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»Wir Magonistas sind Feinde der Ungerechtigkeit«

graswurzel.net vom 10.01.2004
Interview: Luz Kerkeling

  Im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca leistet der Indigene Volksrat Ricardo Flores Magón (CIPO-RFM) Widerstand gegen Ausbeutung und Marginalisierung.

Neben Chiapas und Guerrero gilt Oaxaca als einer der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Hier herrschen Gouverneur José Murat und seine Gefolgsleute von der mächtigen Institutionellen Revolutionären Partei (PRI). Hier leben rund 3,5 Millionen Menschen, von denen über 50% einer der 16 indigenen Bevölkerungsgruppen angehören, womit Oaxaca neben Chiapas über den höchsten Anteil indigener Bevölkerung in ganz Mexiko verfügt. 27% der Bevölkerung sind AnalphabetInnen, rund 40% arbeiten im Landwirtschaftsbereich. Trotz der mafiösen Machtstrukturen der Kaziken, Politiker und Unternehmer und der fast alltäglichen Gewalt gibt es soziale Organisationen, die versuchen, die Not der Menschen zu lindern und die sich für andere gesellschaftliche Verhältnisse engagieren. Eine dieser Organisationen ist der Indigene Volksrat von Oaxaca Ricardo Flores Magón(1) CIPO-RFM, der mit einem pazifistisch-libertären Anspruch seit 1997 aktiv ist. Seit Jahren führt die Organisation Mobilisierungen, Seminare und Projekte durch. Die Gemeinden des CIPO fordern in der Regel auch die vom Staat garantierten Gelder ein, die häufig in den Händen der korrupten Regionalverwaltungen bleiben. Gleichzeitig wird die Organisation mit kontinuierlicher Repression konfrontiert. Anfang November 2003, zwei Wochen, nachdem ein Angehöriger des CIPO ermordet worden ist, entstand das folgende Interview mit drei Aktivisten und einer Aktivistin in der Hauptstadt Oaxaca. Ergänzend zum Interview ist anzumerken, dass der CIPO in der Linken Oaxacas nicht unumstritten ist. Die Kritik einiger AktivistInnen richtet sich gegen die »Alles-oder-Nichts«-Haltung, mit der der CIPO sich gegen die Regierung stellt, gegen den Personenkult um die »Promis« der Organisation und gegen das dominante Auftreten während der kürzlich von über 20 Organisationen durchgeführten Menschenrechtskarawne in Oaxaca.

Interview

GWR: Könnt Ihr uns eine Zusammenfassung über Struktur und Geschichte des CIPO-RFM geben?

Juan: Der CIPO wurde als indigene Organisation gegründet. Wir kämpfen gegen die Ungerechtigkeit. Obwohl viele nicht lesen können, kennen wir unsere Rechte und fordern Gerechtigkeit.

Reynaldo: Der CIPO wurde 1997 als eine soziale Organisation gegründet, unabhängig von der gängigen Politik. Es sind die einfachen Leute, die den Rat bilden, wir haben keinen Anführer, der uns befiehlt. Wir treffen die Entscheidungen in Versammlungen. Wir haben außerdem Kommissionen von RepräsentantInnen. Die Leute kommen über vier Stufen − verschiedene Seminare − in die Organisation, niemand zwingt sie. Die Organisation ist das Haus der Leute, hier können alle reden. Indígenas, Nicht-Indígenas, Arme, Nicht-Arme, Studierende, Gemeinden, viele Gruppen sind hier in der Organisation. Niemand erhält ein Gehalt, die RepräsentantInnen und die junta organizadora (Organisationsvorstand) werden in Generalversammlungen gewählt. Sie arbeiten drei Jahre. Im ersten Jahr werden sie eingearbeitet, im zweiten führen sie ihre Arbeit durch und im dritten lernen sie die Nachkommenden an. In jeder Gemeinde oder Gruppe des CIPO gibt es einen Basisrat, der zwischen Gemeinde und junta organizadora arbeitet, und darüber informiert, welche Fortschritte es in der Organisation gibt etc. Wenn es um Entscheidungen geht, fährt niemals ein Compañero alleine, wir fahren immer mit 20-25 Leuten, denn wir wollen nicht, dass die Leute wegen eigener Vorteile handeln, sondern als Kollektiv. Und so wissen alle von den Problemen aller. Wir haben uns nie an die Regierung verkauft, durch diese Form sind wir sehr radikal, sehr anders als die Regierung.

GWR: Verfügen die Frauen über eigene Strukturen innerhalb der Organisation?

Leonor: Ja, es gibt einen Frauenbereich. Einige Compañeras arbeiten mit den Frauen und reden darüber, welche Rechte wir haben, was wir dafür tun können, wie wir uns verteidigen können. Sie führen Gespräche und machen Seminare. Wir kennen auch die Revolutionären Frauengesetze der Zapatistas und sind damit einverstanden. Außerdem stellen wir Kunsthandwerk her, doch wir können die Waren nicht gut verkaufen, denn sie erzielen keinen guten Preis.

GWR: Wieviele Personen, Gruppen und Gemeinden sind zur Zeit im CIPO organisiert?

Juan: Wenn wir uns alle treffen würden, Männer und Frauen, wären wir vier- bis fünftausend Personen. Es gibt Gruppen in rund 20 Gemeinden in Oaxaca. Es gibt drei Gemeinden, San Isidro Aloapan, Santa Maria Yaviche und Plan de Zaragoza, in denen die Mehrheit im CIPO ist. In allen anderen Gemeinden und Städten gibt es nicht mehr als Gruppen. Oft haben die Leute noch keine Vorstellung davon, was der Kampf ist. Und weil die Organisation gegen die Regierung ist, haben sie Angst vor Repression und deshalb schließen sich viele Dörfer nicht an.

GWR: Habt Ihr den Eindruck, dass die Organisation wächst?

Reynaldo: Ja. Es gibt viele Dörfer, die Probleme haben und wir als CIPO werden gefragt, wie man sie lösen kann. Zur Zeit gibt es mehrere Dörfer, die Gespräche wollen, es gibt auch Gemeinden, die schon mit den Seminaren fortgeschritten sind und die zum CIPO gehören wollen.

Juan: Schritt für Schritt wachen die Leute auf, sie merken, dass wir kämpfen und wenden sich an uns.

GWR: Ihr habt Euch nach Ricardo Flores Magón benannt − warum?

Juan: Wegen seiner libertären Ideen. Er war nie gegen die Indígenas − im Gegenteil! Er hat sie verteidigt, er war ein hundertprozentiger sozialer Kämpfer, er ging dafür ins Gefängnis. Er war dagegen, dass die Regierung die Menschen missbraucht und diese Ideen haben wir auch. Wir Magonistas sind Feinde der Ungerechtigkeit. Wir fordern nur ein, was uns zusteht.

GWR: Welche Ziele hat die Organisation?

Reynaldo: Wir wollen eine andere Welt, eine der eigenen Entscheidungen und Vorgehensweisen, der Autonomie. Wir wollen, dass man unsere Sitten respektiert, unsere Art, uns zu organisieren, zu arbeiten, unsere fiestas und unsere tequios (Kollektivarbeit). Und wir lehnen alle diese Mega-Projekte ab, die die Regierung schickt und die den Gemeinden Schaden zufügen. Wir verteidigen auch die Natur. Unser Ziel ist die Autonomie, damit die Gemeinschaften die Macht haben, über sich selbst zu bestimmen, damit sie sich auf eigene Weise entwickeln können.

GWR: Ein weiteres Mal wurde der CIPO Opfer gewalttätiger Repression. Wie kam es zu den tragischen Ereignissen vom 16. Oktober 2003 in Santa Maria Yaviche?

Juan: In der Gemeinde wurde unser Compañero Bartolomé Salas von den Paramilitärs der CROCUT (eine angebliche soziale Organisation, die der PRI nahesteht) getötet. Weil Yaviche gegenüber der Landkreishauptstadt nicht mehr klein beigibt und sich autonom organisiert, ist ein gewisser Jacobo Chávez sehr verärgert und hat mit der CROCUT zusammengearbeitet. Neun Compañeros wurden verletzt, einer wurde von sieben Kugeln getroffen. Bis heute hat die Regierung nichts getan, wahrscheinlich lachen sie über uns. Dank der Regierung laufen die Täter frei herum. Wir fordern Gerechtigkeit, auch internationale Unterstützung. Dieser Jacobo Chávez ist der Terror der Sierra und er hat Verbindungen zur Regierung.

Onorio: Hier weiß jeder, dass die Regierung des Bundesstaates von José Murat viele Probleme in den Gemeinden verursacht. Sie, die PRIistas, sind die Verantwortlichen für das, was uns hier zustößt.

GWR: Was sind Eure aktuellen Forderungen?

Leonor: Wir werden bedroht, weil wir uns organisieren. Wir fordern Garantien für unsere Sicherheit, für unsere Gemeinden und auch für das Leben unseres Compañeros Raul Gatica (der prominenteste Aktivist des CIPO), der verfolgt wird und schon geschlagen und eingesperrt wurde. Wir fordern eine Lösung für die Agrarprobleme und wir wollen unsere Wälder nicht ausbeuten lassen, denn sie sind das Erbe unserer Kinder. Wir wollen auch nicht mehr, dass sie uns einsperren.

Interview: Luz Kerkeling, Oaxaca, Mexiko (November 2003)

Weitere Infos über den CIPO-RFM: http://www.nodo50.org/cipo

1 Ricardo Flores Magón (1873-1922): Mexikanischer Anarchist, Herausgeber der Zeitschrift »regeneración«, Vordenker und Aktivist des sozialrevolutionären Flügels der mexikanischen Revolution zwischen 1910 und 1920.

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 285, Januar 2004, http://www.graswurzel.net

 Quelle:  
  http://www.graswurzel.net 
 

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