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Alarmstufe Rot auf dem mexikanischen Land

npla vom 21.04.2018
Ana de Ita

  Nicht immer ist es auf dem Land in Mexiko so idyllisch.
Nicht immer ist es auf dem Land in Mexiko so idyllisch. Foto: Flickr/Caliopedreams (CC BY-NC 2.0)


(Mexiko-Stadt, 21. April 2018, la jornada).- Das mexikanische Land ist kein beschaulicher Ort mehr, um in Kontakt mit der Natur zu treten. Oder die Lebensform verschiedener Gesellschaften kennenzulernen, die von dem abhängen, was die Erde ihnen gibt. Es ist zu einem gefährlichen Ort geworden, begehrt von verschiedenen Interessen, die sich in die Quere kommen: Energie- und Rohstoffförderunternehmen, »Narcos« [Mitglieder der Drogenkartelle], Agroindustrie, Grundstücksgesellschaften und Bauherren von Megaprojekten. Diese bedienen sich der Gewalt, um die Landbewohner*innen zu vertreiben und sie ihrer Territorien und Naturgüter zu berauben. Die Gewalt wird benutzt, um die Bevölkerung gefügig zu machen und ihr Projekte aufzuzwingen, die von ihr abgelehnt werden. Um Widerstände zu brechen, Führungspersönlichkeiten und Widersacher*innen verschwinden zu lassen und umzubringen. Die verbrecherischen Aktionen bereiten dem kleinbäuerlichen Leben ein Ende. Der Staat ist durch Handeln und Unterlassung verantwortlich für die Begründung und Ausweitung dieser Gewalt.

Bäuer*in zu sein, ist heute ein Luxus. Leisten kann sich diesen Luxus nur, wer Teil von Dorfgemeinschaften ist, die sich einen starken und lebendigen Zusammenhalt mit eigenen Regierungsformen und Schutzmechanismen bewahrt haben. Aber leider gibt es von diesen Gemeinschaften jeden Tag weniger. Permanent werden sie zudem von verschiedenen Invasoren bedrängt.

Bergbau und Gewalt sind untrennbar geworden



Bergbau und Gewalt sind untrennbar geworden. Der Bergbau macht den Ejidos und Dorfgemeinden ihre Territorien streitig. Er vereinnahmt das Wasser, zerstört die Hügel und Wälder, verseucht die Umwelt und macht kleinbäuerliches Leben unmöglich. Mitunter beauftragen die Bergbaukonzerne die »Narcos« mit ihrer Sicherheit und dem Transport der Edelmetalle. Das organisierte Verbrechen entreißt den Dorfgemeinschaften zudem einen Teil des Pachteinkommens, dass sie aufgrund der Besetzung ihrer Böden erhalten. Gemeindebasierte Opposition steht den Auftragsmördern der Drogenkartelle gegenüber. In verschiedenen Regionen sind die Familien im Kontext des Bergbaus zum Verlassen ihrer Wohnorte gezwungen worden.

Es gibt kleine Ejido-Landwirt*innen mit Produktionspotential und Bewässerungslandwirtschaft in Bundesstaaten wie Sinaloa, Sonora, Chihuahua und Tamaulipas. Sie hatten eine organisierte Vermarktung ihrer Produkte erreicht und Initiativen für Kreditgenossenschaften, Saatgutunternehmen, Düngemittelvertreiber, Maschinenparks, Tankstellen und Speicher angestoßen. Sie sind nicht nur durch eine Agrarpolitik zerstört worden, die darauf angelegt war, die Großproduzenten und Handelsmultis zu begünstigen. Sie haben genauso den Raub ihrer Ernten und den Mord ihrer Führungspersönlichkeiten erlitten. Auf den Landwegen sind sie wiederholt in die Hinterhalte des organisierten Verbrechens geraten. Viele haben aufgrund der Unsicherheit, alleine die Parzellen zu bestellen, ihre Tätigkeit als Landwirte aufgegeben.

Einige Bergbäuer*innen müssen die Drogenkartelle, die ihr Territorium kontrollieren, benachrichtigen und um Erlaubnis bitten, wenn sie Besuche von Fachkräften, Student*innen, Kirchenmitgliedern erhalten oder auch nur ihre Gemeindefeste feiern wollen. Andere mussten ihre durch die Gewalt der »Narcos« und ihrer Häscher verwüsteten Dorfgemeinden und Böden verlassen. Der landwirtschaftliche Strukturwandel mit seiner Ausrichtung auf den Exportanbau mit Produkten wie Erdbeeren, Avocados, Zitronen und verschiedenen Gemüsesorten ist in Bundesstaaten wie Jalisco, Guanajuato, Michoacán und Baja California ebenfalls mit Gewalt durchgesetzt worden. 2009 wurden mehr als zwei Millionen Tagelöhner*innen im mexikanischen Landbau gezählt. Zusammen mit ihren Familien ergibt das mehr als neun Millionen Menschen. Verschiedene Unternehmen, die sich diesem Anbau widmen, der einen intensiven Konsum von Wasser, Chemieprodukten, Kapital und Arbeitskraft mit sich bringt, sind wegen der schlechten Behandlung ihrer Arbeiter*innen angeklagt worden.

Viele Tagelöhner*innen leben wie Sklav*innen



Die indigenen Tagelöhner*innen, Migrant*innen aus der Triqui-, Mixteco-, Wixarika- und Nahua-Bevölkerung, trifft es am Schlimmsten. Sie leben zusammengepfercht in Siedlungen in der Nähe der Plantagen – unter schlechtesten hygienischen Bedingungen und den beim Anbau verwendeten Agrargiften ausgesetzt. In einem System moderner Knechtschaft ohne Verträge, Arbeitsregelungen und Sozialversicherung sind die Tagelöhner*innen Ausbeutungsmechanismen unterworfen. Dies schließt Verkaufsläden ein, bei denen sie »anschreiben« können und deren Hauptgeschäft im Verkauf von Drogen besteht, die helfen, die erschöpfenden Arbeitstage auszuhalten. Wenn die Tagelöhner*innen mehr in der Kreide stehen als sie an Lohn bekommen, dann werden sie zu Sklav*innen. Denn sie können die Pflanzung nicht verlassen, bevor sie ihre Schuld mit Arbeit abgetragen haben. Die Privatpolizei der Unternehmen überwacht die Wege und bringt diejenigen zurück, die versuchen, zu entfliehen.

Aus den Dorfgemeinschaften erzählen die Bewohner*innen, wie die Invasoren ihrer Gemeinden Taktiken des Krieges niedriger Intensität anwenden, um Widerstände zu brechen, den innergemeindlichen Zusammenhalt zu zerstören, die Familien zu schwächen und sich in den Gemeinden einzunisten. Jugendliche und Kinder sind ihre Ziele. Die Drogenkartelle machen sie zu »halcones« (Aufpasser) und danach zu einem Teil ihrer Struktur. Die Mädchen werden gezwungen, sich zu prostituieren, aus Angst oder Neugier. Werden sie [von den Eindringlingen] geschwängert, so werden die Invasoren des Territoriums Teil der Familie. Die Kuppler der Tagelöhner*innen organisieren in den Transportlastwagen Partys und ermutigen mit Alkohol und Drogen zur Promiskuität. Unternehmen und Kartelle verteilen unter den Kindern Geld, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Diese neuen Generationen von Männern und Frauen werden sich jeden Tag weniger ihren Dorfgemeinden verpflichtet fühlen. Sie werden auf die neuen Akteure setzen, ohne Widerstand zu leisten.

Das desaströse Resultat von 30 Jahren neoliberaler Politik, die Projekte und Gesetzgebungen zu Extraktivismus und Energievorhaben, der Krieg gegen den Drogenhandel, die Korruption und die Straflosigkeit haben eine Situation auf dem mexikanischen Land geschaffen, die das Überleben der Kleinbäuer*innen bedroht.

cc by-sa Alarmstufe Rot auf dem mexikanischen Land von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

 Quelle:  
  https://www.npla.de/poonal/alarmstufe-rot-auf-dem-mexikanischen-land/ 
 

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