Zerstörung statt Magie

Poonal vom 16.10.2020
Wolf-Dieter Vogel

 

Aktivist*innen zeigen Protestplakate gegen Megaprojekte im Isthmus von Tehuantepec. Foto: Wolf-Dieter Vogel
Aktivist*innen zeigen Protestplakate gegen Megaprojekte im Isthmus von Tehuantepec. Foto: Wolf-Dieter Vogel


(Mexiko-Stadt, 11. Oktober 2020, taz).- Sandra Velásquez erfuhr nur zufällig, dass ihr Dorf zerstört werden soll. Befreundete Surfer*innen hatten ihr per Whatsapp Pläne geschickt, die zeigten, was die mexikanische Regierung hier vorhat: rechts von Playa Brasil ein Containerhafen, links eine Industrieanlage, und dort, wo sich heute noch der kleine Küstenort befindet, soll ein großes Abflussbecken entstehen. Der Sandstrand, von dem aus die 34-jährige Meeresbiologin gerade auf den Pazifik blickt, wäre dann verschwunden.

Der mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador sei damals selbst angereist, um den Ausbau des Hafens in der nahegelegenen Stadt Salina Cruz vorzustellen, erzählt sie. Doch die Präsentation an jenem Apriltag vergangenen Jahres fand im kleinen Kreis statt, mit Unternehmer*innen und Politiker*innen.

Wären da nicht die Surffreund*innen gewesen, die an dem Treffen teilnahmen, hätten die Menschen in Playa Brasil erst viel später von den Plänen erfahren, dass ihr Heimatdorf in das Megaprojekt »Interozeanischer Korridor« einbezogen werden soll. Dabei geht es gerade für die Menschen in der Küstenregion um alles. Schließlich leben sie vor allem vom Tourismus, Fischfang und Salzabbau. »Man wird uns vertreiben und die Natur zerstören«, befürchtet Velásquez.
Der Interozeanische Korridor zählt zu den wichtigsten Infrastrukturprojekten López Obradors. Das Staatsoberhaupt hat sich die Bekämpfung der Armut als höchstes Ziel gesetzt, Umwelt und Naturschutz müssen da nachstehen. Mexiko hat zwar die UN-Biodiversitätskonvention unterzeichnet, doch für den Staatschef geht die industrielle Entwicklung vor.

Ein Panamakanal auf Schienen



In Velásquez’ Heimatregion, dem im Südosten Mexikos gelegenen Isthmus von Tehuantepec, will er eine 300 Kilometer lange Schnellzugtrasse für Container bauen, die den Pazifik mit dem Atlantik verbindet. Ein Panamakanal auf Schienen, samt Ausbau der Häfen, Erdölpipeline und Autobahn. Auch Energieprojekte sollen eingebunden werden und entlang der Bahnstrecke sollen zehn Industrieansiedlungen entstehen. »Der gesamte Streifen im Isthmus wird eine Freihandelszone«, kündigte López Obrador nach seiner Wahl im Sommer 2018 an. Er wolle im verarmten Süden Tausende Arbeitsplätze schaffen und so verhindern, »dass junge Leute aus der Region auf der Suche nach Arbeit in den Norden abwandern«.

Doch daran glaubt Sandra Velásquez nicht. »Der Industriehafen wird vor allem Experten von außerhalb hierher bringen, bestenfalls brauchen sie dann noch ein paar billige Arbeitskräfte«, ist sie überzeugt. »Sie wollen uns in ihre Weltmarktfabriken stecken, wo wir unter prekären Bedingungen arbeiten sollen«, ergänzt Bettina Cruz. »Man will uns unser Land, unser Wasser, unsere Arbeit und unseren Wind nehmen«, sagt die Zapotekin und erinnert daran, dass in der Region schon 29 Windparks gebaut wurden, ohne Rücksicht vor allem auf die Indigenen vor Ort.

Die Natur ist für die Indigenen existenziell



Für zahlreiche Zapoteken, Mixe, Ikoots und zehn weitere indigene Völker, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, ist die Natur existenziell für ihr wirtschaftliches Überleben und ihre kulturellen Traditionen. Sie begreifen sich als Teil von ihr, gerade hier im Isthmus, der Region mit der größten Biodiversität Mexikos.

Die Küste beheimatet große Mangrovenwälder, auf dem Land befinden sich artenreiche Wälder. Mit ihren vielen Flüssen, Bächen und Quellen ist die Gegend die wichtigste Trinkwasserquelle Mexikos. Durch die Ansiedlung von Fabriken, Energiewerken und Bergbauprojekten könnte das Wasser knapp und der Boden der Gemeinden verschmutzt werden. So beispielsweise im Regenwald von Chimalapas, der unweit der Bahnstrecke liegt. Dort wehren sich die Zoque-Indigenen gegen den geplanten Gold- und Silberabbau, der dort den Dschungel vernichten und Flüsse kontaminieren werde. Ikoots, die an der Pazifikküste leben, berichten, dass dort schon jetzt wegen der Windparks weniger Vögel vorkommen.

Magieversprechen entpuppt sich als Betrug



Insgesamt 1.223 Windräder stehen im Isthmus von Tehuantepec. Die Indigenen wurden meist nicht über den Bau der Anlagen auf ihrem Territorium befragt, obwohl das ihr international verbrieftes Recht ist. So auch in Unión Hidalgo, einer Kleinstadt, in der Oppositionelle den Bau weiterer Windkraftanlagen und des Korridors verhindern wollen. Eine Universität, neue Krankenhäuser und asphaltierte Straßen seien angekündigt worden, wenn die Parks erst einmal installiert seien, berichten sie auf einer Versammlung. Doch daraus wurde nichts. »Sie haben uns einen geradezu magischen Ort versprochen und uns betrogen«, sagt ihr Sprecher Norberto Altamirano.

Warum sollten sie vom Korridor profitieren, fragen sie sich. 70 Prozent der Menschen in der Region seien arm und zugunsten der Industrie vernachlässigt worden, erklärt Carlos Beas von der indigenen Organisation Ucizoni. »Traditionelles Wirtschaften wie Fischfang sowie kleinbäuerliche Landwirtschaft und Viehzucht sind deshalb immer mehr zugrunde gegangen«, so Beas. Durch den Korridor werde die Entwicklung verschärft.

Doch die Dörfer sind gespalten. »Viele, die sich früher für die Verteidigung ihres Territoriums eingesetzt haben, sind heute Teil der neuen Regierung«, sagt der Ucizoni-Sprecher und verweist auf den sich als links gerierenden Präsidenten. Zahlreiche Anhänger López Obradors und auch andere hoffen darauf, dass der Interozeanische Korridor Wohlstand bringt. Bislang leben hier viele vor allem von den Geldüberweisungen Angehöriger, die in die USA oder in andere Regionen Mexikos migriert sind.

Elena Ramirez ist nach Oaxaca de Juárez, die Hauptstadt des Bundesstaates, gezogen und arbeitet dort als Gastronomin. »Ich wäre nicht aus dem Isthmus weggegangen, wenn es dort Fabriken gäbe, in denen ich arbeiten könnte«, sagt sie. Aber es gebe nur den Anbau von Mais, Sesam und Saisonfrüchten wie Mangos und Kokosnüssen. »Viele meiner Landsleute wollen da raus.« Ganz anders sieht das die Zapotekin Bettina Cruz. Sie wollten nicht zu »Zombies« werden, die acht Stunden in einer Fabrik arbeiten, sondern ihr Leben so führen, wie sie es gewohnt seien, kritisiert sie. »Warum denken die, dass wir von der Zivilisation aufgesaugt werden müssen?«

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