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Bericht zur Otra in Baja California Sur

NarcoNews vom 15.10.2006
Von Al Giordano
übersetzt von Dana

 
Stellt euch vor, dass "die großen Hotels euch allen gehören", und "die Zeitungen Eigentum ihrer Arbeiter wären"
Nach Begutachtung der Verwüstung von Mensch und Natur auf der mexikanischen Halbinsel Baja California durch den Kapitalismus, verschärft Subcomandante Marcos den Ruf nach der Enteignung der Produktionsmitteln.

Der Andere Journalismus mit der Anderen Kampagne in Baja California Sur 15 Oktober, 2006

La Paz, Baja California Sur; 14. Oktober, 2006: Der gierige Griff von internationalen Hotelketten und Immobilienspekulanten, neben anderen Industrien, nach der mehr als 3.000 km langen Küstenlinie entlang der Halbinsel von Baja California, hat ihre menschlichen Einwohner und die Natur selbst täglichen Angriffen ausgesetzt. Unberührte Strände haben sich in teure Touristenfallen verwandelt, mit himmelhohen Hochhäusern, die täglich höher emporwachsen, Eigentumswohnungen und Strandgrundstücken, die auf English angeboten und für Preise verkauft werden, die in Dollar festgesetzt sind, große Pläne für Golfanlagen, beabsichtigte Casinos, korrupte Regierungsbeamte und Politiker, die den Armen das Land stehlen und es den Reichen verkaufen, während Buchten und Meerarme, die früher einmal bis zu 217 essbare Arten von Fischen und Meeresfrüchten beherbergten, heute in offene Abwasserkanäle verwandelt werden, an denen täglich tote Fische an den Strand gespült werden.

Es handelt sich um eine menschliche und Umweltkatastrophe von epischen Dimensionen, irreversibel, unwiderruflich. Keine langsame "Reform" oder "Gesetzgebung" könnte dieses Todesurteil aufhalten, das Baja California umbringt - die viertgrößte Halbinsel auf Erden - selbst wenn man es versuchen würde. Doch dieser Punkt ist ohnehin irrelevant, da die Angehörigen der mexikanischen politischen Klasse sich selbst verschachert haben, um die ersten Angriffe durchzuführen, und hinter ihnen kommen die reichen Jungs des internationalen Kapitalismus um die Reste aufzuwischen: alles davon. In allen Ecken der südlichsten Spitze der Halbinsel ist die Zerstörung sichtbar, aber der Schmerz derer, die darunter am meisten zu leiden haben, wird verschwiegen.

Aber am Freitag und Samstag verwandelte sich dieses Schweigen in Worte. Subcomandante Marcos von der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung, der am frühen Freitagmorgen in Baja California Sur mit der Fähre angekommen war, nachdem die Behörden von ihrer Drohung abgegangen waren ihm den Zutritt an Bord zu verweigern - hörte sich die Aussagen derer an, die mit ansehen und in den Ruinen dessen leben müssen, was in diesem Eden auf Erden passiert ist. Mit eindringlicher Stimme schlug er am Samstag Mittag ein Ausweg aus dieser Hölle im Paradies vor:

"Stellen Sie sich vor wie es wäre, wenn die großen Hotels Ihnen gehören, und Sie sie leiten würden ... im Bundesstaat Hidalgo gibt es ein Hotel, der einer indigenen Gemeinde gehört ... Die Schulbildung aller Kinder dieser Gemeinde wird durch die Einnahmen finanziert, von der Einschuldung bis zu ihrem Universitätsabschluss."

Am Freitag, in Cabo San Lucas, am äußersten Ende der Halbinsel, in einem Forum mit dem Titel "Kapitalismus: das Land, das Wasser, die Luft", dass vor dem Kulturhaus der Ortschaft unter freiem Himmel stattfand, hörten Marcos und seine Begleiter detaillierte Berichte darüber, was sich entlang der Küste zugetragen hat.

"Wir müssen es uns zurücknehmen."

Einer der Redner, Sergio Rodríguez Aroña, hatte einen Fußmarsch von drei Stunden aus dem Ejido El Centenario nahe La Paz zurückgelegt, um zu erklären, dass in seiner Nachbarschaft "100% der Eigentümern von Kollektivland von ihrem Land vertrieben worden sind ... Jetzt bauen die neuen Besitzer eine Gringo-Kolonie namens Lomas del Centenario, und die früheren Campesinos sind jetzt die Handlanger und Bauknechte der Gringos". Die neuen Besitzer haben die Mangrovensümpfe entlang der Salzwasserbucht halb unter Baumüll vergraben, um ihre Grundstücke zu bauen, berichtete er, und haben die Bucht in "ein Glass Fäkalienwasser" verwandelt. Er lud alle Anwesenden an, die Lage am nächsten Tag selbst zu besichtigen.

Was er erzählte war traurig aber wahr. Der Besuch von Marcos und einem Schwarm von Reportern - sowohl von unabhängigen als auch kommerziellen Medien - stieß auf einen faulen Gestank, tote Fische, und Klumpen einer ekelhaften braunen Masse, die am Ufer entlang auf der Wasseroberfläche trieben, während Einwohner ihm erzählten, was diesem einst wunderschönen (vor der Invasion des Kapitalismus) Ort zugestoßen war. Irgendwann schnappte sich der Delegierte Zero ein Aufnahmegerät von einem Angehörigen der Mannschaft des Anderen Journalismus, und führte die Interviews selbst, um dann das Gerät zurückzugeben, damit die Worte berichtet werden konnten (siehe den kommenden Bericht von Kristin Bricker für weitere Details)

Auf dem Landstrich wo Sergio aufgewachsen war, und wo sein Vater, Manuel Rodríguez Barrajan in den 80ern verhaftet wurde, und drei Jahre lang im Gefängnis verbringen musste, weil er versucht hatte das kommunale Ejidoland zu beschützen, griffen noch viele andere zum Mikrofon, um von ihrem Schmerz zu erzählen, und zum Widerstand aufzurufen. Das Interessante an diesem Kampf, wie an anderen in dieser Region, ist dass die Regierung behauptet er sei vorbei, dass jene, die einst auf diesem Land Baumwolle, Weizen und Luzerne anbauten, die einst die Bucht nach Muscheln, Austern, Jakobsmuscheln und andere Schalentiere absuchten, jene, die hier nach Tintenfischen, Shrimps und vielen anderen Meeresfrüchten fischten, ihr Land nie zurückerhalten würden; dass alles bereits unter Dach und Fach sei, dass es bereits an die ausländischen Investoren verkauft wurde, und sie Pech gehabt hätten.

Aber jene die auf den Sandstrassen von El Centenario leben (ohne Straßenpflaster, Abflussleitungen oder irgendeine andere Art von Regierungsdienstleistungen), sehen das anders: "Wir müssen uns selbst organisieren, um es uns zurückzunehmen," sagte Sergio Rodríguez Aroña.

An jeder Wendung der Geschichte gibt es einen Punkt, an dem die Missstände soweit zu einer kritischen Masse anwachsen, dass die Legitimität des Systems, das sie verursacht hat, in sich zusammenbricht. Baja California Sur befindet sich auf einen Kollisionskurs mit diesem schicksalhaften Tag. Und - wie die Andere Kampagne das betont - diesmal, wird es nicht alleine stehen.

Die Macossay Doktrin

Diese Woche erfolgte der erste Besuch des Mannes, der als Subcomandante Marcos bekannt ist (zumindest seitdem er diese Person vor zwei Jahrzehnte in der Selva Lacandona von Chiapas geworden ist), nach Baja California Sur. Die Busladungen nordamerikanischer Touristen, die schnulzigen Ferienbars entlang der Hotelzonen - die die Ausbeutung verarmter Arbeiter kaschieren, größtenteils aus anderen Teilen Mexikos, die die Zimmer putzen, die Tische bedienen, die Gärten pflegen und den ganzen Rest der schmutzigen Arbeit verrichten - erinnerten ihn sofort an das, was er im letzten Januar, zu Begin dieser landesweite Reise, an der Küste der Yucatan Halbinsel, am anderen Ende Mexikos gesehen hatte.

Am Freitag, in Cabo San Lucas, nahm er auf die Lage im Bundesstaat von Quintana Roo Bezug, wo von Cancún über Playa del Carmen bis hinunter nach Tulum und Chetumal, die "Entwicklung" (d.h. Zerstörung) der karibischen Küste von der Zukunft kündet, die das Geld und die Macht für Baja California Sur bereithalten. Und er gedachte eines der Toten der Anderen Kampagne: dem verstorbenen Julio Maccossay (1949- 2006), der Anwalt für Arbeitsrecht und Umweltschutz aus Playa del Carmen, der 10 Monate zuvor bei der Organisation des Projektes mitgeholfen hatte, um später in Frühling einem Herzversagen zu unterliegen. "Julio Maccossay sagte, dass die Zerstörung des Landes ein Produkt des Kapitalismus ist", erinnerte sich Marcos.

"Die Entwicklung (der Touristenzentren) hat in Quintana Roo nicht einen einzigen Arbeitsplatz geschaffen", sagte der Subcomandante und erklärte weiter, dass Pauschalreise- und andere Hotelkomplexe, Arbeiter aus anderen Bundesstaaten und aus Guatemala mitbringen, um ihre Einrichtungen zu bauen und zu bedienen. Er rief die Einwohner von Baja Sur auf, den Versprechen der Regierung und der Unternehmer zu misstrauen, die behaupten, dass der Ausbau des Fremdenverkehrs Arbeitsplätze und Vorteile für die Anwohner nach sich ziehen würde.

Aber es war in Sergios Garten am Samstag, wo der Delegierte Null sich deutlicher denn je im Verlauf der 10-monatigen Reise der Anderen Kampagne, zu der Frage der Enteignung der Produktionsmittel äußerste, ein Thema, dass er im letzten März in Queretaro eröffnet hatte, bei der Ersten Nationalen Arbeiterversammlung am 29. April noch einmal angeschnitten, und auf das er am 1. Mai näher eingegangen war.

Spezifisch bedeutet dies, dass ganze Gemeinden und Arbeiterverbände, sich die großen Hotels in diesem Bundesstaat und anderswo zurückholen. "Was dieses Land braucht, ist ein ziviler und friedlicher Aufstand," sagte er. "Raus mit den Hotelbesitzern, auf dass die Hotels den Menschen von Baja California Sur gehören!"

Wenn eine Situation, wie hier auf dieser Halbinsel, so schwerwiegend wird, "dass man entweder kämpfen oder sterben muss", so Marcos weiter "ziehen es die Menschen instinktiv vor zu kämpfen, anstatt zu sterben".

Dann führte er das Konzept der Gemeinden, die sich ihre Hotels zurücknehmen weiter aus. "Stellen Sie sich vor wie das wäre", forderte Marcos die vielen anwesenden Presseleute auf "wenn eine Zeitung Eigentum ihrer Mitarbeiter wäre."

 Quelle:  
  http://www.narconews.com/Issue43/article2169.html 
 

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