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Die indianischen Rechte und die Guerilla

 

Interview mit dem mexikanischen Schriftsteller Carlos Montemayor

News vom 01.08.2001
Raul Silva
übersetzt von Patricia Mellmann

  Kürzlich haben sie ein Buch namens "Die indianischen Völker Mexikos" veröffentlicht. Dieses Buch ist genau zu dem Zeitpunkt erschienen, da eine angeregte Debatte um das Gesetz über die Indianischen Rechte geführt wurde. Sie haben in detaillierter Weise verschiedene Momente studiert, den gesamten historischen Weg dieser indianischen Völker. Vor welcher Situation stehen wir heute hinsichtlich der Indianerproblematik?

Wir müssen uns darüber bewußt werden, daß die Entwicklung der Indianerbewegung im Lande einen Prozeß mit vielen Dimensionen darstellt. Eine dieser Dimensionen ist der bewaffnete Widerstand, repräsentiert z. B. durch die EZLN. Eine andere stellen die politischen Verbindungen zwischen den Kommunen einer gleichen Region oder einer Bergkette dar. Das betrifft z. B. Guerrero. Dort beschränken sich solche Allianzen nicht nur auf mehrere Kommunen, sondern umfassen verschiedene indianische Völker, wie im Falle des Rates von Guerrero. Er verkörpert 500 Jahre des indianischen Widerstandes und schließt Amusgos, Tlapaneken, Nahuas und Mixteken mit ein. Wiederum ein anderer Aspekt der Indígena-Bewegung Mexikos ist die neue Organisationsform in landwirtschaftlichen Kooperativen, wie z. B. in der Gegend von Ixmiquilpan, Hidalgo. Hinzu kommt, v. a. in den ländlichen Gebieten, der große pädagogische Beitrag der indianischen Welt an den Erziehungs-Programmen in der Grundstufe. Ebenfalls einen Aspekt stellen die in indianischen Sprachen publizierenden Autoren dar.

Letztendlich kann man in Bezug auf die Indígena-Bewegung in Mexiko von einem sehr breiten Spektrum sprechen. Diese indianische Vielfalt in Mexiko ist wiederum nur ein Teil des unendlich breiteren Spektrums der Indígena- Bewegung im kontinentalen Maßstab.

Welchen Stellenwert nimmt die mexikanische Indígena-Bewegung im kontinentalen Maßstab ein?

Sie ist so wichtig, wie es der indianische Widerstand in Guatemala und die politische Organisation der indianischen Völker Boliviens, Ecuadors und des Hochlandes von Bio-Bio in Chile sind. Jedoch müssen wir feststellen, daß es Fortschritte in den Verfassungen von Brasilien, Ecuador, Kolumbien und Kanadas gibt, hinter denen die Verfassung Mexikos im Hinblick auf die indianischen Völker weit zurückbleibt. Das bedeutet, die momentane Bedeutung der Indianer beruht nicht auf der gesellschaftlichen Entwicklung unseres Kontinentes, sondern auf dem Kampf der indianischen Völker.

Heute, da die Modernität oder vielmehr das, was wir als Modernität bezeichnen, so eng verknüpft ist mit dem, was in den Städten vor sich geht; da sich das Geld zwischen wenigen Händen bewegt: Welche Bedeutung haben die Kämpfe der indianischen Völker in Lateinamerika?

Die gleiche Bedeutung, wie die Konzentration der Macht in wenigen Händen oder die Würde und das Recht der Völker auf Freiheit. Das Problem des sozialen Lebens löst sich nicht im Laufe der Zeit. Jede Generation muß ihr Wertesystem hinsichtlich der politischen Würde neu bestimmen. Die Modernität ist kein objektiver Begriff. Die Modernität ist lediglich eine Botschaft des Marketing einer jeden Generation. Aber es gibt nichts, was wir Modernität nennen können und auch nichts, was wir klassisch nennen können.

Das, was wir als Globalisierung bezeichnen, ist eine neue Form des Kolonialismus. Mit ihrer Hilfe zwingt das große Kapital die Staaten und Regierungen des gesamten Planeten dazu, sich seinen Wünschen unterzuordnen. Aber das Fortbestehen der indianischen Völker und verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt zeigt, daß der Mensch weiterhin existiert und daß sich nicht alles in Waren verwandelt, ohne Augen und Gehör, ohne Herz.

Welche Konsequenzen werden sich für Mexiko aus der kürzlich erfolgten Bewilligung eines Indígena-Gesetzes ergeben, welches sehr umstritten gewesen ist und von einem seiner Hauptprotagonisten -der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung- abgelehnt wurde?

Besagte Verfassungsreform, welcher der Unionskongreß vor kurzem zugestimmt hat, bedeutet für Mexiko einen politischen und historischen Rückschritt. Es herrscht so etwas wie eine Amnesie den vor 5 Jahren erzielten Fortschritten gegenüber. Diese Reform kehrt den Abkommen von San Andrés den Rücken, der durch die erste Cocopa erarbeiteten Gesetztesinitiative; der Ratifizierung des Konvents 569 zwischen den internationalen Arbeitsorganisationen; der lokalen Verfassung in Oaxaca und den die Indianer betreffenden Verfassungsreformen in Nikaragua, Ecuador, Brasilien, Kolumbien und Kanada. Nicht nur die EZLN hält diese Verfassungsreform für einen Fehler. Zahlreiche politische Analytiker, Historiker, Anthropologen und Schriftsteller sind ebenfalls der Meinung, daß diese Reform falsch ist und verheerende Folgen haben wird. Der Nationale Indígena-Kongreß und viele Organisationen wie die der Rarámuris, der Nañus, der Zapoteken, der Mixteken und Purépechas haben sich ebenfalls gegen diese Reform gestellt. Sie ist ein schwerwiegender politischer Fehler.

Die mexikanischen Abgeordneten waren in diesem Moment blind gegenüber der sozialen Realität und der Geschichte der indianischen Völker. Es war eine riesige Unverschämtheit seitens des Präsidenten Fox, dieser Reform zu applaudieren, als bedeute sie die Umsetzung der Gesetzesinitiative, die er dem Kongreß übergeben hat1 und als bedeute sie die Umsetzung der Abkommen von San Andrés, wo diese Reform doch das ganze Gegenteil ist. Sie macht diese große Entwicklungschance zunichte.

Soll das heißen, daß sich nichts geändert hat, trotzdem wir nicht mehr von einer PRI-Regierung regiert werden, sondern von einer Regierung, die eine Reihe von Veränderungen angeregt hat, zumindest ihrem Programm nach? Befinden wir uns noch immer in derselben Situation?

Die Regierung des Präsidenten Fox ist die vierte Regierung mit der gleichen Politik. Der Wechsel in Mexiko hat nicht im Jahr 2000 begonnen, sondern 1982 mit der Machtübernahme durch Miguel de la Madrid. Mit ihr begann eine ökonomische Neuorientierung, die sich unter Carlos Salinas de Gortari und Ernesto Zedillo festigte und nun in logischer und natürlicher Weise durch Vicente Fox weiter vorangetrieben wird. Es gibt also keinen Wechsel in der Wirtschaftspolitik. Es handelt sich um absolute Kontinuität.

Andererseits zeichnet sich unter der Regierung von Vicente Fox eine offizielle Rhetorik ab, die immer demagogischer wird und sich weiter und weiter von der sozialen Realität entfernt. Die Änderung des Diskurses ist eine Sache, die Änderung der Tatsachen eine andere.

Die EZLN ist immer als eine Gruppe aufgetreten, die keine Verbindung zu anderen bewaffneten Gruppen pflegt. Tatsächlich hat sie diese Distanz zu verschiedenen Anlässen bekundet. Sie haben jedoch mit Blick auf die Bewilligung des Indígena-Gesetzes durch den mexikanischen Kongreß geäußert, daß eine solche Annäherung möglich ist. Und wirklich versandten die Zapatisten während ihres Marsches nach Mexiko-Stadt Botschaften, in denen sie ihre Nähe gegenüber den anderen Gruppen signalisierten. Das würde einen Wechsel hinsichtlich der anfänglichen Botschaft dieser bewaffneten Bewegung bedeuten.

Die Zapatisten haben zweifach signalisiert, daß möglicherweise bereits eine gewisse Verbindung zu verschiedenen bewaffneten Gruppen besteht. Erstens bekundeten sie ihre Anerkennung denjenigen bewaffneten Gruppen gegenüber, die der EZLN den Weg durch die von ihnen kontrollierten Gebiete erleichterten. Und zweitens erklärte Subkommandante Marcos, als Vicente Fox der Indígena-Reform Beifall spendete, daß das von Präsident und Abgeordneten an den Tag gelegte Verhalten die bewaffnete Erhebung der anderen Gruppen rechtfertige. Diese Indígena-Reform würde jede Option der politischen Verhandlungen annulieren. Dies ist die Tragweite des Irrtums der Abgeordneten. Mit ihrer Borniertheit, ihrem Rassismus, ihrem Widerstand gegen die Anerkennung der Abkommen von San Andrés kehrt die gesetzgebende Macht der politischen Verhandlung als einer Lösungsmöglichkeit der sozialen Konflikte des Landes den Rücken.

Wohin kann ihrer Meinung nach dieser Zusammenschluß der Kräfte führen? Welche Absichten könnte dieser verfolgen?

Die soziale Selbstverteidigung, nichts anderes. Wir reden hier über Regionen, die äußerst arm sind, marginalisiert, geprägt durch soziale Gewalt, die sich in Form von Hunger, Unterernährung, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung und Analphabetismus äußert. So sieht die wirkliche soziale Gewalt aus. Besagte bewaffnete Gruppen wehren sich gegen diese soziale, institutionalisierte Gewalt. Und den Regierungen fällt nichts besseres ein, als sie mittels militärischer Repressionen noch zu verschärfen. Das, was sich demnach am Horizont dieses Teiles von Mexiko abzeichnet, ist die Fortsetzung sozialer Gewalt.

Diese soziale Gewalt in diesem Teil Mexikos wird sich zweifellos auch auf den Rest Mexikos auswirken...

Nein, das muß nicht immer so sein. Viele Staaten im Norden oder im Zentrum haben nicht das geringste Interesse an dem, was sich in diesen Regionen abspielt. Unter den Regierungen von Vicente Fox und Ernesto Zedillo wandte man sich von einer politischen Lösung in Chiapas ab und die Dinge im Lande gingen ihren Gang, so als wäre nichts gewesen. Ich habe den Eindruck, daß Präsident Fox und die Gouverneure vieler Bundesstaaten glauben, daß dies auch heute immer so weitergehen kann.

Wie erklären sie sich, daß die Mächtigen weiterhin an dieser Sichtweise auf die Indianerproblematik festhalten?

Weil sie sich weigern, dazuzulernen; noch sind sie an einer objektiven Information interessiert. Sie betrachten alles in Funktion ihres Weltbildes, d. h. des Neoliberalismus und der totalen Hörigkeit gegenüber dem internationalen Großkapital und den Transnationalen. Der Blick durch die Brille eines Vicente Fox, Zedillos oder Salinas Gortaris läßt keinerlei Änderung der Haltung gegenüber der sozialen Realität eines Landes wie Mexiko zu.

Die Verteidiger der großen wirtschaftlichen Interessen?

Nichts anderes, natürlich. Die einzigen, die sie zu verteidigen bereit sind, sind die Unternehmer und Bankiers, die Gauner und Verbrecher, die die Nationalbank innerhalb von 10 Jahren an das Ausland verhökern und einen Schuldenberg hinterlassen, den wir dann 30 Jahre lang abbezahlen dürfen. Dies ist Raub in seiner Reinstform und hat nichts mit dem Schutz des Volkes zu tun. Dies ist der Schutz des Großkapitals und der Konzerne. Man ist dabei, gemäß den Forderungen der Weltbank eine Steuerreform und den Abbau der Rechte der mexikanischen Arbeiter durchzusetzen. Das zeigt, daß wir es mit einer Regierung zu tun haben, die sich in nichts von der eines Zedillo oder Salinas Gortari unterscheidet. Es interessiert sie sehr wenig, was unter den ärmsten Schichten dieses Landes vor sich geht.

Die Umverteilung und die politische Durchsetzung der Interessen jedes einzelnen innerhalb der Gemeinschaft müssen mit größter Umsicht angegangen und strategisch gut durchdacht werden. Wie müßte der erste Schritt in diese Richtung aussehen?

Es muß sich ein breiter Widerstand in der Bevölkerung formieren; sie muß ihre Unzufriedenheit deutlich artikulieren. Die Bauern, Indianer, Arbeiter und Lehrer müssen sich organisieren, es muß mehr Proteste im ganzen Land geben. Auch müßte man sich vielleicht anderen, neuen Optionen gegenüber öffnen. Wenn das Land nicht protestiert, wird man es niederwalzen.

Seit 1994 macht die Indianerbewegung sehr klar und deutlich auf die hiesigen sozialen Verhältnisse aufmerksam und hat damit im Laufe der Zeit auch die internationale Aufmerksamkeit erregt. Welche Bedeutung hat dies für die Beziehungen zwischen Mexiko und den USA?

Das hat, glaube ich, nicht direkt mit der Beziehung zu den Nordamerikanern zu tun. Dies ist ein Kampf, zu dem viele mexikanische Völker aufgebrochen sind. Das hängt auch mit dem Erwachen eines politischen Bewußtseins der indianischen Völker zusammen; mit einer politischen Öffnung, die sich jenseits der momentan ablaufenden Amerikanisierung der Wirtschaft vollzieht. Man kann dies nicht als einen Faktor ansehen, der die mexikanisch- us-amerikanischen Beziehungen blockiert, zerstört oder verändert. Die EZLN steht für einen autonomen Kampf, dessen Botschaft mehr zu bieten hat als die neoliberalen Visionen der letzten Präsidenten Mexikos.

Dieser indianische Kampf beinhaltet auch den Versuch, die soziale Situation zu verändern, eine Umverteilung zu erreichen. Besteht da ein Zusammenhang zur sozialen Situation im globelen Maßstab, die hauptsächlich durch die USA geprägt ist?

Nein. Sehen Sie, die Kämpfe dieser Indianer sind 500 Jahre alt. Der zentrale Punkt, um den diese Kämpfe sich drehen, ist die Anerkennung der indianischen Völker als Subjekte des öffentlichen Rechtes. Das schließt Rechte territorialer, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Art mit ein, welche die Indianer gegenüber den verschiedenen Strukturebenen des mexikanischen Staates verteidigen können. Damit würden sich die Entwicklungschancen für die indianischen Völker entscheidend verändern. Die us-amerikanische Rechtsstruktur enthält keine solche Entwicklungsmöglichkeiten. Die USA haben eine sehr konservative und, was die indianischen Völker als Rechtssubjekte betrifft, sehr rückschrittliche Struktur. Die Anerkennung der indianischen Völker als Subjekte des autonomen Rechts hat vor 11 Jahren in Nikaragua ihren Anfang genommen; die an der karibischen Küste siedelnden Indianer betreffend. Diese Entwicklung wirkte sich dann auch auf die neuen Verfassungen Ecuadors, Brasiliens und Kolumbiens aus. Am 11. April 1999 gab es mit der Anerkennung von Nunabut durch die kanadische Regierung einen wirklich bemerkenswerten Fortschritt. Dieses autonome Territorium der Inuit umfaßt immerhin eine Fläche von der Größe Mexikos.

Soweit zu der sozialen Entwicklung der indianischen Völker. Die Modelle, die dem Ziel, das die Indianer mit ihren autonomen Regierungen verfolgen, am nächsten kommen, sind die der Inuit in Kanada, der an der Atlantikküste siedelnden Indianer Nikaraguas und, was die verfassungsmäßige Anerkennung autonomer indianischer Territorien betrifft, natürlich die Brasiliens und Kolumbiens. In Ecuador ist die stärkste politische Organisation innerhalb der ecuadorianischen Gesellschaft die der Indianer. Der Kampf der hiesigen Indianer hängt also durchaus mit einer notwendigen politischen Entwicklung auf mexikanischem Territorium zusammen, weniger jedoch damit, wie die Nordamerikaner mit ihren indianischen Völkern umgehen.

Das, was sich direkt auf die Beziehung zu den Vereinigten Staaten auswirkt, sind die Migrations-Bewegungen als Teil eines komplexeren Phänomens. Das Globalisations-Modell verfolgt die Absicht, Gesetze zur Erfüllung der Wünsche und Bedürfnisse einzig und allein der großen transnationalen Konzerne durchzudrücken, die hauptsächlich in den USA und den G7-Staaten angesiedelt sind. Diese Konzerne und Spekulativ- Kapitale fordern, unterstützt durch das globale Handelsabkommen, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank, die absolute Freiheit der Grenzen, deren totale Öffnung gegenüber Kapital und internationalem Warenangebot. Gleichzeitig schließen sich die Grenzen gegenüber der Arbeit, dem Menschen, dem Arbeiter.

Die durch die Amerikanisierung und Globalisierung weltweit hervorgerufene Verarmung ist furchtbar und brutal. Und sie nimmt von Tag zu Tag zu. Als logische Folge daraus ergibt sich ein Migrationsstrom in Richtung der global gesehen stärksten Pole. Sein Verlauf ist den Absichten dieses Wirtschaftsmodelles genau entgegengesetzt. Dieses ist ausschließlich an für sein Kapital und seine eigenen Waren geöffneten Grenzen interessiert. Doch die Armut, die dieses Modell hervorruft, zieht eben auch eine Migrationsbewegung aus den ärmsten Ländern in die reichsten Ländern nach sich. Demnach haben wir Kurden und Araber in Deutschland; Afrikaner und Asiaten in Italien; Afrikaner in Frankreich; Maghrebiner, Algerier und Sahara-Bewohner in Spanien und Asiaten und Mittelamerikaner in den USA. Aber dort, in eben diesen Ländern, halten diese Leute an ihrer Kultur fest. Sie vermischen sich nicht, da es in besagten Ländern einen enormen Rassismus gegenüber den Migrantengruppen gibt und sie starken Repressionen und Verachtung ausgesetzt sind. Die Tatsache, als "die anderen" angesehen zu werden, bringt eine Dynamik des Unter-"Uns"- Bleibens hervor und fördert das Weiterbestehen ihrer ursprünglichen Kultur. Ein Beispiel dafür sind die Mixteken und Zapoteken, die sich in den USA als Illegale oder legalisierte Arbeiter aufhalten, allerdings auf der untersten Stufe des nordamerikanischen Wirtschaftssystemes. Sie pflegen dort ihre alten Gewohnheiten und Bräuche und behalten ihre Muttersprache bei.

Dies sind also komplexe und unterschiedliche, aber auch sehr gut durchschaubare Phänomene.

Sie haben von einem Zusammenhang zwischen Guerrero, Chiapas und Oaxaca, sowohl hinsichtlich der Indianer-Bewegung als auch der Militarisierung gesprochen. Könnten sie etwas ausführlicher auf diesen Gedanken eingehen?

Ja, es ist von elemantaler Bedeutung, daß es genau diese drei Bundesstaaten sind, in denen offiziel bewaffnete Gruppen existieren. In Oaxaca gibt es FARP2 und EPR3, in Guerrero ERPI4 und EPR, in Chiapas EZLN und ebenfalls einen Teil der EPR. Es ist sehr gut möglich, daß Einheiten der EPR auch in anderen Gebieten des Landes aktiv sind. In allen drei Bundesstaaten lautet die offensichtliche Antwort darauf Militarisierung. Es wird keine politische Lösung gesucht, wie z. B. Verhandlungen oder Wirtschaftsreformen im Interesse der Völker, nicht der US-Konzerne; das ist etwas anderes. Es liegt auf der Hand, daß die besagten drei Bundesstaaten sich im Kriegszustand befinden und daß die dortige Militärpräsenz Tag für Tag steigt. Das Niveau der Unterernährung in den ländlichen Regionen eben dieser drei Bundesstaaten, wohlgemerkt, ist alarmierend, vor allem in den indianischen Kommunen. Dies sind nicht nur die Staaten mit bewaffnetem Widerstand, sondern, in Übereinstimmung mit den Statistiken von 1997 und 2000, auch die Staaten mit der größten Armut.

Welche Aussichten sind angesichts dieser Tatsachen in näherer Zukunft abzusehen?

Die weitere Verschlechterung der sozialen Verhältnisse.

Könnte die Bürger Einfluß darauf nehmen?

Ja, das könnten sie, wenn ihre Reaktion deutlicher ausfallen würde. Aber es hat den Anschein, daß wir uns darauf verlassen, daß der Protest und der soziale Widerstand der indianischen Völker immer mehr an Macht und Organisierungsgrad gewinnen.

Die Geschichte der Rebellion der indianischen Völker scheint unaufhaltsam voranzuschreiten...

Sicher, das ist das, was ich u. a. mit der Neuformierung der bewaffneten Bewegungen gemeint habe, als Reaktion auf das Ausbleiben grundlegender sozialer Veränderungen zugunsten der Marginalisierten. Nach jeder Repressionswelle herrscht über einige Jahre lang vorrübergehend Ruhe, unter deren Mantel die neuen Generationen heranwachsen. Wenn die Zeit herangereift ist, da sie erneut zu den Waffen greifen können, so tun sie es. Dies ist ein völlig normaler Vorgang, da es keine fundamentale soziale, sondern lediglich eine oberflächliche Lösung in Form militärischer Unterdrückung zu geben scheint. Früher oder später wird sich der bewaffnete Widerstand neu formieren.

Wieviel Einfluß hat die wirtschaftliche Macht auf die Verhandlungen? Bis zu welchem Grad haben ein Präsident, eine Regierung freien Spielraum, um anhand von Gesetzen und Abkommen in eine Situation wie die, in der sich Mexiko derzeit befindet, einzugreifen?

Das hängt von ihrem politischem Willen ab. Aber wo kein politischer Wille zur Veränderung herrscht, da ist eben auch kein Weg. Fox hat keinerlei Interesse an Veränderung. Fox hat die Absicht, die von seinen drei Vorgängern betriebene Politik bis auf die Spitze zu treiben. Fox ist der vierte Präsident mit der gleichen Politik und deshalb gibt es in absehbarer Zeit keine Veränderungsmöglichkeiten.

In einem ihrer letzten Bücher über die indianischen Völker des Mexikos von heute schreiben sie folgendes: "Die, die wir keine Indios sind, reden unablässig von den Indios. Wir haben versucht, auszudrücken, was sie sind; was sie nicht sind; wie sie sind; was sie denken; was sie nicht denken. Noch immer wissen wir nicht, ob und inwieweit die indianische Spiritualität im Laufe der Zeit an Bedeutung gewonnen hat, statt sie zu verlieren. Jedoch können wir angesichts der sozialen Ereignisse zu Beginn des 21. Jahrhunderts voraussagen, daß der indianische Aufstand von Chiapas am 1. Januar 1994 nicht die letzte bewaffnete Erhebung der indianischen Völker Mexikos sein wird. Könnten sie etwas näheres dazu sagen?

Nun, das Gesagte erscheint mir eindeutig. Ich glaube, daß das gesamte Interview sich mehr oder weniger um diese Frage gedreht hat. Es gibt keine grundlegenden Veränderungen; die Rechte der indianischen Völker werden nicht anerkannt. Deswegen sind das, was uns in Zukunft erwartet, bewaffnete Indianer-Bewegungen.

Zu Beginn des Interviews haben sie von den indianischen Autoren und davon gesprochen, wie deren Visionen uns dabei behilflich sein könnten, ihre Welt verstehen zu lernen; diese andere Welt, an der wir, zumindest im Moment, aufgrund der ganzen politischen Anspannung, nicht vorbeisehen können. Die indianischen Völker verkörpern viel mehr als Konflikte.

Ja. Wir haben vorhersagen wollen, was diese Völker darstellen und wie sie denken. Das Wichtige an den zeitgenössischen indianischen Autoren ist, daß wir zum ersten Male die Möglichkeit haben, uns einer Sprache anzunähern, einer Novelle, einem Gedicht, einem Essay, einer Erzählung, die dem inneren Kern dieser Kulturen entspringen, dem eigenen Gedächtnis dieser Völker. Wir haben somit das erste Mal die Möglichkeit, den Stimmen zuzuhören, die wir nie hören wollten und der spirituellen, kulturellen, sozialen und politischen Wirklichkeit dieser Völker ins Angesicht zu blicken; etwas, dem wir uns bisher verweigert haben. Das bedeutet, daß uns die neue Literatur in indianischen Sprachen die Chance bietet, endlich das Mexiko kennenzulernen, das wir immer im Dunklen gehalten, immer ignoriert haben.

Was haben sie von den indianischen Schriftstellern und bei der Annäherung an ihre Denkweise über ihre Gedichte, ihre Erzählungen gelernt?

Nun, sie müßten eine ganze Reihe von Interviews mit mir führen, damit ich sagen könnte, was ich alles gelernt habe. Ich habe die Herausgabe von 50 Büchern in zeitgenössischen Maya-Sprachen angeleitet und koordiniert, ebenso die von 12 Büchern in anderen Sprachen. Außerdem habe ich nicht wenige Artikel und Bücher über diese Welt geschrieben. Ich kann ihnen sagen, daß es sich hier um eine ganz anders geartete Kultur handelt, älter als die unsere, tiefer oder zumindest ebenso tief wie die unsere. Wir müssen einfach anerkennen, daß sie ein Recht darauf hat, zu existieren und zu überleben. Die von den mexikanischen Abgeordneten bewilligte Indígena-Reform kehrt diesen Kulturen den Rücken.

Ja, die Welt der Indianer und ihrer Lehren ist sehr vielfältig. Meine Frage zielte jedoch mehr darauf ab, wie diese Welt ihre Arbeit beeinflußt hat, in der sie sich ja sehr eingehend mit den mexikanischen Indianervölkern auseinandersetzen. Was motiviert sie; was bewegt sie; was gibt ihnen den zentralen Anreiz; welcher Weltanschauung verleihen sie Ausdruck in ihrem Werk?

Für sie ist die Welt ein lebendiges Wesen, nicht etwas lebloses. Die Welt ist keine Ware, wie sie das für die nordamerikanische oder mexikanische Welt ist. Diese Betrachtung der Natur als etwas lebendiges ist in den indianischen Kulturen von grundlegender Bedeutung. Das ist eine völlig andere Sicht auf die Dinge.

Welche Lehren haben sie, die Fiktion betreffend, aus ihrer Arbeit mit den in indianischen Sprachen publizierenden Autoren für ihre Arbeit gezogen?

Daß Sprache, Literatur und Erinnerung der Völker nicht einzelnen Menschen geh ören, sondern der gesamten Gemeinschaft. Man kann Literatur nicht einfach als herausragende Arbeit einzelner talentierter Menschen betrachten. Man muß sie im Zusammenhang mit dem Wert sehen, den ein Werk, eine Sprache, eine Tat für die ganze Gemeinschaft in sich birgt. Dieser Wert ist eines der wichtigsten Dinge, die ich mit Hilfe der Indianer schätzengelernt habe.

Ihre Bücher erzählen nicht so sehr von Individuen, sondern vielmehr einer Ansammlung von Stimmen. Sie haben sich in jemanden verwandelt, der dieses Material sammlt und aufarbeitet.

Es würde mich sehr freuen, wenn meine Leser dies so sähen.

1 Nach seinem Regierungsantritt im Dezember 2000 überreichte Fox dem Unionskongre ß die von der Cocopa (Comisión de Concordia y Pacificación) auf Basis der Abkommen von San Andrés ausgearbeitete und von der EZLN akzeptierte Gesetzesinitiative zur Kultur und zu den Rechten der mexikanischen Indianer.
2 FARP: Fuerzas Armadas de Resistencia Popular
3 EPR: Ejército Popular Revolucionario
4 ERPI: Ejército Revolucionario Popular Insurgente

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