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Die Karawane der Würde (Teil 2)

 

Vom CNI zum Zócalo

Indymedia Chiapas vom 14.03.2001
by Katja Rameil

  Die Karawane der Zapatistas nach Mexiko Stadt: Vom Nationalen Indígena-Kongress in Nurio zum Zócalo der Hauptstadt

1Nurio, 3560 EinwohnerOE, gibt ein Schild am Ortseingang bekannt. Ein Witzbold hat diese Zahl ergaenzt, und nun liest der Besucher: 1Nurio, 335 600 EinwohnerOE. Das ist wohl uebertrieben, wahr ist jedoch, dass das Dorf mit Ankunft der Karawane auf einen Schlag mindestens doppelt so viele Menschen beherbergt wie sonst, wenn nicht mehr. Das Chaos ist perfekt: Viele Einheimische oeffnen ihre Haeuser, wo sich kurze Zeit spaeter die Karawanisten auf dem Fussboden stapeln, und als alle Moeglichkeiten erschoepft sind, wird schliesslich die Dorfkirche zur Unterkunft fuer die Uebrigen.

In Nurio, Michoacán, leben vorrangig Frauen. Der Winter ist lang und kalt, so dass nur einmal im Jahr Mais gepflanzt werden kann, was viele der Maenner, aber auch Frauen, dazu zwingt, anderswo Einkommensmoeglichkeiten zu suchen. Anfang Maerz wird dieses halbverlassene Dorf zum Gastgeber fuer die Delegierten und Besucher des Dritten Nationalen Indígena-Kongresses (CNI), der am 3.3., wegen der verzoegerten Ankunft der EZLN-Delegation einen Tag spaeter als geplant, feierlich eroeffnet wird. Zwei Tage lang diskutieren die mehr als 3000 Delegierten, Vertreter von 40 der 56 in Mexiko lebenden Ethnien, in 5 Arbeitsgruppen, tauschen Erfahrungen und Ideen aus und analysieren die Gesetzesinitiative der COCOPA und die Vereinbarungen von San Andrés. Die Ergebnisse des Kongresses sind eindeutig: um die Forderungen der EZLN zu unterstuetzen, vereinbaren die Delegierten einen friedlichen Aufstand der Indígenas im ganzen Land, die schliesslich zur konstitutionellen Anerkennung der Rechte und Kultur der Indígena-Voelker und der Vereinbarungen von San Andrés fuehren soll. Dazu gehoert auch die Verbreitung der Resolutionen des Kongresses in allen Indígena-Gemeinden des Landes, aber auch unter Politikern und Abgeordneten. Um die Autonomie ihrer Voelker zu erreichen, sollen im ganzen Land autonome Verwaltungsbezirke nach dem Beispiel Chiapas geschaffen werden. 3Wir werden unser Wasser, unsere Waelder, unser Land, unsere heiligen und historischen Staetten zurueckholen; wir werden unser Territorium zurueckerobern."

Weiterhin sichern die Delegierten der EZLN die volle Unterstuetzung in ihrer Mission zu und ernennen ihrerseits eine Komission, die sie zum Kongress der Union in Mexiko Stadt begleitet. 3Was fuer die Abgeordneten tote Buchstaben sind, bedeutet fuer uns Leben.« Ausserdem wurden konkrete Forderungen und Ziele eingeschlossen: gegen Megaprojekte wie den Plan Puebla-Panamá, gegen Biopiraterie, fuer die Zusammenarbeit der Indígena-Voelker trotz aller Differenzen. Um den CNI zu staerken, sollen regionale und landesweite Diskussionsraeume geschaffen werden, und die in diesem Kongress noch nicht vertretenen Ethnien werden eingeladen, zum naechsten Kongress Vertreter zu senden.

Paesident Fox nutzt wieder einmal die Gelegenheit, um Misstrauen in seine Person zu schaffen. Anlaesslich der Eroeffnung des Dritten CNI schickt er eine Grussadresse an seine 3Brueder und Schwestern Indígenas«: 3Ich gebe euch mein Wort, dass eure friedliche Bewegung respektiert werden wird.« Was ihn nicht davon abhaelt, am naechsten Tag zu verkuenden, der Nationale Indígena-Kongress sei ueberhaupt nicht repraesentativ. Die Kongressteilnehmer und die mehr als zahlreich erschienenen Beobachter sind da ganz anderer Meinung. Tatsaechlich bedeutet der Kongress die bisher groesste Zusammenkunft von Indígenas in Mexiko. Angeregt von den Forderungen der EZLN entsteht eine ueberethnische Indígena-Bewegung, die sich nach nunmehr 509 Jahren der Ausbeutung und Unterdrueckung geschlossen organisiert und ihre Rechte einfordert. Dabei geht es ihnen aber nicht nur um sich selbst: Die Indígenas laden alle Teile der Bevoelkerung ein, mit ihnen diesen Weg zu gehen.

Fuer die Karawane bedeutet der Kongress in Nurio ein paar Tage der Erholung und Orientierung. Es ist nicht leicht, so viele verschiedene Menschen unter einen Hut zu bekommen, und nur zu oft stellt sich heraus, dass es auch und gerade fuer uns noch eine Menge zu lernen gibt, insbesondere was die Zapatista-Politik des 3gehorchend befehlen« angeht. Versuche, sich in Bussen oder Gruppen basisdemokratisch zu organisieren, scheitern nicht selten daran, dass in der uebergreifenden Organisation der Karawane einige wenige glauben, Entscheidungen fuer alle anderen treffen zu koennen. Aber keiner hat gesagt, dass es leicht werden wuerde, und trotz einiger haesslicher Diskussionen haelt die Karawane zusammen.

Am 5.3. machen sich schliesslich alle wieder auf den Weg. Nach Morelia in Michoacán geht es nach Toluca im Estado de México, wo auch die Anarcho-Punks die EZLN willkommenheissen. Immer wieder wird die Karawane von winkenden und jubelnden Menschen begruesst, und wo sie halt macht, draengen sich Massen. Morelos, dann Guerrero. In diesen Gegenden sind andere bewaffnete Bewegungen aktiv: EPR, EPRI und FARP. Sie haben, so gibt Subcomandante Marcos bekannt, dem Verlauf der Karawane durch dieses Gebiet zugestimmt und diese unterstuetzt.

Wieder Morelos. Hier begeben wir uns auf die Spuren von Emiliano Zapata. In Cuautla ratifizieren die Zapatistas mit einer symbolischen Unterschrift den Plan von Ayala, der einstmals den Bruch zwischen Emiliano Zapata mit Francisco Madera und die Rueckkehr seiner Befreiungsarmee zum bewaffneten Kampf bedeutete. Marcos: 3Ich sehe, dass Fox das Gleiche will wie Maderas: dass sich nach der Diktatur nichts aendert.« (Veo que Fox quiere hacer lo mismo que hizo Madero: que después de la dictadura no cambie nada.) In Zapatas Geburtsort stattet die Comandancia der Familie Zapata einen Besuch ab, und am Ort seiner Erschiessung wird ein Blumenkranz niedergelegt. Am 8.3. erreicht die Karawane schliesslich, den Spuren Zapatas folgend, Milpa Alta, einen Randbezirk von Mexiko Stadt.

In San Pablo, Oztotepec, Milpa Alta, errichtete Emiliano Zapata im Jahre 1914 sein Hauptquartier. Am 9.3. ratifiziert die Comandancia der EZLN an jenem geschichtstraechtigen Ort die 3Erklaerung von Nurio", die saemtliche Vereinbarungen des Dritten Nationalen Indígena-Kongresses beinhaltet.

Je naeher die Karawane zum Zentrum von Mexiko Stadt kommt, desdo schwieriger wird es, an den oeffentlichen Kundgebungen teilzunehmen. Tausende draengen sich ins Stadion von Xochimilco, um die Worte der Comandancia zu hoeren. Schliesslich kommt der entscheidende Tag, der Hoehepunkt der Karawane: der Einzug der Zapatistas in Mexiko Stadt und die Kundgebung auf dem Zócalo, dem Herzen der Stadt, dem Herzen des Landes. Trotz sengender Hitze fuellt sich der Platz schon Stunden vor der Ankunft der Karawane, obwohl das Fernsehen die falsche Uhrzeit verbreitet und viele erst zum Platz gelangen, als schon alles vorbei ist. Gegen 14 Uhr endlich kommen die Comandantes der EZLN an − diesmal auf einem offenen Schwerlasttransporter, mit dem sie 2 ’ Stunden durch Mexiko Stadt unterwegs waren, ueberall begruesst von jubelnden Menschen.

Auf auf den Zócalo der Hauptstadt passen mehr als 200 000 Menschen.

Aber auch alle umliegenden Strassen sind brechend. 3Da sind wir."Es ist der Moment, den der portugiesische Schriftsteller José Saramago spaeter als den bewegendsten Tag seines Lebens bezeichnet. 3Eigentlich sollten wir nicht hier sein«, so Marcos, der inzwischen fuer die Oeffentlichkeit zur Leitfigur der Bewegung gewachsen ist und um den sich in den Zeitungen, im Fernsehen und auch auf den Kundgebungen alles dreht. Aber um ihn geht es nicht, sondern um die 3zapatistischen Gemeinden ... sie sollten gesehen und gehoert werden, mit ihnen solltet ihr sprechen.« Diejenigen, die von Marcos die Loesung erwarteten, wurden enttaeuscht. Seine Botschaft an die Hauptstadt: 3Wir sind nicht gekommen, um dir zu sagen, was du tun sollst, oder dich irgendwo hinzufuehren. Wir sind gekommen, um dich demuetig und mit allem Respekt um deine Hilfe zu bitten. Dass du nicht zulaesst, dass ein neuer Tag anbricht, ohne dass diese Fahne einen wuerdigen Platz fuer uns hat, fuer uns, die wir die Farbe der Erde sind."

Wenig spaeter richtet sich die Comandancia in der ENAH, dem Institut fuer Antropologie und Geschichte, ein. Sie hat mittlerweile angekuendigt, bis zur Loesung des Konflikts in der Hauptstadt zu verweilen. Wie lange wird das dauern? Wer weiss, auf keinen Fall wird es ein kurzer und leichter Weg. Die drei von der EZLN geforderten Zeichen, die Voraussetzung fuer die Aufnahme der Friedensgespraeche sind, stehen noch immer aus. Zwar werden in Chiapas nach und nach politische Gefangene, die der Zugehoerigkeit zur EZLN beschuldigt werden, freigelassen, aber es sind noch lange nicht alle. Von einem Truppenrueckzug von den drei ausstehenden der 7 geforderten Militaerpositionen gibt es keine Nachrichten. Stattdessen laedt Praesident Fox Subcomandante Marcos auf seinen Regierungssitz ein. Marcos lehnt dies in einem Fernsehinterview ab: 3Das ist eine Falle ... Was gewinnt das Land, was gewinnen die Indígenavoelker, was gewinnt die Regierung ... mit diesem Foto".

Zur Zeit befindet sich also die Delegation der EZLN in Mexiko Stadt, und sie hat bereits den ersten Kontakt mit der COCOPA aufgenommen. Die PRI- und PAN-Kongressabgeordneten haben allerdings inzwischen entschieden, der Delegation nur die Gelegenheit zu geben, mit einer Komission von 20 Abgeordneten zu verhandeln. Die Antwort der EZLN und ihrer Begleiter, der Komission des CNI, steht noch aus. Die Karawane selbst befindet sich bereits in Aufloesung: die Busse kehren in wenigen Tagen nach San Cristóbal de las Casas zurueck, und viele Karawanenteilnehmer haben sich bereits abgesetzt oder auf den Heimweg gemacht. Der Rest, die verbleibende Karawane, campiert auf dem Universitaetsgelaende, wo die Studenten ein neues Aguascalientes errichtet haben: ein Mini-Dorf aus Kisten und Brettern, ein Trinkwassertank, eine Feldkueche. Wo sich die Strasse der Hoffnung und die Strasse der Utopie kreuzen ...

... Fortsetzung folgt ...

 Quelle:  
  http://chiapas.indymedia.org/ 
 

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