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Raumzeugen

 

Wirtschaft als das Leben selbst

junge welt vom 29.04.2008
Von Helmut Höge

  Die zapatistische Bewegung, die aus dem lakandonischen Regenwald heraus operiert, könnte man Raumzeugen nennen. Ihre Sprecher brachten 1994 einen neuen Ton in die Auseinandersetzungen, und das nahezu weltweit. Bald pilgerten Linke aus aller Welt zu den mexikanischen Indianern.

Die Indio-Bewegung versteht sich als »historisches Gedächtnis«: 500 Jahre schafften die Indianer es zu überleben, obwohl von Beginn der Kolonisierung an bis heute ihr Verschwinden, ihre Ausrottung durch Vertreibung in die Slums der Städte oder als Wanderarbeiter bis nach Kalifornien einkalkuliert wurde. Erst mit dem zapatistischen Aufstand an jenem Tag, als der Freihandelsvertrag zwischen Mexiko und den USA in Kraft trat, gelangten sie überhaupt wieder in das öffentliche Bewußtsein – bis hin zu den lateinamerikanischen »Weißen«, die manchmal bereits seit Generationen indianische Hausangestellte beschäftigten: Sie hatten sie bis dahin jedoch einfach nicht wahrgenommen.

Die sogenannten Ureinwohner existierten nicht (mehr), sie waren nur noch Gegenstand von Musealisierungen. Nach einer stürmischen Phase der Ausbreitung der Indigenen-Bewegung, die geradezu eine Schwemme von Büchern über die Zapatisten und ihre alte Parole »Land und Freiheit« zur Folge hatte, begann in Chiapas eine Phase des Nachdenkens. Diese nutzte die derzeitige, dem Neoliberalismus verpflichtete, Regierung Calderón zu einer Großoffensive im Bundesstaat. Statt eines Massakers unter den Indianern, wie in Acteal 1997, entschied man sich nun jedoch dafür, Chiapas mit Geld zu befrieden. Es werden Autobahnen gebaut und Privatinvestitionen dorthin gelenkt, gleichzeitig werden große Gebiete der Lakandonengemeinden enteignet, um daraus ein Naturreservat zu machen. Entweder nehmen die Indianer darin Dienstleistungsjobs an oder sie verschwinden.

Die Maßnahmen werden vom Militär exekutiert: Das Pazifizierungsprojekt heißt Ökotourismus. Doch die neozapatistische Guerilla weigert sich, in dieses »Paradies der Moderne« einzutreten. Sie ist gut bewaffnet und verfügt über reguläre Soldaten, dennoch zog sie sich in die Berge zurück, verweigerte also auch den Krieg. Sie begreift sich als Teil des »kulturellen Ökosystems« – nicht nur der Region, sondern der ganzen Welt. Ihre akuten Gegner sind bloß Charaktermasken. Und sie streben sowieso nicht nach der Macht.

Deswegen geht es ihnen statt um eine Parteigründung eher darum, noch tiefer in die Basisorganisationen einzudringen: »In die indianische Kultur des Widerstands«, so ihr Subcomandante Marcos. Er und einige andere Kader haben dabei den Weg von der maoistisch-guevaristischen »Fokus«-Strategie bis zur »überlebenstüchtigen Unbestimmtheit« zurückgelegt, wie ein französischer Beobachter meinte. Zunächst stießen sie mit ihrer Agitation bei den Indianern im Wald »gegen eine Wand«, aber dann gelang es ihnen, ihre Sprache in einen Code zu übersetzen, an dem dann auch der Regenwald und die Tiere – bis hin zum »niedersten«, dem inzwischen berühmten Käfer Durito – teilhaben. Seltsame Dialektik: Je leiser sie wurden, d.h. in das Lokale eindrangen, desto lauter geriet ihre globale Resonanz, bis sie fast einem Spektakel glich.

Die neozapatistische Guerilla zehrt vom Situationismus (Umdrehung/Entwendung/Prosituationismus, Masken in der Öffentlichkeit, die nichts verbergen, sondern etwas symbolisieren), aber mehr noch von ihrem langandauernden Versuch, den »verlorenen Gebrauch von Wörtern« wiederzufinden und damit einen »neuen Raum zu schaffen«. Ihre Befreiungsbewegung rekrutiert sich heute vor allem »aus der Masse der jungen marginalisierten modernen mehrsprachigen Indios, die bereits Erfahrungen mit der Lohnarbeit gemacht haben,« wie Garcia de León behauptet.

Man kann die Indigenenbewegung, die sich als Teil der weltweiten Migrationsbewegungen auf der Suche nach neuen Arbeits- und Lebensmöglichkeiten begreift, auch eine Bürgerinitiative nennen, wie sie hierzulange Planungsbeteiligung und Volksabstimmungen durchsetzen: »Die Politiker sollen gehorchend regieren«, sagt Marcos. Anderswo, in den USA, verlagert sich die öffentliche Meinungsbildung zunehmend von den Kapitalmedien in bürgerinitiierte Internetforen und -blogs. Solcherart »Klein-Werden Schaffen« läßt überall die Repräsentationsformen erodieren.

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2008/04-29/021.php 
 

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