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Der Dritte Wind - Eine Würdige und Wütende Farbe der Erde

EZLN vom 03.01.2009
Subcomandante Insurgente Marcos
übersetzt von Dana

 
Rede von Subcomandante Marcos am 3. Januar 2009, beim Dritten Tisch des Festivals der Würdigen Wut im CIDECI, Chiapas

Sieben Winde in den Kalendern und Geographien von Oben
Der Dritte Wind: Eine Würdige und Wütende Farbe der Erde.

Guten Abend. Wir werden versuchen uns kurz zu fassen, weil der Tag schon lange genug gewesen ist, und weil die Lupita und die Toñita Ihnen hinterher noch ein paar Geschichten vorlesen werden, die sie ganz speziell für Sie vorbereitet haben.

Also los:

Von Spezialisten und Spezialgebieten

Irgendein ernsthafter Historiker wird sicher den Moment nennen können, an dem in der menschlichen Gesellschaft zum ersten Mal die Spezialisten und Spezialgebiete aufgetaucht sind. Und vielleicht wird er uns erklären können, was zuerst da war: das Spezialgebiet oder der Spezialist.

Wenn wir nämlich in die Welt hinaustreten um sie ins Erstaunen zu versetzen, haben wir Zapatisten oft gesehen, wie jemand seine Ignoranz oder Kurzsichtigkeit zum Spezialgebiet erklärt, und sich selbst zum Spezialisten ernennt. Und dann wird er gelobt und respektiert und gut bezahlt und hoch geehrt.

Wir können das nicht so recht verstehen, denn für uns ist jemand dessen Wissen beschränkt ist, jemand, der noch viel zu lernen hat. Aber in der akademischen Welt gibt es um so höhere Forschungsgelder je weniger man weiß.

Der Alte Antonio, als er uns eines Morgens beim Abstieg aus den Bergen über den Weg lief, lachte als ich ihm das erzählte, und sagte wenn das stimmen würde, dann wären die allerersten Götter, die die Welt geboren haben, Spezialisten für Spezialgebiete.

Es ist schlussendlich bekannt, dass unsere eigenen Unzulänglichkeiten angesichts des intellektuellen Schaffens enzyklopädisch sind, daher möchten wir jetzt ganz kurz auf eine ganz speziellen Spezies von Spezialisten eingehen: die professionellen Politiker.

In einem der nächsten Programmpunkte dieses Festivals, ich glaube morgen, werden wir Gelegenheit haben, durch die Stimme des Aufständischen Oberstleutnants Moisés, einiges über die internen politischen Aufgaben in den zapatistischen Gemeinden zu hören.

Eine dieser politischen Aufgaben, aber nicht die einzige, ist die Regierungsarbeit. Es gibt zum Beispiel auch noch die politische Arbeit der zapatistischen Frauen, von der uns schon Comandanta Hortensia und viele andere erzählt haben.

Diese Arbeiten sind nicht nur unbezahlt, sondern sie werden auch gar nicht als Spezialgebiet betrachtet. Das heißt, jemand der an einem Tag Präsident eines Autonomen Bezirkes ist, stand am Tag zuvor auf dem Acker oder dem Kaffeefeld, um zu säen oder zu ernten. Viele unserer zapatistischen Regierenden sind noch nicht einmal zur Schule gegangen oder können kein Spanisch sprechen, dass heißt, sie sind für gar nichts Spezialisten, schon gar nicht für Politik.

Und trotz alldem haben unsere autonomen Bezirke mehr Fortschritte in der Gesundheitsversorgung, Schulbildung, Wohnen und Ernährung erzielt, als die offiziellen Bezirke, die von professionellen Politikern regiert werden, das heißt von Spezialisten für Politik.

Aber warten Sie die Ansprachen meiner Compañeros ab, um uns besser zu verstehen. Für den Augenblick möchte ich auf einige unserer Unzulänglichkeiten eingehen, wenn es darum geht die politische Arbeit von oben zu verstehen, ganz besonders in Mexiko.

Zum Beispiel verstehen wir nicht, wie entschieden, akzeptiert und gesetzlich wurde, dass ein Abgeordneter mehr verdient als ein Maurer. Denn ein Maurer tut ja etwas, er arbeitet, er baut Häuser, Mauern, Gebäude. Und er weiß wie man Mörtel herstellt, wie Ziegelsteine oder Blöcke angepasst werden.

Nehmen wir zum Beispiel dieses Auditorium, in dem wir uns befinden. Hier passen mehr Leute rein als in das Stadttheater von San Cristóbal de Las Casas, und wie mir erzählt wurde, ist es vom ersten Entwurf hin bis zu seiner Fertigstellung von indigenen Händen errichtet worden. Der Boden, die Abstufungen, die Wände, Türen und Fenster, das Dach, die Wasserleitungen und die elektrische Installation, das alles wurde von Nicht-Spezialisten ausgeführt, von Indigenas dazu noch, die Compañeros der Anderen Kampagne sind.

Gut, um auf den Maurer zurückzukommen, er arbeitet. Aber der Abgeordnete... der Abgeordnete... also, ich habe keine Ahnung, ob uns irgendwer sagen kann, was ein Abgeordneter nun tut... oder ein Senator... oder ein Staatssekretär.

Vor kurzem haben wir einen Staatssekretär sagen hören, dass die Wirtschaftskrise, die sich schon seit Jahren angebahnt hat, nicht mehr sei als eine vorübergehende Erkältung.

Ah, dachten wir, ein Staatssekretär ist also so was wie ein Doktor, der eine Krankheit diagnostiziert. Aber dann dachten wir weiter, warum sollte jemand der auch nur ein wenig Verstand hat, einen Doktor bezahlen, der ihm sagt er habe eine Erkältung während er eigentlich eine Lungenentzündung hat, und der ihm warmen Zitronentee verschreibt, der überhaupt nichts bringt. Aber der fragliche Staatssekretär scheint ganz gut zu verdienen, und es gibt ein Gesetz, das bestimmt, dass er viel Geld verdienen muss.

Irgendwer wird sagen, dass die Abgeordneten und Senatoren Gesetze verabschieden und dass die Staatssekretäre Pläne entwerfen, damit diese Gesetze erfüllt werden. Das mag stimmen. Wie viel hat es die Nation gekostet, als zum Beispiel die indigene Gegenreform verabschiedet wurde, die die Vereinbarungen von San Andrés überging?

Vor einigen Monaten, als er über die Abstimmung zugunsten eines absurden und ungerechten Gesetzes (wie die meisten Gesetze in Mexiko) befragt wurde, verteidigte sich ein Gesetzgeber der PRD damit … dass er es vorher nicht gelesen habe!

Und als die Erdöldebatte in dem neuralgische Zentrum des Landes losging (das heißt, in den Medien). Sagte die Calderón-Regierung da nicht, dass die Bevölkerung darüber nicht konsultiert werden durfte, weil nur die Spezialisten etwas davon verstehen? Und hat die so genannte Bewegung zur Verteidigung des Erdöls dem nicht zugestimmt, indem sie eine Gruppe Spezialisten damit beauftragten ihren Vorschlag zu entwerfen?

Das Spezialgebiet ist unserer Meinung nach eine Form von Privatbesitz des Wissens.

Jemand der etwas weiß, hortet und verkompliziert es, bis er es wie etwas Außergewöhnliches und Unmögliches erscheinen lässt, etwas zu dem nur wenige Zugang haben, er weigert sich zu teilen. Und sein Alibi und das Spezialgebiet.

Sie sind wie Hexenmeister des Wissens, wie die alten Priester, die sich darauf spezialisierten, mit den Göttern zu sprechen. Und sie schaffen es, dass alle tun was sie sagen.

Und dies findet in der modernen Gesellschaft statt, die den Indigenas sagt, dass sie die rückständigen, ungebildeten und unzivilisierten wären.

Auf unserer langen Reise durch das untere Mexiko hatten wir Gelegenheit, andere indigene Völker dieses Kontinents direkt kennen zu lernen. Von den Mayas der Halbinsel von Yucatán bis zu den Kumiai in Baja California, von den Purépechas, Nahuas und Wixaritari der Pazifikküste bis zu den Kikapus in Cuahuila.

Ein Teil dessen, was wir gesehen haben, wird besser von unseren Compañeros vom Nationalen Indigenen Kongress, Carlos González und Juan Chávez erklärt werden, wenn sie sich an diesem Tisch zu uns gesellen werden. Ich möchte lediglich einige Überlegungen über das Wissen und die indigenen Völker anstellen.

- In den Versammlungen, die dem Kontinentalen Treffen der Indigenen Völker von Amerika vorangingen, haben die verschiedenen Kulturen der indigenen Häuptlinge, die dort aufeinander trafen, weder um Vorherrschaft noch um Hierarchie gestritten. Ohne scheinbare Schwierigkeit haben sie ihre Verschiedenheit anerkannt, und es wurde eine Art Abmachung oder Vereinbarung festgelegt, innerhalb derer sie sich gegenseitig respektierten.

Wenn hingegen in den modernen Gesellschaften zwei verschiedene Weltauffassungen, also zwei Kulturen aufeinander treffen, erhebt sich sofort die Frage, welche von ihnen der anderen überlegen ist, eine Frage, die nicht selten mit Gewalt gelöst wird.

Aber es heißt, dass wir indigene Völker, die Wilden sind.

- Wenn die Welt der Ladinos oder Mestizen auf die indigene Welt auf dem Gebiet der letzteren zusammentrifft, macht sich in erster Linie das bemerkbar, was die Zapatisten als "Predigersyndrom" bezeichnen. Ich weiß nicht ob es sich um eine Erbschaft von den ersten Konquistadoren und spanischen Missionaren handelt, aber der Mestize oder Ladino neigt dazu spontan die Position eines Lehrers und Helfers einzunehmen. Aufgrund einer seltsamen Logik, die wir nicht nachvollziehen können, wird es als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Ladino- oder Mestizenkultur der indigenen Kultur durch den Umfang und die Tiefe ihres Wissens und ihrer Kenntnisse überlegen ist. Wenn hingegen dieser zwischenkulturelle Kontakt auf urbanem Gebiet erfolgt, nimmt der Ladino oder Mestize dem Indigena gegenüber eine verteidigende und argwöhnische Position ein, oder zeigt Verachtung und Abneigung. Der Indigena gilt als der Rückständige oder die Kuriosität.

Wenn hingegen der Indigena auf eine andere Kultur außerhalb seines Gebietes stößt oder sie trifft, neigt er dazu, spontan zu versuchen sie zu verstehen, ohne eine Beziehung des Überlegenen/Unterlegenen festzulegen. Und wenn dies auf seinem eigenen Gebiet stattfindet, nimmt der Indigena die Position einer argwöhnischen Neugier und einer wachsamen Verteidigung seiner Unabhängigkeit an.

"Ich komme um zu sehen, wie ich helfen kann", pflegt der Mestize zu sagen, wenn er in eine indigene Gemeinde kommt. Und dann mag er überrascht sein, wenn man anstatt ihn zu bitten Anweisungen zu erteilen, zu leiten oder zu befehlen, er losgeschickt wird um Holz zu holen, oder Wasser zu tragen, oder die Weide sauberzumachen. Und manchmal antwortet man ihm auch "Und wer hat gesagt, dass wir deine Hilfe brauchen?"

Vielleicht gibt es Fälle, aber bis heute haben wir nichts davon gehört, dass jemand mal zu einer indigenen Gemeinde gegangen ist und gesagt hat "ich komme, damit Sie mir helfen".

- Nicht selten haben wir unter den Kollektiven, die die indigenen Gemeinden unterstützen, eine Art eifersüchtiges Hüten ihre Kenntnisse vorgefunden, eine ständige Bestätigung dessen, dass ihr Wissen ihnen gehört, ihr Privateigentum ist.

Die autonomen Autoritäten wissen wie wenig die Gruppen, die Technik und Technologie bedienen, geneigt sind, anderen ihr Wissen zu zeigen, das heißt, ihr Wissen zu teilen. Zum Beispiel das Internet. Jedes mal wenn die Geräte in den Caracoles dekonfiguriert werden, muss man erst warten um jemanden zu kontaktieren, der sich damit auskennt, warten, dass er ankommt, und wenn er gebeten wird, jemandem zu zeigen, was er tut, um nicht mehr von ihm abhängig zu sein, heißt es er habe keine Zeit oder dass so was für "Spezialisten" sei. Und von den Anlagen der Gemeinderadios will ich gar nicht erst reden.

Manchmal geschieht auch etwas anderes.

Es gibt da eine Anekdote, die mir die Compañeros Kommandanten der Tojolabal Zone oder "Selva-Grenzzone" erzählt haben: "Einmal kam mit all den Freiwilligen, die in die zapatistischen Gemeinden gekommen waren, um zu helfen, ein landwirtschaftlicher Ingenieur an, um Kurse für die Verbesserung des Kaffeeanbaus zu erteilen. Nach seiner Ansprache begab sich der Ingenieur mit den Compas auf ein Kaffeefeld, um ihnen zu demonstrieren, wie man ein Kaffeestrauch beschneidet. Der Ingenieur bat um Raum, jetzt aber mal "alle hinter die Linie treten, damit ich arbeiten kann", holte seine ganze wissenschaftliche Ausrüstung heraus und fing an Messungen vorzunehmen, um den exakten Winkel für den Schnitt des Kaffeestrauches zu bestimmen. Nach vielen und komplizierten Kalkulationen hatte er den Winkel des Schnitts bestimmt, und der Ingenieur holte eine hübsche kleine Säge heraus und fing an, mit großer Sorgfalt herumzusägen. Er brauchte so lange, so haben sie mir erzählt, bis die Compas, der vermeintlich angeborenen indigenen Geduld zum Trotz, ihn beiseite nahmen und fragten: "Also, wo genau wollen sie den Schnitt denn haben?". "Hier", antwortete der glänzende landwirtschaftliche Ingenieur, und deutete mit seinem Finger auf die Stelle. Der Compa zog seine Machete Marke Acapulco Collins mit Doppelblatt heraus und zack!, brachte einen tadellosen Schnitt am Strauch an. "Jetzt messen Sie doch mal", bat der Compa fast fordernd. Der landwirtschaftliche Ingenieur, mit einem Spezialgebiet auf der Universität, holte sein Winkelmesser heraus. Er maß immer wieder nach, und jedes Mal kratzte er sich verblüfft am Kopf. "Was ist denn?" fragten sie ihn. "Na ja", antwortete er verlegen "das ist exakt der richtige Schnitt, an der richtigen Stelle, im richtigen Winkel". "Und da schau an, Sup, dann fing der Ingenieur an uns immer mehr Sachen zu fragen, und schrieb und schrieb und füllte unzählige Blätter in seinem Notizblock, den er bei sich trug".

Eine Ermahnung also an alle, die Wissen und Kenntnisse für sich behalten und Compañeros und Compañeras sind: Sagen Sie Nein zum Privatbesitz des Wissens, sagen Sie ja zur Piraterie unter Compañeros, die wir sind.

Andere Punkte:

- Bei beiden, Indigenas und Stadtbewohner von unten und links, finden wir einen menschlichen Anstand, der denen von oben völlig abgeht. Beide geben, wenn jemand in Not ist, das beste das sie haben. Die von oben geben nichts, oder wenn doch, dann nur das was sie übrig haben.

Der Gemeinschaftssinn, der in den indigenen Gemeinden spürbar ist, gehört nicht mehr ausschließlich ihnen. Er tritt auch in anderen Sektoren von unten zutage, und ist am meisten in jenen ausgeprägt, die kämpfen und Widerstand leisten.

- Der brutale und zügellose Vormarsch des neoliberalen Krieges der Landeroberung, bewerkstelligt etwas, von dem ich nicht weiß, ob es in den Plänen der großen internationalen Finanzzentren steht: Verschiedene Arten von Wut werden einander gleichgestellt, in der Tiefe, im Ausmaß, in der gemeinsamen Geschichte.

- Diese Gleichstellung der Gefühle in dem was El Ruso einmal "den Bauch" nannte, geht nicht immer mit einer Gleichstellung des Wissens und der Kenntnisse einher. Es mag schon Fälle geben, aber glauben Sie mir, ich habe unter indigenen Völkern nirgendwo diesen Geiz mit dem eigenen Wissen vorgefunden.

Idealisieren wir uns jedoch nicht als indigene Völker. Wir sind nicht perfekt, und natürlich wollen wir nicht, dass alle zu Indigenas werden. Wir haben sowohl Kenntnisse als auch Unzulänglichkeiten. Ich glaube, dass wir die ersteren teilen können, um die letzteren zu beseitigen, ohne dass einem von Ihnen die Gelegenheit entgeht, reich zu werden, weil einer von uns Ihnen das Patent für Ihr Wissen vor der Nase wegschnappt.

Und jetzt, wie versprochen, werden wir von der Lupita und der Toñita einige Geschichten hören, und danach werde ich Ihnen eine andere erzählen.

Zuerst kommt Lupita:

Dann ist Toñita an der Reihe:

Vielen Dank
Subcomandante Insurgente Marcos.

Mexiko, 3. Januar 2009.

P.S. Sieben Geschichten für Niemanden:

Dritte Geschichte: Die Pädagogik der Machete

Eines Tages, um der Abwechslung willen, schlich sich die Toñita unerlaubt in die Generalkommandantur der EZLN ein, eine angeblich uneinnehmbare Festung (die in Wirklichkeit eine kleine Holzhütte ist).

Ich war gerade dabei, zu überlegen welche Themen sich für diese vermeintlich runden Tische des Festivals der Würdigen Wut am besten eignen würden, als ich merkte, dass die Toñita bereits neben mir stand und zu mir sagte:

"Hey, Sup, das bringt aber nicht viel, was du da machst", während sie auf das Foto einer leicht bekleideten Angelina Jolie in Lebensgröße zeigte.

"Was bringt nicht viel?", fragte ich sie, während ich die Anti-Toñita Barrieren überprüfte, die ich angebracht hatte um eben das zu vermeiden, was gerade eingetreten war.

"Na, das was du da machst, natürlich", sagte die Toñita, und fügte hinzu "Wozu hast du denn die nackte Dame bei dir?"

Ich zündete meine Pfeife an und antwortete ihr: "Erstens mal ist sie nicht nackt, so sehr ich das auch wünschte. Und zweitens, habe ich sie nicht bei mir, so sehr ich das auch wünschte".

Die Toñita blieb wie es ihre Art war in der Rolle, weil sie mich fragte "Und drittens?"

"Was drittens?" fragte ich sie.

"Na, wenn es ein Erstens und ein Zweitens gibt, dann gibt es auch ein Drittens. Ich bin in der Schule Dritte geworden." Die Toñita ließ dabei das kleine Detail aus, dass diese Klasse nur 3 Schüler hatte.

Da ich mich auf keine Polemik einlassen wollte, schlug ich ihr vor, ihr eine Geschichte zu erzählen, wenn sie dann weggehen würde, um sie den anderen zu erzählen.

"Abgemacht", sagte die Toñita und setzte sich am Boden.

Ich räusperte mich und fing an mit "Es war einmal…"

Die Toñita fiel mir ins Wort. "Gibt’s dabei auch Popcorn?"

"Wie, Popcorn?" fragte ich ratlos.

"Na, Popcorn eben, wie im Kino", sagte die Toñita.

"Nein", sagte ich ihr, "das ist eine Geschichte, kein Film, und es gibt hier kein Popcorn".

"Schön" sagt die Toñita.

Ich fuhr fort:

"Es gab einmal einen Subcomandante, der seeeeeehr böse war, und auf kleine Mädchen, die sich unerlaubt in die Kommandantur schlichen sehr sauer wurde".

Die Toñita wurde aufmerksam. Ich ergriff die Gelegenheit um der Geschichte eine pädagogische Wendung zu geben, mit einem Stil und einer Methode, die Paulo Freire und Antón Makarenko weit in den Schatten stellte.

"Einmal, als sich ein kleines Mädchen unerlaubt in die Kommandantur eingeschlichen hatte, zog der Subcomandante seine Machete und zack! schlug er dem Mädchen den Kopf ab".

Die Toñita riss erschrocken die Augen auf.

Als ich bemerkte, dass das wesentliche erzieherische Konzept angekommen war, entschied ich mich die Geschichte mit dieser Marconianischen pädagogischen Technik zu verstärken, die mir in den psychologischen Kolloquien einen so guten Ruf eingebracht hatte, mit all den Freuds, Froms, Lurias und allen anderen.

"Die Machete war jedoch nicht scharf genug, um mehr zu tun als nur zu schneiden. Aber sie war sehr rostig, um die Wunde zu infizieren".

Die Toñita hoffte entsetzt auf ein Happy End.

"Und dann?"

"Und dann was?"

"Na, wie geht die Geschichte dann weiter?"

"Ah, nun, also das kleine Mädchen musste dann viele Injektionen bekommen, um sich nicht zu infizieren".

Und fertig.

"Fertig? Äh, Sup, deine Geschichten sind auf einmal zu gar nichts gut".

"Klar sind die zu was gut", sagte ich ihr, während ich sie aus der Hütte scheuchte.

"Die nackte Dame bringt dir gar nichts, wenn’s kein Popcorn gibt", sagte die Toñita während sie den Rückzug antrat.

Die Angelegenheit endete da noch nicht. Sie endete erst nach meinem Treffen mit den Compañeros vom Komitee. Auf dem Rückweg, als ich meinen Rucksack vorbereitete um in die Kaserne zu ziehen, merkte ich, dass meine Machete fehlte.

"Die Toña", dachte ich und schickte jemanden aus um sie zu rufen.

"Hey, Toñita, ich kann meine Machete nicht finden, hast du sie nicht irgendwo gesehen?"

"Nein, aber ich werde dir eine Geschichte erzählen", antwortete die Toñita.

"Es gab einmal ein sehr hübsches Mädchen, so wie ich, und sie hieß Toñita, so wie ich. Und es gab da auch einen seeeehr bösen Subcomandante, der ihr mit der Machete den Kopf abschlagen wollte."

"Und wieso wollte er ihr den Kopf abschlagen?" unterbrach ich sie, in einem nutzlosen Versuch die Kontrolle über die Lage zurück zu gewinnen.

"Weißt du", antwortete die Toñita, "das war ihm wohl so eingefallen. Also schlich sich das Mädchen heimlich in das Häuschen dieses Subcomandante. Und dann schnappte sie sich die Machete des Subcomandante und warf sie in die Latrine. Und fertig."

Beim "und fertig" befand sich die Toñita schon weit außerhalb meiner Reichweite.

Ich glaube also schon zu wissen, wo meine Machete ist. Fehlt nur noch sie zurück zu bekommen. Bietet sich jemand als Freiwilliger oder Freiwillige an?

Und fertig.

Subcomandante Insurgente Marcos.
Mexiko, 3. Januar 2009.

 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/varios/1245 
 

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