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Im Diskurs ungeschlagen

junge welt vom 31.12.2003
Gerold Schmidt

 
Am 1. Januar vor zehn Jahren besetzten die Truppen der EZLN mehrere Bezirkshauptstädte in Chiapas und revolutionierten seither die aufständische Öffentlichkeitsarbeit

Mexiko-StadtEine Guerilla, die nicht die Macht erobern will, dem Gegner zudem militärisch hoffnungslos unterlegen ist, muß sich etwas einfallen lassen, wenn sie Einfluß haben will. Die »Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung« (EZLN) erfand keine neue Waffe, aber sie setzte eine bekannte auf neue und eigenartige Weise ein: den politischen Diskurs. Es würde den Zapatisten nicht gerecht, sie auf eine reine Diskurs-, oder gar, wie frühere mexikanische Regierungen glauben machen wollten, Internetguerilla zu reduzieren. Doch ohne den weitgehend erfolgreichen Versuch, statt nach der Macht »nach dem Wort zu greifen«, wäre die EZLN inzwischen vielleicht nicht mehr der Rede wert. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit gelang es den Zapatisten in eine interaktive Kommunikation mit der Gesellschaft zu treten. Nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene.

In der Zeit nach dem Zerfall des realsozialistischen Blocks und der mittelamerikanischen Befreiungsbewegungen einerseits und den Angriffen der neoliberalen Politik auf die sozialen Rechte in Industrie- und Entwicklungsländern andererseits, stieß und stößt der unkonventionelle Diskurs der EZLN auf offene Ohren. Ihr Prinzip des »fragenden Voranschreitens« (spanisch: preguntando caminamos), mit dem erst einmal keine Antworten vorgegeben werden, mußte in diesem Kontext breite Resonanz finden. Den allgemeinen zapatistischen Forderungen nach »Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit« konnten argumentativ nicht einmal die Regierungen widersprechen.

Die von Marcos geschaffenen Kunstfiguren des Alten Antonio oder des Käfers Durito, die in den Kommuniqués der EZLN sowohl indianische wie

neoliberale Welten analysieren, wurden bald zu Kultfiguren. Der Rückgriff auf die indianische Mythologie, die Verwendung von Metaphern und Symbolen, der häufige Bezug auf ethische und moralische Termini wie die Würde oder auch das Konzept des »gehorchenden Regierens« (mandar obedeciendo) wurden Markenzeichen des zapatistischen Diskurses. Dazu kamen Witz, Ironie und beißender Spott des Subcomandante. Oft auch die Selbstironie, die allerdings in den verbalen Auseinandersetzungen mit der eher traditionellen und programmatisch auf die Machtergreifung ausgerichteten mexikanischen EPR-Guerilla, der baskischen ETA oder auch dem spanischen Richter Baltasar Garzón zeitweise verlorenging.

Für viele Intellektuelle war diese »neue Offenheit« einer Guerilla gegenüber der Diskussion ein großer Anziehungspunkt. Diverse Briefwechsel mit dem Subcomandante Marcos sind dafür ein Beleg. Der indianische Intellektuelle und Anwalt, der Mexikaner Francisco López Bárcenas, schrieb vor wenigen Tagen das, was viele andere in den vergangenen Jahren ähnlich geäußert haben. Die Zapatisten »haben uns aus der Lethargie geholt«, so López Bárcenas. Er spricht von »einer Bewegung, die uns die Hoffnung auf ein besseres Leben zurückgegeben hat«. Gerade in der mexikanischen Gesellschaft, in der über mehr als sieben Jahrzehnte die bis 2000 regierende Partei »der Institutionellen Revolution« (PRI) für alles eine −vorgebliche −Antwort hatte und sich als Quasi-Staatspartei der Dinge mal auf kooptierende, mal auf repressive Weise annahm, kann der emanzipatorische Anstoß der EZLN für die zivile Gesellschaft nicht groß genug eingeschätzt werden.

Soviel Sympathien der zapatistische Diskurs geweckt hat, er war und ist nicht widerspruchsfrei. Dabei sind geänderte Positionen zur (Un-)bedeutsamkeit von Wahlen, eine verschärfende Ablehnung der politischen Parteien aber immer auch Reaktionen auf die sich modifizierende Politik gewesen. Für das Wechselspiel zwischen Zapatisten und Gesellschaft ist öfter das Bild kommunizierender Röhren gezeichnet worden. Auch war vom System der Rückkopplung, der Resonanzen und unterschiedlichen Rezeptionen die Rede.

Die EZLN selbst hat die wechselnde inhaltliche Ausrichtung der Diskurse in einem 1997 von Marcos unterzeichneten Kommuiqué so ausgedrückt: »Der Zapatismus ist keine neue Ideologie oder Wiederauflage alter Ideologien (...) Es gibt keine Rezepte, keine Linien, keine Strategien, Taktiken, Gesetze, Regeln oder universale Parolen. Es gibt nur eine Sehnsucht: eine bessere Welt zu schaffen, das heißt eine neue. Zusammengefaßt: Der Zapatismus gehört niemanden, deshalb gehört er allen.«

Der bewußt offene und −von der Autonomiefrage für die indigenen Völker abgesehen −unbestimmte Charakter der zapatistschen Bewegung »ruft manchmal die Frustration derjenigen hervor, die in einer reineren revolutionären Tradition geschult wurden«, mokiert sich beispielsweise der zapatistennahe Wissenschaftler John Holloway über Kritiker der Bewegung. Dagegen hat der Bremer Soziologe Jens Winter schon vor Jahren in der »äußerst effektive(n) Konzeptionslosigkeit von hoher mobilisierungsstrategischer Bedeutung« der Diskurse auch ein Problem gesehen. Sie machen es für eine große Brandbreite von Personen möglich, sich von den Zapatisten angesprochen zu fühlen und ihrerseits ihr eigenes (Wunsch-)Denken in den Zapatismus zu projizieren.

Diese Vielfalt für sich in einer dauerhaften, starken zivilen Bewegung zu sammeln, hat die EZLN nicht geschafft. Anders gesagt: Während Intellektuelle, Künstler, soziale Bewegungen und Nichtregierungsorganistaionen betonen, von den Zapatisten weitergebracht worden zu sein, sind die konkreten Bedingungen für die Aufständischen selbst und ihre Basis zehn Jahre nach der Rebellion kaum besser geworden. Nur Zyniker können behaupten, dies sei der Sinn eines weiteren zapatistischen Leitprinzips: »Für alle alles, für uns nichts«, sagte Marcos einmal. Es ist dennoch ein unbestreitbarer Verdienst der EZLN, den Guerilla-Diskurs revolutioniert zu haben. Auf diesem Feld sind sie bisher ungeschlagen.

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2003/12-31/018.php 
 

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