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"Hinter der Biopiraterie steht noch viel mehr!"

 

Interview mit Ana Valadez

graswurzel.net vom 02.01.2005
Interview: Luz Kerkeling

  Biopiraterie, das ist die private Aneignung und Patentierung von genetischen Ressourcen und traditionellem Wissen. Ana Valadez ist Beraterin vom unabhängigen "Rat traditioneller indigener Heiler und Hebammen von Chiapas" (COMPITCH), der Aufklärungsarbeit gegen Biopiraterie leistet und kommunale Gesundheitskonzepte fördert.

F: 2001 konnten Sie und andere Organisationen den Stopp eines Biopiraterie-Projekts im äußerst artenreichen Bundesstaat Chiapas (Mexiko) erreichen, obwohl das Vorhaben von Regierungen, Universitäten und Konzernen verschleiert und protegiert wurde. Wie kam es dazu?

A: Unser Verband wurde 1994 vom staatlichen Indigenistischen Institut INI gegründet, weil die Politik durch die Förderung traditioneller Medizin Kosten bei der Landbevölkerung einsparen wollte. Später wurden wir unabhängig und organisierten kommunale Gesundheitsversorgung und -seminare. 1998 wurden wir schließlich gefragt, ob wir das von den USA finanzierte International Collaborative Biodiversity Groups (ICBG)-Maya-Projekt zur Erstellung von privaten Gen-Datenbanken unterstützen wollten. Wir sollten Kenntnisse v.a. über Heilpflanzen und dazugehörige Behandlungsweisen an die Universität von Georgia (USA) und ECOSUR (Chiapas) weitergeben. Da wir den Nutzen dieses Projektes nicht wirklich verstanden und die Verantwortlichen nicht bereit waren, uns angemessen zu informieren, wurden wir äußerst skeptisch. Wir recherchierten also und entdeckten, dass es sich bei dem Projekt um die Vorbereitung einer gigantischen Biopiraterie handelte. Wir verbreiteten diese Nachrichten nun in ganz Chiapas und weltweit. Die Heilerinnen und Heiler haben ihre Kenntnisse stets geteilt, aber in der Regel widerspricht es dem Verständnis der Indígenas, dass lebende Wesen privatisiert werden können. Dieses Verhältnis zur Umwelt sowie die Degradierung von Menschen zur Ware Arbeitskraft, ist in dieser kollektiv-kommunalen Lebensweise undenkbar. Die Aktivistinnen und Aktivisten von COMPITCH, ihre und weitere Gemeinden entwickelten nun eine klar ablehnende Haltung, dazu kam als "Plus" der Widerstand der zapatistischen autonomen Gemeinden gegen jedwede neoliberalen Einflüsse sowie die Unterstützung durch internationale Solidaritätsgruppen. Alle forderten die sofortige Suspendierung des Projekts, die dann von der mexikanischen Regierung 2001 vollzogen wurde − zu sehr fürchtete sie einen zweiten Krisenherd in Chiapas.

F: Dies ist ein Erfolg. Doch können wir nicht davon ausgehen, dass das Interesse der politisch-ökonomischen Eliten an der Aneignung der Biodiversität (biologische Vielfalt) und dem Wissen dazu weiter besteht? Wie agieren Konzerne und Regierungen heute? Es scheint schwieriger geworden zu sein, konkrete Verantwortliche auszumachen...

A: Das gescheiterte, eher "unilaterale" Projekt war relativ klar identifizierbar: die US-Regierung protegierte US-Konzerne; doch auch hier waren bereits europäische Unternehmen involviert. Die Europäische Union agiert zur Zeit geschickter, sie nutzt einen "multilateralen" Diskurs im Kontext der angeblich "nachhaltigen Entwicklung". Sie geht "eleganter" vor. Sie suggeriert, dass die betroffene Bevölkerung konsultiert und dass die Natur per se geschützt würde. Doch das ist nicht der Fall. Und vielleicht ist dieses Vorgehen noch schlimmer. Zur Zeit gibt es ein Projekt der "nachhaltigen Entwicklung" in Chiapas, das die EU mit 15 Mio. Euro finanziert und das wir klar ablehnen, weil es das Leben von Mensch und Natur und die indigene Autonomie zerstören kann. Viele transnationale Unternehmen aus den Bereichen Pharma, Ernährung, Kosmetik und Energie haben größtes Interesse an Patenten aus dem Lakandonischen Urwald in Chiapas, vor allem aus dem darin liegenden Biosphärenreservat Montes Azules. Doch hinter der Biopiraterie steht noch viel mehr! Es geht nicht nur darum, das Wissen der dort lebenden Menschen über Pflanzen, Medizin und Bodenschätze auszunutzen und sie in "Dienstleister" eines angeblichen "Öko-Tourismus" zu verwandeln − was sie ihrer Identität beraubt! Es geht um langfristige territoriale Kontrolle, denn 80 % der globalen Biodiversität befinden sich in Regionen, in denen ländliche bzw. indigene Bevölkerung lebt. Dies ist ein globales Spannungsfeld.

Heutzutage verstecken sich Konzerne wie Savia (Mexiko), McDonald’s, Disney, Exxon, Ford oder British Petrol hinter angeblichen Umweltorganisationen wie "Conservation International", die dann öffentlich gegen Kleinbauern wettern, da diese den Regenwald zerstörten. Für "Nichteingeweihte" ist es wirklich kompliziert, die Übersicht zu behalten. Auch Konzerne wie Mercedes Benz, Bayer und Volkswagen sind am Themenkomplex der Biopiraterie beteiligt, auch wenn sie ihr Vorgehen geschickter tarnen.

F: Wenn wir das Thema in den globalen Kontext einordnen; wie können sich die Widerstände gegen den Neoliberalismus annähern und unterstützen?

A: Die verschiedenen Bewegungen gegen den Neoliberalismus müssen sich gegenseitig informieren und unterstützen. Dies ist von enormer Wichtigkeit. Im Fall der europäischen Länder könnte das bedeuten: Jedes Mal, wenn z.B. die Privatisierung einer städtischen Wasserversorgung verhindert wird, verlieren die entsprechen Konsortien ein wenig an Kraft. Dadurch können sie u.U. weniger Mittel gegen die rebellischen Menschen in den Ländern des Südens einsetzen.

Surftipp: http://www.biopiraterie.de

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 Quelle:  
  http://www.graswurzel.net 
 

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