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Ohne Geldtransfers nichts los

 

Mexiko: Die »remesas« steigen und steigen. Mexikanische Migranten in den USA als Familienernährer

junge welt vom 16.02.2004
Gerold Schmidt

  Es gibt Landgemeinden in Mexiko, da ist die Zahl der zurückgebliebenen Einwohner niedriger als die der ausgewanderten. In nördlichen Bundesstaaten wie Michoacán oder Jalisco stellt es keinen Einzelfall dar, daß ganze Generationen junger Männer und zunehmend auch junger Frauen ihre Dörfer verlassen, um legal oder illegal die Grenze Richtung USA zu überschreiten und dort Arbeit zu suchen. Kein Wunder, daß angesichts dieser anhaltenden Entwicklung die sogenannten »remesas«, die Auslandsüberweisungen der Migranten an die nicht mitgegangenen Familienmitglieder, Jahr für Jahr an Bedeutung gewinnen.

Dennoch löste die vor kurzem durch die mexikanische Zentralbank bekanntgegebene Rekordziffer von 13,26 Milliarden Dollar remesas im Jahr 2003 Überraschung aus. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr betrug gleich 35 Prozent. Nur aus dem Erdölexport bekommt Mexiko noch mehr Devisen. Die ebenfalls wichtigen Dollareinnahmen aus dem Tourismus sind von den remesas inzwischen weit abgehängt worden. Auch ausländische Direktinvestitionen in Mexiko blieben 2003 mit elf Milliarden deutlich unter der remesa-Summe. Bedenkt man, daß die Zentralbank längst nicht alle remesas erfaßt,erhöht sich die Relevanz der Auslands-tranfers aus den USA an Familienmitglieder in der mexikanischen Heimat weiter. Es ist nicht abwegig, von über 20 Milliarden Dollar auszugehen.

Eine jüngst vorgenommene Untersuchung der Interamerikanischen Entwicklungsbank stellte fest, daß 18 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Mexiko regelmäßig Geldtransfers ihrer migrierten Familienmitglieder bekommen. Ähnlich kalkuliert die Zentralbank: Ihr zufolge bessert jeder vierte mexikanische Haushalt sein Einkommen mit den remesas auf. Es ist die Summe kleiner Einzelüberweisungen, die dazu beiträgt, im Kontext einer seit drei Jahren praktisch stagnierenden Wirtschaft den mexikanischen Binnenmarkt zu stützen. Durchschnittlich erhalten die überwiegend armen Empfängerfamilien monatlich 250 Dollar. Das sind in Mexiko gut zwei Mindestlöhne. »Eine absolut nicht zu verachtende Zahl«, stellt die Zentralbank fest. Angesichts der Größenordnung − nach Mexiko fließen fast so viele remesas wie an den Rest Lateinamerikas zusammen − haben sich staatliche Instanzen, aber auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) für Wege ausgesprochen, die Überweisungen in produktive Projekte der Heimatgemeinden zu kanalisieren. Die Erfolgsaussichten sind nicht nur wegen technischer Probleme gering. Ein entscheidender Faktor ist die Armut, die viele Mexikaner ja erst in die USA treibt. Die Stadt León gab eine regionale Studie über die Verwendung der remesas in Auftrag. Das Ergebnis: 77 Prozent der Geldtransfers werden für den Kauf von Lebensmitteln verwandt. Eine Zahl, die erschreckend viel darüber aussagt, welche Einkommensbedingungen für einen großen Teil der Bevölkerung in Mexiko herrschen. Die remesas sind für viele Familien überlebenswichtig, sie wecken aber ebenso Begehrlichkeiten bei weniger notleidenden Institutionen. Über Gebühren verdienen sich die Transfervermittler eine goldene Nase. Da der Kampf um ein Stück vom remesa-Kuchen härter geworden ist, sind diese Gebühren zwar zurückgegangen. In Einzelfällen betragen sie aber immer noch 20 Prozent der Überweisung und im Durchschnitt etwa 10 Prozent. Verstärkt geraten überweisende Einrichtungen wie beispielsweise Western Union wegen zwielichtiger Gebührenberechnungen und mangelnder Informationspolitik selbst vor US-Gerichten in die Defensive. Traditionelle Geschäftsbanken hoffen, verstärkt am Geschäft teilzuhaben. Hüben wie drüben hätten sie das Geld der remesas gerne direkt auf ihren Konten. In den USA steht dem entgegen, daß schätzungsweise 70 Prozent der mexikanischen Migranten illegal sind und nur unter großen Schwierigkeiten offiziell ein Konto eröffnen können. In Mexiko verfügen nur 22 Prozent der Bevölkerung über ein Bankkonto.

Auf dem außerordentlichen Amerika-Gipfel im Januar in der mexikanischen Stadt Monterrey nahmen die 34 Teilnehmerstaaten das Thema remesas in die Abschlußerklärung auf. Bis 2008 soll über verschiedene Wege eine Gebührenreduzierung um 50 Prozent erreicht werden. Im mexikanischen Parlament ist zu diesem Zweck erstmals eine Unterkommission eingerichtet worden. Das Hauptproblem wird damit nicht an der Wurzel gepackt: Mexiko ist wie andere Länder nicht in der Lage, der eigenen Bevölkerung ausreichend Einkommen und Beschäftigung zu bieten. So werden die remesas weiter mit Rekorden aufwarten.

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2004/02-16/009.php 
 

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