diejenigen, die in diesen Medien schreiben, lesen sie. Sie schauen lediglich in den sozialen Netzwerken nach Referenzen auf ihre Texte. Mehr noch. Die sozialen Netzwerke sind es, die ihnen die zu behandelnden Themen diktieren. Vor wenigen Monaten las ich, wie ein »Meinungsführer« und »spezialisierter Analyst« seine »followers« fragte, welches Thema er denn in seiner Zeitungskolumne behandeln solle: »like – falls über die Kandidatin des Nationalen Indigenistischen Rats(2) – (ich lach’ mich schief, genauso schrieb er); rt – falls über den großen Kamerad und Anführer, die Sonne unserer Wege und vorausschauenden Erbauer der Zukunft.«
Ich brauche euch nicht zu sagen, es gewannen die »rt«.

Nein, wenn ihr »mediale Wirkung« haben wollt, dann wendet euch – als ersten Ort der Verbreitung – an die sozialen Netzwerke.

Sucht einen Star der sozialen Netzwerke. Zum Beispiel: einen adoleszenten Twitter-Star, mit hunderttausenden »followers«; jemanden, der sich immer darum müht, seinen Fans Material für kritische Toleranz, rationale Debatte und tiefe Reflexion zu liefern (was man in den so sehr anregenden sozialen Netzwerken ja im Überfluss findet); zum Beispiel: John M. Ackerman (253.000 followers). Ja, ich weiß, ich sagte, »ein Adoleszent, ein Heranwachsender«, und der Señor John M. Ackerman hat bereits einige Kilometer Leben hinter sich; jedoch spreche ich von geistigem Alter; also seid bitte verständnisvoll.

»Followed« ihm und erreicht, dass er euch nicht blockiert. Das zu erreichen, ist sehr einfach; dafür braucht ihr nichts mittelmäßig Intelligentes zu schreiben. Es genügt bereits, eure »timeline« mit »rt« für all die großen und unerschütterlichen Wahrheiten, die aus der Tastatur des oben Erwähnten hervor gesprossen sind, zu füllen. Auch das ist nicht kompliziert, ihr könnt euer Benutzerkonto so konfigurieren, dass es »rt« automatisch verleiht.

Nun gut. Jetzt müsst ihr diesen »influencer« nur davon überzeugen, auf weiter oben zitierte Studie kurz zu referieren und seine hunderttausenden »followers« werden automatisch »like« und »rt« vergeben.

Derart wird die »wissenschaftliche« Studie zu einem Erfolg, zur Grundlage künftiger Analysen, Kolloquien, runder Tische und wird Einlass finden in die voll gestopfte Bibliothek der Verschwörungstheorien.

Nein. Ihr müsst euch nicht darum sorgen, jemand würde sich die Mühe machen, die angeblich wissenschaftliche Notiz kritisch zu analysieren und folgendes zu bemerken:

.- Der Februar hat keine 30 Tage.

.- »River« ist eine britische Krimi-Serie. Die Hauptfigur, John River, wird von dem schwedischen Schauspieler, Stellan John Skarsgård, gespielt.

.- Stod Sverderg und Kurt Wallander sind Figuren aus der schwedischen Krimi-Serie »Wallander«.

.- Everet Bacstrom ist der Name des Protagonisten der Krimi-Serie »Bacstrom«; Rainn Wilson der Name des Schauspielers.

.- Chloë Sevigny ist Name der Schauspielerin, die – als Catherine Jensen in der dänischen Krimi-Serie »Those Who Kill« – die Hauptrolle spielt.

.- Sarah Linden ist der Name der Protagonistin in der US-amerikanischen Krimi-Serie »The Killing« – gespielt von Mireille Enos.

.- Bob Odenkirk ist der Name des Hauptdarstellers in der Serie »Better Call Saul« – einem angeblichem Vorläufer von »Breaking Bad«.

.- James Gordon und Harvey Bullock sind Figuren aus der Serie »Gotham«.

.- Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft existiert nicht mehr. Sie verschwand 2009, um der Europäischen Union Platz zu machen.

.- Stella Gibson und Gillian Anderson sind die Namen der Hauptfigur und deren Darstellerin in der Serie »The Fall«.

Entschuldigen Sie, falls meine englische Aussprache von den Etiketten wissenschaftlicher Kolloquien weit entfernt liegt und eher die der »wet backs«(3) der 40er Jahre ähnelt, denn die Solidarität mit den Latino-Migranten, die den Alptraum Trump erleiden, beinhaltet unvermutete, nicht immer offensichtliche Wege. Auf jeden Fall, diejenigen, die diese Worte lesen und nicht hören, werden keinerlei Verbindung herstellen können zu dem Horror, der bereits nördlich des Río Bravo gelebt wird.

Na klar, es hätte ausgereicht, dass irgendeine, irgendeiner von euch, von Ihnen, die Haupt-Referenz-Punkte der oben beschriebenen, angeblich »wissenschaftlichen Studie« »gegoogelt« hätte, um festzustellen, sie stellt einen kompletten Betrug dar.

-*-

Muss sich die Wissenschaft um derlei Betrügereien, die das wissenschaftliche Tun auf eine Karikatur des Massenkonsums reduzieren, kümmern?

Glauben Sie, Sie müssten sich lediglich mit Religion und Kreationismus konfrontieren? Die Religion ist Religion; sie gibt nicht vor, Wissenschaft zu sein. Im Gegensatz dazu stellt die Pseudo-Wissenschaft ein größeres Problem dar. Wenn Sie glauben, Sie befänden sich in der Epoche der Aufklärung und seien glücklich dabei, religiöse Paradigmen lächerlich zu machen und die populären Fernseh-Umfragen im live stream zu gewinnen – da, wo sich Gläubige und Atheisten gegenüber stehen – ja, dann haben Sie wohl nicht das Loch der Wissenschaften bemerkt, das
sich unterhalb der Wasseroberfläche hält.

Die Pseudo-Wissenschaften oder falschen Wissenschaften gewinnen nicht nur immer mehr Anhänger, sondern haben sich bereits zu akzeptierten Erklärungsansätzen von Wirklichkeit gewandelt.

Falls Sie mir nicht glauben wollen, dann machen Sie doch eine Quarz-Therapie oder eine Therapie für Ihr bioenergetisches Gleichgewicht. Oder schreiben Sie sich im höheren Studiengang einer anerkannten Universität für ein Diplom in »Wissenschaftstheorie« ein. Lassen Sie sich darin überraschen, einen Kurs belegen zu müssen über »wissenschaftliche Philosophie« (ein Oxymoron (4), das Sie verfolgt – noch bevor es den Mythos von Prometheus, Sysiphos oder Theseus gab).

Glauben Sie es oder glauben Sie es nicht: Die kommenden finsteren Zeiten werden die Wissenschaften von der Anklagebank an den gesellschaftlichen Galgen verbringen.

Ich werde auf diesen Punkt ein anderes mal ausführlicher zurück kommen. Er sei jetzt lediglich erwähnt. Denn so wie Sie sich der Invasion dieser falschen Wissenschaften gegenüber stellen müssen, müssen wir, Zapatistinnen und Zapatisten, uns mit diesen und noch einigem mehr konfrontieren.

-*-

In unserem gestrigen Beitrag in der ersten allgemeinen Session präsentierte ich einige der Fragen, die meine Compañeras und Compañeros, die als ihre Schülerinnen und Schüler ausgewählt wurden, vorbereitet haben.

Es sind nicht meine Fragen. Wären es meine gewesen, trügen sie eine andere Handschrift. Es wären Fragen im Stile von: Welche Beziehung besteht zwischen dem Genuss von Kürbissuppe und kognitiver Defizienz? Welche sind die Ernährungsqualitäten des Wunder-Nahrungsmittel Nusseis? Sind Injektionsspritzen eine pseudowissenschaftliche Form der Folter? Etc.

Das Einzige, was ich mit den Fragen meiner Compas machte, war sie zu gruppieren. Ich ließ einige Fragen weg, da ich annehme, sie werden in den Beiträgen beantwortet werden und noch aus einem anderen Grund, den ich, falls es Zeit gibt, erklären werde.

Diese 200 Compañeras und Compañeros, 100 Frauen und 100 Männer, wurden zur Teilnahme ausgewählt; das heißt, sie stehen für Kollektive. Ihre Anwesenheit hier unterliegt keinem persönlichen Interesse oder Nutzen. Wenn sie zurückkehren, müssen sie ihren Kollektiven Antwort geben, was dieses Treffen war, was sie gelernt haben oder nicht, was sie verstanden haben oder nicht. Das heißt, sie sind verpflichtet, ihr Wissen zu sozialisieren. Das ist der Grund, warum Sie diese Compas schreiben sehen; sie schreiben in ihre Notizhefte und beraten sich unter einander, mit einer Erregung und Unruhe, die Sie wohl kaum – wie ich bezweifele – bei Ihrer Schülerschaft in den Universitäten vorfinden werden.

Damit möchte ich sagen: Obwohl Sie scheinbar mit zweihundert vermummten Frauen und Männern konfrontiert sind, wird in Wirklichkeit Ihr Wort zehntausenden von Indígenas verschiedener originärer Sprachen zukommen.

Ja, das macht ein bisschen Angst; oder auch viel – je nach dem.

Das Interesse in den zapatistischen Comunidades für die Wissenschaft ist legitim, ist real, jedoch ist es relativ neu; es war nicht immer so. Es entspricht den Transformationen, den Veränderungen, die unser Kampf erfahren hat; es entspricht unserem Prozess im Aufbau unserer Autonomie, das heißt: unserer Freiheit.

Das wird der Compañero Subcomandante Insurgente Moisés in der morgigen Session ausführlicher erklären. Jetzt werde ich nur bei einigen Details verweilen:

1.- Die indigenen zapatistischen Gemeinden – hier repräsentiert durch 200 Compas, die das Stereotyp des Indigenen, das die Rechte und die institutionelle (Partei-)Linke beherrscht, überschreiten – fassen dieses Treffen nicht als ein einmaliges Ereignis auf. Damit Sie mich verstehen: Es ist kein flüchtiges Abenteuer. Sie, die zapatistischen Pueblos, hoffen, dass dieses erste Treffen der Anfang einer stabilen und dauerhaften Beziehung sein wird. Sie hoffen, den Kontakt mit Ihnen weiter fortzusetzen und einen kontinuierlichen Austausch aufrecht zu erhalten. Oder wie die Pueblos sagen: »Dass es nicht das erste und letzte Mal sein möge.«

2.- Der Modus unseres Modus. Damit Sie nicht verzweifeln und verstehen, warum nach den einzelnen Beiträgen keine Fragen gestellt werden, erlauben Sir mir zu erklären, was unser Modus, unsere Art und Weise, als Schülerinnen und Schüler ist.

Wir, Frauen und Männer, stellen keine individuellen Probleme in den Raum. Auch als Schülerschaft funktionieren wir im Kollektiv. Jede, jeder macht ihre, seine Aufzeichnungen; nach der Klasse oder dem Gespräch versammelt sich das Kollektiv und die Notitzen werden vervollständigt, indem die Notizen von allen genommen werde. So dass, falls eine, einer abgelenkt wurde oder etwas anders verstanden hat, die anderen es vervollständigen oder aufklären. Beispielsweise in dem gestrigen Beitrag des Physikers, den die Doktorin verlas, gab es eine Stelle, in dem dieser aufzeigte: Jemand könnte behaupten, in Mexiko gäbe es deshalb keine wissenschaftlichen Fortschritte – verglichen mit den entwickelten Ländern – weil wir in Mexiko Indios seien. Ein Compa Zapatista war ziemlich verärgert, weil – nach seiner Version – der Physiker uns als Indígenas, die wir sind, kritisiert hatte und uns die Schuld gab an dem Null-Vorankommen der Wissenschaften unseres Landes. Während des kollektiven Rekapitulierens wurde geklärt: Der Physiker hatte dies nicht gesagt, sondern diejenigen kritisiert, die dergleichen äußern.

Mit den Fragen geschieht es auf gleiche Weise. Zu erst befragen sie sich unter einander über ihre Zweifel. Derart klärt sich ein großer Teil, da sie Produkt des Nicht-Zuhörens, des Nicht-richtig-Notierens oder des Nicht-Verständnis des Gesagten waren. Ein anderer Teil der Fragen beantworten sie sich selbst. Und so bleiben dann die Fragen übrig, die kollektive Fragen, Zweifel bedeuten.

Ich weiß, Ihnen kann dies als ein mühseliger und langwieriger Prozess erscheinen; und mehr als eine, einer wird desillusioniert sein, weil sie, er denkt, wir würden nicht teilnehmen, oder sie, er hätte nicht unsere Aufmerksamkeit einfangen können. Das ist ein Irrtum; denn nachdem sich die Kollektive jeder Zone zusammen gesetzt haben, werden sie die Fragen, die auftauchen, aufschreiben. Wir werden diese Ihnen zukommen lassen, auf dem gleichen Weg, wie Sie Ihre Einladung erhielten. Wir werden zu mindestens jetzt, währenddessen, ein Kommunikationsmittel und eine Kommunikationsform vereinbaren.

Klar, all dies ist Teil unserer Überzeugung, dieses Treffen wird das erste von vielen sein, und Sie alle werden die Kommunikation mit Ihren Schülern und Schülerinnen – und durch diese mit zehntausenden von Zapatistas – aufrecht erhalten.

Und somit: Seien Sie geduldig. Zeigen Sie zu mindestens die gleiche Geduld, mit der Sie an Ihre Forschungen und Experimente herangehen, oder mit der Sie verzweifelt darauf warten, dass die Finanzierung ihrer Projekte bewilligt wird.

Das zuvor Gesagte voraussetzend erlauben Sie mir, Ihnen die zapatistische Methodologie wortwörtlich vorzuschlagen: Auf eine Frage mit einer anderen Frage zu antworten.

Derart müssten Sie Ihre Antworten mit einer grundsätzlichen Frage beginnen: Warum fragen sie dies?

Gut, ich werde es Ihnen erklären. Unser Handeln innerhalb der Comunidades – gemäß dem zapatistischen Modus – beabsichtigt weder zu hegemonisieren noch zu homogenisieren. Das bedeutet: Wir gehen nicht nur unter Zapatistas Beziehungen ein und unsere Absicht ist nicht, dass alle es sein sollten. Während unsere Ungeschicklichkeiten und Fehler lediglich die unseren sind, teilen wir das, was wir erreicht haben und unser Fortkommen (auch) mit denen, die keine Zapatistas sind, einschließlich den Anti-Zapatistas. Um zu verstehen, warum das so ist, wäre es notwendig unsere Geschichte zu studieren, was jedoch das Vorhaben dieses Treffens weit übersteigen würde.

Für jetzt reicht es aus, zu sagen, dass beispielsweise unsere Gesundheitsbeauftragten auch die Parteigänger unterstützen. Derart ist es nicht eigenartig, wenn ein Gesundheitsbeauftragter, der impft, auf Parteigänger trifft, die sich dem verweigern, weil – wie sie argumentieren – Impfungen nicht natürlich sind; da sie giftig sind, machen sie krank, führen Schlechtes in den Körper ein. Auch andere Irreführungen tauchen auf, die sich dem Schwindel, der das offizielle Gesundheitssystem bedeutet, verdanken – oder was auch immer ein jeder dazu meint. In der Tat sind die offiziellen Autoritäten der Regierung die ältesten und besten Beauftragten der schlechten Gesundheit innerhalb der Comunidades der Parteigänger.

Darum – angesichts der Äußerungen der Parteigänger – sucht die Gesundheitsbeauftragte danach, wie sie argumentieren und überzeugen kann, Impfungen seien gut. Und deshalb ist es logisch, dass eine der Fragen, die ich gestern vorlas, lautet: Ist es wissenschaftlich gesehen, notwendig zu impfen, und warum? Oder gibt es Mittel und Formen, Impfungen durch anderes zu ersetzen? Beispielsweise für Krankheiten wie Keuchhusten, Masern, Pocken, Tetanus etc.? Mit dieser Frage werden Sie um mehr Argumente gebeten.

Um Gleiches geht es den Bildungsbeauftragten, den lokalen Radiomacherinnen, Verantwortlichen und Koordinationen der Kollektive.

Anderes Beispiel: Wenn in einer Comunidad eine Person Konvulsionen hat oder krank wird und seltsame Symptome zeigt, fangen die Parteigänger an, unter sich zu sagen, jemand habe eine Hexerei begangen. Da Beschuldigungen wegen Hexerei oftmals im Lynchen enden, bemühen sich die Zapatistas darum, die Parteigänger zu überzeugen, so etwas gäbe es nicht, die Konvulsionen seien wissenschaftlich und nicht magisch zu erklären, nicht Hexerei sondern Epilepsie erzeuge diese Attacken. Deshalb fragen sie Sie nach dem Übernatürlichen, den okkulten Wissenschaften, der Telepathie etc. Es gibt darüber keine Statistiken; jedoch mehr als ein Parteigänger verdankt dem Neozapatismus, nicht wegen Hexerei, dem bösen Blick und ähnlichen Sachen gelyncht worden zu sein.

Es gibt auch die Fragen über Themen, wo sie widersprüchliche Sichtweisen erhalten haben. Beispielsweise über genmanipulierte Pflanzen. Es gibt welche, die ihnen sagen, diese seien schädlich, andere behaupten, sie seien es nicht, oder nicht so, wie man glaubt. Somit fordern die Compas wissenschaftliche Beweise und keine Parolen der einen oder anderen Position.

Gestern sprach die Biologin von einer Umfrage, die sie, wie mir scheint, in sozialen Netzwerken gemacht hat. Sie erzählte uns, jemand habe erwidert, er antworte erst dann, wenn die Optionen so etwas wie, »Die Wissenschaft ist ein Übel«, mit einschließen.

Gut. In den zapatistischen Comunidades kommen jede Art von Leuten an. Die Mehrheit, um uns zu sagen, was wir tun sollen und was nicht. Es kommen Leute, die uns beispielsweise sagen, es sei gut in Häusern mit bloßem Erdboden und Wänden aus Lehm und Zweiggeflecht zu leben; es sei gut, barfuß zu laufen; all das tue uns gut, weil es uns in direkten Kontakt zur Mutter Natur bringe und wir derart unvermittelt die wohltuenden Ströme der universellen Harmonie empfingen. Lachen Sie nicht, weil Sie denken, ich würde karikieren; nein, ich transkribiere wortwörtlich aus einer Auswertung eines Ex-Schülers der Escuelita Zapatista(5).

»Die Moderne ist ein Übel«, sagen sie, und schließen damit Schuhwerk, Stein-Fußboden, gemauerte Wände und Dachziegel, und die Wissenschaft, mit ein.

Klar, für die Wissenschaft spricht nicht viel. Aus ihr kommt der Übertage-Abbau, der Maschinenpark zur Errichtung von Hotels und exklusiven Wohnanlagen, mit Spenden und Regierungsprogrammen des »Fortschritt« aufgezwungene Feld-Kultivierung.

Man sagt, die Religion kam mit dem Schwert in die indigenen Gemeinden. Das stimmt. Jedoch wird vergessen, dass die Pseudo-Wissenschaften und die Anti-Wissenschaften aus dem »Gut-drauf-sein« (6), dem Naturismus als Neo-Religion, der Esoterik als »uralte Weisheit«, der Mikro-Dosis als Neo-Medizin kommen.

Ich verstehe, diese Sachen funktionieren in den Hipster-Läden von San Cristóbal de Las Casas oder in denen der Leute von Coyoacan(7), die ihrem Herzen am Nächsten stehen; und während eines toquesín(8) (noch’n Bier für den Mann am Klavier(9)), beim Genießen von smartdrinks und weichen Drogen, kommt so was gut. Ok; jeder, jede entflieht der Wirklichkeit je nach seinem, ihrem Budget. Wir urteilen darüber nicht.

Jedoch verstehen Sie, die Herausforderung, der wir als Zapatistas, die wir sind, vorhaben zu trotzen, braucht Werkzeuge, die uns LEDIGLICH – und es tut mir Leid, wenn ich hier mehr als einen, eine desillusioniere – die »wissenschaftlichen Wissenschaften« zukommen lassen. (So nennt sie der Subcomandante Insurgente Moisés, »wenn sie Wissenschaften sind« – im Unterschied zu denen, die keine sind.)

-*-
Gestern wurde uns auch von so was wie einem Experiment aus »Wissenschaft und Gender« gesprochen. Ich glaube, es ging so: Ein Mann und eine Frau wurden dafür eingesetzt, sich um einen Universitätsposten zu bewerben. Der Eine wie die Andere hatten ein identisches Curriculum vitae.
Diejenigen, die sie auswählten, waren paritätisch besetzt: die gleiche Anzahl Männer wie Frauen. Sie wählten den Mann aus. Als Antwort auf die Frage, warum sie den Mann und nicht die Frau gewählt hatten, gaben sie kund: Die Frau wäre unterwürfig, versöhnlerisch und schwach.

Klar, da meine chemisch-biologische Komposition die gesammelten Werke von José Alfredo Jiménez und Pedro Infante(10) beinhaltet, feierte ich diese Entscheidung. Jedoch später machten wir uns zusammen mit dem SubMoy Gedanken und werteten aus.

Wir fragten die Insurgenta Erika (die hier anwesend ist), was sie darüber denke. Sie ihrerseits fragte, was »unterwürfig« bedeute; ich sagte ihr: »gehorsam«. Dann meinte sie, was »versöhnlerisch« sei; meine Antwort war: »Dass die Frau sich nicht streitet, nicht aufzwingen will, die Übereinkunft sucht«. Den Ausdruck »debil, schwach«, würde sie verstehen, meinte sie. Sie dachte eine Weile nach und erwiderte uns: »Ich glaube, diese Sachen kenne ich nicht.«

Und so, entschuldigen Sie uns, wenn wir in einer anderen Welt leben, wir kennen jedoch keine Compañera, die unterwürfig, versöhnlerisch und schwach ist. Vielleicht deshalb, weil wenn sie es wären, wären sie keine Zapatistas.

Nichtsdestoweniger glaube ich, in diesen tierras zapatistas hätte das Experiment vielleicht das gleiche Resultat erzielt, jedoch aus umgekehrter Begründung und zu Gunsten der Frauen. Das meint: Sie hätten den Mann gewählt, gerade weil die Frau weder unterwürfig noch versöhnlerisch und schon gar nicht schwach ist.

Ich habe das Ihnen gegenüber erwähnt, um das Folgende zu erklären:

Die Anekdote erzählte mir der Subcomandante Insurgente Moisés und ich erzähle sie Ihnen hier weiter, nach dem er mir die Details bestätigte.

Es muss in einem Caracol gewesen sein, in einer Versammlung für den Kurs der Hydra(11), den man für mensajeros und mensajeras(12) gab. Er ist sich nicht sicher.

Eine Compañera jóvena(13) traf auf den SubMoy und sagte zu ihm so etwas wie:
»Hör mal, Compañero Subcomandante, ich habe eine Frage, mal sehen, ob du ihn beantworten kannst.«
(Der fortwährende Wechsel zwischen Formen des Femininum und Maskulinum in der gleichen Rede darf Sie nicht überraschen; er ist bereits Teil des »Modus«, wie das castilla(14) in vielen Comunidades gesprochen wird.)

Der SubMoy gab in etwa zur Antwort:
»Gut, Compañera, sag’s mir, und falls ich’s weiß, antworte ich dir, und falls nicht, nun, dann werden wir sehen, wie wir’s machen.«

Es war zu sehen, dass die jóvena, die junge Frau, Tage und Nächte verbracht hatte mit ihrer kreisenden Frage im Kopf, und so schoss sie los, ohne zu stottern:

»Warum hat diese Blume diese Farbe, warum diese Form, warum diesen Geruch?«

Dabei blieb sie nicht stehen. Befreit vom Haupthindernis (die Frage zu stellen) weitete sie aus:
»Und ich will nicht, dass mir zur Antwort gegeben wird: In ihrer Weisheit habe die madre tierra diese Blume so geschaffen, oder Gott, oder was auch immer. Ich will die wissenschaftliche Antwort wissen.«

Der SubMoy hätte erwidern können, was jeder Militär der Rechten oder der Linken erwidert hätte:
Die Compañera solle die Dummheiten lassen und ihren Wachposten einnehmen, oder die Arbeit machen, die sie zu machen habe, oder sich hinsetzen und die 7 Prinzipien(15) studieren, oder gut die Erklärung der Hydra lernen; oder sie vielleicht weiter geschickt zum Rat der Guten Regierung, zu den autonomen rebellischen zapatistischen Bezirksräten, oder zu den Bildungs- oder Gesundheitskomissionen.

Er hätte dies machen können, aber er tat es nicht. Der SubMoy hat mir seine Antwort erklärt, das stimmt, jedoch verblieb ich in Gedanken, welche Menge an anderen Antwort-Optionen in den verschiedensten Kalendern und Geographien erzeugt worden wären.

Mit all dem Geschehenen fiel mir – unerfahrenem und anachronistischem Alchemist – ein, die Compañera Zapatista erwartete wohl nicht, dass der SubMoy ihr antworten würde, warum die verdammte Blume die Blume ist, die sie ist, sondern erfasste die Komplexität – wie man so sagt – die diese Blume in sich birgt.

Lediglich diese Frage und wer sie stellte, gäbe bereits genügend Stoff für ein komplettes Seminar über die Geschichte des Zapatismus. Nein, wir werden Sie nicht damit belasten, indem wir Ihnen eine Geschichte erzählen, die Sie sicher nicht interessiert. Sie sind jetzt – wie ich damals – mehr daran interessiert zu wissen, was der SubMoy der Compañera erwiderte.

Der SubMoy erzählte mir – in seiner ihm eigenen pausierten und didaktischen Sprechweise – ihm sei bewusst geworden, dass hinter dieser Frage nicht nur eine Frage stecke, sondern eine noch größere.

Eine Frage, die – jetzt und damals – mit den Veränderungen, die es in den zapatistischen Comunidades gab, zusammen hängen müsse.

Die junge Compañera hat bereits – im Unterschied zu ihrer Mutter und Großmutter als diese in ihrem Alter waren – zwei Heiratsanträge zurückgewiesen (»Möglicherweise denke ich über einen Ehemann nach«, war die gleich lautende Antwort, die beide Bewerber erhielten, die zuvor ein halbes Fläschchen Lotion verbraucht und sich die Haare mit einem Gel gekämmt hatten, das Jahrhunderte überdauern wird.) Die Compañera spricht flüssig zwei Sprachen, ihre Muttersprache und das castilla; sie versteht zu lesen und zu schreiben in einer Korrektheit, die sich Studenten des Staatsexamens an jeglicher Universität des Landes wünschen würden; sie hat die autonome Grund- und weiterführende Schule abgeschlossen; sie ist als Gesundheitsbeauftragte und Tercio Compa tätig; sie nutzt ohne Schwierigkeiten Computer und drei Betriebssysteme (iOS, Windows und Linux), handhabt Kamera und Programme zu Erstellung von Videos, surft behände im Internet, klar, immer nur dann, wenn das atmosphärische Klima es der Satellitenverbindung des Rates der Guten Regierung erlaubt, die Up- und Download-Hürde von 0,05 KB/s zu überwinden und das vertragliche Datenmengen-Limit sich nicht durch die Anzeigen der Comunidades(16) erschöpft hat.

Mit diesen Voraussetzungen war zu erwarten, dass sie sich nicht zufrieden gäbe mit der Antwort: »Die madre tierra in ihrer unermesslichen Weisheit hat diese Blume so geschaffen, wie sie ist; denn alles befindet sich in Harmonie mit der universalen Kraft, die aus der Natur entspringt.« (Hier können Sie alle die Augen schließen, sich an den Händen fassen und mir nachsprechen: »Ommm, ommmm.«)

Es wäre logisch zu denken, dass die junge Frau – als ihre Mutter als Antwort auf ihre Frage, sie zum Wasser oder Brennholz tragen schickt, und sie dies tut, ohne zu murren – auf dem 4 km langen Weg zum Brennholz oder dem 2 km langen Weg zum Wasser jedoch immer wieder diese Frage in ihrem Kopf herumdreht.

Klar, wenn ich Ihnen sage, die junge Zapatistin der Frage hieße Lilia, Camelia oder Dalia, oder Jasmin, Violetta, oder, na klar, Flor, würden Sie denken, ob es nicht schon genügend absurde Augenscheinlichkeiten gäbe, wie beispielsweise: Es regnet weiterhin auf bereits Durchnässtes. Und somit, nein, nein, sie trägt keinen dieser Namen. Besser ich sagte Ihnen nicht die Wahrheit, denn die Compañera heißt nämlich Rosita; ihre Mutter wird Rosa gerufen; ihre Großmutter heißt Rosalía. Stellen Sie sich den Horror vor, falls die Compañera ein weibliches Kind bekommen sollte; sicher wird man ihm den Namen Rositía geben.

Nun gut, der Punkt ist, als mir einige Tage später der SubMoy sagte, wir müssten darüber nachdenken, wie wir die Wissenschaftler kontaktieren können, machte ich das gleiche verwunderte Gesicht wie Sie, als Sie die Überschrift dieses Beitrags lasen. Der SubMoy ließ sich natürlich nichts anmerken, sodass er mich dazu brachte, ihn zu fragen: »Warum das? Worauf soll das hinaus?«
Eine Zigarette sich anzündend gab er mir lakonisch zur Antwort: »Schuld hat die Blume.«

Ja, klar, ich zündete meinerseits die Pfeife an und verblieb schweigsam, jedoch machte ich ein Gesicht wie: »Ah, du hast dich flach gelegt?« Neihein, das stimmt nicht; ich machte ein Gesicht wie: »What?« Neihein, auch das stimmt nicht. Jedoch irgendein Gesicht machte ich wohl, denn ich hatte keine pasamontañas auf und der SubMoy lachte. Und so erklärte er mir das, was ich Ihnen zuvor erzählte

Über den Kontext, wie man so sagt, den Kontext der Frage und ihre Beantwortung, darüber wird Ihnen der SubMoy morgen sprechen.

Somit, falls Sie, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, jemand fragt – wenn Sie wieder in Ihre Welten zurückgekehrt sind – warum dieses Treffen stattfand, was die Ergebnisse sind, worum es ging, wie es für Sie war, dann können Sie Ihre lange oder kurze Antwort beginnen mit:

»Schuld hat die Blume.«

Vielen Dank.

Aus dem CIDECI-Unitierra, San Cristóbal de Las Casas, Chiapas, Mexiko, Lateinamerika,
Planet Erde, Sonnensystem, etc.

SupGaleano

27. Dezember 2016



Aus dem Notizheft des Gato-Perro:
Defensa Zapatista, die Kunst und die Wissenschaft.



Das Geschehen lässt sich nicht genau klären. Einige sagen, es war eine Wette. Andere meinen, Pedrito hätte durchgedreht, und so sei es gewesen. Wiederum andere deuten, es wäre lediglich eine Übung gewesen. Die Wenigsten sprechen von einem vollendeten Fußballspiel, das in den letzten Sekunden entschieden wurde als der SubMoy als Schiedsrichter einen Elfmeter erließ.

Fakt ist, Defensa Zapatista(17) befindet sich jetzt einige Meter vom Elfmeterpunkt entfernt, wo ein abgenutzer Ball sie erwartet.

Im Tor bewegt Pedrito seine Arme wie der ehemalige Tormann der ehemaligen Fußballequipe der ehemaligen Sowjetunion, Lev Yashin – genannt »die schwarze Spinne«. Pedrito grinst schlau vor sich hin, denn laut ihm kann er voraussagen, wohin das Mädchen seinen Schuss dirigieren wird: »Defensa Zapatista ist vollkommen vorhersagbar. Da sie gerade vom Treffen der mensajeras, der Botschafterinnen kommt, wird sie mit Sicherheit nach unten und nach links zielen.«

Das Mädchen jedoch, das wenig mehr als einen Meter groß ist, wendet seinen Blick zu einer der Seiten des Spielfelds (in Wirklichkeit ist es eine Weide, in die unablässig und hartnäckig Kühe, Schafe sowie ein einäugiges Pferd eindringen).

Auf dieser Seite lassen sich sehen: ein merkwürdiges Wesen, halb Hund, halb Katze, freudig mit dem Schwanz wedelnd; und zwei Individuen, von denen man sagen könnte – wenn es sich nicht um zapatistisches Gebiet handeln würde – sie widersprächen vollständig der Landschaft. Der Eine, von mittlerer Gestalt, mit ergrauten, kurzen Haaren, trägt eine Art Popelinemantel; der Andere, mager, groß und schlaksig, trägt einen eleganten Überzieher und einen lächerlichen Hut auf dem Kopf.

Das Mädchen bewegt sich zu dieser seltsamen Gruppe. Auch das einäugige Pferd nähert sich. Als sie zusammen sind, zeichnet der dünne Mann merkwürdige Figuren auf den Boden, währenddessen das Mädchen darauf aufmerksam blickt und immer wieder zustimmend mit dem Kopf nickt.

Defensa Zapatista kehrt zum großen Spielfeld zurück und nimmt seine Position ein. Sie beginnt einen Trott in Richtung Ball, läuft jedoch an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren, und stoppt wenige Zentimeter vor der rechten Seite des von Pedrito verteidigten Tors. Der betrachtet misstrauisch das Mädchen. Defensa Zapatista ist stehen geblieben und hockend fängt sie an, ein wenig im Boden zu scharren, um eine Blume mit ihren Wurzeln auszugraben. Vorsichtig nimmt das Mädchen die Blume in seine kleinen Hände und pflanzt sie weit entfernt vom Tor wieder ein. Dann kehrt es aufs Spielfeld zurück.

Das Publikum ist bis zum Zerreißen gespannt, insgeheim spürend, es nimmt an einem dieser nicht wiederholbaren Ereignisse innerhalb der Geschichte der Weltmeisterschaften teil.

Pedrito seinerseits ist sich mehr als selbstsicher. Falls er je einen Zweifel gehabt hatte, dann hat jetzt Defensa Zapatista einen schweren Fehler begangen, indem sie die Blume dort weg nahm, wo sie war. Damit hat das Mädchen die Richtung, in die ihr Schuss gehen wird, verraten: unten und links von Pedrito. »Klar«, sagt sich Pedrito, »die Mädchen hüten die Blumen; deshalb wollte Defensa Zapatista nicht, dass der Ball die Blume trifft.«

Und als ob es noch an mehr Spannung fehlte, hat sich das Mädchen nicht direkt vor den Ball und in Front des Tors aufgestellt, sondern genau seitlich vom Ball, mit dem Rücken zu Pedrito. Dieser lächelt bereits bei der Vorstellung, Defensa Zapatista wegen dem misslungenen Torschuss verspotten zu können.

Defensa Zapatista dreht ihr Gesicht dorthin, wo das seltsame Wesen mit Namen Gato-Perro(18) sich aufhält und anfängt – wie ein Tanzäffchen – kleine Sprünge um die eigene Achse zu machen. Das Mädchen lacht und beginnt eine Bewegung, die die Meinungen noch für die nächsten Jahrzehnte spalten wird.

Einige Teilnehmende des CompArte sagten, sie begann mit der ersten Position des Ballett: Sie hob ihr rechtes Bein und zog es wieder an sich heran und fing an, sich um sich selbst zu drehen – in einer Bewegung, die »pirouette en dehors« genannt wird – mit »relevés« und »passés« in Drehung. »Es war makellos«, fügten sie hinzu.

Der verstorbene SupMarcos gab kund, das, was Defensa Zapatista ausgeführt hätte, wäre nichts anderes gewesen als den Ushiro Mawashi Geri Ashi Mawatte, eine Kampfkunst-Übung, in der – mit dem Rücken zum Angriffsziel – eine fast 360-Grad-Drehung vollzogen wird – kulminierend in einem Tritt nach vorne, mit der Ferse des Fuß.

Die Insurgentas ihrerseits – organisiert in der Zelle »Als Frauen, die wir sind« – meinten, die Blume, die Defensa Zapatista in die Hand genommen hatte, wäre von der Gattung der Kletter-und Schlingpflanzen – bekannt unter dem Namen »Chenek Caribe«(19), deren Blüten Küken oder kleinen Vögeln ähneln, und mit der die kleinsten Mädchen in den Comunidades der Selva Lacandona spielen. Der »Chenek Caribe« pflegt auf Weiden zu wachsen und zu blühen, und zeigt damit an, dass die Erde zur Saat von Mais und Bohnen bereit ist.

Der SupGaleano – der wie immer in diese Texte verliebt ist – sagte, es sei klar gewesen, dass Pedrito sich mit dem Offensichtlichen verwirren ließe und in der Tat Defensa Zapatista nach unten und links schießen würde. Pedrito aber habe gedacht: nach SEINEM unten und links; und ja, der Schuss ging nach unten und links – jedoch aus der Perspektive des Mädchens.

Doktor Watson stellte fest, das, was Defensa Zapatista gemacht hätte, wäre eine kurze Form der Tanz-Meditation Sema der Sufí-Derwische gewesen, so wie er sie während seines Aufenthaltes in der Türkei gesehen hätte: Die Tanzenden drehen sich um sich selbst und wechseln dabei den Ort – damit ähnelnd den Bewegungen der Planeten im Weltall.

Detektiv Sherlock Holmes erklärte dazu: »Weder das eine noch das andere. Was das Mädchen tat, war die wissenschaftliche Erklärung anzuwenden, die ich ihr gab über die Rotationsträgheit eines Körpers und die Einwirkung der Zentrifugalkraft auf eine Kugelform. Elementar, mein lieber Watson«, bemerkte der in die Berge des Südosten Mexikos verirrte Detektiv. »Es war klar Statur und Gewicht Defensa Zapatistas voraussetzend man musste die Kraft, mit der sich die Kugel verbinden würde, zur größtmöglichen steigern, damit der Ball die notwendige Schnelligkeit und Beschleunigung erhält, um die 11 Meter zu durchlaufen. Klar, die Wahrscheinlichkeit, dass der Schuss erfolgreich sei, war 50:50. Das meint: Der Torhüter konnte sich zu der einen Seite bewegen oder zu der anderen Seite, wohin der Ball flog, und diesen dann mühelos fangen.«

»Und die Blume?«, fragte Doktor Watson. »Ah«, gab Sherlock Holmes zur Antwort, »das, mein lieber Watson, ist Beifügung des Mädchens und geht nicht auf mich zurück. Mehr noch, es hat mich so sehr überrascht, wie es scheinbar den Jungen, der das Tor hütete, überrascht hat. Mit dem, was das Mädchen machte, erhöhte es die Wahrscheinlichkeit, dass der Tormann sich in Richtung, wo sich die Blume befunden hatte, bewegen würde. Das war etwas, und das ist klar, das weder mit Wissenschaft noch mit Kunst zu tun hatte. Wenn Sie erlauben, Doktor Watson, es war als ob sie es geschafft hätte, beides zusammenzuführen, zu synthetisieren. Sehr interessant, mein lieber Watson, sehr interessant.«

Nach dem ganzen Wörter-Wirrwarr interviewten die Tercio Compas den Pedrito. Gefragt nach der Ursache des erlittenen Tors, gab er lakonisch zur Antwort:

»Schuld hat die Blume.«

Beglaubigt.
Wau-miau.



Anmerkungen der_die Übersetzer _in:



(1) im Original: fiestas decembrinas; wörtlich: Dezember-Feste
(2) im Original: Consejo Nacional Indigenista; in Wirklichkeit heißt es in der CNI-EZLN Erklärung vom 14.10.2016: Concejo Indígena de Gobierno; also: Indigener Regierungsrat
(3) rassistische Bezeichnung innerhalb der USA – für diejenigen, die versuchen, illegal die Grenze Mexiko-USA zu überwinden, indem sie den Grenzfluss Río Bravo durchqueren. Deshalb wörtlich: »nasse Rücken«.
(4) Oxymoron: Zusammenführung zweier sich widersprechender Begriffe in einem Wort; Beispiel: bittersüß
(5) escuelita zapatista: Kleine zapatistische Schule, an der bisher 6000 Internacionalistas teilnahmen
(6) im Original: »buena vibra«: wörtlich: gute Schwingung
(7) Coyoacan: gentrifizierter Stadtteil im Süden von Mexiko Stadt
(8) toquesín: »hipster-paaartyyy mit Drogen-misch-Konsum«?
(9) im Original: »prexta pa la orquexta«
(10) José Alfredo Jiménez und Pedro Infante: mexikanische Film-und Gesang-Stars der 50er Jahre;
Verkörperungen des Machos »an und für sich«
(11) »die Hydra«: zapatistische Analyse-Symbol-Figur für die jetzige Form des Kapitalismus; zum ersten mal öffentlich gemacht während des internationalen Treffens, »Das Kritische Denken im Angesicht der kapitalistischen Hydra«, im Mai 2015, in San Cristóbal de Las Casas
(12) mensajeros und mensajeras: wörtlich: Botschafter/Boten; Botschafterinnen/Botinnen: Es sind die Jugendlichen, die in den Comunidades von den großen Treffen berichten.
(13) Compañera jóvena: zapatistische Wortneuschöpfung; Femininum von jóven: Jugendlicher
(14) la castilla: So nennen die Comunidades die spanische Sprache.
(15) die 7 (zapatistischen) Prinzipien des Gehorchend Regierens
(16) denuncias: die an die Öffentlichkeit gerichteten Anzeigen, die die Comunidades nach anti-zapatistischen Angriffen auf ihre Gemeinden machen
(17) Defensa Zapatista: wörtlich: Zapatistische Verteidigung
(18) Gato-Perro: wörtlich: Katze-Hund
(19) Chenek Caribe: »chenek« bedeutet in tsotsil: Bohne. Falls es die »Karibische Bohne« wirklich gibt, wäre das ihr in deutsch übertragener Name.

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 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2016/12/27/la-culpa-es-de-la-flor/ 
 

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