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Lalalala, Abschnitt B

 

Ein Phantom im Willy-Brandt-Haus, nachträglich zum 40. Todestag B. Travens

junge welt vom 30.03.2009
Von Thomas Dierkes

  Vorab der Hinweis, dass es eine 521 Seiten umfassende, exzellent recherchierte Traven-Biographie von Rolf Recknagel gibt, erschienen 1971 beim reclam-Verlag Leipzig.

Als Patrick Süskind vor einigen Tagen seinen 60. Geburtstag feierte, richteten Zeitungen Grußadressen an einen ruhmreichen »Unsichtbaren« (FAZ) oder ein »Phantom der Literatur« (Bild). Bei genauerem Hinsehen erscheinen solche Zuschreibungen etwas bemüht: Jemand sitzt die erste Hälfte seines Lebens in einem kleinen Zimmer und schreibt ein Buch über Duftwässerchen mit Frauenzutaten, um sich in seiner zweiten Lebenshälfte in einer stillen Kammer ins Fäustchen zu lachen.

Beim Schriftsteller B. Traven verblaßt das Biographische völlig. Weder seine Herkunft noch sein Geburtsjahr, nicht einmal sein Name sind bis heute abschließend geklärt. Insgesamt hatte er vermutlich 20 Pseudonyme. Vielleicht waren es mehr. Eine übereinstimmende Identität mit einem Regisseur, Schauspieler, Publizisten und im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räterepublik zum Tode Verurteilten, der unter dem Namen Ret Marut auftrat, wird als wahrscheinlich angenommen.

1923 soll dieser Mann als Otto Feige nach London geflohen sein, um seiner Verfolgung durch die Behörden zu entkommen. 1924 soll er einen zweiten Lebensabschnitt, Abschnitt »B«, begonnen haben, als proletarischer Abenteuerschriftsteller B. Traven in Mexiko. Unter dem Namen Traven Torsvan erlangte er 1951 die mexikanische Staatsbürgerschaft.

In seinem Vortrag zur »Langen Nacht des B. Traven«, die am vergangenen Donnerstag zum Andenken an den vor 40 Jahren Verstorbenen in der SPD-Parteizentrale in Berlin stattfand, sagte der Germanist Gerhard Bauer, man könne sich heute noch freuen, der deutschen Justiz ein Schnippchen zu schlagen, indem man Traven aufschlage. Denn ohne dessen erfolgreiche Flucht aus der Weimarer Republik gäbe es da nichts zu lesen.

Traven schrieb in seiner mit Fotos ausgestatteten Reiseschilderung aus Mexiko »Land des Frühlings« (1928): »Ein richtiger Held ist feige.«

Bei der Lektüre von Traven wird man im Gegensatz zur Abenteuerliteratur von Karl May oder Joanne K. Rowling in die Wirklichkeit hineingezogen, so Bauer. Man gewinnt einen freien Blick auf die Verhältnisse. Bei Traven sind dies konkret die Lebens-, Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse der mexikanischen Indigenas.

Aus Travens Hymnen auf das Leben, in denen aus allen Schichten kommende Figuren schonungslos dargestellt sind, muß man laut Bauer ableiten, daß jedem die Verantwortung für sein eigenes Tun selbst auferlegt ist. Die sexistischen und (positiv) rassistischen Stellen, die es bei Traven durchaus auch gebe, solle man besser übersehen, wenn man ihn mit Gewinn lesen wolle.

Die Veranstaltung der »Internationalen B. Traven Gesellschaft« und des »Freundeskreises des Willy-Brandt-Hauses« bot neben diesem Vortrag noch Musik von »Die Passanten«, »Klotz & Dabeler« und »dj gott man­fred«, der mit dem Gitarristen der »Kassierer« auftrat. Er sang: »B. Traven, lalalala, B. Traven, lalalala, B. Traven, lalalala, a life of privacy.« Der Beitrag traf bei den Bildungsbürgern älteren Semesters, die die Stuhlreihen hauptsächlich besetzt hielten, nicht durchweg auf Verständnis.

Von 1925 bis 1940 produzierte Traven den Großteil seines Œuvres. Ungefähr 20 Kurzgeschichten und zehn Romane schrieb er in dieser Zeit. Darunter so prominente wie »Das Totenschiff« (1926), »Der Schatz der Sierra Madre« (1927), oder »Die weiße Rose« (1929). Sein sechsteiliger »Cabao«-Zyklus beschreibt Schuldknechtschaft und rassistische Unterdrückung in Südmexiko um 1910, die Rechtlosigkeit indigener Holzfäller und ihre Rebellion.

Danach betätigte sich Traven unter dem Alias Hal Croves vor allem als Autor für den Film. Zwischen den musikalischen Beiträgen liefen im Brandt-Haus der Dokumentarfilm »B. Traven in Mexiko« (1980, Regie: Georg Stefan Troller) und John Hustons Spielfilm »Der Schatz der Sierra Madre« (1948) mit Humphrey Bogart. Nach diesem Film verließen zirka drei Viertel der Besucher den Veranstaltungsort. Die Verbliebenen konnten sich einen Film angucken, den Juan Louis Buñuel (Sohn von Louis Buñuel) nach einem Drehbuch von Traven gemacht hat: »Die Rebellion der Gehenkten« (1986).

Traven ist am 26. März 1969 gestorben. Seine Asche wurde seinem Wunsch gemäß im mexikanischen Bundesstaat Chiapas verstreut. Kurz vor seinem Tod soll Traven zugegeben haben, daß er unter dem Namen Ret Marut in München gewirkt hat. Lückenlos ist sein Lebensweg wie gesagt bis heute nicht aufgeklärt.

In der Doku »B. Traven in Mexiko« heißt es, hinter der Selbstverleugnung habe eine Lebensauffassung gestanden: Der Beschreibende selber sei nichts; die, die er beschreibt, seien alles. Es ist klar, daß ein Schriftsteller, ob er will oder nicht, sich selbst in seine Werke einschreibt. Man wird nach B. Traven auch weiterhin hauptsächlich in seinen Texten zu suchen haben.


Die Recknagel-Biografie ist auch in den 1980ern beim Verlag Klaus Guhl in Berlin erschienen. Es gibt aber eine andere von Karl S. Guthke, "B.Traven", diogenes 1990, detebe 21922, damals 29,80 DM − die ich sehr gut fand (Guthke verarbeitet auch Recknagels Erkenntnisse) und in der viele Dokumente und Bilder, allerdings in schlechter Druckqualität, abgedruckt sind.

 Quelle:  
  http://www.jungewelt.de/2009/03-30/010.php 
 

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