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Superbarrio wird Zwanzig: Erinnerung an einen mexikanischen Helden

Poonal vom 03.07.2007
Von Gerold Schmidt

  (Mexiko-Stadt, 28. Juni 2006, npl).- "Superbarrio ist nicht mehr auf der Straße. Alles das, was er dachte, wofür er kämpfte, an das er glaubte und auch seine Schöpfungen sind dort, wo Geschichte und Erinnerung aufbewahrt werden − im Museum." Im Fazit von Marco Rascón schwingt ein gutes Maß an Bitterkeit und Nostalgie mit. Rascón gilt als der geistige Vater eines mexikanischen Helden der besonderen Art. Im Juni 1987 tauchte Superbarrio erstmals in der Öffentlichkeit auf. Im Stil der mexikanischen Freistilkämpfer maskiert, mit den goldfarbenen Buchstaben "SB" auf dem rotglänzenden Elastikbody, der seinen nicht zu verachtenden Bauchansatz erst richtig zur Geltung brachte, wurde er schnell zur Symbolfigur der großen Stadteilbewegung, die sich in Mexiko-Stadt in Folge des Erdbebens vom September 1985 gegründet hatte.

Die in der Versammlung der Stadtteile (Asamblea de Barrios) organisierten Viertelbewohner erkämpften sich gegenüber einer damals noch von der Zentralregierung der Quasi-Staatspartei PRI eingesetzten korrupten Hauptstadtverwaltung mit Demonstrationen, Grundstücksbesetzungen und Verhandlungen das Recht auf Wohnraum. Anfangs stumm, bald jedoch als gewichtiger und wichtiger Gesprächspartner hinter der Maske nahm Superbarrio bei diesen Aktionen seine Rolle ein, bei manchem Marsch schritt der Anti-Athlet vorne weg. Mit wachsender Popularität bekam er einen Nachnamen, fortan kämpfte er als Superbarrio Gómez.

Nicht nur für Wohnraum, sondern zusammen mit der Asamblea und anderen Organisationen kämpfte er für eine gewählte Regierung von Mexiko- Stadt, für eine transparente und demokratische Politik. Indem Superbarrio die herrschende Politik parodierte und karikierte, brachte er Humor und Ironie in den oft auf Parolen und starre Aktionsmuster fixierten Widerstand gegen die Herrschenden ein. Der Hauptstadtheld hatte seinen Anteil an der ersten breit gefächerten landesweiten linken Oppositionsbewegung, die 1988 nur durch Wahlbetrug am Sieg bei den Präsidentschaftswahlen gehindert wurde. Superbarrio Gómez zog seine Kandidatur zugunsten des PRI-Dissidenten Cuauhtémoc Cárdenas zurück, dieser bedankte sich im Gegenzug angeblich damit, indem er auf seinen eigenen Wahlzettel Superbarrio schrieb.

Eingeweihten war die Identität Superbarrios bald bekannt, öffentlich gemacht wurde sie jedoch erst viel später. Nicht umsonst schreibt Rascón, der selber einmal kurzfristig für den eigentlichen anonymen Helden einsprang, im Rückblick von der "kollektiven Vorstellungskraft, die dieser aufbaute". Laut Rascón bedeuteten die Maske und die geheime Identität die Begründung eines kollektiven Bürgers". Superbarrio schaffte ein Bewußtsein für "das Recht auf die Stadt" und "er ermutigte die soziale und politische Partizipation, die Bürgerinitiative". Das machte ihn zur Figur über Mexikos Grenzen hinaus. Er wurde nach Europa und Lateinamerika eingeladen, nach dem Vorbild in Mexiko-Stadt gründeten sich Asambleas de Barrios in anderen Ländern. Dustin Hoffman wollte einen letztlich nicht verwirklichten Film über ihn und die Stadtteilbewegung drehen.

Die Kooption von Teilen der Bewegung durch die aus der Opposition von 1988 entstandene Partei der Demokratischen Revolution (PRD), die allmähliche Aufsplitterung der Asamblea de Barrios in Klientelgruppen sowie die Ablösung der PRI-Regierung durch die PRD in den ersten freien Kommunalwahlen 1997 nahmen den Auftritten Superbarrios zunehmend ihren Sinn. Anders als Superman und Spiderman erkannte er die Zeichen der Zeit. Bereits 1995 zog er sich weitgehend zurück. Nach nur noch sporadischen Auftritten verweigert er sich seit 1997 ganz der Öffentlichkeit. "Eines Tages, so wie er kam, ging er einfach", bemerkt Rascón lakonisch. Die Mega-Stadt verschluckte ihn, vergessen ist er jedoch nicht. Zum Zwanzigsten Geburtstag würdigen auch die offiziellen Stadtvertreter der nun in der Haupstadt bereits zweimal wieder gewählten PRD die Asamblea de Barrios und Superbarrio Gómez. Mit einer Ausstellung im Museum. Noch bis zum 15. Juli.


Quelle: poonal
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