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Kaffeebarone in Chiapas

Zapapres-Import vom 15.03.1995

  (gh/Zapapres, März 1995)

Seit über Hundert Jahre wird deutsches Kapital in die chiapanekische Kaffeewirtschaft investiert. Den deutschstämmigen Kaffeebaronen ist es trotz der mexikanischen Revolution und zweier Weltkriege gelungen, ihre wirtschaftliche und politische Macht auszubauen. In erster Linie hat dies den Interessen Deutschlands genützt und nur wenig zur Entwicklung Mexikos beigetragen.

Deutschtum in Chiapas − Basta Ya!

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts kamen deutsche Händler und Pflanzer, die bereits in Guatemala Erfahrungen gesammelt hatten, auf der Suche nach neuem Land nach Chiapas. In der Region Soconusco im Süden des Bundesstaates fanden sie hervorragend für Kaffee geeignete vulkanische Böden, die ihnen der mexikanischen Staat zu Spottpreisen anbot. Dieser erhoffte sich von einer Öffnung für ausländisches Kapital einen Modernisierungsschub.

Die deutschen Kolonisatoren in Chiapas bildeten eine eigene Klasse, bestehend aus Exporteuren, Kaffeepflanzern, Technikern und höheren Angestellten; um 1910 betrug ihre Anzahl bereits 1.500. Zu Beginn der mexikanischen Revolution unterstützten die deutschen Kaffeebarone gemeinsam mit der kaiserlichen Gesandtschaft den bürgerlichen Revolutionär Madero, von dem sie sich eine Stärkung ihres Einflusses in Mexiko gegenüber den USA erhofften. Später verständigten sie sich mit Carranza, weil dieser ein Gegner der radikalen Agrarreform Zapatas war und seine Truppen während der Revolution die für den Kaffee-Export benötigte Eisenbahn in Chiapas kontrollierten. Zum Ende der Revolution machte sich diese Unterstützung bezahlt: Eine Enteignung der Kaffeebarone im Zuge der Agrarreform fand nicht statt.

Um 1930 war die deutsche Kolonie im Süden Chiapas’ auf über 8.000 Personen gewachsen, von denen die meisten begeisterte Anhänger des wiederauferstehenden Reiches waren. Diesem Treiben wurde durch die mexikanische Agrarreform der dreissiger Jahre und durch die USA, die im Jahr 1942 eine staatliche Kontrolle deutschen Besitzes erwirkte, vorerst ein Ende bereitet. Doch bald schon nach dem zweiten Weltkrieg übernahmen die Kaffeebarone − die meisten waren inzwischen mexikanische Staatsbürger geworden − wieder ihre Ländereien.

Dank ihres wirtschaftlichen Einflusses im Staat und Mithilfe der "Guardias Blancas", einer Privatarmee zur Unterdrückung jeglichen Widerstands, haben die meisten bis heute ihr Landeigentum gesichert. Die zapatistische Aufstandsbewegung hat die Eigentumsverhältnisse in Chiapas jedoch erneut in Frage gestellt. Im folgenden dokumentieren wir ein Interview mit Gabriel C., Mitglied der rebellischen Übergangsregierung in Chiapas, der im März 1995 in Hamburg zu Besuch war.

Interview mit G. Cruz

Wie ist der Großgrundbesitz in Chiapas entstanden?

Gabriel: Die Latifundien haben ihren Ursprung in der Kolonialzeit. Eine koloniale Form des Landeigentums war die Encomienda, durch die spanischen Eroberer praktisch die Kontrolle über die indianische Bevölkerung ausübten. Die Encomiendas hatten die Funktion, Produktionseinheiten zu bilden und die "Indios" Mithilfe der Mönche in "zivilisierte" zu verwandeln. Die Religion hat hier eine wichtige Rolle gemeinsam mit den Encomenderos gespielt. Die Encomienda ist das historische Vorbild für die Latifundien. (..) Der Mönch Bartolomé de las Casas versuchte, die indianische Bevölkerung zu verteidigen; jedoch erreichte er letztendlich nur sehr wenig.

Während des Unabhängigkeitskriegs gab es erneut Anstrengungen, die sozialen Bedingungen der versklavten indianischen Bevölkerung grundlegend zu verändern. Aber wieder hatten die Bemühungen keinen Erfolg.

Die Deutschen kamen nach Chiapas zu Beginn dieses Jahrhunderts. Sie eigneten sich die für die Kaffeeanbau hervorragenden Ländereien in der Region Soconusco an und waren die ersten, die eine kapitalistische Wirtschaftsweise einführte. Sie entwickelten einen ganzen Wirtschaftszweig auf Grundlage des Ausbeutung des Kaffees sowie der chiapanekischen und guatemaltekischen Arbeitskräfte. Während der mexikanischen Revolution versuchte die agraristische Bewegung, ihre Forderungen (nach Land und Freiheit) durchzusetzen. Jedoch setzten sich in Chiapas die Großgrundbesitzer, die politischen Kaziken und die Armee eine durch. Mit dieser Machtgruppe verbündete sich die aus der Revolution hervorgegangene Zentralregierung, um eine Sezession Chiapas’ von Mexiko zu verhindern. So läßt sich sagen. daß von der Kolonialzeit bis heute diese Situation nicht verändert hat. Heute gibt es noch immer Kaffeefincas, auf denen die TagelöhnerInnen in Sklaverei oder Leibeigenschaft wie unter Encomenderos gehalten werden. Die chiapanekischen LandarbeiterInnen sind in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht machtlos gegenüber den Großgrundbesitzern (..)

Welche Größe haben die Kaffeeplantagen?

Gabriel: Die Plantagen sind im Durchschnitt zwischen 5.000 und 10.000 Hektar groß. Dazu gehören beispielsweise die Fincas "Nueva Alemania" und "Hamburgo" bei Tapachula sowie die "Liquidambar", die "Cuxtepeques" und die "Prusia".

Alle überschreiten die verfassungsmäßig festgelegte Größe für Privateigentum weit. Die Verfassungsvorschrift wird in der Regel durch ein juristisches Manöver umgangen: Das Eigentum wird zwischen Kindern, Schwägerinnen, Schwiegereltern oder sogar Ungeborenen aufgeteilt. Hat die Landbesetzungen durch die zapatistische Aufstandsbewegung Auftrieb bekommen? Gabriel: Die Organisationen der bäuerlichen Bevölkerung − vor allem der Landlosen − existiert schon länger. Die Landkämpfe in Chiapas haben eine lange Tradition; die Rückständigkeit der Landwirtschaft im Südwesten ist äußerst Besorgnis erregend. Als mit der Reform des Verfassungsartikel 27 das Ende der Landverteilung erklärt wurde, rief dies eine noch stärkere Koordination zwischen den Bauernorganisationen hervor.

Der Aufstand des EZLN in der Region Altos hat das Kräfteverhältnis ins Ungleichgewicht gebracht. Dies hat zur Folge, daß nun viele Bauernorganisationen in den Altos und der Selva, die bislang friedlich und zivil innerhalb des Rechts agierten, die Kämpfe des EZLN unterstützen und auch selber ihre Aktionen bewaffnet durchführen. Die Campesinos organisierten vom Februar bis zum 10. April letzten Jahres massiv Besetzungen von Großgrundbesitz. Mit fast 2.000 Besetzungen ist dies eine sehr bedeutende Bewegung in Chiapas.

Die BesetzerInnen haben auf den Kaffeeplantagen noch Produktionsverhältnisse wie in Zeiten der Sklaverei vorgefunden. Z.B. entdeckten sie auf der Finca "Liquidambar" eine "tienda de raya" (Finca-eigene Läden mit überteuerten Waren gegen Anschreiben oder Gutschein): Mittels dieser Läden werden die Campesinos über Schulden, die sie nie abbezahlen können, vollständig kontrolliert und ausgebeutet. Die Schuldabhängigkeit hat Generationen von Familien zur Arbeit auf den Fincas gezwungen. Angesichts dieser Zustände sind der Regierung die rechtlichen und politischen Argumente gegen die Landbesetzungsbewegung ausgegangen. Die Besetzungen sind legitim − vielleicht nicht im rechtlichen Sinne − aber doch in moralischer Hinsicht und als soziale Forderung. Außerdem sind sie gerechtfertigt, weil soviel Korruption und Betrug entdeckt wurde bei den Staatsbehörden, die nur die Interessen der deutschen und die ausländischen Großgrundbesitzer sowie die einheimischen Kaziken schützen.

Welche Anstrengungen unternehmen die Kaffeeplantagenbesitzer, um wieder in den Besitz der Ländereien zu kommen?

Gabriel: Natürlich halten die Kaffeeplantagenbesitzer nicht still. Die Bauernbewegung weis, wie stark die Plantagenbesitzer und Kaziken sind (..) Die Großgrundbesitzer haben sich wie die Viehzüchter und sogenannten "Kleinbesitzer" in einem Verband zusammengeschlossen und eine gut ausgerüstete, finanzierte und ausgebildete Armee organisiert − die sogenannten "Guardias Blancas". Diese sind nicht verfassungsmäßig und unterliegen keinerlei Militärrecht. Sie sind ein babarisches Mittel der Kapitalisten, um die Campesinos zu ermorden und deren Anführer verschwinden zu lassen.

Die LandbesetzerInnen reagieren darauf, indem sie Formen der militärischen Selbstverteidigung organisiert. Da sie nur wenig Waffen haben, verteidigen sie sich mit einfachen Mitteln: Benzin oder Erdöl für Brandbomben, Steine und Macheten. Außerdem werden auch Hinterhalte gelegt. An den Zugängen der Latifundien werden Wachposten aufgestellt, um ein Eindringen der "Guardias Blancas" zu verhindern (..)

Der Konflikt um die Finca "Prusia"

Wie ist die Auseinandersetzung zwischen BesetzerInnen und "Guardias Blancas" im Fall der Finca "Prusia"?

Die 5.000 Hektar große Kaffeefinca "Prusia" (Preußen) wurde im August 1994 von der BäuerInnen- und Volksunion "Francisco Villa" besetzt. Der Konflikt um die Finca brach auf, als im Jahr 1992 das von 14 benachbarten Dörfern zum Maisanbau genutzte Gebiet zu einem Naturreservat erklärt wurde und die KleinbäuerInnen damit ihre Existenzgrundlage verloren. Schließlich gab es für sie nur noch die Möglichkeit einer Besetzung der Finca. Scheinbar gesprächsbereit bot der adelige Eigentümer den 40 BesetzerInnen einen völlig überzogenen Kaufpreis von 90 Mia. neuen Pesos. Am 1. Dezember überfielen 200 Bewaffnete die besetzte Finca. Die Angreifer fühlten sich durch den am gleichen Tag erfolgten Amtsantritt des neuen Präsidenten Zedillo ermutigt, der seine Antrittsrede unter das Motto "Jeder auf seinen Platz" gestellt hat. Auf den Fincas ist nach Ansicht der Kaffeebarone natürlich kein Platz für landbesetzende BäuerInnen.

Gabriel: "Prusia" ist eine riesige Kaffeefinca, die im Hochland der Region Frailesca zwischen Jaltenango und La Concordia liegt. In diese besetzte Finca konnten die weißen Garden eindringen. Hier wurden die Guardias Blancas von einem im Dienst stehenden Unteroffizier der Marine angeführt. Das Kommando wurde vom deutschen Fincabesitzer zusammengestellt und vorbereitet mit dem Ziel, die BesetzerInnen zu vertreiben und festzusetzen.

Im Morgengrauen kamen über 200 Bewaffnete der "Guardia Blanca", angeführt vom Marineoffizier und Fincabesitzer, an die Finca. Sie hatten sich dafür wie Zapatisten verkleidet, ihre Gesichter mit Skimützen oder Tüchern verhüllt und riefen "Viva Zapata! Viva el EZLN!". Dadurch konnten sie die Wachen der BesetzerInnen täuschen, die wirklich glaubten, das EZLN sei im Anmarsch. Plötzlich wurde dann mit Schüssen und Schlägen der Angriff auf die Wachen eröffnet. Es entwickelte sich ein Gefecht, bei dem es auf Seite der BesetzerInnen zwei und bei den Angreifern vier Tote gab und ein Anführer der BäuerInnen festgenommen wurde. Die "Guardias Blancas" konnten den Posten und die Finca einnehmen. Die BesetzerInnen zogen sich auf die umliegenden Hügel zurück und umzingelten die Finca, die nun in Händen des Deutschen und der Guardia Blanca war. Über Funk riefen die Umzingelten die Armee, die Bundes- Sicherheitspolizei und die chiapanekische Staatspolizei um Hilfe. Bei der Rettungsaktion wurde wieder mit Gewalt gegen die BesetzerInnen.

Danach blieb eine kleine Wache aus Soldaten und Staatspolizei zum Schutz auf der Finca und nahmen einige Bauern fest. Gleichzeitig wurde Haftbefehl gegen den deutschen Plantagenbesitzer erlassen; aber die Großgrundbesitzer, Viehzüchter und Kaziken wurden aktiv und verhinderten die Verhaftung des Deutschen. Aber auch die verhafteten Bauern mußten freigelassen werden. Die BäuerInnen organisierten sich neu und besetzten wiederum die Finca mit dem Ziel, ein Ejido einzurichten. Bis heute ist "Prusia" in Hand der BesetzerInnen.

Wie ist die Situation auf der Finca "Irlanda", die organischen Kaffee für die BRD produziert?

Gabriel: Die Finca "Irlanda" liegt im Landkreis Tapachula an der guatemaltekischen Grenze. Auch diese Finca hat einen deutschem Besitzer und überschreitet die verfassungsmäßige Größe. Man muß anerkennen, daß der Besitzer eine gute ökologische Arbeit macht. Irlanda ist ein Vorbild in der Region für die Entwicklung von Techniken des organischen Landbaus. Es wurden neue Pflanzungen angelegt unter Anwendung der organischen Kompostierung und Düngung. Die Finca ist damit Vorreiter der ökologischen Entwicklung. Dank der neuen Produktionsform macht der Besitzer gute Gewinne, weil es international einen Markt für organische Produkte gibt und er über gute Handelskontakte in die BRD verfügt.

Ein Teil seines Gewinns erzielt er jedoch auch durch die Ausbeutung guatemaltekischer TagelöhnerInnen, die auf der Suche nach Arbeit illegal die Grenze nach Mexiko überschreiten. Diesen zahlt er nicht einmal den staatlich-festgelegten mexikanischen Tages-Mindestlohn in Höhe von 14 Pesos, sondern nur 3 bis 4 Pesos. Die TagelöhnerInnen werden in Baracken mit sehr gesundheitsschädlichen Bedingungen einquartiert. Männer, Frauen und Kinder werden nicht getrennt untergebracht; es gibt keinen Abort. Außerdem gibt man ihnen nur das nötigste zu Essen: Bohnen, Tortillas und Salz. Es ist eine Welt für sich. Der deutsche Besitzer hat also einen großen Nutzen von der Ausbeutung guatemaltekischer und auch einiger mexikanischer Tagelöhner aus der Region. Daher besteht auch bei dieser Finca die sozial gerechte Forderung, sie den ArbeiterInnen zu übergeben.

Der Besitzer ist noch in anderer Hinsicht ein Ausbeuter, denn er verwandelt sich auch in einen Coyoten. Er kauft organisch angebauten Kaffee anderer ProduzentInnenvereinigungen, die keinen Zugang zum internationalen Markt haben (..) Er stiehlt praktisch den Kaffee, den er zu einem sehr niedrigen Preis erwirbt.

Wie sieht der Kaffeeanbau bei den Kleinbauernfamilien aus?

Gabriel: Es sind indianische Gemeinden, die vom Kaffeeanbau leben. Sie weiten ökologischen Anbauformen aus, versuchen die Erträge zu erhöhen und wehren sich gegen die Zwischenhändler. In der Sierra Madre und der Zoque-Region haben sich die Gemeinden in einem Verband von Ejidos organisiert, die sich "grupos de apoyo mutuo popular" (GAMP, Gruppen für gegenseitige Hilfe des Volkes) nennen. Die GAMP hat einen kommunitären Charakter. In ihr beteiligen sich rund 80 Gemeinden, mit insgesamt 1.000 Personen. Sie umfaßt die Produktionsbereiche Kaffee, Honig, Milch und Käse (..) Im Bereich der Vermarktung hatte GAMP bislang keinen Erfolg, weder beim Kaffee noch beim Honig aus ökologischer Produktion. Der Kaffee muß wie herkömmlicher mit Chemie belasteter Kaffee zu einem sehr niedrigen Preis verkauft werden, zum überwiegenden Teil an lokale Coyoten. Unter diesen Bedingungen gibt es jedoch keine wirtschaftlichen Perspektiven für die Campesinos und Indígenas.


Quelle: Zapapres
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