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Alltag zwischen Kapital und Leben (RLS Newsletter v. 15.05.2020)

Rosa Luxemburg Stiftung vom 15.05.2020

  Mit einem breiten Pinsel malen sie akribisch ein schwarzes Kreuz auf den Strommast aus porösem Holz. Der rosafarbene Hintergrund ist schon etwas ausgebleicht. In der Grenzstadt Ciudad Juárez im Norden Mexikos begegnet man an fast jeder Ecke diesen Kreuzen, die an Wände, Ampeln, Laternen gemalt sind. Jedes Kreuz markiert einen Ort, an dem eine Frau ermordet oder zum letzten Mal gesehen wurde, bevor sie verschwand. Sie markieren die alltägliche Gewalt. Diesmal zeichnen es die Aktivist*innen des feministischen Kollektiv Hijas de su Maquilera Madre, um einen weiteren dieser Orte zu markieren, wo ihre Freundin und Genossin Isabel Cabanillas Anfang des Jahres getötet wurde. Sie trauern kollektiv. Gemeinsam mit der Familie, mit Freund*innen, mit Anwohner*innen und mit solidarischen Fremden verarbeiten sie den Schmerz nicht alleine. Denn die Kollektivierung von emotionaler Arbeit und Fürsorge ist der Ausgangspunkt ihrer alltäglichen feministischen Praxis.

Sie wissen, dass Gewalt und Vereinzelung durch ausbeuterische Arbeitsbedingungen Individualisierung und Angst befördern. Sich Rückhalt geben und füreinander sorgen wird hier zu rebellischem Handeln. Auch deshalb betonen sie unermüdlich, wie zentral diese Formen reproduktiver Tätigkeit für ein gutes Leben aller sind. Und mit welchen gewaltvollen Konsequenzen Reproduktionsarbeit von einem Ordnungsregime globaler Ökonomie verdrängt wird.

Ciudad Juárez befindet sich wenige Meter von El Paso in den USA entfernt. Wie andere Grenzstädte auch, ist es ein wichtiger Ort für globale Lieferketten. In den Grenzgebieten definiert die sogenannte Maquila-Industrie maßgeblich die Ökonomie der Region und bringt zugleich ein Ordnungsregime hervor, das sich in brutaler Gewalt äußert. Allein im vergangenen Jahr wurden hier mindestens 152 Frauen ermordet. Im Bundesstaat Chihuahua sind mindesten 2.500 Fälle gewaltsamen Verschwindens ungeklärt. Davon sind fast die Hälfte Ciudad Juárez zugeordnet. El Paso, wenige hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite der Grenze, gilt hingegen als eine der sichersten Städte der USA.

Hijas de su Maquilera Madre bedeutet übersetzt die »Töchter der Fabrikarbeiterinnen« — oder »Was ein Bullshit« liest man das spanische Wortspiel im Namen. In den Grenzgebieten funktionieren Wirtschaft und Handel immer in Bezug auf die Grenze. Man rechnet mit billiger Arbeitskraft von Migrant*innen, die unter äußerst prekären Bedingungen arbeiten und leben. Auch Hijas, wie sich selbst bezeichnen, sind Töchter und Enkelinnen dieser Arbeiter*innen.

In Ciudad Juárez prägen als Maquilas bezeichnete Montagefabriken, die für den globalen Norden produzieren, und das organisierte Verbrechen maßgeblich das soziale Gefüge. Dagegen setzt die feministische Bewegung vor Ort auf eine alltägliche Praxis der Fürsorge und Kollektivität. Und dazu haben sie allen Grund, denn die Verschränkung von kapitalistischer Ausbeutung und patriarchaler Gewalt verdrängen reproduktive Tätigkeiten und Sorgearbeit aus dem Alltag mit verheerenden Folgen.

Ciudad Juárez wirkt wie ein Brennglas, das verdeutlicht, wie essentiell soziale Reproduktion und Sorgearbeit für die Stabilität einer Gesellschaft sind — und welche Auswirkungen es haben kann, wenn diese Formen der Arbeit von ökonomischen Interessen fast gänzlich verdrängt werden.

Jana Flörchinger arbeitet zu kollektiver Körpererfahrung und feministischen Strategien gegen sexuelle Gewalt. Die frühere Mitarbeiterin der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist Teil der queerfeministischen Aktionsgruppe she*claim.

 Quelle:  
  https://www.rosalux.de/en/news/id/42266/alltag-zwischen-kapital-und-leben?cHash=b65575f8a8df48b85215fcc06fbdfbb7 
 

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