Vicente Fox - einer gegen alle

junge welt vom 14.11.2005
Harald Neuber

 

Mexikos Präsident gegen eigenständige südamerikanische Politik.
Harsche Kritik an Argentinien und Venezuela

Das Scheitern des sogenannten Amerika-Gipfels vor einer Woche — einem 1994 von Washington initiierten Treffen von Staats- und Regierungschefs — sorgt für anhaltende Unruhe. So hatte der mexikanische Präsident Vicente Fox kurz nach Gipfelende seinen argentinischen Amtskollegen und Gastgeber Néstor Kirchner für das Scheitern der Verhandlungen um eine gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA, spanisch: ALCA) verantwortlich gemacht. Kirchner konterte, Fox solle sich um Mexiko kümmern. Er, Kirchner, sei von Argentiniern gewählt worden und verteidige die Interessen seines Landes. Mexiko gehört zu den wenigen lateinamerikanischen Staaten, die das Vorhaben Washingtons unterstützen. Argentinien ist als Mitglied der regionalen Freihandelszone Mercosur einer der Wortführer der ALCA-Gegner.

Am vergangenen Donnerstag nun relativierte sich die Auseiandersetzung. In einer gemeinsamen Erklärung verwiesen die Außenminister von Mexiko und Argentinien, Luis Ernesto Derbez und Rafael Bielsa, auf das »hervorragende Niveau« der bilateralen Beziehungen. Der Konflikt wurde für beendet erklärt. Die Eile, mit der dies geschah, ist verständlich: Bis Jahresende soll zwischen den beiden Ländern ein wirtschaftliches Kooperationsabkommen unterzeichnet werden. Nach Angaben der mexikanischen Tageszeitung La Jornada hat das bilaterale Handelsvolumen schon jetzt einen historischen Höchststand von umgerechnet zwei Milliarden US-Dollar erreicht, Tendenz steigend.

Statt Argentinien nahm die mexikanische Regierung am Donnerstag nunmehr Venezuela ins Visier, weil sich dessen Präsident Hugo Chávez zugunsten von Kirchner geäußert hatte. »Es macht traurig zu sehen, daß das heroische mexikanische Volk einen Präsidenten hat, der vor dem Imperium (der Vereinigten Staaten von Amerika, d. Red.) in die Knie geht«, hatte Chávez erklärt. Daraufhin wurde Venezuelas Botschafter in Mexiko-Stadt einbestellt.

Mit solchen Manövern kann die US-nahe Regierung von Vicente Fox aber kaum über die Kritik im eigenen Land hinwegtäuschen. In einer gemeinsamen Erklärung rügten die sozialdemokratische PRD, die ehemalige Regierungspartei PRI und die Grünen der PVEM am Wochenende das »unglückliche Vorgehen« des amtierenden Präsidenten in Mar del Plata. Der sozialdemokratische Senator Raymundo Cárdenas, einer der Initiatoren der Erklärung, begründete den Protest: »Der Präsident hat uns damit überrascht, die von den USA lancierte Politik einer Ausweitung des ALCA derart zu verteidigten, als sei es seine eigene«. Dies sei nicht mit den Interessen des mexikanischen Volkes in Einklang zu bringen.
 

Quelle: http://www.jungewelt.de/2005/11-14/011.php


 

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