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In Chiapas: Eine neue Art Krieg

medico international vom 04.07.2024
Von Jana Flörchinger und Anne Haas

  In Chiapas: Eine neue Art Krieg
Aktuell gelten in Chiapas 10.000 Menschen als intern vertrieben, viele mussten von heute auf morgen Hof und Vieh zurücklassen. (Foto: Frayba)


In Chiapas hat die Gewalt gegen die indigene Bevölkerung und organisierte Gemeinden dramatisch zugenommen. Was können sie der Eskalation entgegensetzen?

Die meisten Straßen durch die Berge des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas werden immer kurviger, staubiger und löchriger, je weiter sie von urbanen Zentren wie San Cristóbal de Las Casas wegführen. Eine dieser löchrigen Straßen führt nach Chilón, ein kleines Städtchen im Nordosten von Chiapas. Während draußen die Mittagshitze sticht, kommen in einem kleinen Häuschen aus Zement und Holz etwa 15 Vertreter:innen der selbstverwalteten Gemeinschaftsregierung, dem gobierno comunitario, zusammen. Pascuala, eine energische Frau, deren schwarzes Haar von einer glitzernden Spange zusammengebunden wird, eröffnet das Treffen mit rauer Stimme. In den folgenden zwei Stunden berichten indigene Vertreter:innen von gewaltsamen Übergriffen, gestohlenen Autos und wie neuerdings Männer aus anderen Dörfern unvermittelt auf ihren lokalen Versammlungen auftauchten. Während die einen vermuten, sie seien Kleinunternehmer oder Vertreter einer Partei, glauben andere, dass es eine Verbindung zum organisierten Verbrechen geben könnte.

Wir versuchen den Schilderungen der indigenen Vertreter:innen zu folgen. Warum sind diese kleineren Vergehen oder unbekannte Männer so relevant, dass diese Menschen mehrere Stunden aus ihren Dörfern nach Chilón reisen, um sie mit anderen zu teilen, fragen wir uns. Erst im Laufe der Gespräche verstehen wir, dass diese offenbar ungewöhnlichen Aktivitäten und Ereignisse immer auch Vorboten einer größeren Eskalation sein könnten. Ausgeschlossen werden kann das angesichts zunehmender Repression gegen organisierte Gemeinden und der steigenden Zahlvon Gewaltverbrechen in Chiapas nicht. Es sind diese Ungewissheiten und Zweifel, die sich in die Zwischenräume des Alltags setzen, Misstrauen zwischen den Menschen säen und soziale Bande destabilisieren. Dieses Unbehagen ist subtiler Teil einer Art von Regierung durch Gewalt, die Leben und Alltag der Menschen in Chiapas durchdringt.

Geschichte der Gewalt



Mit dem bewaffneten Aufstand der Zapatist:innen am 1. Januar 1994 gegen ein Freihandelsabkommen mit den USA, das gemeindebasierte Landrechte einkassieren sollte, gelangte Chiapas in den Fokus der weltweiten Öffentlichkeit. Die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) wurde zum Bezugspunkt internationaler Solidarität. Was bis heute weniger bekannt ist, sind die Strategien zur Aufstandsbekämpfung, die auf ihr Erscheinen folgten und bis heute meist indigene Gemeinden und deren soziale Struktur zu zerschlagen versuchen. In den 1990er Jahren geschah dies durch die unmittelbare Gewalt paramilitärischer Einheiten und des Militärs. Mehrere Massaker an Aktivist:innen indigener Organisationen waren die Folge. Anfang der 2000er wurde diese Strategie von weniger unmittelbarer Gewalt abgelöst. Die Korrumpierung lokaler Autoritäten, Desinformation und selektive Vergabe von staatlichen Geldern schürten Konflikte, die an vielen Orten die Spaltung von Gemeinden nach sich zogen. Beide Strategien hinterlassen bis heute vielschichtige Konflikte, die bis in Familien hineinreichen. In kolonialer Kontinuität hat die indigene Bevölkerung darüber hinaus bis heute de facto keinen Zugang zur Justiz. Vermischen sich diese Konflikte mit anderen Interessen, nicht zuletzt mit denen der organisierten Kriminalität, hat diese lokale Gemengelage das Potential, sich gewaltvoll zu entladen.

Trotz dieser jüngeren Geschichte und obwohl einzelne Kartelle in der Grenzregion seit Jahrzehnten sowohl Migrations- als auch Drogenrouten kontrollieren, galt der Bundesstaat Chiapas bislang als relativ sicher und stabil im Vergleich zu vielen anderen Teilen Mexikos. »Das hat sich geändert, als vor drei Jahren der Sohn des Regionalchefs des Sinaloa-Kartells in der Landeshauptstadt Tuxtla Gutiérrez ermordet wurde«, erzählt Dora Roblero, Direktorin des Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba), der medico-Partnerorganisation in Chiapas, dem . Seither nehme die Gewalt in den Städten, aber auch in abgelegenen Gemeinden und auf den Transportrouten zu. Roblero, seit 16 Jahren Mitglied des Zentrums welches die Selbstorganisation indigener Gemeinden in Chiapas unterstützt, berichtet aus der alltäglichen Arbeit des Menschenrechtszentrums: Regelmäßig fänden bewaffnete Auseinandersetzungen mit dutzenden Toten um die Hoheit über strategisch relevante Straßenabschnitte und Ortschaften statt. Wer die Angriffe ausführt, bleibe häufig nebulös. Neben Kartellen und deren Unterorganisationen, staatlichen Einheiten wie Militär und Nationalgarde finden sich immer wieder auch korrumpierte kleinbäuerliche Organisationen und zwangsrekrutierte Jugendliche involviert. Wie im Rest Mexikos herrscht auch hier Straflosigkeit oder gar Komplizenschaft zwischen staatlichen Organen und kriminellen Gruppen. Schutzgelderpressungen hätten derart zugenommen, führt Roblero aus, dass sogar Grundnahrungsmittel in der Grenzregion zu Guatemala zeitweise unerschwinglich würden. Regionale Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs hätten mancherorts ihre Arbeit einstellen müssen.

In einem abgelegenen Ort im Landkreis Chicomuselo lebt Juan, dessen richtiger Name eigentlich anders lautet. Jahrzehntelang setzte er sich für Umweltschutz und gegen den Ausbau von Großprojekten in der Region ein. Das ist aufgrund zunehmender Kriminalisierung und Gewalt gegen Menschenrechtsaktivist:innen nicht mehr möglich. Juan skizziert die Situation an der Grenze zu Guatemala. Aktuell gelten dort 10.000 Menschen als intern vertrieben, viele mussten von heute auf morgen Hof und Vieh zurücklassen: »Manche Orte sind regelrechte Geisterdörfer. Verbrannte Autos am Straßenrand, geplünderte Häuser, dazwischen immer wieder abgemagerte Hunde oder Kühe auf der Straße. Schutzgelderpressungen haben massiv zugenommen. Manchmal reiche allein das Gerücht, einer der Banden anzugehören, um ermordet oder entführt zu werden«, berichtet Juan.

Migration, Modernisierung und Militär



Was die gestohlenen Autos und unbekannten Männer bei Gemeindetreffen im Norden mit den Geisterdörfern im Süden verbindet ist ein Kontinuum der Gewalt. Die möglichen Vorboten in Chilón, die vertriebenen Bewohner:innen im Süden und die Angst zeugen davon, dass Gewalt kein singuläres Ereignis ist, über dessen Anfang und Ende nachvollziehbar berichtet werden könnte. Es ist unklar, wo oder wann die Erzählung beginnen müsste. Nur wenn die alltäglichen Erfahrungen der Betroffenen in den Zusammenhang lokaler, nationaler und internationaler Entwicklungen gestellt werden, erschließen sich Sinn und Funktion der Gewalt.

Eine dieser Entwicklungen ist die Verlagerung der Migrationsrouten in Chiapas aufgrund entsprechender US-Abkommen mit Mexiko und Guatemala: immer mehr Menschen aus den Ländern Zentralamerikas, aus Venezuela und aktuell Haiti wählen inzwischen die abgelegenen Routen von Guatemala über Chiapas in Richtung Norden. Ökonomische, territoriale sowie politische Interessen von Kartellen, Militär und lokalen Politiker:innen verschieben sich entlang neuer und alter Routen.

Zum anderen investiert die mexikanische Regierung stark in Infrastrukturmaßnahmen im Süden Mexikos. Neben dem massiven Ausbau von Hauptverkehrsrouten ist das Tourismusprojekt Tren Maya das bekannteste Prestigevorhaben unter dem scheidenden Staatspräsident Andrés Manuel López Obrador. Diese Investitionen führen immer wieder zu Konflikten der betroffenen, meist indigenen, Gemeinden mit Unternehmen und Regierung. Hier kommt auch die seit 2018 zunehmende Militarisierung ins Spiel, führt Dora Roblero aus. Es ist nicht unüblich in Mexiko, dass Militär und Einheiten der Nationalgarde mittels Gewalt Transportrouten und Infrastrukturprojekte schützen, obwohl viele Menschen durch deren Bau ihre Lebensgrundlagen verlieren, weil zum Beispiel massive Wasserverschmutzung damit einhergehen kann. Die erhöhte Militärpräsenz in Chiapas provoziere zudem eine Verlagerung von Fluchtwegen, so Roblero weiter, und münde in Territorialkonflikte zwischen Kartellen um die Kontrolle über Menschen, Drogen und sonstige gehandelte Waren. Dieser Bedrohung stellen sich selbstverwaltete Gemeinden wie in Chilón und zahlreiche weitere organisierte indigene Gruppen aus anderen Landkreisen entgegen.

Wenn ökonomische und politische Interessen verschmelzen



In den Gesprächen mit Pascuala über die Kraft der selbstorganisierten Gemeinden, mit Dora über die Situation von Menschenrechtsverteidiger:innen und Juan über die Auswirkungen unmittelbarer Gewalt gegen ganze Dörfer wird ein Zusammenfallen von staatlicher und nicht-staatlich organisierter Gewalt deutlich. Die Konfliktlinien verändern sich ständig, weil sich auf lokaler Ebene kriminelle und staatliche Interessen überschneiden und taktische Allianzen zwischen diesen Akteuren geschlossen und wieder gebrochen werden. Man kann zwar feststellen, dass das Kartell Jalisco Neue Generation Handelsrouten und strategische Knotenpunkte in Chiapas regelrecht zu erobern versucht und dem dort alteingesessenen Sinaloa-Kartell gegenübersteht. Es ist jedoch zu einfach, die Gewalt auf einen Krieg zweier verfeindeter Kartelle zu reduzieren. So beschreibt die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Segato die brutale Gewalt, die auch in Mexiko zu beobachten ist und die jenem Zusammenfallen staatlicher und nicht-staatlich organisierter Gewalt entspringt, als eine Art neuer Kriege. Sie geht in ihrer Arbeit Fragen der entgrenzten Gewalt im lateinamerikanischen Kontext nach und findet in dieser Art Krieg neue Erklärungsansätze.

Diese neuen Kriege spielen sich nicht zwischen Nationalstaaten ab, sondern ihre Hauptakteure sind organisierte Kriminalität, parastaatliche Gruppen, staatliche Institutionen und privatwirtschaftliche Unternehmen gleichermaßen. Dieser Logik folgend kann man in Chiapas von einem solchen neuen Krieg um die Kontrolle über Bevölkerung und strategische Territorien sprechen, der zwischen mafiösen Banden, parastaatlichen Milizen und dem Militär ausgetragen wird. Der dramatische Anstieg von Gewalt gegen die indigene Bevölkerung und organisierte Gemeinden ist somit keinesfalls als vereinzelte Kämpfe lokaler Banden zu erklären. Sie ist zugleich strukturell und strukturierend für Politik und Ökonomie.

Zurück nach Chilón. Dort neigt sich das Gemeindetreffen seinem Ende zu − dass es bald eine Fortsetzung gibt, ist Pascuala zu verdanken. Sie animiert insbesondere Jugendliche und Frauen dazu, sich zu engagieren und hält die selbstverwaltete Gemeinderegierung zusammen. Pascuala ist überzeugt, dass der einzige langfristige Schutz für die Gemeinde in parteiunabhängigen Strukturen liegt. 2017 haben sich die Mitglieder der Initiative im Protest gegen den Bau einer Autobahn gefunden. »Dann begannen wir nach einer alternativen Form zu suchen, um uns gemeinsam zu regieren«, erklärt sie. Parteien hätten schlichtweg nicht das Wohl der Gemeinde im Sinne. Die gut 1500 Mitglieder betreiben ehrenamtlich elf regionale Zentren, in denen sich neben Gesundheitsbeauftragten, Jugendangeboten, juristischer Beratung auch die sogenannten jmeltsa’anwanejetik finden. Übersetzt ins Deutsche würde das indigene Tseltal-Wort wohl den Begriffen Streitschlichter:in oder zivile Konfliktbearbeitung entsprechen. Und das System funktioniert. Selbstverwaltete Gemeindeorganisationen wie das gobierno comunitario in Chilón wirken wie ein Schutzwall gegen die Infiltration durch organisierte Kriminalität und korrupte Politiker:innen.

Es ist eben jener Ansatz, der seit 1994 in Chiapas primär von der EZLN vertreten wird und der es immer wieder schafft, soziale Konflikte politisch und nicht militärisch zu lösen. Es ist dieses politische Grundverständnis, welches es auf lokaler Ebene schaffen kann, der Undurchsichtigkeit der Gewalt die Stirn zu bieten. So betrachtet sind Pascuala, Dora, Juan, die EZLN und all die weiteren selbstverwalteten Gemeinden ein Hoffnungsschimmer in einer von Gewalt zerrütteten Region.

Das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba) wurde 1989 in San Cristóbal de las Casas in Chiapas gegründet und begleitet seitdem den nachhaltigen Aufbau selbstverwalteter Strukturen indigener Gemeinden, die um ihre Rechte und Autonomie kämpfen. Ziel der medico-Partnerorganisation ist es, politische, physische und psychosoziale Gewalt zu überwinden. Außerdem dokumentiert Frayba Menschenrechtsverletzungen und klagt diese öffentlich an.


[i] Hinweis: Chiapas98 ist ein ehrenamtliches, nicht-kommerzielles Projekt. Sollten Sie nachweislich die Urheberrechte an einem der von uns verwandten Bilder haben und nicht damit einverstanden sein, dass es hier erscheint, kontaktieren Sie uns bitte, wir entfernen es dann umgehend.

 Quelle:  
  https://www.medico.de/blog/eine-neue-art-krieg-19557 
 

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