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Rundbrief Heike

 

Zweiter Rundbrief aus Chiapas Januar 2004

Heike Milanomi (Rundbrief) vom 14.01.2004
Von Heike Kammer, Milanomi

  Liebe Freundinnen, Freunde, Familie

Schade für diejenigen unter Euch die mich dieses Jahr erwarteten aber zu meiner Freude, und Freude meiner Kolleginnen hier in SIPAZ haben sich meine Pläne wieder geändert. Überraschend habe ich meinen ZFD Vertrag verlängert bekommen bis Ende dieses Jahres. Das heisst ich werde nun doch nicht sobald nach Deutschland kommen.

Heute bekam ich eine Einladung nach Weimar im Dezember zu einem Menschenrechtssymposium wozu alle Preisträger der 10 Jahre Menschenrechtspreise eingeladen werden. Meine Tour wird dann im Dezember starten, in Thüringen und sollte sich in aller Ruhe bis zum nächsten Sommer hinziehen. Das soll dann eine richtig gute lange Tour werden mit Puppentheater, Videofilmen und Power Point Vorträgen. Gleichzeitig werde ich Deutschland, Europa, viele Freundinnen und Freunde nach über 3 Jahren mal wieder besuchen.

Im Anschluss einen Artikel den 2 Freunde von mir hier nach einer gemeinsamen Reise geschrieben haben. Gestern haben Armeeoffiziere der Gemeinde gedroht 2 weitere Militärposten aufzustellen, falls die Leute weiter protestieren. Ob sie es wagen nächste Woche wieder zu protestieren, wie sie es vor hatten? Ob es die Menschen in Zapata und anderswo schaffen die Soldaten loszuwerden? In der Nähe gibt es weitere Militärlager. Einige Leute haben sich an die Soldaten gewöhnt, verdienen etwas Geld mit Wäsche waschen, Essen zubereiten oder indem sie ihren Körper anbieten. Der folgende Artikel wird glaub ich in Graswurzelrevolution gedruckt.

»Die Armee soll abhauen!«
Indìgenas in Chiapas fordern Entmilitarisierung ihrer Gemeinde

»Das Militär ist schrecklich«, so ein Mitglied der Gemeinde Emiliano Zapata, 6 Autostunden nördlich von San Cristobal de las Casas in der Zona Norte von Chiapas gelegen, zur Anwesenheit des Militärcamps in seinem Ort. Um die rund 100 dort stationierten Soldaten zum Abzug zu bewegen, führten rund 70 BewohnerInnen des Dorfes am 8. Januar 2004 einen Protestmarsch zum Haupttor des Militärlagers durch. Begleitet wurden sie von einer rund 15-köpfigen Delegation internationaler FriedensbeobachterInnen, Menschenrechtsorganisationen aus San Cristobal sowie einigen Pressevertretern.

Das Camp ist nur einer von über 250 Stützpunkten in Chiapas, in denen nach übereinstimmenden aktuellen Angaben der pazifistischen Organisation »Las Abejas« (Die Bienen) und Onésimo Hidalgo vom politisch-ökonomischen Forschungszentrum CIEPAC zwischen 50.000 und
70.000 Soldaten stationiert sind. Als der Zug das Tor erreichte, versammelten sich sofort 40 schwer bewaffnete Soldaten und Militärpolizisten, um das Camp abzuriegeln. Zwei Sprecher der Gemeinde verlasen ihre Kommuniques, während die Soldaten aus dem Lager heraus mit Video- und Photo-Kameras Aufnahmen von den internationalen BeobachterInnen machten. Am Ende der Kundegebung wurde der Kommandant des Militärcamps verlangt, der sich jedoch verleugnen ließ. So wurde seinem Stellvertreter ein mehrseitiges Kommunique überreicht, dessen Entgegennahme dieser unterzeichnen sollte, da zuvorige Beschwerden der DorfbwohnerInnen nie beachtet wurden ein weiterer Mosaikstein der rassistischen und entwürdigenden Behandlung der Indígenas durch die Organe des mexikanischen Staates.

Die Folgen der Militarisierung

Die Gemeinde E. Zapata ist eine der vielen gespaltenen Gemeinden in einer der konfliktreichsten Zonen von Chiapas. Hier hatten die AnhängerInnen der auch paramilitärisch agierenden Organisation mit dem zynischen Namen «Paz y Justicia» (Frieden und Gerechtigkeit) in einigen Orten phasenweise die völlige Kontrolle übernommen. Sie arbeiteten unter den Augen der Bundesbehörden fast als deren Stellverteter und leisteten ihre dreckige Arbeit der Bekämpfung jedweder Opposition. Seit mehreren Jahren war keine internationale Delegation mehr in dieses Gebiet gereist, nachdem es in der Vergangenheit gewaltsame Überfälle auf Internacionalistas seitens der Paramilitärs gegeben hatte. Aus diesem Grund wurden die in einigen Gemeinden Ende der 90er Jahre eingerichteten Zivilen Friedenscamp bereits nach einem halben Jahr wieder aufgegeben, da die Lage für die internationalen BeobachterInnen zu riskant geworden war.

In der Gemeinde E. Zapata leben verschiedene politischen Gruppierungen, was die Lage wie in vielen Orten sehr schwierig und unübersichtlich macht. Da ist zum einen eine Gruppe von SympathisantInnen der zapatistischen Bewegung die sich aus Angst nicht öffentlich so bezeichnen -, desweiteren AnhängerInnen der sozialdemokratischen PRD, Mitglieder der ehemaligen Staatspartei PRI, die in Chiapas noch immer sehr mächtig ist, sowie nicht zuletzt Paramilitärs der Gruppe Paz y Justicia, die für zahlreiche Morde und Vertreibungen in den letzten Jahren verantwortlich ist. Diese Gruppe ist z.T. identisch mit den PRIistas und kollaboriert offen mit dem Militär, da beide Seiten voneinander profitieren. Die wenigen Geschäfte des Ortes, in denen auch das Militär einkauft, sind im Besitz von PRIistas. Einige junge Frauen und Mädchen gehen einer "zusätzlichen Beschäftigung" nach. Diese informelle Prostitution führte in der Gemeinde zu einer Reihe von Schwangerschaften. Die entsprechenden Soldaten lassen diese Frauen später alleine zurück. Uns wurde ebenfalls berichtet, dass die Soldaten im angrenzenden Bundesstaat Tabasco Spirituosen und Kokain einkaufen, um diese Drogen dann in der Gemeinde zu verbreiten. Die Anwesenheit der Soldaten führt außerdem zu massiven Umweltschäden und einer ständigen Bedrohungssituation. "Die Militarisierung ist eine niedrigschwellige Form von Krieg und zerstört die sozialen Strukturen der Gemeinden", so Hermann Bellinghausen von der linken Tageszeitung «La Jornada‰ am Ort der Protestaktion.

Zum Schluß gaben die aktiven Gemeindemitglieder den Militärs 14 Tage Zeit um zu verschwinden und skandierten mehrfach: "Die Armee soll abhauen!". Schon wieder auf dem Rückweg in das Gemeindezentrum wurde der Demonstrationszug von den nahe am Militärcamp stehenden Häusern aus verbal beschimpft und mit Steinen und Lehm beworfen. Dies sind die Häuser der Paramilitärs, die offenbar gegen den Rückzug des Militärs sind.

Heike Kammer, Mitarbeiterin von SIPAZ (Internationaler Friedensdienst) in San Cristobal, erläuterte abschließend, dass die Menschen dieser Gemeinde zwar langsam anfangen, zu merken, welches die großen Probleme für ihr friedliches Zusammenleben sind, aber immer noch viel zu sehr in ihren «Parteifarben‰ denken. Doch diese erste gemeinsame Anstrengung gegen das Militärcamp und die von der Militarisierung forcierte Spaltung der Gemeinde könnte ein Anfang für gruppenübergreifende Zusammenarbeit sein.

Johannes Plotzki & Luz Kerkeling, Chiapas

Internetadressen zu Chiapas:

Karte mit Einflussgebieten der Paramilitärs in Chiapas
Servicio Internacional para la Paz / International Service for Peace
Indymedia Chipas

Solidaritätsgruppen mit deutsch-sprachigen Hintergrundinfos:
Gruppe B.A.S.T.A. - Münster
Direkte Solidarität mit Chiapas Zürich
ZAPAPRES Hamburg (Nachrichtenimport)

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