Neue ila, Nr. 439 erscheint diese Woche!

ILA vom 06.10.2020

 

Liebe Freund*innen, Kolleg*innen und Lateinamerikainteressierte,

diese Woche erscheint die Oktober-Nummer der ila, Nr. 439 zum Thema »Linke Baustellen«. Ursprünglich unter dem Arbeitstitel »Zeit für Utopien« angedacht, mauserte sich der Schwerpunkt zu den genannten Baustellen, die allerdings Einiges an utopischem Potenzial zu bieten haben, unter anderem in einem Interview mit der argentinischen Soziologin Maristella Svampa über den »Ökosozialen Pakt des Südens«, einem Rückblick und Ausblick zur Bewegung der Landlosen in Brasilien (MST) oder einer historischen Bestandsaufnahme der peruanischen Linksintelektuellen in den 70er/80er Jahren. Außerdem in den Berichten und Hintergründen:

Corona: Konzerne klagen gegen Regierungen - Venezuela: Polizeigewalt gegen Arme - Brasilien: Interview mit dem Schriftsteller Luiz Ruffato u.v.m.!

Neue ila, Nr. 439 erscheint diese Woche!Aus dem Editorial der ila Nr. 439:

»Gerade in Zeiten der Krise blüht die Phantasie am stärksten. Das war schon so zu Zeiten von Thomas More (sein Künstlername Morus sollte dem Buch mehr Schlagkraft verleiten). Mit seinem »Utopia« gab er zu Beginn des 16. Jahrhunderts den Träumen einen Namen, der bis heute wirkt. Seine Zeit war eine Epoche der Entdeckungen, Erfindungen, der Flucht vom Land in die Stadt, des Nahrungsmittel- und Arbeitsplätzemangels, der Epidemien, der Kriege. Die Erde war plötzlich keine Scheibe mehr und auch nicht die Mitte des Universums.(...)

Unsere heutige Zeit ist zwar nicht vergleichbar mit der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, aber einige der gängigen Narrative geraten ins Wanken. Nicht der Kapitalismus, aber einige Erzählungen, die ihn stützen: an erster Stelle der Glaube an die Machbarkeit aller Dinge und das ewige Wachstum. Er hat sich spätestens mit dem Klimawandel, dessen Konsequenzen nicht überschaubar sind, erledigt. Auch die absolute Individualisierung im Neoliberalismus bedeutet keineswegs Freiheit und Selbstbestimmung, wie von den Protagonist*innen verkündet wurde, sondern vor allem Vereinzelung, Desintegration und Ausgrenzung. Die »Globalisierung« bringt weder Entwicklung noch Fortschritt und schon gar keine internationale Solidarität, sondern führt zu einer enormen Machtkonzentration bei wenigen Großunternehmen. Und nicht zuletzt zeigt ein Virus, wie verletzlich wir alle in diesem System sind.

Warum verwandelten sich die Utopien nicht in Realitäten? Waren es eigentlich Utopien? Was sind Utopien überhaupt, und was sind linke Utopien? Neue Erzählungen tauchen auf. Die einen glauben an dunkle Mächte und Verschwörungstheorien, die anderen hoffen auf Alternativen. Veranstaltungen und Publikationen zum Thema »Utopie« sind wieder aktuell. Aber einfache Antworten auf komplexe Fragen wird man nicht finden.

(...)

Der große Wurf, das aktuelle »Was tun?« bleibt Utopie, ortlos. Zwei Themen sind sicher recht neu auf der Agenda: die Umwelt- und die Geschlechterfrage. Immerhin fast 50 Jahre nach dem ersten Appell des Club of Rome 1973 (»Die Grenzen des Wachstums«) erzwingt die Umweltfrage langsam die Aufmerksamkeit, die sie braucht. In den Debatten tauchen Begriffe wie Ökosozialismus oder Green New Deal auf, wobei letzteres streng nach kapitalistischer Modernisierung riecht.Die feministischen Bewegungen scheinen derzeit die erfolgreichsten alternativen Kräfte zu sein. Sie entwickeln am ehesten Visionen, wie es anders gehen könnte. Doch sie sehen sich auch mit aggressiven Gegenbewegungen konfrontiert, die deutlich machen, dass das Patriarchat noch lange nicht am Ende ist. Wer eine andere, eine bessere, eine menschlichere Gesellschaft will, muss Produktion, also Arbeit, und Reproduktion neu denken. Wie Karl Marx schon sagte, genügt es nicht, wenn der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen. Das heißt aber auch, dass die Wirklichkeit eine Vision braucht, zu der sie sich drängen kann. Es sei denn, man ist einer Meinung mit Helmut Schmidt, der verkündete »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.«

Wir haben diesen Schwerpunkt »Linke Baustellen« genannt. Das heißt, es gibt viele Themen, an denen Neues gedacht und getan werden oder Altes von Grund auf renoviert werden muss. Und dafür braucht es auch Visionen.«

Der Schwerpunkt der ila 439 hat einen Umfang von 36 Seiten (das gesamte Heft 64 Seiten) und kann zum Preis von 6,00 Euro bei der ila (Heerstraße 205, 53111 Bonn, Tel 0228-658613, E-Mail vertrieb (AT) ila-bonn PUNKT de   , Internet: www.ila-web.de) bestellt werden.
 

Quelle: http://www.ila-web.de/ausgaben/439


 

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