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Rebellion in Cherán: Die Kleinstadt, die Politiker*innen, Drogenkartelle und die Polizei rauswarf

Poonal vom 16.04.2023
übersetzt von Patricia Haensel

  Cherán lebt
Cherán lebt. Foto: Todo por hacer


(Madrid, 8. April 2023, servindi/todo por hacer).- Zwölf Jahre ist es nun her, dass die 14.000 vor allem indigenen Einwohner*innen Cheráns laut wurden. Die Kleinstadt, die auf der Hochebene Michoacáns im Südwesten Mexikos liegt, sagte der staatlichen Gewalt am 15. April 2011 den Kampf an. Sie hatten genug von Erpressungen, Entführungen, Vergewaltigungen und Morden.

Diese machten der indigenen Gemeinschaft der Purépecha schon seit Beginn des 21. Jahrhunderts zu schaffen. In Form von Drogenbanden, die dabei waren, die Region vollständig zu kontrollieren. Damit begann ein sozialer Konflikt mit schwerwiegenden Folgen für die Gemeinde. Als Teil eines außer Kontrolle geratenes System der Erpressungen steckten die Drogenkartelle auch unter einer Decke mit mexikanischen Behörden.

Was der Holzeinschlag für den Drogenhandel bedeutet



Gruppen von Drogenhändler*innen plünderten und enteigneten Felder, Weiden und Wälder (insbesondere Steineichenhaine). Die sogenannten "talamontes" ("Bergroder") kamen in die Gegend und holzten hunderte Hektar Wald ab, um das Holz zu verkaufen. Sie verwüsteten damit die Region. Diese bewaffneten Gruppen missbrauchten die Dorfbewohner*innen immer wieder auf gewaltsame Weise: Cherán wurde gezwungen, nach ihren Befehlen zu handeln und über das Geschehene zu schweigen. Das alles mit der Kollaboration oder Untätigkeit der lokalen Behörden, die ebenfalls einen Teil des Kuchens abbekamen.

Durch diese illegalen Rodungen hat die Hochebene der Purépecha zwischen 1976 und 2005 rund 20.000 Hektar Wald verloren. Das entspricht Schätzungen zufolge 71 Prozent der ursprünglichen Waldfläche. Seit 2006, mit Ankunft eines Drogenkartells in Michoacán, beläuft sich der Waldverlust ebenfalls auf weitere 1.500 Hektar pro Jahr.

Diese enormen Waldrodungen sind gleich zweifach mit dem Drogenhandel verbunden: Zum einen ermöglichen die heimlichen Abholzungen den Bau von Laboratorien und sicheren Straßen für den Drogentransport. Zum anderen eignet sich der Holzhandel zur Geldwäsche, indem illegal gefälltes Holz verkauft wird und zusätzlich auf den neuen Flächen kommerzielle Lebensmittel angebaut werden können.

Ab 2008 konnte man beobachten, wie täglich zwischen 180 und 250 LKW Cherán verließen. Geladen waren sie mit jeweils drei Kubikmetern Holz von heimischen Kiefern, Steineichen oder der Heiligen Tanne, einer endemischen Art Mexikos. Eine gängige Praxis des organisierten Verbrechens war es außerdem, pro LKW 1.000 Mexikanische Pesos (rund 50 Euro) Schutzgeld zu kassieren.

Das, was nach der Rodung vom Wald übrig blieb, wurde verbrannt. Ein Gesetz, das den Kahlschlag von Totholz oder nach Waldbränden erlaubt, schützte das organisierte Verbrechen vor Bestrafungen. Den Wald niederzubrennen gab ihnen also Deckung für ihre illegalen Aktivitäten. Zusätzlich ermöglichte es ihnen diese Dynamik, die lokale Bevölkerung von ihren Wäldern zu enteignen.

Von der Revolte zur politischen Selbstverwaltung



Im April 2011 hatten die Cheraner*innen das ganze System satt. Sie besetzten ihre Straßen und verteidigten sich mit den Waffen, die sie hatten: Holzstöcke, Macheten und andere Geräte ihrer Feldarbeit. Diese Initiative der Bevölkerung, die als Revolte gegen jene spezifische Form der Gewalt gerichtet war, entwickelte sich zu einem richtigen Konflikt mit dem mexikanischen Staat und einem Kampf für die Selbstverwaltung. Noch heute gilt Cherán als Erfolgsmodell dafür, wie man sich von unten organisieren kann, um sich gegen ausbeuterische Feinde zu wehren.

Cherán zeigt auch, wie man eine starke Dorfgemeinschaft bildet. Wie die Idee einer lang ersehnten sozialen Organisierung eine Revolte gegen jegliche Behörden auslösen kann − und gegen ein ganzes System der Unterdrückung, das Probleme unsichtbar macht. Der Augenzeugenbericht eines Bewohners macht das deutlich: "Wir haben ein paar Stunden gebraucht, um zu reagieren, aber wir haben es geschafft. Wir haben gesagt: Leute, wir wehren uns, es reicht. Das gesamte Dorf ist aufgestanden, egal ob Frauen, Jugendliche, Kinder, einfach alle. Wir stoppten die Fahrzeuge, steckten sie in Flammen und nahmen die Holzfäller gefangen."

Ab diesem Zeitpunkt gab es kein Zurück mehr. Was zu einem momentanen Aufstand der Wut hätte werden können, entwickelte sich weiter zu einer wahren Rebellion und mündete in eine Selbstverwaltung der Kommune. Der Kampf konzentrierte sich anfangs auf die Verteidigung der Wälder, weitete sich aber schnell über die ursprünglichen Forderungen gegen Holzfäller aus. Denn der ganze Ort hatte unter dem organisierten Verbrechen und den kollaborierenden Behörden gelitten. Zwar konnten bei Scheinwahlen alle drei Jahre Vertreter*innen gewählt werden, doch wurden diese in Wirklichkeit von den Interessen der Drogenbanden ausgewählt.

In diesem Kontext der Kommerzialisierung ihrer Grundstücke und der Macht über ihre Leben hatten die Dorfbewohner*innen mit einer Rebellion wenig bis nichts zu verlieren. Die Leute verstanden nun die Machtstrukturen in der lokalen Politik und entschieden sich, sich auch nicht von der herrschenden PRI (Partido Revolucionario Institucional, mit autoritären und rechten Tendenzen) im Stadtrat unterwerfen zu lassen.

Die Leute in Cherán organisierten Straßenbarrikaden und errichteten zu ihrer Sicherheit Checkpoints an den Ortsein- und -ausgängen. Weder Drogenhändler*innen noch der Polizei gewährten sie Zugang. Es entstand eine Einheit, die nicht als Polizei gegen die Gemeinschaft fungierte, sondern eher zur Selbstverteidigung der Kleinstadt diente. Diese "Gemeindepatrouille" bestand aus einhundert Freiwilligen. Der "Große Gemeinderat der Regierung der Keri’s", eine Art Ältestenrat, ist auch heute noch für die Wahl der Mitglieder zuständig. Und die Gemeindeparouille ist nach wie vor dafür verantwortlich, dass keine Waffen in das Territorium Cheráns gelangen, die den Holzfällern in die Hände fallen könnten. Außerdem verhindern sie, dass Alkohol, Drogen oder Wahlwerbung offizieller Parteien in den Ort kommen.

Dieser Autonomieprozess entwickelte sich während des Jahres 2011. Zeitgleich erschuf Cherán eine vorläufige, provisorische Verwaltung. Dazu gehörten Ausschüsse für Lebensmittel, Wasserversorgung, Stadtteile, Presse und Überwachung. Doch Hoffnungen darauf, dass man auf legalem Wege etwas erreichen könnte, machten sich die Cheraner*innen keine. Trotzdem stellten sie sich gerne vor, wie eine eigene Selbstverwaltung wäre.

Im November 2011 weigerte sich die Gemeinde Cherán dann, offizielle Parteien bei den Kommunalwahlen zu wählen, wie sie es bislang getan hatten. Stattdessen begannen sie, ihre Selbstverwaltung auch politisch auszubauen und griffen dabei auf die Bräuche der Purépecha zurück. In den folgenden Jahren vernetzte sich Cherán mit anderen indigenen Gemeinschaften Mexikos, die ebenfalls zum Teil seit Jahrzehnten für ihre Autonomie kämpfen.

Heute sind Angst, Misstrauen und Uneinigkeit aus Cherán verschwunden. Die Bevölkerung lebt ein gemeinschaftliches Leben. Die soziale Selbstbestimmung, die Cherán erreicht hat, hat ihr gesellschaftliches wie privates Leben ungemein verbessert. Das sehen auch Außenstehende. Die Lagerfeuer an den Wachposten der Kleinstadt, die weiterhin vor externen Angriffen schützen, sind zu beliebten Treffpunkten geworden. Hier tauschen Cheraner*innen ihre Meinungen aus, hier werden die politischen Ideen der Gemeinde geboren. Gleichzeitig sind die Lagerfeuer weiterhin die Zentrale der Selbstverwaltung Cheráns.

Die Erfahrungen hier stellen ein gutes Beispiel dafür dar, wie sich eine Gesellschaft auf mehreren Schichten gut organisieren, eine überzeugende Selbstverteidigung aufbauen und direkte Maßnahmen gegen Peiniger etablieren kann − und trotzdem einen lang ersehnten Frieden schafft, um die Wunden zu heilen, die der mexikanische Staat und der Drogenhandel hinterlassen haben.

Zwölf Jahre nach der autonomen Organisierung Cheráns sind die Elemente der Selbstverwaltung noch immer intakt. Die eigenen Erfahrungen und der Kontakt zu ähnlichen Kämpfen auf mexikanischem Boden haben das Feuer der Wachposten aufrechterhalten. Sie wissen, dass sie soziale Gerechtigkeit, Würde und den Wunsch nach einem selbstverwalteten Leben nach Cherán gebracht haben. In den vergangenen zwölf Jahren konnte das Dorf auch illegale Abholzungen stoppen. Das Holz aus den Cheraner Wäldern kann heute nur dann genutzt werden, wenn es dem Wohl der Gesellschaft zugute kommt.

Darüber hinaus haben die Cheraner*innen große Fortschritte in der Wiederaufforstung geleistet − Cherán denkt eben nicht nur an den heutigen Wohlstand, sondern auch an Morgen. Angepasst haben sie auch das Bildungssystem, damit Schüler*innen lernen was es braucht, um in Würde zu leben. Es wird auch die Geschichte der Purépecha gelehrt − ein Thema, das zuvor kaum auf dem Lehrplan stand. Außerdem lehrt die Schule heute Instrumente, um die Autonomie Cheráns sowie den Kampf gegen Widersacher aufrechtzuerhalten.

Denn was in Cherán bis vor zwölf Jahren Normalität war, war ein Milieu der unerträglichen Ungleichheit und der extremen Gewalt. Dass Kriminalität und Unterwerfung herrschen, ist jedoch auch auf andere Orte Mexikos übertragbar − überall dort, wo das kapitalistische System dominiert. Der Neoliberalismus agiert, indem er jedes Fünkchen sozialer Harmonie auslöscht und ein Leben in Einklang mit der Natur zunichte macht. Das System versucht immer, uns in einen extremen Schockzustand zu versetzen und in erschöpfender Gewalt zu leben. Von da aus gibt es nur zwei Optionen: Sozialismus oder Barbarei.

Mit seiner Selbstverteidigung suchte Cherán nach sozialer Freiheit für seine Bevölkerung, nach einer starken Dorfgemeinschaft und horizontalen Machtstrukturen statt Hierarchien. Entstanden ist ein politisches System, bei dem Entscheidungen im Kollektiv getroffen werden. Die Menschen in Cherán schaffen Institutionen mit dem Ziel, darauf zu achten, dass keine neuen Hierarchien und Herrschaftsverhältnisse entstehen. Sie sehen den Kapitalismus als einen dystopischen Spiegel, der in Stücke zersprungen ist. Normalerweise schafft er eine Opposition gegen sich selbst, die eine Reflexion des Schlimmsten in seinem Schoß darstellt und auf brutale Weise einige emanzipatorische Strategien von diesem Autoritarismus erbt. Die Macht der sozialen Kraft muss die Reproduktion dieser herrschenden Verhältnisse, die wir aus dem kapitalistischen System kennen, vermeiden − und stattdessen andere soziale Gebilde aus anderen Verhältnissen mit horizontalem und kollektivem Charakter hervorbringen.

Genauso muss die sozioökonomische Produktion unter anderen Paradigmen stattfinden. Für Cherán sind das Paradigmen, die nicht auf der Kommerzialisierung von Ressourcen in einem neoliberalen Markt basieren. Aus der gemeinschaftlichen und indigenen Perspektive der Purépecha in Michoacán lassen sich interpersonelle Beziehungen oder die des Menschen zur Natur keineswegs mit der kapitalistischen Herrschaft vereinbaren, die sie mittels Drogenkartellen, Polizist*innen und klassischen politischen Strukturen aufzwingen.

Die in Cherán erlangte Autonomie geht weit über ein bloßer Aufstand gegen die von Holzfällern begangenen Ungerechtigkeiten und Verbrechen hinaus. Die Kleinstadt hat sich neu erfunden: Mit eigenen Institutionen und einer direkten Demokratie widersetzen sich die Bewohner*innen der Unterdrückung des mexikanischen Staatsapparates. So haben sie eine wirkliche alternative Gesellschaft gegen den Staat geschaffen − inmitten eines Landes, wo es schon seit Jahrzehnten Widerstandsbewegungen und autonome Regierungen indigener Gemeinschaften gibt.

cc by-sa Rebellion in Cherán von Nachrichtenpool Lateinamerika ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.


Quelle: poonal
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 Quelle:  
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