Schnellnavigation

Listenmoderator

Die Liste wird von PCl moderiert.

Webmaster

chiapas.eu powered by KADO.

unterstützte Standards

W3C HTMLW3C CSS
RSS 2.0Adobe PDF
twitter.com/chiapas98

Interview mit Miguel Angel de los Santos

 

Rechtsanwalt und Mitglied des Netzwerks der Gemeinde-Verteidiger im Bundesstaat Chiapas

News vom 14.08.2002
übersetzt von Hella Musick

  Das Interview führten David Rosales, freier Journalist und Fotograf und Luz María Briones, freie Radio-Journalistin am 14.August 2002 in San Cristóbal de las Casas, Chiapas. Die Namen werden durch Kürzel ersetzt.

DR: Am 9.August hat die Internationale Zivile Kommission der Menschenrechtsbeobachter in Chiapas ihren abschließenden Bericht nach dem dritten Besuch zwischen dem 26.Februar und dem 3.März dieses Jahres bekanntgegeben. In diesem Bericht wird klar dargestellt, daß die Situation der Menschenrechte in Chiapas nicht besser geworden sind. Was ist Deine Meinung?

MADS: Vor allem möchte ich sagen, daß der Bericht, den diese Gruppe von Menschenrechtlern herausgegeben hat, die vollständigste Arbeit ist, seitdem wir eine neue Bundes-wie Landesregierung haben. Die Tatsache, daß die Kommission direkte Aussagen aus den Gemeinden, von NGO’s und von den Opfern einerseits und andererseits die Version von Regierungsfunktionären in einem einzigen Bericht zusammengetragen hat, erlaubt dem Leser Vergleiche zu ziehen, die Wahrheit der Opfer mit der Wahrheit der zivilen Organisationen und dem ofiziellen Diskurs gegenüberzustellen. Der Gedanke, der mir bei der Durchsicht dieses Dokumentes kam, war, daß dieser Bericht mit allen Unterlagen, nötigen Angaben, reichlichen Beweisen uns vor Augen führt, daß es in Chiapas, was die Menschenrechte angeht, keinen bedeutenden Fortschritt gegeben hat Erstens schafft die Tatsache, daß das mexikanische Militär sich in den Gemeinden befindet, immer ein Klima von Menschenrechtsverletzungen. Das ist logisch und wird erst aufhören, wenn das Heer sich zurückzieht. Zur Veranschaulichung möchte ich sagen, daß die Anwesenheit des Miltärs in der Nähe der Gemeinden das tägliche Leben stört, religiöse Zeremonien unterbricht, eine Verletzung der kollektiven Menschenrechte ist. Andererseits dokumentiert der Bericht ein anderes Phänomen, die Straflosigkeit, mit der immer noch die paramilitärischen Gruppen in Chiapas operieren. Es ist eine Tatsache, daß die paramilitärischen Gruppen weiterhin straflos ausgehen können und das zeigt uns, daß die Regierung nicht bereit ist, den Opfern, die Familienmitglieder durch die Paramilitärs verloren haben, von staatlicher Seite Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das betrifft sowohl die Verbrechen, die in früheren Regimen von den Paramilitärs begangen wurden, als auch diejenigen, die während der Amtszeit der jetzigen Regierung passierten. Zusätzlich leiden viele Menschen, die ihre Dörfer wegen der paramilitärischen Agressionen verlassen mußten, immer noch unter den Folgen ihrer Flucht. Es gab Gruppen von Rückkehrern, jedoch gestaltete sich die Rückkehr ohne die notwendigen Sicherheitsgarantien. Außerdem konnten die Vertriebenen nicht an Orte zurückkehren, wo es Bedingungen für ein adäquates Leben für sie gab. Sagen wir mal, daß es sich um fragile, vorübergehende Lösungen handelte. Das andere schwerwiegende Problem in Chiapas war und ist immer noch das der Rechtsprechung. Zur Routine gehört es, von willkürlichen, illegalen Festnahmen zu hören, von denen besonders Menschen indigener Herkunft und Bauern betroffen sind. Bei diesen Festnahmen handelt es sich häufig um Massenfestnahmen, einem Vorgehen, das in einem Rechtsstaat so nicht stattfinden könnte. Es ist einfach nicht zu glauben, daß in einer einzigen Polizeiaktion 60 oder 70 Personen verhaftet werden und man später sagt, daß 50 von ihnen gar nichts mit der Sache zu tun hatten und nur 10 oder weniger weiterhin in Haft bleiben. Das spiegelt eine autoritäre Politik wider, der die Menschenrechte gleichgültig sind. Deshalb bricht dieser Bericht zur Lage der Menschenrechte in Chiapas mit der von Bundes- und Landesregierung propagierten Idee, daß in Chiapas eine neue Ära angebrochen sei. Die Landesregierung sagt immer mal wieder: Der größte Beweis dafür, daß die Menschenrechte jetzt endlich respektiert werden, sei die Tatsache, daß es keine Massaker mehr gibt. Aber gut — mag sein, daß sie mit dieser Behauptung recht hat. Aber versichern kann sie nicht, daß es in Zukunft keine geben wird. In der letzten Zeit wurden Menschen exekutiert, es waren einzelne, nicht viele auf einmal. Der Ernst der Situation drückt sich nicht in der Anzahl der Ermordeten aus!

LMB: In der Pressekonferenz, die die Internationalen Beobachter gaben, zeigte man sich besonders besorgt über die Region Montes Azules. Dort könnte es zu Vertreibungen und anderen schwerwiegenden Problemen kommen. Anscheinend führt die Regierung da etwas seltsame Verhandlungen. Was meinst Du dazu?

MADS: Was in Montes Azueles passiert, ist ein klarer Versuch von Vertreibung indigener Bevölkerung aus diesen Gebieten. Glücklicherweise haben wir das verhindern können. Wir haben eine Petition vorbeugender Maßnahmen der interamerikanischen Menschenrechtskommission vorgelegt. Dieser internationale Organismus, abhängig von der Organisation Amerikanischer Staaten, bat die mexikanische Regierung um Informationen, und berief sich dabei auf unsere Petition, die 6 Gemeinden aus den Montes Azules betrifft. Die mexikanische Regierung mußte antworten. Ihr Kommentar: Wir wollten nicht räumen, wir wollten bloss umsiedeln. Zum Glück konnten wir beweisen, daß die mexikanische Regierung doch vertreiben wollte. Der Beweis ist ein Dokument, das der "runde Tisch für Umweltfragen" (in spanisch: mesa ambiental) erstellt hat, ein Organismus, der die Politik für die Region Montes Azules überprüft. Dieser Organismus erarbeitete ein Dokument, in dem schwarz auf weiß steht, welche Gemeinden vertrieben werden sollten. Wir ließen das die interamerikanische Kommission wissen und auch , daß die mexikanische Regierung den Begriff Vertreibung durch den Begriff Umsiedlung ersetzt. Indem sie den Gemeinden die Gelder streicht, will sie sie zwingen, ihr Land zu verlassen. Es handelt sich also um eine Zwangsumsiedlung, was letztendlich das gleiche ist wie Vertreibung.

LMB: Und wozu die Umsiedlung in der Logik der Regierung?

MADS: Als Vorwand dient die ökologische Erhaltung der Montes Azules. Doch wir haben Beweise darüber, daß ganz andere Interessen sich unter dem Deckmantel des Umweltschutzes verbergen, wenn internationale Umweltschutzorganismen hier in Mexiko agieren. Sie beeinflussen die Regierungspolitik. Konkret beziehe ich mich auf International Conservation, eine Organisation aus den USA, von der wir wissen, daß sie Gelder von großen Unternehmen bekommt, darunter McDonalds. Ich wiederhole:es gibt den konkreten Versuch, wenigstens 6 indigene Gemeinden von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Also: hier geht unser Ringen um die Rechte indigener Völker. Wir argumentieren: die indigenen Völker haben Recht auf ihr Land und darauf, da, wo sie leben, ihre Kultur zu erhalten. Man kann nicht Umweltschutz als Vorwand dafür nehmen, diese Menschen zu entwurzeln.

DR: Einerseits sagen Bundes-und Landesregierung, daß ein Klima des Friedens und der Versöhnung in Chiapas herrscht.Andererseits sagt uns die Realität jeden Tag, daß sich die Repression verschärft. Meinst Du, daß die Bundes-und die Landesregierung doppelzüngig sind?

MADS: Ja, ich glaube ja. Beide Regierungen waren nicht ehrlich mit ihrer Politik in Bezug auf die Menschenrechte. Nach außen wird ein Bild von Mexiko projiziert, das der Realität nicht entspricht. Dieses Bild zeigt ein Mexiko, das die Menschenrechte achtet, wo eine neue Zeit der Demokratie angebrochen ist und es wird mit großen finanziellen Mitteln über die Medien transportiert Das gleiche passiert im Fall von Chiapas: die Regierungspolitik wird verteidigt, finanzielle Ressourcen verschwendet; und mehr noch: Wenn wir den Bericht der Internationalen Menschenrechtskommission ansehen, lesen wir, daß die Kommission 5 Stunden mit dem Gouverneur über die Menschenrechte gesprochen hat. Er nahm sich den ganzen Tag lang Zeit, nach diesem Bericht, um Fragen und Sorgen bezüglich der Menschenrechte zu beantworten. Ich glaube, daß es Bestrebungen von Seiten der Regierung gibt, über den ofiziellen Diskurs und über die Medien uns weismachen zu wollen, daß die Menschenrechte in Chiapas respektiert werden. Zweifelsohne haben Tatsachen mehr Aussagekraft als Worte und im konkreten Fall von Chiapas bin ich davon überzeugt, daß der Diskurs der Regierung nicht mit den Ereignissen übereinstimmt: Repression und Menschenrechtsverletzungen zeigen, daß die Menschenrechtspolitik der Landesregierung nur aus Worten besteht. Es sind mehr als Worte nötig, um eine Poltikik zu machen, die die Menschenrechte achtet. In diesem Sinn gibt es eine doppelzüngige Politik. Zum Beispiel: Es gibt eine Empfehlung der Bundeskommission für Menschenrechte für den Fall Marqués de Comillas. Dort kam es zu Folterungen, illegalen und willkürlichen Festnahmen und Massenverhaftungen. Es fehlt, daß die Landeskommission für Menschenrecht entsprechend über die Verhaftungen in Ixtapa, in Carranza und all den anderen Polizeiaktionen berichtet, in denen Massenverhaftungen stattgefunden haben. Ein weiteres Beispiel: die Versöhnungspolitik, die die Landesregierung so eifrig bemüht ist zu betreiben, kommt zur Unzeit. In den Themen, die in San Andrés diskutiert wurden, steht das Thema Versöhnung am Schluss. Es ist doch logisch, daß Versöhnung erst eintreten kann, wenn Demokratie und Gerechtigkeit bereits existieren, wenn die Rechte der indigenen Völker, die Rechte der Frauen, usw. anerkannt worden sind.Aber die Regierung von Chiapas hat von Anfang an ein Versöhnungsbüro eingerichtet und die Stelle für einen Beauftragten für die Versöhnung geschaffen, dessen Tätigkeit im wesentlichen die eines politischen Funktionärs des Innenministeriums ist. Der mischt sich nämlich überall ein, wo es Konflikte gibt und versucht sie zu lösen.

LMB: ...das Feuer zu löschen...

MADS: Genau, aber er fördert nicht die Versöhnung, denn die Versöhnung kommt erst, wenn die strukturellen Probleme, die es in Chiapas gibt, gelöst werden. Als wir die Nachricht hörten, daß die Regierung von Chiapas die Ausbildung von "Versöhnungsagenten" oder wie immer sie genannt werden, fördert, schien mir das ein Projekt ohne Zukunft, ohne praktische Anwendung in der heutigen Realität. Ich hörte z.B. von einer Einladung, die vom Ministerium für Soziale Entwicklung an die Gemeinde Nicolás Ruiz gerichtet war. Die Gemeindemitglieder sollten an einem workshop teilnehmen, um unterschiedliche Formen der Konfliktlösung zu lernen. Aber in Nicolás Ruiz gibt es seit vielen Jahren Probleme um das Land, Probleme innerhalb der Gemeinde und politische Konflikte, die ungelöst sind. Unter diesen Umständen kann man einen Versöhnungsagenten aus Nicolás Ruiz ausbilden, fünf Jahre, wenn’s sein sollte, aber solange die Grundprobleme nicht gelöst sind, wird der Versöhnungsbeauftragte nichts für diese Gemeinde tun können, er wird die Gruppen, die gegeneinander sind, nicht versöhnen können und diese gleiche Situation gibt es überall in Chiapas, wo grundsätzliche Probleme gelöst werden müssen. Im Norden z.B. kann man gar nicht von Versöhnung sprechen, solange die paramilitärischen Gruppen nicht vor Gericht stehen. Wie soll man von Versöhnung sprechen, , wenn die, die im Gefängnis gelandet sind, Mitglieder zapatistischer Basisgruppen sind und die Paramilitärs frei herumlaufen?

DR: Die Landesregierung hat vor ungefähr einem Monat von der Friedrich-Ebert-Stiftung 100.000 Euros erhalten, um ca. 200 ?Versöhnungsagenten" für die Menschenrechtsarbeit in den Gemeinden auszubilden. Glaubst Du, daß es sich um einen Scherz handelt, solange die Grundproblematik nicht gelöst ist?

MADS: Ich glaube, daß es sich eher um Image-Pflege handelt als darum, Versöhnungs- Beauftragte auszubilden. Solange die politischen und sozialen Differenzen anhalten, solange hunderte von Agrarkonflikten nicht gelöst sind, die Teilung innerhalb der Gemeinden anhält, Militarisierung, Paramilitarisierung und Rechtsprechung nach politischem Gutdünken stattfinden, d.h. die Grundproblematik nicht gelöst wird, werden die Versöhnungsbeauftragten nichts machen können. Versöhnung steht am Ende des Prozesses und nicht am Anfang. Ich glaube, daß die Regierung von Chiapas ernsthaft wirkliche, ehrliche und entscheidende Maßnahmen beim Thema Menschenrechte ergreifen muß. Strukturen, die Verletzungen der Menschenrechte hervorbringen, müssen geändert werden; wie wir schon gesagt haben: die Probleme mit den Menschenrechten haben zu tun mit der Militarisierung, der Paramilitarisierung, der Ausübung des Rechts nach politischem Gutdünken und den schwerwiegenden Agrarkonflikten. Diese sind Folgen von Beschlüssen der jeweiligen Präsidenten des Landes (in spanisch: resoluciones presidenciales), die häufig das gleiche Stück Land zwei unterschiedlichen Bauerngruppen zuteilten. Außerdem gibt es noch viele Bauerngruppen, die ein Stück Land zum Bearbeiten suchen. Ich wiederhole: man kann nicht von Versöhnung sprechen, solange die Probleme andauern.

DR: Meinst Du, daß die Menschenrechtsverletzungen in der letzten Zeit zugenommen haben? Oder ist die Situation gleich geblieben?

MADS: Ich neige eher zu der zweiten Auffassung. Die Menschenrechtsverletzungen konnten nicht überwunden werden, nichts deutet darauf hin, daß sie weniger geworden sind. Etwas ist anders zur Zeit. Zum Beispiel gibt es keine Eingriffe in die autonomen Landkreise, wir hören nichts von schweren Zusammenstößen oder Massakern.. Es gibt aber andere Formen von Menschenrechtsverletzungen, z.B. daß die Folter immer noch die beliebteste Methode der Polizei ist, um Geständnisse zu erzwingen, der Mißbrauch des Hausarrests, die Straflosigkeit gegenüber den Paramilitärs; das spiegelt eine Politik des Nicht-Auseinander-Setzen-Wollens mit diesen Gruppen wieder. Allein die Tatsache, daß 15.000 Menschen in den indigenen Landkreisen von Oxchuc und Huixtan durch eine heilbare Infektionskrankheit, das Trachom, erblindet sind, aber man von Regierungsseite nichts unternimmt, um diesen Menschen zu helfen und stattdessen ein Fußballstadion baut, ist eine Menschenrechtsverletzung. Ich meine, daß auch die jetzigen Regierungen die Verletzung der Menschenrechte nicht überwunden haben.Wir erwarteten, daß die Menschenrechtsverletzungen aufhören würden oder wir wenigstens den Willen sehen würden, ihnen Einhalt zu gebieten. In diesem Sinn bin ich Deiner Meinung: die Situation der Menschenrechtsverletzungen ist gleich geblieben.

DR: Glaubst Du, daß es in nächster Zeit entspannter zugehen oder sich verschärfen wird? Oder wird alles so bleiben?

MADS: Ja, es wird alles so weiter gehen mit "geringfügigen" Ereignissen, mit sogenannten"geringfügigen" Menschenrechtsverletzungen. Ich sage "geringfügig", weil sie nicht massiv sind oder weil es sich nicht um Massaker handelt. Aber es handelt sich um ständige Menschenrechtsverletzungen, begangen an einzelnen Menschen, aber zusammen machen sie eine immer schwerwiegendere Lage der Menschenrechtsverletzungen aus.

DR: Bei diesem Zustand: könnte es zu gravierenderen Menschenrechtsverletzungen kommen, z.B. Massakern und Ermordungen?

MADS: Ich glaube, daß man das nicht ausschließen kann. Es gibt ein Problem und das ist die Mißachtung von Seiten der Regierungsinstanzen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Diese Mißachtung erzeugt bei den Betroffenen Frustration, Groll, viel Unmut und deshalb auch Konflikte innerhalb der Gemeinden. Wenn die Verantwortlichen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen und nicht die notwendigen Schritte einleiten zur Lösung der Probleme, werden Konflikte produziert. Das hat die Regierung auch zu verantworten.

DR: Glaubst Du, daß die Haltung der Regierung von Chiapas, sich nicht um eine Lösung der Konflikte zu bemühen, eine Politik an sich ist, oder handelt es sich um Geringschätzung gegenüber den Betroffenen?

MADS: Es zeigt sich, zumindest bei den Fällen, die ich kenne, daß sehr uneffektiv gearbeitet wird und viele Mühen unternommen werden, um die Probleme nicht zu lösen, d.h. die Regierung stellt die Bedingungen für die Lösung. Ein Beispiel: Den Massenverhaftungen von Ixtapa im Februar 2001 gingen Anhörungen und Besprechungen mit Funktionären der Regierung voraus. In einer dieser Sitzungen sagte ein Regierungsmitglied zu denen aus Ixtapa: "Wenn ihr Euch nicht davon distanziert, euch als Autonomes Munizip zu erklären, wenn ihr Euch nicht von Euren politischen Haltungen distanziert, werden wir Euch ins Gefängnis werfen." Alles scheint darauf hinzuweisen, daß die aus Ixtapa sich nicht distanzierten. Es folgte ein Polizeieinsatz, wo Dutzende festgenommen wurden und andere ins Gefängnis wanderten. Und das alles, weil die Regierung von Chiapas unfähig war, auf friedliche Weise einen politischen Konflikt zu verhandeln. Und das ist nur ein Fall. In Marqués de Comillas greift die Regierung wieder auf Polizeieinsätze zurück und bei allen anderen Konflikten vergleichbarer Größe. Es scheint sich hierbei um eine politische Strategie zu handeln, um eine vorher festgesetzte Strategie, d.h.: ich verhandele mit dir, aber wenn du nicht meine Bedingungen erfüllst, schicke ich die Polizei und werf dich ins Gefängnis. Das alles spiegelt nur das Scheitern einer Politik wider, die nicht auf Verhandlungen setzt.

DR: Meinst du, daß es in nächster Zeit nicht mehr zu Menschenrechtsverletzungen kommen wird, oder daß sich die Situation verschlimmern wird, oder daß alles gleich bleiben wird?

MADS: Ich nehme an, daß alles so weitergehen wird. Für mich ist klar, daß die Regierung von Chiapas ihren linken Flügel verloren hat. Ihre anfängliche Annäherung an die zivilen Organisationen entsprach ihrem Interesse, diese für sich zu gewinnen. Dann fanden die Polizeieinsätze in Ixtapa und Marqués de Comillas statt, es gab Folter, Hausarreste, usw. Die Regierung wurde kritisiert und begann, sich von den Menschenrechtsorganisationen zu distanzieren. Ein tiefgreifender Wandel ist notwendig. Dazu gehört auch, daß Menschen nicht mehr festgenommen werden, bloß weil sie zur Opposition gehören und daß alle Gefangenen befreit werden, die unschuldig sind.

DR: Bis jetzt haben wir nur von Menschenrechtsverletzungen der Regierung von Chiapas geredet. Und die Bundesregierung? Trägt die Bundesregierung auch Verantwortung bei den Menschenrechtsverletzungen, die die Landesregierung praktiziert? Gibt es auch Menschenrechtsverletzungen seitens des Bundesheeres?

MADS: Ich glaube, daß die Bundesregierung zum Teil für die Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist, die in Chiapas passieren. Genaugenommen hat die Bundesregierung in Chiapas einen Organismus geschaffen, die " Spezialeinheit zur Bekämpfung der Paramilitärs". Ein konkretes Ergebnis gibt es aber trotzdem nicht. Zur Veranschaulichung: einmal haben sie 11 Mitglieder von Paz y Justicia (paramilitärische Gruppe, die im Norden von Chiapas operiert; die Übersetzerin) festgenommen, aber am nächsten Tag waren sie wieder frei. Das kann man nicht eine auf Gerechtigkeit zielende Vorgehensweise nennen. Jetzt festnehmen und später freilassen! Das ist Augenwischerei! Die Bundesregierung ist mitverantwortlich für die Straflosigkeit, mit der die Paramilitärs rechnen können. In letzter Zeit wurden die von Soldaten begangenen Menschenrechtsverletzungen weniger ausführlich bekanntgemacht als früher. Das liegt daran, daß sie Teil des täglichen Lebens geworden sind. Z.B.: Du fährst in die Selva, es gibt Militärkontrollen, du mußt anhalten, wirst überprüft, man hindert dich daran, dich frei auf der Straße zu bewegen; aber du hast das schon akzeptiert. Die Präsenz des Bundesheeres erzeugt Situationen, die Menschenrechte verletzen, z.B. unmittelbar kollektive Rechte. Auch das ist Teil der Alltäglichkeit geworden und keine Nachricht mehr. Im Gegensatz zur Nationalen Kommission für Menschenrechte, die die Präsenz des Bundesheeres als solches nicht für eine Menschenrechtsverletzung hält, würde ich sagen, daß seine Anwesenheit doch eine Menschenrechtsverletzung ist. Es reicht nicht aus, daß Mitglieder des Heeres keine auf Menschenrechtsverletzungen gerichteten Handlungen begehen. Ich bin davon überzeugt, daß allein die Präsenz des Heeres in indigenen Territorien, in Gemeinden mit eigener Kultur, Sitten und Gebräuchen Menschenrechte verletzt: ein Fremdkörper, wie es eine reguläre Streikraft in einem Dorf darstellt, verhindert einfach ein normales Alltagsleben, verhindert die Entwicklung dieser Kultur, hält sie in ständiger Unsicherheit und verletzt kollektive Menschenrechte. In diesem Sinn und um die Frage zu beantworten, beharre ich darauf, daß die Bundesregierung dafür direkt verantwortlich ist. Außerdem könnten wir viele andere Situationen aufzählen, wo die PFP (Policía Federal Preventiva), die Policía Judicial Federal, die Migration, etc., verantwortlich für alltägliche Menschenrechtsverletzungen sind, vor allem bei Fällen, die mit Drogenhandel in kleinem Umfang zu tun haben und mit dem Handel von Illegalen.

DR: Du bist Mitglied des Netzwerks der Gemeinde-Verteidiger. Könntest Du uns erklären,, worin die Arbeit diese Netzwerks besteht und wie es entstanden ist?

MADS: Gut, ich werde mich bemühen, eine umfassende Erklärung zu geben. Mich begeistert das Thema und ich spreche gerne darüber,weil ich glaube,daß wir ein neues Modell für die Verteidigung der Menschenrechte gefunden haben, das anders ist als das herkömmliche, wo die Opfer oder die betroffenen indigenen Gemeinden in ein Menschenrechtszentrum kommen, ihr Problem erzählen und es den Mitgliedern des Zentrums überlassen, etwas zu tun. Dann kehren sie zurück in ihre Gemeinden und überlassen es der NGO, die nötigen Schritte zu unternehmen...Das Opfer wird in der Regel kaum informiert und es kommt sogar vor, daß es noch nicht mal um Zustimmung gebeten wird, wenn diese oder jene Handlungsweise ihm schadet oder nützt. Das Netzwerk der Gemeinde-Verteidiger arbeitet mit dem Opfer, die Verteidiger sind Teil der Gemeinden, sie üben die Verteidigung der Menschenrechte in Übereinstimmung ihrer Gemeinden aus und in Anbetracht der Bedürfnisse der Opfer. Das Netzwerk ist Teil des umfassenderen Projekts der Autonomiebewegung der indigenen Völker. D.h: jetzt, da die indigenen Völker sich entscheiden, die Zügel ihrer Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, sagen sie: " wenn wir Recht auf Selbstbestimmung haben, haben wir auch Recht, unsere eigenen Strukturen der Gesundheitsversorgung und der Bildung zu schaffen." Genauso entwickeln sie Strukturen im Hinblick auf die Achtung der Menschenrechte. Wie sie das machen? Selbstbestimmt, d.h. die Gemeinden oder ihre Gemeinde-Verteidiger nehmen die Lösung der Menschenrechtsprobleme selbst in die Hand. Also wird das direkte Gespräch zwischen den Opfern und der Regierung angestrebt, manchmal über die Gemeinde-Verteidiger. Wir waren daran gewöhnt, daß es die NGO’s waren, die traditionell die Mittlerrolle zwischen Opfer und der für den speziellen Fall zuständigen Institution war. Das Netzwerk dagegen fördert das direkte Gespräch und kümmert sich darum, daß die Gemeinde-Verteidiger Rechenschaft vor ihren Gemeinden ablegen. Die Mehrzahl der zivilen Organismen, auch wenn sie sich Repräsentanten der Zivilgesellschaft nennen, müssen vor niemandem Rechenschaft ablegen, während die Gemeinde-Verteidiger auf monatlichen Versammlungen sich mit ihren Gemeinden treffen, ihre Arbeit erklären, woran und wie sie arbeiten, Empfehlungen entgegennehmen, kritisiert werden, usw. Gut, das alles begann 1998 und war eine Antwort auf die Bedürfnisse der Gemeinden. Heute arbeiten im Netzwerk 26 Gemeinde-Verteidiger aus drei verschiedenen Regionen des Bundesstaates Chiapas vor allem aus den Konfliktgebieten. Dort geschehen die meisten Menschenrechtsverletzungen. Die Gemeinde-Verteidiger verfügen bereits über die notwendige Ausstattung, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren: Videokamaras, Aufnahmengeräte, Fotoapparate, Laptops, etc. Zusätzlich wollen sie die Schaffung regionaler Büros fördern in den Gemeinden, aus denen sie kommen. Und: jedes Team von Gemeinde- Verteidigern, das aus zwei Personen besteht, bildet weitere Gemeinde-Verteidiger in jeder Gemeinde aus. Das bedeutet, daß alles, was die Menschenrechte betrifft, einer außerordentlich flächendeckenden Berichterstattung zugänglich sein wird. Die Wirkung ist offensichtlich, denn man weiß, daß da, wo Augen wachen, Menschenrechtsverletzungen weniger werden, ein wenig, weil die Aggressoren Angst vor einer Anklage haben, Furcht vor der Zur-Schau- Stellung, möglicherweise sogar vor Gericht zu stehen, wenn professionell ausgebildete Personen dokumentieren können, daß die Aggressoren Menschenrechtsverletzungen begangen haben. Zusätzlich wird eine andere Schwierigkeit überwunden: Traditionell befinden sich die Menschenrechts-organisationen in der Stadt. Bis ein Opfer von Menschenrechtsverletzung dahin gekommen ist, müssen Wege und Zeitverlust in Kauf genommen werden. Dagegen leben die Gemeinde-Verteidiger in ihren Gemeinden, sprechen die gleiche Sprache, wissen, worum es geht und das ist immer von Vorteil. Während der Ausbildung der Gemeinde-Verteidiger war es notwendig, ihr Selbstbewußtsein zu stärken, denn die meisten sind junge Menschen und alle sind indigener Herkunft. Wir wissen sehr gut, daß die Verteidigung der Menschenrechte assoziiert wird mit NGO’s, Rechtsanwälten, Priestern, anderen dem Klerus nahestehenden Personen, kurz: Menschen nicht indigener Herkunft. Es war nicht vorstellbar, daß ein Gemeinde-Verteidiger indigener Herkunft die Verteidigung der Menschenrechte durchführen könnte. Das Netzwerk der Gemeinde-Verteidiger schlägt dieses neue Modell der Verteidigung der Menschenrechte vor, schließt sich der Stärkung der Autonomiebewegung der indigenen Völker an und möchte anregen, daß die Verteidigung der Menschenrechte direkt von den Betroffenen, d.h. von den Opfern, von den Gemeinden ausgeübt wird. Das ist ein Prozess, der dem herkömmlichen Paternalismus entgegengesetzt ist.

Ende des Interviews. Wir danken Miguel Angel de los Santos und den Journalisten, die mit ihm sprachen, für die ausführlichen Informationen. In stark gekürzter Form erschien das Interview in den Lateinamerika-Nachrichten Nr. 341, Ausgabe November 2002. Die mexikanische Tageszeitung La Jornada vom 16.10.2002 publizierte zum gleichen Thema einen Artikel von Hermann Bellinghausen, der sich im Wesentlichen auf Aussagen von Miguel Angel de los Santos stützt. Titel des Artikels: "Defensor de derechos humanos exige al gobierno investigar a regímes anteriores. Autoridades incumplen su obligación de punir los crímenes perpetrados en Chiapas, acusan." Ein weiterer Artikel desselben Journalisten zum Thema erschien in der Jornada vom 15.11.2002 unter dem Titel: "Para las comunidades de Chiapas, la guerra no ha terminado."

Weitere Informationen zu Miguel Angel de los Santos:
www.forefrontleaders.org (in Englisch)
www.forefrontleaders.org (in Spanisch)
Weitere Informationen unter:
http://mx.geocities.com/cencoalt/index.html und:
CENCOALT-at-yahoo.de

 Diese Seite bookmarken:  
  add to Google Bookmark add to digg add to Yahoo MyWeb Bookmark newsvine Bookmark del.icio.us Bookmark reddit Bookmark StumbleUpon Bookmark Twitter Bookmark Mr.Wong Bookmark Webnews Bookmark Yigg 
 
 
 Print & Co:  
  E-Mail Drucker PDF 
 

Aktuell empfohlen

Das kritische Denken angesichts der kapitalistischen Hydra

Veranstaltungskalender

back Dezember 2017 forward
S M D M D F S
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31