Bertolucci im lakandonischen Regenwald

Poonal vom 15.01.2019
Luis Hernández Navarro

 

Die EZLN am 31. Dezember bei ihrer Feier zum 25. Jahrestages ihres Aufstands
Die EZLN am 31. Dezember bei ihrer Feier zum 25. Jahrestages ihres Aufstands. Foto: Desinformémonos


(Mexiko-Stadt, 8. Januar 2019, la jornada).- Es ist etwa 17:30 Uhr am 31. Dezember. Ein heller Nachmittag. Als ob es sich um den Höhepunkt eines epischen Films von Bernardo Bertolucci handeln würde, winden sich die Truppen der 21. zapatistischen Infanteriedivision wie eine riesige Urwaldschlange, die sich martialisch auf dem Hauptplatz des »Caracol« genannten zapatistischen Verwaltungssitzes im Ort La Realidad im Bundesstaat Chiapas zusammenrollt.

In der Vorhut des Militäraufgebotes befindet sich ein motorisiertes zapatistisches Frauenkommando. Als es auf dem zentralen Platz ankommt, schwärmt es zu allen vier Seiten aus, um das Operationsfeld abzugrenzen. Dem Kommando folgt eine Gruppe der Frauenmilizen, die das Feld umstellen, so als wären sie die Wächterinnen. Den Kopf des gigantischen Urwaldreptils bilden die berittenen Befehlshaber*innen, unter ihnen Kommandant Tacho und Subkommandant Moisés. Ihnen folgt der zweireihige Schlangenkörper aus mehr als 4.000 Kämpfer*innen. Sie sind mit grüner Hose und Mütze, kaffeebraunem Hemd, schwarzer Gesichtsmaske und roten Halstüchern uniformiert. Alle tragen zwei etwa 75 Zentimeter lange Rundhölzer mit sich. Ihr Aufeinanderschlagen markiert den Schritt der Truppe. Nicht alle haben Platz auf dem Operationsfeld.

Diese Division, so wird in einem Video von Enlace Zapatista erklärt, hat vor 25 Jahren die Kreisstädte von Altamirano, Oxchuc, Huixtán, Chanal, Ocosingo, Las Margaritas und San Cristóbal »erobert«. Sie wird von Kämpfer*innen der zweiten und dritten Generation verstärkt, »Zapatist*innen, die 1994 Kinder oder noch gar nicht geboren waren, und die im Widerstand und der Rebellion aufwuchsen«.

Machtdemonstration der EZLN



Die Feier des 25. Jahrestages der bewaffneten Erhebung der EZLN ist keine Inszenierung einer sozialen Bewegung. Es ist die Machtdemonstration einer politisch-militärischen Kraft, die über Ordnung, Disziplin, Zusammenhalt, Geschicklichkeit, logistische Kapazität, soziale Basis, Befehlsgewalt und Kontrolle über ein Territorium verfügt. Während die Zapatist*innen in den vergangenen Jahren bei ihren öffentlichen Auftritten ihr ziviles und volksnahes Gesicht gezeigt hatten — durch Seminare, Kolloquien, Kunstfestivals, kleine Kurse (die zapatistischen »escuelitas«), und Filmvorführungen -, so stellten sie an diesem 31. Dezember ihr militärisches Antlitz in den Vordergrund. Eines, das nicht automatisch bedeutet, zur Waffe zu greifen, aber sehr wohl Widerstand zu leisten. Die symbolische Botschaft ihres Aufgebotes hätte nicht deutlicher sein können.

Die Feier wird mit einer energischen Ansprache von Subkommandant Moisés abgeschlossen, die an die militärischen zapatistischen Strukturen, ihre zivilen Verwaltungen und die Basis gerichtet ist. Er sagt ihnen: wir stehen allein, als ob sie uns nicht sehen würden, als ob sie uns nicht hören würden. Sie wollen uns belügen, sie wollen und betrügen. Es ist ein Hohn, eine Erniedrigung. Sind sind hinter uns, hinter der EZLN, her. Wir haben keine Angst vor der Regierung. Hier herrscht nicht die schlechte Regierung, hier befehlen Frauen und Männer.

»Sie wollen uns betrügen«



Wie man weiß, ist Moisés der Sprecher der EZLN (obwohl dies oft gerne vergessen wird und man sich lieber an den Subkommandanten Galeano [beziehungsweise den Subkommandanten Marcos, Anm. d. Ü.] wendet). Moisés ist Tzeltal-Indígena, Tagelöhner auf den höllischen Farmen von Chiapas, Kamerad des [am 1. Januar 1994 gefallenen] Subkommandanten Pedro mit dem Grad eines Majors bei der »Einnahme« von Las Margaritas, Kamerad des Subkommandanten Marcos. Er ist es, der heute im Namen des Zapatismus und dessen Bevölkerung spricht. Er ist keine dekorative Figur. Er ist der Sprecher des Aufstandes. Seine Worte sind die Essenz eines Lebens aus Leid und Kampf, sowie den emanzipatorischen Sehnsüchten der indigenen Völker.

Das militärische Aufgebot und die Worte müssen zusammen bewertet werden. Obwohl es eine eng verwobene Geschichte von Unstimmigkeiten zwischen dem Zapatismus und der Strömung López Obradors (Obradorismus) gibt, scheinen die Härte der Rebellen-Erklärungen und die Mobilisierung am Jahresende die Antwort auf zwei zentrale Gegebenheiten zu sein. Die Drohung einer gegen die Zapatist*innen gerichteten Offensive seitens der neuen Regierung und grundlegende programmatische Differenzen. Dabei handelt es sich nicht um Verfolgungswahn. Sprecher*innen der »Vierten Transformation« verbreiten überall hinter vorgehaltener Hand, die EZLN sei geschlagen, während Befürworter*innen der neuen Nationalgarde damit drohen, die Rebell*innen eindämmen zu wollen.

EZLN fürchtet weitere Militarisierung des Landes



Der Zapatismus (und zahlreiche indigene Völker und Menschenrechtsgruppen) haben grundlegende Differenzen mit dem »Obradorismus«. Bedrängt durch die seit mehr als einem Vierteljahrhundert bestehende Militarisierung von Chiapas, lehnt die EZLN die Nationalgarde ab. Sie sieht darin einen weiteren Schritt bei der Militarisierung des Landes. Mit einer langen Liste ermordeter Aktivist*innen aus ihren Reihen, widersetzt sie sich einem Schlussstrich, der Verbrechen der Vergangenheit straffrei lassen soll. Die Zapatist*innen werden bedrängt von denjenigen, die sie ihrer Territorien berauben wollen, und sehen im geplanten Maya-Zug und den Plänen zur Wiederaufforstung die Speerspitze, um sie zu zerstören. Die EZLN fühlt sich der Wiederherstellung der originären Völker verpflichtet uns sieht in den »New Age«-Zeremonien der neuen Regierung als Bauernfängerei.

Entschlossen, eine andere Welt möglich werden zu lassen, wittert die EZLN in der Absicht der »Vierten Transformation«, gleichzeitig sowohl für die Ausgebeuteten als auch für die Ausbeuter*innen zu regieren, nicht nur das Echo der Worte des Unterdrückers Absalón Castellanos [ehemaliger Gouverneur von Chiapas], sondern reinen Unsinn. Im antikapitalistischen Kampf engagiert, sieht sie in der Regierung von Andrés Manuel López Obrador die kapitalistische Kontinuität.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Das Auftauchen Bertoluccis im lakandonischen Regenwald nimmt vorweg, dass entgegen dem, was einige glauben, im mexikanischen Südosten nichts endgültig festgeschrieben ist.

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