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Offener Brief der politischen Gefangenen von Loxicha

 

aus dem Gefängnis Ixcotel (Oaxaca)

News vom 15.10.2002
übersetzt von Sabine Kellig

  An alle unabhängigen und demokratischen Organisationen
An alle Menschenrechtsorganisationen
An alle religiösen und humanitären Organisationen
An alle Arbeitenden und Studierenden
An das ganze Volk

Wir, die Unterzeichnenden, kommen aus der Region Loxicha im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca und gehören zur ethnischen Gruppe der Zapotecas. Wir sind als politische Gefangene in den verschiedensten Gefängnissen des Landes eingesperrt. Weil wir denken, daß die Kommunikation die beste Waffe des Menschen ist, wenden wir uns trotz der großen geographischen Distanz, die zwischen uns liegt, an Euch in Deutschland und senden Euch brüderliche Grüße. Wir wollen mit diesem Brief überall auf der Welt die Ungerechtigkeiten, denen wir aufgrund der neoliberalen Politik der mexikanischen Regierung ausgesetzt sind, bekannt machen.

Wir sind aus dem Ort San Agustín Loxicha. Fast alle BewohnerInnen dieser Gemeinde — auch wir — sind Zapotecas und leben seit vielen Jahrzehnten in extremer Armut. Der Fortschritt ist an unserem Dorf vorbeigegangen, soziale Dienste und Einrichtungen gibt es praktisch nicht und unsere Regierung hat uns völlig im Stich gelassen. Weil tausende von uns Hunger und Elend erleiden mussten, begannen wir — Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder — ab 1984, uns friedlich und innerhalb des legalen Rahmens, den die mexikanische Verfassung vorsieht, zu organisieren. Diese Organisation heißt heute Organización de Pueblos Indígenas Zapotecas oder OPIZ. Wir erkannten, daß das Volk in seiner Gesamtheit die Basis der Gesellschaft ist. Durch die kontinuierliche und unverzagte Arbeit der Männer und Frauen, Jugendlichen und Kinder wurde unsere Organisation trotz aller Schwierigkeiten allmählich stärker, bis es uns gelang, einige unserer wichtigsten Ziele durchzusetzen: Den Respekt vor dem Willen der Bevölkerung und vor den individuellen Rechten aller Menschen und die Anerkennung der Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz. Wir wollten aber auch den Respekt vor unseren Gewohnheiten erreichen. So kam es allmählich zu Veränderungen in der Gemeinde.

Im Jahr 1984 konnten wir — was vorher nicht erlaubt gewesen war — unseren Gemeinderat nach den Regeln der Usos y Costumbres[ ] wählen. (Vorher waren die Wahlen eine Farce, so dass aufgrund des enormen Wahlbetrugs letztendlich nur einige wenige Personen über die Geschicke der Gemeinde entschieden. Diese waren in i.d.R. von der Regierung und den politischen Parteien abhängig.) Wir organisierten uns und angesichts des großen Mangels (...) begannen wir, an die Türen der unterschiedlichsten Regierungsstellen und Behörden auf Landes- und Bundesebene zu klopfen und ökonomische Unterstützung zu fordern, um die dringendsten Aufgaben in der Gemeinde anpacken zu können. Aber die Abgeordneten waren weit davon entfernt, auch nur auf unsere notwendigsten Forderungen einzugehen. Wie groß war unsere Überraschung, als 1996 der Staat plötzlich begann, mit brutaler Repression willkürlich gegen die einfachen und wehrlosen indigenen Menschen in der Region Loxicha vorzugehen! Als Vorwand für diese gewaltvolle Politik benutzten sie den Überfall des EPR[ ] auf die Militär- Marine- und Polizeibasen in der Gemeinde La Crucecita Huatulco (in Pochutla, Oaxaca) am 29. August 1996. Seitdem gibt es keinen Frieden und keine Ruhe mehr für die indigene Bevölkerung in Loxicha. Durch die Verletzung aller ihrer individuellen Rechte, die in der Verfassung verankert sind, soll sie zu Grunde gerichtet werden. Sicherheitskräfte und DenunziantInnen[ ] treiben in der Region ihr Unwesen: sie lassen Menschen willkürlich verschwinden und es kommt zu massenhaften und völlig unrechtmäßigen Festnahmen, zu Vergewaltigungen, Verfolgungen, Raubüberfällen, Anfeindungen und sogar zu Morden, die unsere Erde mit Blut tränken. Die Politik der Regierung von Ernesto Zedillo P. De León (Expräsident von Mexiko), Deódoro Carrasco Altamirano (Exregierungschef des Bundeslandes Oaxaca), Roberto P. Martínez Ortiz (Exjustizminister von Oaxaca) und José T. Rodriguez Ballesteros (Exdirektor der Policía Ministerial von Oaxaca), die an all diesen unrechtmäßigen Handlungen beteiligt war, hatte verheerende Auswirkungen: Sie stiftete Verwirrung und machte die allgemeine Bevölkerung glauben, wir stünden tatsächlich in Zusammenhang mit dem bewaffneten EPR, dabei haben wir nichts damit zu tun.

Bei unserer Festnahme wurden wir Opfer der grausamsten Folterungen. Physische und psychische Folter, Todesdrohungen, Elektroschocks an verschiedenen Stellen des Körpers, Untertauchen in Schmutzwasser und ?Aguas de Tehuacan" in der Nase[ ] sollten uns dazu bringen, Falschaussagen und Blätter in blanco zu unterschreiben und etwas zu gestehen, was wir nicht begangen haben. Sie sagten uns, dass wir damit frei kommen würden. Aber das Gegenteil war der Fall: Sie konstruierten uns darausVergehen, die wir niemals begangen haben. (..) Schon seit sechs Jahren sind wir ungerechterweise unserer Freiheit beraubt (..) Unser Leben ist zu einem Leidensweg geworden, während die Regierenden von Mexiko in den Massenmedien behaupten, sie stünden auf seiten der indigenen Bevölkerung und auf seiten der Armen und Schutzlosen. (...) Bis heute verstehen wir nicht, warum unsere Regierung uns so behandelt, uns zu 15, 21 und 31 Jahren Gefängnis verurteilt, unsere Region militarisiert und Ruhe und Frieden für unsere Brüder und Schwestern unmöglich macht. Weil wir wissen, dass wir kein Unrecht begangen haben, protestieren wir auf das Schärfste gegen diese Behandlung. Der Staat bestraft, verachtet und demütigt uns, nur weil wir Indígenas sind. Indígenas zu sein ist unser einziges Vergehen. (...) Vom Knast aus haben wir uns organisiert. Mit der mutigen Unterstützung unserer Familien, Kinder, Schwestern, Brüder, Mütter, Freunde und Freundinnen haben wir verschiedene Protestaktionen unternommen. Zum Beispiel machten unsere Familien einen Plantón[ ] vor dem Regierungsgebäude in Oaxaca, der mehr als 4 Jahre andauerte. (...) Bei der letzten Protestaktion, die am 1. April diesen Jahres begann und mehr als 30 Tage andauerte, organisierten unsere Familien eine Karawane von Loxicha bis Mexiko-Stadt. Hinterher machten sie ein Protest-Camp (...) wobei 25 unserer Familienangehörigen (...) für mehr als 5 Tage in einen Hungerstreik traten. Sie forderten von den Abgeordneten und SenatorInnen die Ratifizierung eines Amnestie- Gesetzes, das die Freilassung von 26 Personen indigener Herkunft vorsieht. Auch wir (...) haben immer wieder Hungerstreiks gemacht, z. B. (...) kürzlich, vom 20. April bis zum 1.Mai 2002. Wir wollten damit Druck auf die verantwortlichen Stellen und auf den Präsidenten von Mexiko ausüben, aber die Regierung hat sich für unseren Ruf nach Freiheit taub gestellt.

Das ist unsere Geschichte. Jetzt, wo ihr sie kennt, bitten wir euch um eure solidarische Unterstützung. Wir bitten euch, das Unrecht, das uns angetan wird, überall bekannt zu machen und Briefe an den Präsidenten von Mexiko schreibt, in denen ihr ihn auffordert, ein föderales Amnestiegesetz zu verabschieden. Wir glauben, dass wir nur gemeinsam unsere Freiheit einfordern können. Hier, von diesem Gefängnisloch aus, in dem wir stecken, kämpfen wir weiter — mit der Unterstützung unserer standhaften Familien. Wir können auch auf die Unterstützung von verschiedenen demokratischen Organisationen in Mexiko zählen. Das gibt uns Mut und Hoffnung, mit unserem Kampf weiter zu machen. Aber es erscheint uns trotzdem unumgänglich, auch auf internationaler Ebene darum zu bitten, sich unserer Sache anzuschließen und die Freilassung von uns, die wir aus politischen Gründen eingesperrt sind, zu fordern.

Hochachtungsvoll,
Die politischen Gefangenen aus der Region Loxicha

Zentrale Justizvollzugsanstalt des Bundeslandes Oaxaca, Oaxaca, 7. Juni 2002

veröffentlicht im Infoblatt Nr. 57

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