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Menschen auf der Straße − die Vergessenen der Corona-Krise

Poonal vom 03.05.2020
Sonja Gerth

  (Mexiko-Stadt, 24. April 2020, cimacnoticias).- Gaby hat 24 Jahre ihres Lebens auf der Straße verbracht. Aufgrund der Pandemie-bedingten Restriktionen ist ihre Situation heute schwieriger denn je. Gaby lebt mit ihrem dreijährigen Sohn nahe der Metro-Station La Raza. Um nachts geschützter zu sein, mietete die 35-Jährige für gewöhnlich ein Zimmer in einem Hotel, aber seit mehr als drei Wochen ist das nicht mehr möglich. Die Regierung von Mexiko-Stadt hat die Schließung aller Hotels verordnet, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Gaby und ihr Sohn waren dadurch gezwungen, auf die Straße zurückzukehren.

Beschränkungen treiben Menschen zurück auf die Straße



»Das Hotel war besser«, bedauert sie. »Dort hatte man zumindest ein Zimmer nur für sich. Für war mich war es schlimm , als die Hotels geschlossen wurden, denn jetzt müssen wir wieder auf der Straße schlafen, und das ist gefährlich.« Bislang zeige niemand in ihrem Umfeld und in ihrer Familie Symptome des COVID-19-Virus, erzählt die magere Frau mit hervorstehenden Wangenknochen. Sie kennt alle Vorsichtsmaßnahmen, die vor dem Virus schützen sollen: Mundschutz tragen, die Maske alle vier Stunden wechseln, 20-mal am Tag die Hände waschen. Doch hier liegt das eigentliche Problem, denn wo haben die Menschen auf der Straße Zugang zu Wasser, um sich die Hände zu waschen? »Auch in der Metro wurde jetzt der Zugang zu Trinkwasser abgestellt, und das ist wirklich heftig für uns. Immer gibt es Leute, die versuchen, mir etwas in meine Flasche zu mischen, und das will ich nicht. Aber die Metrostationen sind eben ein Ort für alle möglichen Arten von Geschäften.«

Susana, Gabys beste Freundin, lebt seit fast zwei Jahren nicht mehr auf der Straße. Sie hat ein Zimmer gemietet, in dem sie mit ihrer siebenjährigen Tochter und ihrem zweijährigen Sohn wohnt. Dennoch sieht sie regelmäßig nach ihrer Wahlfamilie von der Straße, die noch immer in der Nähe der Metro-Station lebt. Seit sie durch die Corona-Pandemie ihren Job als Reinigungskraft verloren hat, sind die Besuche häufiger geworden: »Man sagte mir schönen Dank, aber es gebe Personalkürzungen wegen COVID-19. Ich werde wohl wieder zurückkehren zu meiner Familie auf der Straße… Das wird nicht einfach sein.«

Der Alltag wird komplizierter



Als Folge der Pandemie nun auch wird kein Essen mehr auf der Straße verkauft. Für die Obdachlosen ein weiteres Problem. Da es für sie schwierig ist zu kochen, holen sie ihre Mahlzeiten meist an den Straßenständen, aber die sind nun nicht mehr da. Außerdem sind die Kinder, die vorher zur Schule gingen, nun den ganzen Tag bei ihren Müttern, so dass diese auch nicht arbeiten können wie bisher. Online-Unterricht ist keine Option, denn in diesen Krisenzeiten gibt niemand Geld für Handy-Guthaben aus. Also versuchen die Mütter, so gut es geht ihre Kinder selbst zu unterrichten.

Die Zurückweisung wächst



»Man wird sowieso schon schief angeguckt, aber nun ist es noch schwieriger«, erklärt Susana. »Die meisten von uns arbeiten in der U-Bahn. Wir verkaufen Süßigkeiten, singen, machen Kleinkunst und unterhalten die Leute, was wir eben so können. Mit der Polizei gab es schon immer Ärger, sie vertreiben uns und schlagen auf uns ein, aber jetzt, mit der Corona-Krise, ist es noch schlimmer geworden. Wir können nicht mehr arbeiten. Es kommen keine guten Zeiten auf uns zu, soviel steht fest.« Die 38-jährige Susana, immer ein Grinsen im Gesicht und ein Lachen für ihre selbstgewählte Familie von der Straße, versucht auf anderen Wegen Geld zu verdienen, aber das ist nicht leicht: »Eine Freundin und ich hatten die Idee, Autos zu waschen, um uns etwas dazuzuverdienen. Also machten wir uns an die Arbeit mit Chlorreiniger und Lappen. Doch das ist schwieriger als gedacht, denn die Fahrer, diese Idioten, wollen uns nicht lassen. Man geht auf die Leute zu, mit Desinfektionsgel und allem, und sie sehen dich nur herablassend an. Sie diskriminieren dich einfach. Sie denken nicht einmal daran, dass wir auch nur Geld verdienen wollen und nichts Schlechtes im Sinn haben.«

Die Organisation Caracol A.C. leistet seit 26 Jahren Bildungsarbeit für die Menschen auf der Straße. Die Leiterin, Alexia Moreno Domínguez, ist der Ansicht, dass die während des Gesundheitsnotstands von der Regierung verhängten Maßnahmen die Situation der Obdachlosen weiter verschlimmern und ihre Diskriminierung verschärfen: »Zum Beispiel wurden Leute auf den Straßen mit Wasser und Chlorreiniger desinfiziert. Damit vermittelt man der Gesellschaft doch, dass die Obdachlosen ein Infektionsherd sind, oder? Daher versuchen wir, diese weit verbreitete Meinung zu verändern. Diese Menschen sind noch nie ins Ausland gereist und haben keine gesellschaftlichen Kontakte, das heißt, es sind komplett isolierte Gruppen.« Außerdem seien die Menschen durch mangelhafte Ernährung, chronische Krankheiten und Atemwegsschädigungen durch den Konsum von Schnüffelstoffen selbst eine Risikogruppe. »Dass wir die Obdachlosen infizieren, ist viel wahrscheinlicher als umgekehrt, denn wir fahren mit der U-Bahn und gehen in den Supermarkt«, erläutert Alexia.

Obdachlosen-Initiative muss Hilfsmaßnahmen reduzieren



Laut der Volkszählung des Instituts für soziale Unterstützung und Integration lebten im Jahr 2017 etwas mehr als 6.700 Menschen auf den Straßen von Mexiko-Stadt. 12% davon waren Frauen und 2% Kinder. Moreno Domínguez und ihre Kolleg*innen der Organisation Caracol vermuten jedoch, dass die tatsächliche Anzahl viel höher ist. Von Seiten der Politik gebe es kaum Unterstützung für die Menschen auf der Straße. Während der momentanen Notlage aufgrund des Coronavirus folgte die Regierung nun dem Beispiel der Organisation Caracol, indem sie die Bevölkerung zumindest informierte und einen Krankenwagen zur medizinischen Versorgung bereitstellte. Doch weitere Maßnahmen, wie sie zum Teil in anderen Ländern ergriffen wurden, zum Beispiel die Öffnung leerer Hotelzimmer für Obdachlose, gebe es hier nicht, berichtet Moreno Domínguez.

Die Initiative Caracol musste ihre ursprüngliche Jahresplanung inzwischen aufgeben. Die Duschen, die früher den Obdachlosen zur Verfügung standen, die langen Gespräche über ihre Situation auf der Straße, die Essensausgabe in ihrem Büro — alles das gibt es jetzt nicht mehr, denn auch sie mussten aufgrund des Gesundheitsnotstandes ihre Türen schließen. Die Besuche bei den Gruppen auf den Straßen wurden auf eine halbe Stunde reduziert, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Dadurch ist die früher umfangreiche Hilfe, die Caracol leistete, zu einer notdürftigen Betreuung geworden, sehr zum Bedauern der Sozialarbeiter*innen. Aber was soll man tun, wenn so viel Hilfe benötigt wird? Im Moment sammelt und verteilt Corocal Essensvorräte.Freudig empfangen Gaby, Susy und der Rest der Gruppe den Wagen des Hilfsteams auftaucht. Besonders die Kinder jubeln. Der Besuch ist ein Highlight für die Gruppe. Mit den Sozialarbeiter*innen, mittlerweile alle in roten Overalls und mit Atemschutzmasken, können sie ihre Probleme besprechen und erhaltenVorräte. Früher kam das Hilfsteam zu vier Gruppen am Tag, inzwischen können sie täglich nur noch eine Gruppe für eine halbe Stunde besuchen. Moreno Domínguez ist gegen die von der Regierung verordnete Schließung von Hotels, Parks und Parkplätzen. Was fehle, sei ein Versorgungskonzept, das den Obdachlosen den Zugang zu Trinkwasser und Hygienemaßnahmen garantiere. Besonders für Menschen, die auf der Straße leben, besteht hohe Infektionsgefahr.


Quelle: poonal
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 Quelle:  
  https://www.npla.de/thema/urbanes-leben/menschen-auf-der-strasse-die-vergessenen-der-corona-krise/ 
 

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