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»Menschenunwürdige Haftbedingungen«

 

Deutscher nach unbeabsichtigtem Übertritt der US-mexikanischen Grenze in Deportationshaft in El Paso

junge welt vom 05.04.2008
Interview von Gerold Schmidt

  Am Nachmittag des 27. März verschwand der 46-jährige Karl Tisken spurlos in der mexikanischen Grenzstadt Juárez, die wegen der hohen Anzahl von Frauenmorden in den vergangenen Jahren traurige Berühmtheit erlangte. Am 28. März wurde er auf der anderen Seite der Grenze im US-Deportationsgefängnis von El Paso ausfindig gemacht. Für die junge Welt sprach Gerold Schmidt mit Tiskens Lebensgefährtin Dagmar Seybold, die im Rahmen eines offiziellen deutsch-mexikanischen Austauschprogrammes in Mexiko arbeitet und sich von Ciudad Juárez aus intensiv um die Freilassung bemüht.

Die Situation hört sich reichlich skurril an. Ein Deutscher mit gültigem mexikanischen Touristenvisum findet sich nach einem Spaziergang plötzlich in einem Abschiebeknast der USA. Wie kam es dazu?

Wir besuchten in Ciudad Juárez Freunde und Nicht-Regierungsorganisationen. Karl spazierte am 27. März alleine durch den östlichen Teil der Stadt in Richtung Grenze. Als er das ausgetrocknete Flussbett des Río Bravo erreichte, geriet er unwissentlich auf US-Gebiet. Der Grenzzaun ist auf der nördlichen Fluss-Seite, doch das Territorium der USA beginnt inmitten des Flussbettes. Die Bewohner von Ciudad Juárez wissen das, Karl nicht. Er wurde nach seiner Schilderung plötzlich von einer Streife der US-Bodercontrol mit vorgehaltener Waffe aufgefordert, sich hinzuknien und die Hände über den Kopf zu halten. Dann erfolgte die Festnahme.

Was wird ihm konkret vorgeworfen?

Das ist immer noch unklar. Die gesetzliche Regelung, dass den Gefangenen binnen 48 Stunden eine schriftliche Erläuterung der rechtlichen Vorwürfe gegen sie zusteht, wurde in Karls Fall nicht eingehalten. Noch am Dienstagmorgen war er weder schriftlich noch mündlich darüber in Kenntnis gesetzt, weswegen er angeklagt wird, welches sein legaler Status ist und wie das weitere Vorgehen der US-Behörden sein wird. Im Prinzip handelt es sich aus der US-Perspektive um einen illegalen Grenzübertritt. Es ist absurd, denn er hatte überhaupt keine Absicht, in die USA zu reisen. Und deutschen Touristen am Grenzübergang Ciudad Juárez/El Paso wird im allgemeinen nach dem Ausfüllen eines Formulars innerhalb küzester Zeit ein Besuchervisum fuer 3 Monate ausgestellt.

Wie sind die Haftbedingungen?

Menschenunwürdig. Etwa 80 Personen teilen sich eine einzige, überfüllte Zelle. Zum Teil schlafen die Häftlinge auf dem Boden. Dusche und Toilette befinden sich ohne jegliche Abschirmung im selben Raum. Karl berichtet von Schlafmangel, da jede Nacht ein bis dreimal Weckalarm mit grellem Licht erfolgt. Die Häftlinge müssen antreten und es erfolgen Durchsuchungen. Karl persönlich erhielt als Kleidungsstück eine Uniform mit kurzen Aermeln und weitem Ausschnitt. Auf Grund niederiger Temperaturen und der dünnen Kleidung leidet er permanent an Unterkühlung und erkrankte an schwerem Husten. Der erbetene Arzttermin ist ihm bisher wiederholt verweigert worden. Er erleidet das, was wohl viele mexikanische und lateinamerikanische Migranten durchmachen.

Können Sie problemlos den Kontakt zu Karl Tisken halten?

Das ist schwierig. Obwohl seine Inhaftierung im El Paso Processing Center bereits am vergangenen Freitag bekannt war, verleugneten die Gefängnisbehörden dies erst. Am Sonntag konnte ich für 15 Minuten durch eine Glasscheibe mit ihm sprechen. Der nächste Besuchstermin ist diesen Freitag (4. April). Anrufe sind aus dem Gefängnis mit Telefonkarten erlaubt, aber nicht hinein. Die etwa 10 Euro, die ich am Sonntag für Anrufe übergeben durfte, mußte Karl aufgrund ’nachdrücklicher Forderungen’ von Mithäftlingen teilen. Inzwischen bemühen sich auch die Deutsche Botschaft in Mexiko-Stadt und das deutsche Konsulat im texanischen Houston, das Verfahren gegen Karl zu beschleunigen. Sehr geholfen hat mir die eigentlich gar nicht zuständige mexikanische Kommission zur Beseitigung und Prävention der Gewalt gegen Frauen in Ciudad Juárez. Auf ihre Initiative hin gab es nach dem Verschwinden von Karl eine massive Suchaktion der Polizei in Juárez, später begleitete mich eine Mitarbeiterin zum Gefängnis in El Paso.

Sehen Sie eine Hoffnung auf eine baldige Freilassung von ihrem Lebensgefährten?

Nach jüngsten Aussagen eines sogenannten Deportation Officer gegenüber Karl bestünde das schnellstmögliche Haftende darin, dass er nach der innerhalb von zehn Tagen zu erwartenden Vorführung vor einen US-Richter umgehend nach Mexiko ausreisen kann bzw. deportiert wird. Voraussetzung dafür ist die Zustimmung der mexikanischen Behörden, konkret des mexikanischen Konsulates in El Paso. Dagegen könnte ein Ausreise- oder Deportationsverfahren mit dem Ziel Deutschland angeblich Monate dauern. Kurzfristig braucht Karl warme Kleidung und ärztliche Versorgung. Dann hoffen wir auf ein schnelles und gesetzesgetreues Verfahren mit der schnellstmöglichsten Freilassung oder Deportation. Diese Geschichte ist ein Albtraum.

Das Interview führte Gerold Schmidt

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2008/04-05/030.php 
 

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