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Rundbrief Heike zum Jahreswechsel

Heike Milanomi (Rundbrief) vom 03.01.2006

  Rundbrief Jahresbeginn 2006 aus Chiapas, Mexiko

Liebe Freundinnen und Freunde

Ich wünsche Euch von ganzem Herzen ein fröhliches gesundes und friedliches neues Jahr. Hier in Chiapas hat dieses Jahr mal wieder mit einem spannenden historischen Ereignis begonnen. Das Jahr 1994 begann mit einer Überraschung. Dem bewaffneten Aufstand der Mayavölker Mexikos, die sich in der EZLN, der Zapatistischen Armee Nationaler Befreiung organisiert hatten. Das Jahr 2006 begann wieder mit einer Initiative der EZLN. Diesmal aber mit langer Ankündigung und ohne Waffen. Ihre Ziele haben sich nicht geändert. Aber der Weg des Kampfes hat sich in diesen 12 Jahren weiterentwickelt, ohne Waffengewalt und gemeinsam mit Männern und Frauen der mexikanischen und internationalen organisierten Zivilgesellschaft.

Zum Jahresbeginn erwarteten wir mit Spannung den Delegierten 0, den Subcomandante Marcos, Sprecher und militärischer Führer der EZLN. Mit ihm etwas 20 000, Männer, Frauen und Kinder aus den indigenen Dörfern, ohne Waffen, mit verdeckten Gesichtern. Etwa die Hälfte waren Frauen, viele von ihnen mit Babys. Eine der Forderungen des revolutionären Frauengesetzes ist, das gleiche Recht am Kampf beteiligt zu sein wie die Männer. Traditionell haben Frauen ihr Dorf nicht zu verlassen, müssen Kinder, Tiere und Mann versorgen. Abends auf der plaza catedral sprachen mehrere KommandantInnen der EZLN, auch hier Frauen und Männer.

Heute am 2. Januar begann dann ganz offiziell die "otra campaña", die andere Kampagne. Der Delegierte 0 wird maskiert und unbewaffnet 6 Monate durch Mexiko reisen um sich überall mit Menschen zu treffen, die an dieser "otra" beteiligt sind. Es soll eine Kampagne sein von unten links. Die Linken Mexikos von unten organisieren, ohne politische Parteien. Diese "otra" soll Alternativen entwickeln um die Verfassung zu ändern zum Vorteil der Armen, gemeinsam mit den Armen. Die "otra" im Gegensatz und paralel zum offiziellen Wahlkampf der politischen Parteien. Heute gab es ein Treffen bei dem jeder und jede das Microfon nehmen konnte und sprechen. Es haben Frauen und Männer gesprochen. Besonders viele Frauen (auch einige Männer) haben betont wie wichtig es sei konsequent zu sein und nicht nur gross zu reden, auch im familiären Umgang. Einige übten Kritik an den Zapatistas, wenn diese sich undemokratisch verhalten hatten. Vor allem aber wurde viel Hoffnung ausgesprochen und gegenseitige Ermutigung die Veränderungen von unten links zu erarbeiten. Schon die Vorweihnachtszeit war geprägt von vielen Versammlungen um Veranstaltungen der "otra" zu organisieren.

Trotzdem fand ich die Zeit mit dem Fahrrad ein paar Tage aufs Land zu fahren. Ich habe immer das Gefühl hier in den indigenen Dörfern, da ist das echte Leben. Das Feuer, das Wasser, der Mais und alles was Mutter Erde wachsen lässt hat hier wirklich Bedeutung. Die Kälte der Nacht genau wie die Wärme in den Herzen. Kinder die lachen und weinen, einander umarmen, ohne Spielzeug, einfach miteinander. Die Henne mit den Küken, genau wie die Sau mit Ferkeln, irgendwie lebt alles und ist vergänglich. Am 22. fuhr ich nach Acteal, wo der 8. Jahrestag des Massakers begangen wurde. Jedes Jahr gibt es eine grosse Gedenkfeier mit stundenlanger Messe und Reden. Im Keller der neu gebauten Kirche sind die Toten begraben. Ich frage mich, war es ihnen bewusst wie gefährlich es war für den Frieden zu beten, waren sie bereit ihr Leben zu geben. Klar ist schon, das diese Toten auferstanden sind in den Herzen vieler Frauen und Männer.

Ich besuchte noch einige weitere Dörfer, hörte mir die neuesten Geschichten und Gerüchte aus verschiedenen Perspektiven an. Ausserdem sollte mein neues Fahrrad lernen sich in den Bergen zu bewegen. Eine Bremse brach kaputt, aber ich fand zum Glück eine Werkstatt und neue Bremsklötze. In diesen Bergen sind die Bremsen sehr wichtig. Es geht nur steil bergauf, bergab und um die Kurven. Ehrlich gesagt wünsche ich mir oft, die Berge seien etwas flacher. Ich traf eine Frau mit Brennholz beladen und dachte, "ja die Berge sind anstrengend für uns beide, der Unterschied, ich bin freiwillig unterwegs, aber sie muss das Holz den Berg hoch schleppen um für ihre Familie zu kochen."

Die nächsten Tage werde ich hier in San Cristobal verbringen. Meine Kollegin begleitet den Konvoy der Zapatistas gemeinsam mit dem Menschenrechtszentrum um die Menschenrechtssituation im Umfeld der "otra" zu dokumentieren, oder auch Gewalt vorzubeugen. Die anderen haben Urlaub, was eher das normale ist in dieser Jahreszeit. Aber auch hier wirds nicht langweilig. Die administrative Arbeit wird meist verdrängt durch BesucherInnen, Delegationen, JournalistInnen, vor allem alternativer Medien aus der ganzen Welt... Versammlungen und politisch kulturelle Veranstaltungen im Rahmen der "otra". Feiern einerseits, aber mit Vorsicht und Wachsamkeit, denn wir wissen nie wo die nächste Gewalt zuschlägt. Chiapas ein politisches und spirituelles Herz für die Veränderung der Welt von unten links oder einfach nur eine grosse verträumte Politshow...

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