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»Wir warten nur auf die Anordnung der Fincabesitzerin«

Der schmutzige Krieg gegen LandbesetzerInnen

Zapapres-Import vom 15.02.1996

  (gh/ZAPAPRES, Feb 1996)

"Am 16. Dezember wurde mein Vater verhaftet. Sie drangen gewaltsam in unser Haus ein und schleppten ihn fort, wobei sie immer wieder auf ihn einschlugen. Abends brachten sie ihn zur Staatsanwaltschaft", berichtet Gregoria Penagos aus Nueva Palestina kurz vor Weihnachten ihrem Genossenschaftsvorstand. Sie hat ihren Vater nicht mehr lebend wiedergesehen. Ihre Angaben werden von vier weiteren Frauen bestätigt. Insgesamt acht Dorfmitglieder wurden verschleppt, erzählen die Bäuerinnen zornig. Vertreter des Menschenrechtszentrum Yax K’in sind anwesend und schreiben eifrig mit.

Das Ejido (Genossenschaft) Nueva Palestina liegt in unmittelbarer Nähe zur Kaffeeplantage Liquidámbar. Das 2.000 Hektar große Fincagelände war im letzten Winter von 300 Menschen besetzt. Ende April ließ der deutsche Besitzer die Finca gewaltsam räumen; den BesetzerInnen der Bauern- und Volksvereinigung Francisco Villa (UCPFV) war es jedoch zuvor bereits gelungen, einen Teil des geernteten Kaffee zu verkaufen.

Als die 170 Seelen große Gemeinde Nueva Palestina am Mittag des 16. Dezembers sich der Verhaftungen bewußt wurde, gab es eine spontane Blockade der Landstraße, um die Freilassung zu erwirken. "Doch dann tauchten Soldaten und Judizialpolizisten (mexikanische Geheimpolizei) auf, alle durcheinander, und griffen mit Tränengas an, sie kamen mit acht Fahrzeugen der Sicherheitspolizei und fünf der Judizialpolizei...", erzählt eine Bäuerin, deren Vater und Schwester dabei verletzt und festgenommen wurden. Gemeinsame Patrouillen von Armee, Bundes- und Staatspolizei sind in Chiapas seit dem neuen Sicherheitsgesetz vom Frühjahr 1995 erlaubt, gewaltsame Übergriffe wie dieser an der Tagesordnung.

Am nächsten Tag gingen die Frauen zur Staatsanwaltschaft nach Tuxtla Gutierrez, um ihre Angehörigen zu suchen. Dort brachten sie in Erfahrung, da· vier bereits in das Staatsgefängnis Cerro Hueco verlegt worden waren, wo auch ein Teil der gefangenen ZapatistInnen einsitzt. Sie beobachteten Angestellte mit Spritzen und Medikamenten, die den Gefangenen verabreicht werden sollten. "Die Agenten teilten uns mit, da· sie nur auf Anordnungen der Herrin von Liquidámbar warteten, um zu wissen, was mit den Gefangenen geschehen solle..." erzählt die Tochter von Reyes Penagos. Den Frauen wurde gedroht, man werde ihre Angehörigen ermorden, wenn sie weiter suchen würden.

Zwei Tage später wurde die mit Folterspuren übersähte Leiche von Reyes Penagos aufgefunden. "Das Innenministerium behauptet, mein Vater sei nie verhaftet worden, obwohl ich ihn doch (bei der Staatsanwaltschaft) auf einer Liste gesehen und beim Essen gehört habe. Als ich das Ministerium verließ, waren dort der Besitzer von Liquidámbar, Laurenz und seine Frau Mariana, Rafael Martínez, sein Sohn Horacio und Jesús; außerdem Ricardo Moises, Besitzer von Arroyán und Javier Morales. Ich glaube, da· sie alle mit dem Tod meines Vaters zu tun haben, und fordere Gerechtigkeit." Im Autopsiesaal, wo die Leiche aufgebahrt war, wurde ein Angestellter der Finca Liquidámbar angetroffen.

Die Tochter von Reyes Penagos, ist nicht die einzige aus Nueva Palestina, die einen Angehörigen verloren hat. Das Menschenrechtszentrum Yax K’in hat über 10 Fälle von Verhaftungen, Einschüchterungen und Ermordungen durch staatliche Organe im Landkreis Angel Albino Corzo, in dem das Ejido Nueva Palestina liegt, dokumentiert. Die meisten Vorfälle geschahen im Herbst 1995, im Schatten der Landkreiswahlen in Chiapas und ersten Verhandlungserfolgen der EZLN.

Die Nähe des Fincabesitzers zu den Sicherheitsorganen ist leicht erklärbar: Schließlich hat er durch die letzte Besetzung Einnahmen zwischen 65 und 70 Mio. Dollar verloren. Außerdem galt es, eine erneute Besetzung zu verhindern. Den anderen Fincabesitzern ist dies ein willkommener Anlaß, auf ihre "Wohltaten" an den "Indios" hinzuweisen und sich von solchen brutalen Vorgehensweisen zu distanzieren, obwohl sie genauso von der Einschüchterung potentieller LandbesetzerInnen profitieren.

Die bis zu 10.000 Hektar großen Kaffeeplantagen im Süden von Chiapas sind eine Welt für sich. Durch Scheinaufteilungen haben die Besitzer, von denen viele deutscher Herkunft sind, eine Enteignung (gegen Entschädigung) im Zuge der mexikanischen Agrarreform, die im Jahr 1992 offiziell für beendet erklärt wurde, verhindert.

"Dies ist das Land der Gemeinde Nueva Palestina", erklärte die UCPFV nach ihrer Räumung von der Finca Liquidámbar, "aber das Geld der Reichen verschließt den Mund der Regierung. Es gibt ein Dokument der Agrarreform, das Nueva Palestina recht gibt (..) Aber das Agrarministerium will die Gemeinde mit etwas Geld abfinden oder verspricht Land vom Ejido Nueva Colombia."

Nur einmal war das gute Verhältnis zwischen der mexikanischen Regierung und den Kaffeebaronen getrübt: Während des zweiten Weltkrieges wurden die deutschen Kaffeeplantangen unter Zwangsverwaltung gestellt. Doch ohne die Handelskontakte der Deutschen liefen die Fincas schlecht und wurden nach Kriegsende an die Besitzer, die die mexikanischen Staatsangehörigkeit annahmen, zurückgegeben. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der TagelöhnerInnen auf den 116 Kaffeefincas in Soconusco sind gleich: In der Erntezeit sollen die Familien mit täglichen Einkünften aus Akkordarbeit von acht bis neun Dollars auskommen, von denen dann noch Verpflegungs- und Unterbringungskosten abgezogen werden. "Die SaisonarbeiterInnen werden in Baracken mit sehr gesundheitsschädlichen Bedingungen einquartiert. Männer, Frauen und Kinder werden nicht getrennt untergebracht. Außerdem gibt man ihnen nur das nötigste zu Essen: Bohnen, Tortillas und Salz", so G. Cruz, Mitglied der rebellischen Übergangsregierung von Amado Avendaño, der die soziale Situation im Kaffeesektor untersucht hat.

Dank ihrer Herkunft verfügen viele Fincabesitzer über gute Handelskontakte in die Bundesrepublik: Im Berliner Kaufhaus des Westens findet sich der Edelkaffee "Lopuro Maragogype", der aus Liquidámbar stammt, und Bioläden bieten Kaffee von der Finca Irlanda an, wo auch guatemaltekische Flüchtlinge zur Ernte herangezogen werden.

"Die Besetzungen sind legitim − vielleicht nicht im rechtlichen Sinne − aber doch in moralischer Hinsicht und als soziale Forderung", erklärt G. Cruz als Mitglied der Regierung Avendaños. Die Frauen aus Nueva Palestina haben erfahren, welches Risiko in den Besetzungen liegt. Aber das "Ya Basta" der zapatistischen Aufstandsbewegung ist auch zu ihnen durchgedrungen.


Quelle: Zapapres
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