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Der Zapatismus ist stärker als vor 14 Jahren

La Jornada vom 06.01.2008
Blanche Petrich (Korrespondentin)
übersetzt von KaRa

 
Strategie, Feinde nicht zu konfrontieren: Jorge Santiago
Mit breiter sozialer Basis zum Jahrestag

San Cristóbal de las Casas, Chiapas. Der Zapatismus begeht seinen 14. Jahrestag mit einer Vision von Mexiko und der Welt, die ihm ermöglicht hat, Allianzen über den Kontinent zu schmieden. Dieser Vision ist es auch zu verdanken, dass er über eine soziale Basis verfügt, die sich bis in Regionen außerhalb der Grenzen der autonomen Bezirke ausgebreitet hat. "Eine Schlussfolgerung ist: Wir sind stärker, weil wir vernetzt sind. Unser Wort ist mit dem Wort des anderen, der anderen, verknüpft. In der Praxis beginnen die Menschen, auf sich selbst zu vertrauen, wenn es um das Knüpfen von Beziehungen vor Ort geht. Und was kaum bekannt, aber sehr wichtig ist: die Entscheidung, die ansässigen Feinde nicht zu konfrontieren, trotz der Bedrohung und der Angriffe von deren Seite."

Diese Bilanz zieht Jorge Santiago, Theologe, Soziologe und Anthropologe, der seit 35 Jahren an der Spitze von DESMI (Wirtschaftliche und Soziale Entwicklung der Mexikanischen Indígenas) steht, einem Projekt, das Ende der 1960er Jahre nach Chiapas kam und mit der Diözese von San Cristóbal in Verbindung steht. Als Initiator von "solidarischen Wirtschaftsprojekten" kennt er den Prozess genau und berichtet von dessen Anfängen. Der historische Aufstand von 1994 fand im Hochland, im Süden und im Norden von Chiapas statt, wo er mit seiner Institution intensiv arbeitet. Er erfuhr die antizapatistische Repression auch am eigenen Leibe, wurde er doch 1995 im Rahmen der vom damaligen Präsidenten Zedillo angeführten Offensive gegen die Rebellen verhaftet.

Die oftmals von außen getroffene Einschätzung, das zapatistische Heer habe an Kraft verloren, teilt er nicht, obgleich er "nicht versuchen will, die Sonne mit dem Finger zu verdecken", und daher zugibt, dass es inzwischen Spaltungen in Gebieten gibt, die zuvor gemeinsam zur EZLN hielten, und dass Menschen, die zur EZLN gehört und dort wirksam agiert hatten, sich von der Organisation zurückgezogen haben.

Obgleich aber viele weggingen, kamen andere hinzu, "vor allem viele junge Menschen, Jugendliche, die zur Zeit des Aufstandes 1994 Kinder oder noch nicht einmal auf der Welt waren, und die heute aktiv sind, ja sogar wichtige Positionen besetzen. Viele Räume haben sich geöffnet, viele Frauen engagieren sich, vor allem im Bereich der Kommunikation. Und Gebiete, deren Bewohner keine Indígenas und dennoch Zapatistas sind, was vor einiger Zeit kaum vorstellbar war. Nicht alles, was neu ist, ist auch sichtbar."

− Welche Auswirkungen hat der Widerspruch zwischen denen, die Projekte der Regierung als ein Recht ansehen, und denen, die dies rigoros ablehnen?

− Die famose Idee von Vicente Fox, dass die 40 Millionen Armen durch Programme zu retten wären, nicht durch Arbeit und Produktivität, ist in den zapatistischen Gemeinden zu einer Praxis der Aufstandsbekämpfung geworden, die das Gewissen und den Willen einiger untergraben hat. 2003 wurde eine Befragung durchgeführt, wo die Menschen entscheiden konnten, ob sie im Widerstand bleiben wollten oder nicht, unter der Bedingung, dass diejenigen, die Regierungshilfe in Anspruch nahmen, ihre Mitgliedschaft in der Bewegung beendeten. Für viele Menschen fiel die Entscheidung zugunsten der Staatsmittel aus.

"Das war ein harter Schlag, aber unter denen, die sich für den Widerstand entschieden, wurde die Alternative der Selbstorganisation gestärkt: landwirtschaftliche und ökologische Projekte, Förderung der Gesundheit, ein im Widerstand verwurzeltes Bildungssystem und eine Politik der Ressourcenverteilung, und das alles mit einer großen Klarheit darüber, was Selbstverwaltung bedeutet.

"Fünf Jahre später zeigt sich bereits, welches Modell sich beweisen konnte. Wer hat Gesundheitsversorgung, Erziehung und Nahrung? Diejenigen, die der Regierung vertrauten, oder diejenigen, die ihr eigenes Bildungssystem schufen, die ihre Gesundheitspromotoren auswählten? Es zeigt sich bereits, dass Fox und Pablo Salazar ihre Versprechen nicht hielten. Ein Beispiel ist die Organisation Las Abejas, die beklagt, dass Salazar das Recht in Acteal nicht durchsetzte.

− Wie würden Sie den Kräfteverlust des Zapatismus messen?

− Eher quantitativ, nicht das politische Projekt betreffend. Im Gegenteil. Er wurde im Sinne seiner Aufgaben gestärkt. Es geht nicht nur darum, zur EZLN zu gehören, um eine politische Kraft zu sein, sondern um zu organisieren und aufzubauen, in Selbstverwaltung konkrete Probleme zu lösen. Die Aufgabe der autonomen Regierungen ist es, die Probleme zu analysieren und Wege zu finden, die nicht auf Konfrontation abzielen, sondern auf Dialog. Und dass sich die Menschen in friedliche Lösungen einbringen.

"Etwas, was kaum an die Öffentlichkeit dringt, aber was in diesem Prozess sehr stark ist, ist die Entscheidung, lokale Feinde nicht zu konfrontieren, trotz der Bedrohung und der Angriffe von deren Seite. Aus dem Grund stehen die zapatistischen Gemeinden nicht zwischen dem Schwert und der Wand. Angesichts der Aggressionen stehen ihnen sogar viele Auswege offen. Die EZLN verfügt über einen breiten Aktionsradius, da es ihr gelungen ist, einen politischen Raum zu schaffen. Sie kann sich sogar dagegen wehren, dass ihr Ländereien genommen werden, die von ihr wiedergewonnen wurden, denn das Projekt geht weiter, die Vision reicht weiter und das Programm geht viel mehr in die Tiefe."

Um zu zeigen, welche Rolle heute die Gemeinden und die Werte des Zapatismus in Chiapas spielen, bezieht sich Jorge Santiago auf die Landschaft, die er jeden Tag sieht, wenn er von Teopisca, seinem Heimatdorf, in dem er lebt, nach San Cristóbal fährt. Auf der Landstraße stehen Schilder, auf denen alles Mögliche zum Verkauf angeboten wird: Kohle, Steine, Obst, Autos (aus zweiter Hand), Grundstücke. "Das ist klassisch: Im Kapitalismus ist alles eine Ware. Und diese Dörfer sind trotz ihres Rückstandes keine Ausnahme. Die Mentalität, man müsse Geld haben, ist geblieben. Ein Stück Regenwald, ein Stück See zum Verkaufen. Alles wird verkauft und alles kann man kaufen, und sei es nur als Plagiat.

"Und da ist das Neue. Die Zapatistas stellen dem keine Konfrontation gegenüber, sondern schaffen Alternativen: kollektives Eigentum, gemeinschaftliche Aktion, Horizontalität, Verteilung und Solidarität. Dieses Phänomen bewirkt eine tief greifende Veränderung. Sie ermöglicht, handeln zu können, ohne den Sturz des Systems abwarten zu müssen.

− Ist der Zapatismus wie eine Art Schutzmauer gegen diese Mentalität, dass alles käuflich und verkäuflich ist?

− Der Zapatismus vertritt eine andere Idee, und die Menschen merken das. Der Zapatist sagt, ich werde Bäume pflanzen, mich um meine Gesundheit und die Bildung meiner Kinder kümmern, ich werde zur Versammlung gehen und wir werden Vereinbarungen treffen, er lebt anders. Er wird zu einem politischen Wesen, beteiligt sich an Entscheidungen, und die Frauen sagen: Ja, wir verfügen über Weisheit, und unser Wort ist etwas wert. All das ist Teil einer Erfahrung, die täglich auf eine andere Realität trifft. Daneben sind die, die trinken, die sich auf andere Art vergnügen, die wie verrückt beten, die nur auf die Hilfe der Regierung hoffen.

"Wenn von Präsident Calderón initiierte Räumungen stattfinden sollen, dann setzen einige auf Verhandlungen mit der Regierung. Am Ende werden die Versprechen nicht eingelöst, denn dahinter steht der Druck von Projekten wie Talsperren, das Erdöl, die Geschäfte. Die Zapatistas verhandeln nicht. Und wer am Ende ohne alles dasteht, das sind die, die auf Verhandlungen gesetzt haben. Und schließlich kommen sie zu dem Schluss: wie gut, dass es unsere Zapatistas gibt, die eine Alternative haben. So hat die Zukunft dieses Kampfes viel Perspektive.

"Ich glaube, dass der Staat nicht versteht, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Das sind nicht einfach Guerilleros, Landbesetzer, Menschen, die die Staatsordnung nicht anerkennen. Er denkt nur daran, sie einzukreisen, sie einzuschüchtern und auszuschalten, und sie wiederum sind in ihrem Bewusstsein ihrer Fähigkeiten, ihrer Beziehungen, ihrer Werte gewachsen. Sie drücken das so aus: Sie wissen, dass sie nicht ohne Grund sterben werden, dass es nicht darum geht, Opfer zu bringen oder als Helden zu sterben, sondern darum, als Menschen in dieser Dimension zu leben, wo sie die Verantwortung haben, auf sich und die anderen aufzupassen.

− Wie lange können sie die Konfrontation meiden?

− Der Raum, den sie geschaffen haben, erlaubt ihnen, diese Alternative zu haben. Ihre Strategie ist, mit dem geringsten Verlust zu agieren, um Fortschritte zu machen und nicht zurückzuweichen. Die Konfrontation mit Paramilitärs und Soldaten zu suchen, bedeutet einen Rückschritt von 10 oder 15 Jahren. Das gäbe Calderón einen Vorwand, den Urwald und die Grenzregion zu militarisieren, die Hilfe der Regierung der USA zu erbitten und mit Panzern und Flugzeugen einzurücken. Strategisch unternehmen sie Schritte, die ihnen ein Vorrücken ermöglichen. Auf diese ganz einfache Weise zeigen sie, was es heißt, Widerstand zu leisten.

 Quelle:  
  http://www.jornada.unam.mx/2008/01/06/index.php?section=politica&article=008n1pol 
 

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