Angriffe auf Journalist*innen empören die Bevölkerung

Poonal vom 31.01.2022
Parker Asmann

 

Angriffe auf Journalist*innen empören die Bevölkerung


(Mexiko-Stadt, 30. Januar 2022, ANRed).- Schon im ersten Monat des neuen Jahres kam es zu blutigen und sogar tödlichen Angriffen auf Journalist*innen. Der jüngste Mordversuch ereignete sich am Morgen des 26. Januar. José Ignacio Santiago Martínez war gerade auf der Autobahn im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca, als Bewaffnete das Feuer auf ihn eröffneten. Der Leiter der Nachrichtenseite Pluma Digital Noticias war einige Zeit zuvor in ein Schutzprogramm für Menschenrechtler*innen und Journalist*innen aufgenommen worden. Wie das Büro des Ombudsmanns für Menschenrechte in Oaxaca in einer offiziellen Erklärung mitteilte, konnten seine bewaffneten Leibwächter den Angriff abwehren und die Ermordung des Journalisten gerade noch verhindern.

Schutzmechanismen bieten keine ausreichende Sicherheit



Leider erfüllen die Schutzmechanismen nicht immer so effektiv ihren Zweck. Der Fotojournalist Margarito Martínez hatte ebenfalls um Aufnahme in das Schutzprogramm gebeten, weil er um sein Leben fürchtete. Genutzt hat es ihm nicht. Wie die Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Baja California berichtete, wurde Martínez am 17. Januar beim Verlassen seines Hauses in Tijuana erschossen. Eine Woche später, am 23. Januar, bestätigte die Gouverneurin des Bundesstaats Baja California Marina del Pilar den Mord an der Reporterin Lourdes Maldonado López. Auch sie wurde vor ihrem Haus in Tijuana erschossen. Im März 2019 war Maldonado nach Mexiko-Stadt gereist, um an der morgendlichen Pressekonferenz von Präsident Andrés Manuel López Obrador teilzunehmen. Dort erzählte sie dem Präsidenten persönlich von ihrer Todesangst und bat um Schutz. Die Panikknöpfe an ihrem Handy und in ihrem Haus konnten ihre Ermordung jedoch nicht verhindern.

Gewalttätige Eskalationen im ganzen Land



Aufgrund der Serie aufsehenerregender Morde steht die Grenzstadt Tijuana im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Gewalttätige und tödliche Angriffe auf Journalist*innen gab es in diesem Jahr jedoch schon im ganzen Land. Anfang Januar wurde der Reporter José Luis Gamboa im Bundesstaat Veracruz am Golf von Mexiko erstochen. Eine knappe Woche später drangen Unbekannte im Bundesstaat Yucatán in das Haus des Journalisten Jaime Vargas Chablé ein und versuchten, auch ihn zu erstechen. Unklar ist, ob der Angriff in direktem Zusammenhang mit seiner Arbeit stand. Bei einer Schießerei in der Gemeinde Buenavista de la Salud im Bundesstaat Guerrero geriet ein Journalist zwischen die Fronten, nachdem er mehr als eine Stunde auf das Eintreffen der Sicherheitskräfte gewartet hatte.

Im Fokus: Baja California



Als besonders gefährlich galt in den letzten Jahren der nordmexikanische Grenzstaat Baja California. Hier haben sich die Angriffe auf die Presse seit 2018 mehr als verdoppelt. Article 19 zählte im vergangenen Jahr 43 Angriffe. Mit der Ermordung von Martínez und Maldonado stünden in dem Bundesstaat gleich zu Beginn des Jahres alle Alarmsignale auf rot, erklärte die Organisation. Hinsichtlich des Mords an Martínez waren die Behörden bisher von der Beteiligung des organisierten Verbrechens ausgegangen, wobei es unwahrscheinlich schien, dass es sich dabei um eine einzelne Bande handelt und sicher auch andere Faktoren eine Rolle spielen, zum Beispiel die Machtkämpfe vor Ort. Die Tatwaffe, eine 9-mm-Pistole, wird Berichten zufolge den Auftragskillern des Cartel Jalisco Nueva Generación (CJNG) zugeordnet. Wie das Online-Magazin Zeta Tijuana schreibt, waren im Jahr 2020 zwei Frauen und drei Männer mit derselben Waffe getötet worden. Da jedoch relativ viel Zeit zwischen den Verbrechen liegt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Mordwaffe in der Zwischenzeit an eine andere Person ohne Verbindung zum CJNG verkauft wurde.

Beteiligung krimineller Strukturen denkbar



In der Woche nach dem Mord tauchten in Tijuana zwei Narcomantas auf, die David López Jiménez alias »El Cabo 20« oder »El Lobo« beschuldigten, den Mord angeordnet zu haben. Urheber der Narcomantas (transparentartige Stoffbanner, die Bekennerschreiben oder Denunziationen enthalten) sollte angeblich das Sinaloa-Kartell sein. Jiménez gilt als krimineller Unternehmer und Koordinator mehrerer Zellen lokaler Drogenhändler und Auftragskiller in Baja California. Laut Zeta Tijuana kollaborierte er früher mit der CJNG und arbeitete später für Untergruppen des Sinaloa-Kartells und die Überreste der Organisation Arellano Felix. Außerdem betrieb er einen Entführungsring, der andere lokalen Kriminelle und korrupte Polizisten zusammenbrachte. Die Behörden ermitteln nun, inwieweit Carlos Omar Barba Preciado in Jiménez’ Machenschaften verwickelt ist. Angel Peña, einer von Barbas mutmaßlichen Komplizen, hatte Berichten zufolge im vergangenen Jahr eine Auseinandersetzung mit Martinez wegen dessen Arbeit als Fotograf. Martinez hatte über Verbrechen im Sanchez Taboada-Viertel, einem der gewalttätigsten Viertel Tijuanas, berichtet.

Tijuana als Treffpunkt unterschiedlicher krimineller Interessen



In den vergangenen Jahren hat sich die Grenzstadt zum Treffpunkt unterschiedlicher krimineller Interessen entwickelt. Die internen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fraktionen des Sinaloa-Kartells sollen sich auf die Region Baja California ausgeweitet haben. Auch der CJNG soll mit Hilfe des regionalen Cartel Tijuana Nueva Generación (CTNG) versucht haben zu expandieren. Unabhängige Reste der Organisación Arellano Felix sind ebenfalls noch vor Ort, und die Behörden halten es nicht für ausgeschlossen, dass sie an dem Mord beteiligt waren. Es könnte aber auch sein, dass bestimmte kriminelle Gruppen den Mord nutzen, um die Aufmerksamkeit auf die Konkurrenz zu lenken und ihren Verbündeten im Behördenapparat einen Grund zu geben, die Verfolgung ihrer Feinde aufzunehmen. Genauso möglich ist es jedoch, dass der Mord an Martinez indirekt mit dem organisierten Verbrechen zusammenhängt.

Unter den Auftraggebern sind auch Regierungsbeamte



Gewalt und Einschüchterung durch verschiedene Akteure gehören für mexikanische Journalist*innen zum Alltag, und nicht selten geht die Aggression von Regierungsbeamt*innen aus. So wurde beispielsweise der ehemalige Bürgermeister von Chínipas im Bundesstaat Chihuahua wegen seiner Beteiligung an der Ermordung der Journalistin Miroslava Breach im Jahr 2017 festgenommen und im Juni 2021 zu acht Jahren Haft verurteilt.

Zehntausende beteiligen sich an Protesten



Mehr als 50.000 Mexikaner*innen unterzeichneten eine Change-Petition, die Gerechtigkeit für die ermordeten Journalisten in Mexiko fordert. Seit Beginn des Jahrtausends wurden 148 Journalist*innen ermordet. Nach Einschätzung des vor 40 Jahren gegründeten Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) gilt Mexiko für Pressearbeiter*innen weiterhin als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Deshalb gingen am 25. Januar Tausende von Menschen in mehr als 40 Städten des Landes auf die Straße, um ihr Entsetzen über die Gewalteskalationen auszudrücken. das Innenministerium und das Schutzprogramm für Menschenrechtsverteidiger*innen und Journalist*innen aufforderten, ihren Job zu machen und die Sicherheit aller Journalist*innen im Land zu garantieren. Außerdem forderten sie Gerechtigkeit für ihre Berufssparte und bessere Bedingungen für die Ausübung ihres Berufs.

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