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Worte von SCI Marcos an die Internationale Karawane in La Garrucha

EZLN vom 02.08.2008
Subcomandante Insurgente Marcos
übersetzt von Dana

 
Worte von Subcomandante Insurgente Marcos an die Nationale und Internationale Karawane für Menschenrechtsbeobachtung und Solidarität mit den Zapatistischen Gemeinden

Caracol von La Garrucha, 2. August 2008 Guten Abend. Mein Name ist Marcos, Subcomandante Insurgente Marcos, und ich bin hier um Ihnen den Aufständischen Oberstleutnant Moisés vorzustellen. Er ist von der Generalkommandantur der EZLN zum Beauftragten für internationale Arbeit im Rahmen der Intergalaktischen Kommission und der Sexta Internacional ernannt worden, weil er von uns allen der einzige ist, der genügend Geduld für Sie aufbringt.

Wir werden für die Übersetzung langsam sprechen. We will speak slowly, for the translation. Nous allons parler doucement, pour die traduction.

Wir möchten allen danken, die bis hierher gereist sind, um direkt in Erfahrung zu bringen was mit dem zapatistischen Prozess geschieht, nicht nur was die Aggressionen anbetrifft, denen wir ausgesetzt sind, sondern auch die Prozesse, die hier im Rebellengebiet, im zapatistischen Gebiet entstehen.

Wir hoffen, dass das was Sie sehen und hören werden dabei dienen wird, dass sie dieses Wort weitertragen können: nach Griechenland, nach Italien, nach Frankreich, nach Spanien, in das Baskenland, in die Vereinigten Staaten und in das übrige Mexiko, mit unseren Compañeros von der Anderen Kampagne.

Und wir hoffen auch, dass sie nicht das gleiche tun werden wie die Zivile Internationale Kommission für die Beobachtung der Menschenrechte, die vor einigen Monaten hier war, und nichts anderes getan hat als der PRD-Regierung von Chiapas die Hände rein zu waschen, indem sie sagten, dass die Aggressionen, die unsere Gemeinden erleiden nicht von der Staatsregierung, sondern alleine von der Bundesregierung ausgehen.

Ich möchte einige Worte der Einleitung zu dem abgeben, worüber Oberstleutnant Moises sprechen wird. Es freut uns sehr, dass Ihr Besuch hier zu einer Zeit erfolgt, in der er sich hier in dieser Zone aufhält. Er ist der Compañero, der den Aufbau der Autonomie innerhalb der zapatistischen Gemeinden aus nächster Nähe verfolgt hat.

Ich möchte in groben Zügen die Geschichte der EZLN und der indigenen zapatistischen Gemeinden zapatistischen in diesem Gebiet, also in Chiapas erklären. Damit meine ich Los Altos [*das Hochland] von Chiapas, in der Zone des Caracols von Oventic, der Zone Tzotz-Choj, Tzeltal-Tojolabal, die dem Caracol von Morelia untersteht; der Zone Chol, die zu Roberto Barrios gehört, im Norden von Chiapas; der Zone Tojolabal oder Selva Fronteriza, die zum Caracol von La Realidad gehört; und der Zone Tzeltal, in der wir uns gerade befinden, die zum Caracol von La Garrucha gehört.

Morgen früh sind Sie eingeladen ein Dorf zu besuchen, das seit vielen Jahren zur Unterstützungsbasis der EZLN gehört. Sie werden die Ehre haben, von Comandante Ismael geführt zu werden, der ebenfalls hier anwesend ist. Dieser Compañero bereiste einst zusammen mit Señor Ik − dem verstorbenen Comandante Hugo, oder Francisco Gómez, wie sein ziviler Name lautete − diese Täler, um das zapatistische Wort zu verbreiten, als uns noch praktisch niemand kannte.

Er wird Sie also herumführen. Sie werden den Ort sehen, an dem die Soldaten nach Marihuana gesucht haben. Wir möchten, dass Sie nachsehen, ob es dort Marihuana gibt. Falls Sie welches finden, rauchen Sie es bitte nicht auf, erstatten Sie einfach nur Meldung, damit wir kommen und es vernichten können. Nein, es gibt dort kein Marihuana. Aber nehmen Sie uns nicht beim Wort, überzeugen Sie sich selbst.

Ebenfalls anwesend ist Comandante Masho, hier zu meiner Rechten. Des weiteren die Compañeros Comandantes, die Señor Ik, Comandante Hugo, begleitet haben, als die EZLN in dieser Schlucht gerade ihre ersten Schritte machte. Sie gehören ebenfalls zur Sechsten Kommission der EZLN. Sie waren mit uns im Nordosten der mexikanischen Republik, und besuchten in diesem Teil des Landes indigene Völker und Compañeros und Compañeras der Anderen Kampagne in Mexiko.

Wie fing alles an? Vor 24, nun fast schon 25 Jahren, traf eine kleine Gruppe von Großstadtbewohnern, oder Bürger, wie wir sie nennen, hier ein, nicht in diesem Teil der Selva, sondern weit tiefer, in dem Teil, der heute als Montes Azules Reservat bekannt ist. In dieser Gegend lebte niemand, es gab dort nur wilde Tiere mit vier Pfoten, und wilde Tiere mit zwei Pfoten, das waren dann wir. Die Philosophie dieser kleinen Gruppe − die Rede ist von 1983-1984, also vor 24 oder 25 Jahren − entsprach der traditionellen Auffassung der lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen, das heißt: eine kleine Gruppe von Auserwählten wagt einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung, was dazu führt, dass viele Menschen ihrem Beispiel folgen, sich erheben, die Regierung stürzen, und eine sozialistische Regierung einsetzen. Ich stelle das sehr schematisch dar, aber dies ist grundsätzlich die Theorie des "foco guerrillero".

Diese kleine Gruppe, jene, die am Ende dort blieben, folgte dieser traditionellen, klassischen und orthodoxen Auffassung, wenn man es so nennen will, verspürte aber auch einen ethischen und moralischen Auftrag, der in den bewaffneten Guerrillabewegungen Lateinamerikas beispiellos war. Diese ethische und moralische Hinterlassenschaft war von anderen Compañeros auf sie übergegangen, die im Kampf mit der Bundesarmee und der Geheimpolizei der mexikanischen Regierung gefallen waren.

Während dieser Jahre waren wir ganz allein. Es gab keine Compañeros in den Gemeinden. Niemand kam aus Griechenland um uns zu besuchen. Oder aus Italien, Frankreich, Spanien oder dem Baskenland. Nicht einmal aus Mexiko! Dieser Ort hier nämlich, war die meistvergessene Ecke dieses Landes. Dieser Nachteil sollte uns später zum Vorteil werden: die Isolation und das Vergessen erlaubte uns nämlich einen Rückbildungsprozess vorzunehmen. Jeder Orthodoxe kennt das Buch, das von der "Verwandlung des Affen zum Menschen" spricht. Bei uns war es das Gegenteil: die Verwandlung des Menschen zum Affen, zu dem wir wurden. Sogar körperlich, deswegen muss ich ja die Skimaske tragen. Dieses Gesicht zu bedecken ist eine Frage der Ästhetik und des guten Geschmacks.

Diese kleine Gruppe überlebte den Fall der Berliner Mauer, den Zerfall des sozialistischen Blocks, den Rückzug der Guerrilla in Mittelamerika − als erstes der FMLN in El Salvador, dann der einstigen Sandinistischen Front der Nationalen Befreiung in Nicaragua. Und später dann der Revolutionären Union von Guatemala, die URNG.

Ihr Überleben war unserer Meinung nach auf zwei Elemente zurückzuführen: Erstens, die Dummheit und der Starrsinn, die diesen Menschen vermutlich in den Genen lagen. Und zweitens, der moralische und ethische Auftrag, den sie von den Compañeros und Compañeras geerbt hatte, die in diesen Bergen hier von der Armee ermordet worden waren.

So wie die Dinge standen, eröffneten sich nur zwei Möglichkeiten: sie konnten eine kleine Gruppe bleiben, die sich Jahrzehnte lang in den Bergen verschanzte, ständig darauf wartend, dass irgendetwas passierte, das es ihnen gestatten würde innerhalb der sozialen Realität zu handeln. Oder sie konnten so enden, wie ein Großteil der radikalen Linken in Mexiko damals, als Abgeordnete, Senatoren oder legitime Präsidenten der institutionellen Linken in Mexiko.

Aber dann passierte etwas, das uns rettete. Das uns in diesen ersten Jahren sowohl rettete als auch die Niederlage brachte. Und das was uns damals passierte, sitzt hier zu meiner Linken, nämlich Oberstleutnant Moisés, Comandante Masho, Comandante Ismael und viele andere Compañeros, die die EZLN von einer orthodoxen Guerrilla Kerngruppenbewegung in eine indigene Armee verwandelten.

Das heißt nicht nur eine Armee die größtenteils von Indigenas gebildet wurde. Ich sage größtenteils, weil es sich in Wirklichkeit von jeweils 100 Kämpfern, um 99 Indigenas und einen Mestize handelte. Aber darüber hinaus erlitt diese Armee und ihre Philosophie auch eine Niederlage ihrer elitären Denkweise, ihrer Auffassung von einer klassischen, revolutionären Führungsspitze, in der eine einzelne Person, oder eine kleine Gruppe von Personen, zum Heilsbringer der Menschheit, oder des Landes mutieren.

Diese Denkweise unterlag, sobald wir von den Gemeinden konfrontiert wurden, die uns nicht nur darüber in Kenntnis setzten, dass sie uns völlig unverständlich fanden, sondern auch darüber, dass sie einen besseren Vorschlag hatten.

In den vorhergehenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten war etwas geschehen. Wir standen einer Lebensbewegung gegenüber, die es geschafft hatte, alle Eroberungsversuche von Spanien, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, und allen europäischen Mächten zu überleben, einschließlich Nazideutschlands in 1940-1945. Der Widerstand dieser Menschen, die zuerst unsere Compañeros und Compañeras wurden, und später unsere Anführer und Anführerinnen, ist einer Bindung zum Leben entsprungen, die eng mit ihrem kulturellen Erbe verbunden ist. Ihre Sprache, ihre Verbundenheit zur Natur stellte nicht nur eine alternative Art zu leben dar, sondern auch zu kämpfen. Es gab nichts, das wir ihnen über Widerstand beibringen konnten. Wir wurden selbst zu Studenten in dieser Schule des Widerstandes, die fünf Jahrhunderte Erfahrung darin hat.

Jene, die gekommen waren, um die indigenen Gemeinden zu retten, wurden letztendlich selbst von ihnen gerettet. Und wir fanden Richtung, Schicksal, Pfad, Gesellschaft und Geschwindigkeit für unsere Schritte. Das, was wir damals und heute, "die Geschwindigkeit unseres Traumes" nennen.

Die EZLN schuldet Ihnen, und Menschen wie Ihnen in Mexiko und auf der ganzen Welt sehr viel. Aber zuallererst tragen wir eine Schuld unserem Herzen gegenüber: unserem indigenen Herzen. In dieser Gemeinde und in Tausenden anderen Gemeinden wie dieser, die von Compañeros zapatistische Unterstützungsbasen bewohnt sind.

In dem Augenblick, in dem die kleine Guerrillagruppe in Kontakt mit den Gemeinden tritt, entsteht ein Problem und ein Kampf. Ich habe eine Wahrheit − ich, die Guerrillagruppe -, und du weißt nichts. Ich werde dich unterweisen, ich werde dich indoktrinieren, ich werde dich erziehen, ich werde dich bilden. Irrtum und Niederlage.

In der Zeit als wir anfingen die Brücke der Sprache zu errichten, und Sprechweise zu modifizieren, fingen wir auch an die Art zu verändern in der wir uns selbst und die Rolle, die wir innehatten, betrachteten: zu dienen.

Von einer Bewegung, die sich der Massen zu bedienen suchte, des Proletariats, der Arbeiter, der Campesinos, der Studenten, um die Macht zu ergreifen und diese zu ihrem höchsten Glück zu führen, verwandelten wir uns allmählich in eine Armee, die den Gemeinden zu dienen hatte. In diesem Fall, den indigenen Tzeltal Gemeinden dieser Zone, in denen wir zuallererst Aufnahme fanden.

Der Kontakt mit den Gemeinden verursachte ein Lernprozess, der härter und schrecklicher war, als die Elektroschocks, die einem in psychiatrischen Anstalten versetzt werden. Nicht alle konnten ihn ertragen, einige von uns schon, aber wir beklagen uns auch heute noch darüber.

Was passierte danach? Was danach passierte ist, dass die EZLN zu einer indigenen Armee wurde, die den Indigenas diente, und von sechs ursprünglichen Gründungsmitglieder auf mehr als 6000 Kämpfer anwuchs.

Was war der Auslöser für den Aufstand vom 1. Januar 1994? Wieso haben wir uns zu einer bewaffneten Erhebung entschlossen? Die Antwort lautet, die Kinder. Nicht eine Analyse der internationalen Konjunktur. Sie werden mir sicher darin zustimmen, dass die internationale Konjunktur für einen bewaffneten Aufstand äußerst ungünstig lag. Der sozialistische Block war besiegt worden, die gesamte linke Bewegung in Lateinamerika befand sich auf dem Rückzug. In Mexiko beweinte die Linke gerade ihre Niederlage nachdem Salinas nicht nur Wahlbetrug verübte, sondern auch einen guten Teil des kritischen Gewissens der mexikanischen Linken aufgekauft hatte.

Jeder Anflug von Vernunft hätte uns sagen müssen: es herrschen keine geeigneten Voraussetzungen, macht keinen bewaffneten Aufstand, streckt die Waffen nieder, tretet unserer Partei bei, etcetera, etcetera. Aber etwas im Inneren brachte uns dazu, diesen Prognosen und diesen internationalen Konjunkturen zu trotzen.

Die EZLN beschloss somit zum ersten Mal, dem Kalender und der Geografie von oben zu trotzen. Der Grund waren die Kinder, wie ich schon sagte. In diesen Jahren, Anfang der 90er Jahre, hatte es eine Reform gegeben, die den Campesinos den Zugang zu Land verwehrte. Das Land, das die Campesinos hatten, sah so aus wie jenes, das Sie Morgen sehen werden, wenn sie den Hügel zum Dorf von Galeana hinaufsteigen: steile, felsige Abhänge. Alles gute Land gehörte den Großgrundbesitzern. In den nächsten Tagen werden Sie auch diese Fincas besichtigen, und den Unterschied der Bodenqualität sehen können.

Jede Möglichkeit, an ein Stück Land zu gelangen, wurde ausgemerzt. Und gleichzeitig fingen die Kinder an, durch Krankheiten ausgemerzt zu werden. Zwischen 1990 und 1992 hat in der Selva Lacandona kein einziges Kind das Alter von fünf Jahren erreicht. Sie starben vor dem fünften Lebensjahr an heilbaren Krankheiten. Nicht an Krebs, oder an AIDS, oder an Herzkrankheiten, sondern an heilbaren Krankheiten: Typhus, Tuberkulose, und zuweilen reichte schon eine einfache Erkältung aus, um Kinder unter Fünf zu töten.

Ich weiß, dass dies in der Stadt sogar als ein Vorteil betrachtet werden kann: weniger ist mehr, wie es oft heißt. Aber für ein indigenes Volk, bedeutet der Tod seiner Kinder sein Aussterben als Volk. Im natürlichen Alterungsprozess wachsen die Erwachsenen heran, werden älter und sterben. Wenn keine Kinder folgen, stirbt diese Kultur aus.

Das Massensterben der Indigenas, der indigenen Mädchen und Jungen, verschärfte das Problem noch. Aber im Unterschied zu den übrigen indigenen Gemeinden, gab es hier eine bewaffnete Rebellenarmee. Es waren die Frauen, die zuerst den Antrieb dazu gaben. Nicht die Männer. Ich weiß, dass in Mexiko, die Männer- die Mariachis, Pedro Infante und sie alle − traditionell als große Machos gelten. Aber es kam anders. Die Frauen waren es, die anfingen zu drängen: es muss etwas getan werden, es geht nicht so weiter, es reicht. Das waren die Frauen, die ihren Söhnen und Töchtern beim Sterben zusehen mussten.

Eine Art Gerücht fing an, in den Gemeinden umzugehen: wir müssen etwas tun, genug ist genug, in allen Sprachen. Zu der Zeit gab es uns bereits auch schon in der Zone Los Altos. Hier hatten wir zwei Compañeras, die damals wie heute das Rückgrat dieser Arbeit bildeten: die verstorbene Comandante Ramona, und Comandanta Susana.

An verschiedenen Orten fing diese Ruhelosigkeit, diese Wut − nennen wir es beim Namen − diese Rebellion bei den zapatistischen Frauen zu Tage zu treten, dass etwas unternommen werden musste. Wir taten das, was wir tun mussten, nämlich alle zu fragen, was wir tun sollten. In 1992 führten wir eine Consulta durch − ohne Fernsehen, ohne die Regierung im Bundesdisktrikt, ohne irgendetwas von dem, was es jetzt gibt − und jede Gemeinde hielt Versammlungen ab − so wie diese hier, in der wir uns gerade befinden. Das Problem wurde aufgeworfen. Die Alternativen waren sehr einfach: wenn wir einen bewaffneten Aufstand wagten, würden wir untergehen, aber es würde Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und die Lebensbedingungen der Indigenas würden sich bessern. Wenn wir keinen bewaffneten Aufstand wagten, würden wir überleben, aber als indigene Völker verschwinden. Die Logik des Todes zwang uns zu sagen: sie lassen uns keine andere Wahl. Heute, 14, fast 15 Jahre später sagen wir − jene von uns, die hier längere Zeit verbracht haben − wie gut, dass sie uns keine andere Wahl gelassen haben.

Die Gemeinden sagten: dafür seid ihr da, um zu kämpfen, kämpfen wir also. Es handelte sich nicht nur um eine formelle Beziehung, die Befehlsgewalt. Formell war es nämlich umgekehrt: formell hatte die EZLN die Befehlsgewalt, und die Gemeinden waren die Untergebenen. Aber tatsächlich, in Wirklichkeit, war es genau andersherum: die Gemeinden stützten, versorgten und brachten die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung zum wachsen.

Bei alldem war auch der Beitrag eines Compañeros Mestizen entscheidend, der aus der Stadt stammte, Subcomandante Insurgente Pedro, der am 1. Januar 1994 im Kampf gefallen ist.

Als wir diese Alternative präsentierten, und die Gemeinden sagten "wir müssen einen bewaffneten Aufstand führen", lautete die militärische Auswertung, die wir anstellten − und daran kann sich Oberstleutnant Moises gut erinnern, weil das auf diesem Berg geschehen ist, da hinter dem Dorf, dort oben, in einem Camp, in dem wir ein Treffen aller zapatistischen Befehlshaber abhielten − , die Überlegung, die ich ihnen vorhielt lautete so: wir müssen uns gut überlegen was wir tun, denn wenn wir es erst einmal in Gang bringen, gibt es kein zurück mehr.

Wenn wir anfangen die Leute zu fragen, ob wir einen bewaffneten Aufstand machen sollen oder nicht, werden wir nicht mehr halt machen können. Wir wussten und fühlten, dass die Antwort "ja" lauten würde. Und wir wussten und fühlten, dass jene, die dabei fallen würden, wir waren, die bei diesem Treffen in den Bergen versammelt waren, oberhalb von La Garrucha.

Es kam wie es kam. Ich werden Ihnen nichts über den 1. Januar 1994 erzählen, weil sie uns schon einigermaßen gut kennen − na gut, einige von Ihnen zumindest, weil andere unter Ihnen noch sehr jung sind. Es eröffnete sich eine Etappe des Widerstands, wie wir das sagen, in welcher wir vom bewaffneten Kampf zur Organisation des zivilen und friedlichen Widerstands übergingen.

In diesem ganzen Prozess geschah dann etwas, auf das ich besonders aufmerksam machen möchte, nämlich die Änderung in der Haltung der EZLN hinsichtlich des Problems der Macht. Und diese Definition dem Problem der Macht gegenüber ist es, die den weiteren zapatistischen Weg am nachdrücklichsten kennzeichnen sollte. Wir hatten nämlich gemerkt − und in dieses "wir" waren die Gemeinden bereits einbegriffen, nicht nur die erste Gruppe − wir hatten gemerkt, dass die Lösungen, wie überall auf der Welt, von unten nach oben errichtet werden. Und all unsere früheren Vorschläge, und in allen Vorschlägen der orthodoxen Linken bis dahin, war es genau umgekehrt, die Lösungen für unten sollten von oben kommen.

Diese Veränderung von unten nach oben bedeutete für uns, dass wir uns selbst und die Leute nicht dafür organisieren würden, wählen zu gehen, oder einen Protestmarsch zu führen, oder Sprechchöre zu skandieren, sondern um zu überleben und um den Widerstand in eine Schule zu verwandeln. Das alles haben die Compañeros zuwege gebracht, nicht diese ursprüngliche kleine Gruppe der EZLN, sondern die EZLN die bereits einen indigenen Bestandteil hatte. Das was heute in groben Zügen als Aufbau der zapatistischen Autonomie bekannt ist, ist ein Prozess, den ihnen Oberstleutnant Moises jetzt näher erläutern wird.

Davor möchte ich einige Dinge sagen. Es wird gesagt, nicht ohne Grund, dass in den letzten zwei Jahren, 2006 und 2007, Subcomandante Marcos sich beharrlich und mit großem Erfolg darum bemüht hat, das Medienbild zu zerstören, das um ihn herum errichtet worden war. Und es wird darauf hingewiesen, dass Personen, die uns früher nahestanden, sich heute distanziert haben oder definitiv zu Anti-Zapatisten geworden sind. Einige von ihnen haben Ihre Länder besucht, um Reden zu führen, und wurden dort so empfangen als ob sie den bewaffneten Aufstand geführt hätten. Es waren die Zapatologen, die bereit waren, auf volle Spesen zu reisen, um auf Auslandsreisen den Applaus, die Karawanen und alle weiteren Vergünstigungen einzuheimsen.

Was ist passiert? Ich werde Ihnen sagen, wie wir das alles sehen. Sie alle haben Ihre eigene Vision. Als die EZLN sich zuerst erhob ... ich versuche Ihnen das so zu erklären: hier in den indigenen Zonen ist oft von "Kojoten" die Rede. Bei den Kojoten muss man unterscheiden, denn für die Yaquis und die Mayos gilt der Kojote als cool, also sehr sinnbildlich. In Chiapas nicht. Der Kojote ist der Zwischenhändler. Es ist jemand, der von den Indigenas billig einkauft und die Ware dann teuer auf dem Markt verkauft.

Als der zapatistische Aufstand erfolgte, tauchte das auf, was wir als die Zwischenhändler der Solidarität bezeichnen. Oder eben Kojoten der Solidarität. Diese Leute, die damals wie heute behaupten mit dem Zapatismus in Verbindung zu stehen, einen heißen Draht zu uns zu haben, genau Bescheid zu wissen was hier passiert, schlagen daraus ein politisches Kapital. Sie kommen und bringen eine Kleinigkeit, das heißt, sie kaufen billig ein, und dann präsentieren sie sich als Gesandte der EZLN: sie verkaufen teuer.

Das Erscheinen dieser Gruppe von Vermittlern, darunter Politiker, Intellektuelle, Künstler und Persönlichkeiten der sozialen Bewegung, verbarg vor uns die Existenz anderer Anliegen, anderer Unten. Wir ahnten, dass es das untere Spanien gab; das Baskenland in Rebellion; dass rebellische Griechenland; das aufständische Frankreich; das kämpfende Italien; aber wir konnten sie nicht sehen. Und wir fürchteten daher, dass Sie uns auch nicht sehen konnten.

Diese Zwischenhändler organisierten und erledigten Sachen, als wir hoch angesagt waren und sie politisches Kapital daraus schlagen konnten. So wie es Leute gibt, die Konzerte organisieren, und dafür einen Teil der Einnahmen als Lohn behalten, oder was ihre Organisation auch immer kostet.

Es gab andere Unten. Wir hatten schon immer diese Vorstellung: der Zapatismus war immer der Auffassung, dass wir weder die einzigen, noch die besten Rebellen sind. Und unsere Auffassung bestand nicht darin eine Bewegung ins Leben zu rufen, die die Vorherrschaft über den gesamten Widerstand in Mexiko oder weltweit ausüben würde. Wir haben niemals nach einer Internationalen gestrebt, weder nach der fünften Internationalen oder welche auch immer gerade dran ist − Alejandro...? Nein, nicht die Sexta, das ist was anderes, das ist die Internationale Andere Kampagne. Der Compañero hier kennt sich mit den Internationalen aus...

Was ist geschehen? Ich werde ihnen einige Dinge sagen, die für Sie nichts Neues sein werden. Das Märchen einer institutionellen Linken ist den Spaniern bestens vertraut, mit Rodríguez Zapatero oder Felipe González; für das Baskenland ist das eher Gora Euskal Herria; für das rebellische Italien dürfte das auch keine Neuheit sein; und Griechenland, kann uns auch viel darüber erzählen; genau wie Frankreich über Baron Mitterrand.

In Mexiko ist das nicht der Fall. Es herrscht immer noch der Glaube, dass es möglich sein könnte, dass die Linke, die wir jetzt erleiden, an die Macht kommen kann, ohne etwas einzubüssen. Das heißt, dass sie an die Regierung kommen könnte, ohne aufzuhören links zu sein. Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland, praktisch alle Länder der Welt können das Gegenteil bezeugen: konsequente Persönlichkeiten der Linken − nicht ausschließlich radikal − die in dem Augenblick in dem sie an die Macht gelangten, aufhörten Linke zu sein. Die Geschwindigkeit variiert, genau wie die Gründlichkeit der Wandlung, aber die Veränderung folgt unweigerlich. Wir bezeichnen dies als den "Mageneffekt" der Macht: man wird entweder verdaut, oder zu Scheiße.

Diese Annäherung der Linken, oder selbsternannten Linken in Mexiko an die Macht − gerade fällt mir ein, dass ich einer Zeitung zufolge ja gar nicht hier bin, sondern mich in Mexiko Stadt aufhalte, und bei den Festen der Linken mitmache, ich wusste gar nicht dass es in Mexiko Stadt eine Linke gibt, die Feste feiert ... Ja, es gibt schon eine, aber das ist eben die Andere Linke -; Sobald sich dieser Linken irgendeine Möglichkeit bietet, an die Macht zu gelangen, setzt bei ihr dieser Prozess der Verdauung und Ausscheidung der Macht ein. Den Zapatisten, und allen, die zur Mitte gehören − tut mir leid, wenn ich jetzt Herzen breche, aber die Mitte liegt nicht in der Mitte sondern neigt nach rechts. Nein, die andere Seite, nach rechts... schön, rechts von Ihnen eben...

Worauf das hinauslief, ist, dass diese Gruppe von Intellektuellen, Künstlern und sozialen Anführern, von uns erwartete, die Geschichte auf den Stand von 1984 zurückzudrehen, als wir noch dachten, dass eine einzelne Gruppe oder Einzelperson, die an die Macht gelangt, alles von oben verändern würde. Und dass wir unser ganzes Vertrauen, unsere Zukunft, unser Leben und unseren Aufbauprozess, auf einen Auserwählten setzten, eine einzelne Person, die mit einer Bande von 40 Gaunern im Bunde steht, die die mexikanische Linke darstellen.

Dazu sagten wir Nein. Das liegt nicht daran, dass uns der legitime Präsident unsympathisch ist, sondern schlicht und einfach daran, dass wir nicht an diesen Prozess nicht glauben. Wir glauben nicht daran, dass irgendjemand, nicht einmal jemand der so blendend aussieht wie Subcomandante Marcos, dazu fähig ist, diese Verwandlung herbeizuführen. Wir konnten dem nicht nachkommen, also kam es zum Bruch.

Ich möchte Sie auf etwas aufmerksam machen: wir haben damals schon gesagt, dass es zu dem kommen würde, was jetzt eingetreten ist. Als wir das damals sagten, sagten sie, dass wir der Rechten in die Hand spielen würden. Jetzt, da sie das wiederholen was wir vor zwei Jahren sagten, sogar mit den gleichen Worten, heißt es, das sei, um der Linken zu dienen.

Der Zapatismus ist unbequem. Wie ein Teilchen, das im Puzzle der Macht nirgendwo reinpasst, und man loswerden muss. Unter allen Bewegungen, die es in Mexiko gibt, ist der Zapatismus eine Bewegung − nicht die einzige
- die für diese Leute unbequem ist. Es ist eine Bewegung, die sich weigert sich anzupassen, sich weigert sich zu ergeben, sich weigert nachzugeben, sich weigert sich zu verkaufen. Und in den Bewegungen von Oben ist das die geltende Logik, das Rationelle. Es ist die "Realpolitik", wie man dazu sagt.

Also kommt es zu dieser Entfremdung, die allmählich anfängt, auf die internationalen Sektoren überzugreifen, hauptsächlich in Lateinamerika und Europa. In ihrem Nachzug wurden jedoch standhaftere Beziehungen errichtet. Um nur wenige zu nennen, die zu den Compañeros von der CGT in Spanien, die kulturelle Bewegung in Rebellion des Baskenlandes, das soziale Italien, und seit neuestem, haben wir das rebellische und ungehorsame Griechenland kennengelernt.

Dieser Rechtsruck wird folgendermaßen verborgen, es wird gesagt: "Die EZLN hat sich radikalisiert und ist weiter nach Links abgerutscht". Verzeihung, unsere Denkweise ist weiterhin die gleiche: wir streben nicht danach, die Macht zu ergreifen, wir glauben, dass alles von unten errichtet wird. Was wirklich passiert ist, ist, dass diese Sektoren, die Zwischenhändler der Solidarität, die internationalen Kojoten oder die Internationale der Kojoten, nach Rechts abgerutscht sind. Denn die Macht lässt sich nicht einnehmen, ohne etwas einzubüssen.

Die Macht ist ein exklusiver Klub, dem man nur unter strengen Richtlinien beitreten kann. Das was wir Zapatisten als "die Gesellschaft der Macht" bezeichnen, hat ihre Regeln. Und man kann nur Einlass erlangen, wenn man diese Regeln erfüllt. Für jeden, der Gerechtigkeit anstrebt, Freiheit, Demokratie, Respekt für das Anderssein, ist es unmöglich, ihr beizutreten, es sei denn, man rückt von diesen Ideen ab.

Als wir anfingen, diesen Rechtsruck innerhalb des Sektors wahrzunehmen, der dem Zapatismus mehr zugeneigt gewesen zu sein schien, begannen wir uns zu fragen, weshalb es ein unten gab, und was dahinter lag. Um ehrlich zu sein, haben wir alles von hinten aufgerollt: wir fingen mit der Welt an, also international, um schließlich auf Mexiko zu kommen.

Aus Gründen, die Sie vielleicht erklären können, kam der Zapatismus schon immer besser in anderen Ländern an als in Mexiko. Und er kam schon immer besser in Mexiko an, als bei den Leuten in Chiapas. So als ob es im umgekehrten Verhältnis zur Geografie stehen würde: jene, die weiter weg lebten, standen uns näher, und jene, die nahebei lebten, waren am weitesten von uns entfernt.

Die Idee kam auf, nach Ihnen zu suchen, mit der Intuition und dem Wunsch, dass es sie gab: Sie, andere wie Sie. Es folgte die Sechste Erklärung, der definitive Bruch mit diesem Sektor der Kojoten der Solidarität. Und die Suche, in Mexiko und auf der ganzen Welt, nach anderen, die wie wir waren, aber anders.

Neben dieser Haltung der Macht gegenüber, gibt es ein essentielles Merkmal des Zapatismus − den Sie bemerken werden, wenn Sie sich in den nächsten Tagen hier aufhalten, oder wenn Sie mit den Autonomen Räten und den Juntas der Guten Regierung reden, also die autonomen Autoritäten: der Verzicht darauf, die Gesellschaft hegemonisieren und homogenisieren zu wollen. Wir streben nicht nach einem zapatistischen Mexiko, oder einer zapatistischen Welt. Wir streben nicht danach, dass alle zu Indigenas werden. Wir möchten lediglich einen Platz, hier, der uns gehört, wo wir in Frieden leben können, wo niemand uns etwas vorschreibt. Dies ist die Freiheit: selbst entscheiden zu können, was wir tun wollen.

Und wir glauben, dass dies nur möglich ist, wenn andere wie wir das Gleiche wollen und dafür kämpfen. Wir möchten eine Beziehung der Kameradschaft herstellen. Das ist es, was die Andere Kampagne zu errichten versucht. Das ist es, was die Sexta Internacional zu errichten versucht. Ein Zusammentreffen der Rebellionen, ein Austausch von Erfahrungen und eine direktere Beziehung, nicht über die Presse, sondern echt, der Unterstützung zwischen den Organisationen.

Vor einigen Monaten besuchten uns hier Compañeros aus Korea, Thailand, Malaysia, Indien, Brasilien, Spanien − ich kann mich nicht an alle Orte erinnern − von der Via Campesina. Wir haben sie in La Realidad gesehen, wo wir uns mit ihnen getroffen haben. Und als wir uns unterhielten, sagten wir ihnen, Treffen zwischen Anführern sind für uns nichts wert. Noch nicht einmal das Foto, das dabei geschossen wird. Wenn die Führungen zweier Bewegungen nichts dazu beitragen, dass diese Bewegungen sich treffen und kennen lernen, sind diese Führungen zu nichts gut.

Wir sagen jetzt das gleiche zu Ihnen, und zu allen, die kommen um dies vorzuschlagen. Das was uns interessiert, ist was dahinter steht: Sie selbst, andere wie Sie selbst. Wir können nicht nach Griechenland kommen, aber wir können nachrechnen und wissen, dass nicht alle die uns von dort gerne besuchen wollten, auch hier sein konnten. Wie können wir mit diesen anderen sprechen? Und ihnen sagen, dass wir keine Almosen wollen, dass wir kein Mitleid wollen. Dass wir nicht wollen, dass sie uns das Leben retten. Dass wir uns einen Compañero, eine Compañera wünschen, und Gesinnungsgleiche in Griechenland, die für ihre eigenen Ziele kämpfen. In Italien, im Baskenland, in Spanien, in Frankreich, in Deutschland, Dänemark, Schweden − ich werde nicht alle Länder aufzählen, weil ich sicher eins vergesse und dann hagelt es Proteste.

Wonach suchen wir? Während dieses kurzen Umrisses, erwähnte ich eine moralische und ethische Hinterlassenschaft unserer Begründer. Sie betrifft vor allem den Kampf und die Achtung für das Leben, die Freiheit, die Gerechtigkeit und die Demokratie. Wir tragen unseren Compañeros gegenüber eine moralische Schuld. Nicht Ihnen gegenüber, oder den Intellektuellen, die sich von uns distanziert haben, oder den Künstlern oder Schriftstellern, oder den sozialen Anführern die heute Anti-Zapatisten sind.

Wir haben eine Schuld jenen gegenüber, die kämpfend gestorben sind. Und wir möchten, dass irgendwann der Tag kommt, an dem wir ihnen, unseren Toten, nur drei Sachen sagen können: wie haben uns nicht ergeben, wir haben uns nicht verkauft, und wir haben nicht nachgegeben.

Es folgt der Oberstleutnant Moisés....

 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/comision-sexta/978/ 
 

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