Schnellnavigation

Listenmoderator

Die Liste wird von PCl moderiert.

Webmaster

chiapas.eu powered by KADO.

unterstützte Standards

W3C HTMLW3C CSS
RSS 2.0Adobe PDF
twitter.com/chiapas98

Vom zivilen Widerstand zur allgemeinen Rebellion

 

Interview mit Onécimo Hidalgo

News vom 30.11.2001
Unité-Pressedienst
übersetzt von José Oggier

  Seit dem 1. Januar 1994 hat sich Chiapas zur "wirklichen politischen Hauptstadt" Mexikos und der Zapatismus zu einem der bedeutendsten sozialen Akteure des Kontinentes entwickelt. Das Hin und Her, Geschrei und Geflüster, Optimismus und Pessimismus haben seither den Verhandlungsprozess zwischen der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) und den Regierungen geprägt, die nicht gewillt waren, das 1996 in San Andrés ausgehandelte Gesetz über indigene Rechte und Kultur anzuwenden. Der zapatistische Marsch auf die mexikanische Hauptstadt von vergangenem März markierte das Ende einer Etappe und den Beginn einer neuen, wie Onécimo Hidalgo versichert, der Koordinator des Centro de Investigación Económica y Política de Acción Comunitaria (CIEPAC). Higaldo, 37, Spezialist in Sachen Information und Analyse, war direkter Mitarbeiter von Bischof Samuel Ruiz während dessen Vermittlungstätigkeit. In den Monaten September und Oktober bereiste Hidalgo fünf europäische Länder, um "die andere, die wahre Information anzubieten, welche die grossen nationalen und internationalen Medien verschweigen".

Von Sergio Ferrari*

Der Marsch, den die 24 zapatistischen KommandantInnen in 12 Bundesstaaten führte und in Vertretung von zehn Millionen mexikanischen Indigenen stattfand, bewegte die nationale Zivilgesellschaft und die internationale Öffentlichkeit. Wie bewerten Sie das Resultat? Mit diesem Marsch stellte der Zapatismus Präsident Fox auf die Probe. Vicente Fox hatte geschworen, Demokrat zu sein. Und der EZLN, nicht nur als indigene Organisation, sondern als Antreiber eines weiten Teils der Zivilgesellschaft, wollte herausfinden, wie weit der politische Wille der neuen Regierung wirklich führte. Dieser Marsch war ein Erfolg, nicht spektakulärer Erfolge auf gesetzlicher Ebene wegen, sondern weil er auf legale Weise erlaubte, dass alle indigenen Völker, breite Bevölkerungssektoren und eine Kirche der Armen, die sich nicht bloss auf San Bartolomé de las Casas und ihren Ex-Bischof Ruiz beschränkt, miteinander in Beziehung traten. Auf dem Weg erschienen nebst den ZapatistInnen Tausende StudentInnen, BewohnerInnen, LehrerInnen und GewerkschafterInnen, die ein alternatives Lebensmodell zu fördern versuchten. Zudem wurde es möglich, dass die Indigenen im nationalen Kongress das Wort ergreifen konnten. Was das Indigenen-Gesetz betrifft, so wurde die Umformulierung von fünf der sieben Artikel angenommen. Die zwei verbleibenden, betreffend Recht auf Autonomie und Zugang zu strategisch wichtigen natürlichen Ressourcen auf Indigenen-Territorium, beide mit Schlüsselfunktion für die Indigenen, wurden ausser acht gelassen.

Rebellion als Kampfform

Wie stehen die Zeichen nach dem zapatistischen Marsch in der Beziehung Zapatismus − Regierung? Es ergibt sich eine Art Leere. Die Zapatistas kehren zum Schweigen zurück, was nicht heisst, dass der Kampf vorbei ist. Mit diesem Schweigen bringen sie zum Ausdruck, dass sie angesichts der ausbleibenden Einhaltung des Gesetzes über indigene Rechte und Kultur, dessen Inhalte von den Gemeinden selbst aus in die Tat umsetzen werden, auf dass die Selbstbestimmung mit oder ohne Gesetz Realität werde. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Zapatismus ging vom zivilen Widerstand zur Rebellion über.

Was bedeutet dieser taktische Wechsel und Übergang in eine neue Etappe? Beinhaltet er ein neues militärisches Moment in der im Januar 1994 eröffneten Konfrontation?

Es geht weit über eine militärische Frage hinaus. Der EZLN hat sich nicht der Denkweise der militärischen Auseinandersetzung verschrieben. Rebellion bedeutet für den Zapatismus die Nicht-Anerkennung einer jeglichen offiziellen Autorität auf seinem Gebiet. Die GemeindepräsidentInnen werden nicht anerkannt, dieses unvollständige Gesetz kommt in den Gemeinden nicht zur Anwendung, die ihre eigene Gesetzgebung in Übereinstimmung mit den Sitten und Gebräuchen anwenden. Sie lassen keinen Regierungsvertreter rein, kein staatliches Auto passieren. Der Regierung werden keine Steuern entrichtet, auch keine Abgaben für Elektrizität. In Chiapas, wo am meisten Energie in ganz Mexiko produziert wird, nehmen es die Leute nicht länger hin, mit Energiemangel leben zu müssen. Dank ihrer eigenen Erfahrung sorgen sie für einen Anschluss ans Stromnetz, ohne Erlaubnis oder zu zahlen.

Läuft der Zapatismus dadurch nicht Gefahr, sich vom übrigen Land zu isolieren?

Wenn es sich um einen taktischen, kurzzeitigen Kampf handeln würde, bestünde dieses Risiko vielleicht, doch wir haben es hier mit einem strategischen Kampf zu tun. Die Regierung beabsichtigte, von ?indigener Eigenmarginalisierung" zu sprechen. Die Gemeinden antworteten energisch: ?Wir wollen nichts auf den Knien, wir werden bloss bekommen, was uns auf den Beinen, mit Würde, zusteht." Das Grundkonzept der Würde wurde gestärkt. Andererseits hat der zapatistische Kampf heute eine nationale und eine internationale Dimension. Über 55 Nationen verfügen über Delegationen oder VertreterInnen in Chiapas. Es hat sich die Überzeugung der Notwendigkeit der Globalisierung der Kämpfe durchgesetzt, in Vernetzung mit den Anti-WEF-Protesten, jenen in Seattle, Washington oder Prag.

Steht die Tatsache, dass der Zapatismus im vergangenen Januar am Weltsozialforum in Porto Alegre abwesend war, nicht im Widerspruch zu Ihrer Analyse?

Ich weiss nicht, warum er nicht teilnahm, ich kenne weder die Mechanismen der Organisation noch die Übermittlung der Einladungen. Zudem glaube ich, dass der Kampf lange andauern wird. Deshalb ist es für den Zapatismus ein Ziel, sich mit diesen Organisationen zu treffen. Bei der Betrachtung der Landlosenbewegung Brasiliens (MST) und des Zapatismus‚ lassen sich sehr ähnliche Ziele finden, es existiert das grundlegende Interesse im Aktionsgebiet etwas Neues aufzubauen. Sie müssen sich treffen...

Viele soziale Bewegungen kamen ohne Einladung, von sich aus nach Porto Alegre. Anerkennen Sie, dass sich der Zapatismus und das Weltsozialforum anlässlich der ersten Auflage nicht gefunden haben?

Selbstverständlich bin ich mir dessen bewusst.

Undemokratische Regierung

Ich möchte Ihre erste Überlegung wieder aufnehmen, den Versuch des Zapatismus‚, den neuen Präsidenten auf die Probe zu stellen. Verfügt Vicente Fox über eine demokratische Denkweise? Nein. Dies zeigt sich nicht nur anlässlich des die Indigenen betreffenden Gesetzes, auch andere Gradmesser zeigen dasselbe auf. Er setzte 15 Prozent Mehrwertsteuer auf Büchern, Medikamenten und Nahrungsmitteln fest, ohne auf die Leute zu hören, was eine allgemeine Ablehnung provozierte. Desgleichen treibt die Regierung den Plan Puebla-Panamá voran, der ebenfalls auf Ablehnung stösst. Es handelt sich nicht um eine Regierung, die auf die BürgerInnen hört, dagegen alle Massnahmen des IWF umsetzt. Ich schliesse nicht aus, dass in den nächsten fünf, sechs Jahren die Dollarisierung des Landes durchgesetzt wird...

Wie sieht das Leben in den chiapanekischen Gemeinden nach dem Marsch auf die Hauptstadt aus? Setzt die Regierung auf eine weitere Remilitarisierung?

Es gibt drei zentrale Elemente, die Anlass zur Besorgnis geben. Ein Wiedererstarken des Staates seit dem 4. Mai, an dem eine Guerilla-Koordination eine Kriegserklärung veröffentlichte. In Chiapas umzingelte die Armee die Gemeinden erneut. Es existiert eine bessere Koordination zwischen Militärs und Paramilitärs, eine Art neuer, verfeinerter Ergänzung. Es ist zudem eine gewalttätige Stimmung, eine Zunahme der Gemeinkriminalität festzustellen. Zu einigen Vergewaltigungen indigener und ausländischer Frauen ist es gekommen, ebenso zu Überfällen und verstärkten Spannungen in einigen Gemeinden. Seitens der zapatistischen Gemeinden ist eine enorme Anstrengung auszumachen, um die Autonomie zu stärken.

Die Gewinnung der Zivilgesellschaft

Welches sind Ihrer Meinung nach die wahrscheinlichen Hauptentwicklungslinien in Mexiko in den nächsten Monaten und Jahren?

Ein zentrales Thema ist der Kampf um die Zivilgesellschaft. Der Zapatismus ist legitimiert, Fox will sich legitimieren. In der Auseinandersetzung geht es darum, wer sich Vorteile aus dem Kontakt zu den Leuten verschaffen kann. Für den Zapatismus geht es um die Förderung einer anderen Art des Dialogs, nicht mit der Regierung, sondern mit der Zivilgesellschaft. Dieser Dialog muss anders aussehen und anderswo stattfinden. Und angesichts dessen wird sich Fox neu zu positionieren haben. Ich sehe auch eine Polarisierung der Zivilgesellschaft, verbunden mit der Möglichkeit, dass sich einige Sektoren mehr und mehr mit dem Zapatismus identifizieren und andere mit der offiziellen Politik. In den kommenden zwei Jahren wird meines Erachtens eine grosse Neuausrichtung der politischen Kräfte erfolgen. Bereits jetzt lässt sich eine wachsende Distanz zwischen Zivilgesellschaft und traditionellen Parteien feststellen. Diese Gesellschaft fordert eine neue Form der Politik, unter Berücksichtigung des Volkes. Möglicherweise bilden sich nach dieser Forderung neue politische Bewegungen heraus. Die Gemeinden der Indigenen werden weiterhin in der Rebellion verharren. Wenn die Regierung das neue Gesetz anzuwenden versucht, wird es im Feld zu einem Kampf um Räume kommen.

Auf die Frage nach der Zukunft Mexikos antworteten Sie paradoxerweise ohne die Politik der Bush-Administration zu erwähnen.

Ich hatte bereits begonnen, die Rolle von Präsident Fox als Vollstrecker der US-Pläne zu schildern. Mexiko wird in seiner Rolle als geopolitische Brücke zu Lateinamerika die Drecksarbeit zufallen. Es wird versuchen, das gegenwärtige Problem an seiner Nordgrenze, wo Tausende LateinamerikanerInnen illegal in die USA zu gelangen versuchen, an seine Südgrenze zu verschieben. Für Mexiko ist innerhalb einer Strategie der totalen Militarisierung des Kontinentes eine eindämmende Funktion vorgesehen. 12’000 Soldaten im Petén (Guatemala), die Basis von Palmerola (Honduras), die erneute Präsenz in Viecques (Puerto Rico), in Panama, in Argentinien − all dies dient der Konsolidierung der Freihandelszone zugunsten Washingtons, wobei Präsident Fox als einfacher Bote fungieren wird.



Erschienen in Correos de Centroamérica, Nr.128. Das spanische Original kann gelesen werden unter: www.chiapas.ch. Eine französische Übersetzung ist im Le Courrier erschienen.

 Diese Seite bookmarken:  
  add to Google Bookmark add to digg add to Yahoo MyWeb Bookmark newsvine Bookmark del.icio.us Bookmark reddit Bookmark StumbleUpon Bookmark Twitter Bookmark Mr.Wong Bookmark Webnews Bookmark Yigg 
 
 
 Print & Co:  
  E-Mail Drucker PDF 
 

Aktuell empfohlen

Das kritische Denken angesichts der kapitalistischen Hydra

Veranstaltungskalender

back Dezember 2017 forward
S M D M D F S
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31