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Wenn Täter frei kommen und Opfer zu Täter erklärt werden

 

Psychische und soziale Folgen der verkehrten Justiz in Mexiko

medico internat. (CH) vom 16.10.2009
Philipp Gerber, medico international schweiz, Bulletin 4/09

  Heute jährt sich die Verhaftung von Juan Manuel. Anbei für die Chiapas98-LeserInnen der Vorabdruck eines Artikels, der im medico-Bulletin vom November 09 erscheinen wird. Zudem der Link auf ein A4-Faltblatt, welches (auf deutsch!) die Ereignisse und Forderungen zusammenfasst − bitte ausdrucken und weiterberbreiten (höhere Auflösung und spanische Version bei medico erhältlich): PDF downloaden.

Wenn Täter frei kommen und Opfer zu Täter erklärt werden
Psychische und soziale Folgen der verkehrten Justiz in Mexiko

Philipp Gerber, medico international schweiz, Bulletin 4/09

Zwei Tendenzen machen Mexikos Bewegungen zusehends zu schaffen: Einerseits die Straflosigkeit, in der schwere Menschenrechtsverletzungen ungesühnt bleiben. Und andererseits die Kriminalisierung der sozialen Proteste. Von allen unseren Partnerorganisationen in Chiapas, Oaxaca und Guerrero erhalten wir Hinweise, dass sich diese unheimlichen Tendenzen in atemberaubendem Tempo gegenseitig verstärken.

So werden Indigene aus widerständigen Gemeinden in Chiapas wegen angeblichem Raub oder Mord angeklagt oder sind schon zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Gleichzeitig aber liess das höchste Gericht Mexikos die Attentäter des Massakers von Acteal (zwei Tage vor Weihnachten 1997 ermordeten diese 45 Indigene, meist Frauen und Kinder) frei – wegen angeblichen Verfahrensfehlern. Unsere Psychologin Cecilia Santiago, die mit zapatistischen Gesundheitsverantwortlichen arbeitet, beschreibt die Wirkung dieser Freilassungen auf die Angehörigen der Opfer von Acteal: " Die Überlebenden trifft jetzt zusätzlich dieser Schlag der Straflosigkeit. Denn der Schaden ihnen gegenüber besteht im Anzweifeln und dem für unglaubwürdig Erklären ihrer Zeugenaussagen und, tieferliegend, ihrer Gefühle und ihres Schmerzes über den Verlust ihrer Liebsten. Als Antwort darauf erleiden sie den Verlust neu und reden täglich über das Geschehene, um sich zu versichern, dass das was geschah, wirklich wahr ist."

Was diese doppelte Ungerechtigkeit, Straflosigkeit und Kriminalisierung, für die Betroffenen und ihre Gesundheit im zweiten Fall, dem der Kriminalisierung, heisst, das erlebt und erleidet momentan Juan Manuel Martínez Moreno und seine Familie. Juan Manuel, 36, dreifacher Vater, ist Bäcker von Beruf. Er war in seiner Gemeinde Santa Lucia del Camino kirchlich aktiv, engagierte sich ehrenamtlich für den Schulsport und war bekannt und beliebt als eine Stimme gegen die regierende PRI in diesem Vorort von Oaxaca Stadt. Eines Tages, vor gut einem Jahr, am 16. Oktober 2008, wurde er verhaftet. Der Vorwurf: Mord an Brad Will, dem US-amerikanischen Indymedia-Journalisten, welcher 2006 auf dem Höhepunkt des Aufstandes in Oaxaca ermordet wurde.

Ganze zwei Jahre lang war zuvor nicht gegen die Mörder von Brad Will ermittelt worden. Brad filmte tragischerweise bis zur letzten Sekunde seines kurzen Lebens die Ereignisse; seine Mörder sind aufgrund diverser Videoaufnahmen und Fotos identifizierbar (es sind dies PRI-Leute der Regierung, welche eine Strassenblockade mit gezückten Pistolen angreifen). Doch dann machte Mitte 2008 die USA die Überweisung eines Teils der 1’400 Millionen Dollar zur Bekämpfung der Drogenmafia davon abhängig, dass es eine "vertrauenswürdige" Untersuchung des Mordes an ihrem Staatsbürger Brad Will gäbe. Und plötzlich war – wohl auf Anraten des lokalen PRI-Bürgermeisters – ein Schuldiger gefunden: Juan Manuel, selber in dieser Zeit Aktivist in der Oppositionsbewegung APPO, welche den Widerstand gegen den korrupten Gouverneur Ulises Ruiz koordinierte, soll ihn getötet haben. Beweise: Keine. Auch der einzige und zentrale Zeuge der Anklage musste im Oktober 2009 vor Gericht zugeben, dass er eigentlich nichts gesehen habe, ja er kenne Juan Manuel gar nicht, wisse nicht, wie er aussehe.

Seit einem Jahr kämpft unsere Partnerorganisation "Komitee 25. November" für die Freilassung von Juan Manuel, der offensichtlich ein Bauernopfer ist in der Gier der Mächtigen nach den Millionen aus den USA im Rahmen des "Plan Mérida", der ähnlich wie der Plan Colombia den Drogenhandel mit militärischen Mitteln bekämpfen möchte. Dieser Kampf ist in erster Linie ein juristischer, der oft unter unlauteren Bedingungen geführt wird. So wurden beispielsweise Anhörungen vom Gerichtssaal ins Gefängnis verlegt, um möglichen Protest zu verunmöglichen. Auch werden Einsprachen gegen die Verlängerung der Untersuchungshaft immer wieder verzögert. Oder dann wird ganz im Gegenteil eine Anhörung auf Biegen und Brechen durchgezogen, obwohl Juan Manuels Anwältin Alba Cruz eben wegen einem Blinddarmdurchbruch operiert wurde. Der Anwältin unserer Partnerorganisation blieb nichts anderes übrig, als die 11-stündige Verhandlung im Rollstuhl sitzend mitzumachen, um ihren Mandanten nicht schutzlos zu lassen.

Was diese Haft für die Angehörigen und für Juan Manuel selber bedeutet, schildert die Ehefrau von Juan Manuel, Liliana, anlässlich eines Interviews mit medico am Jahrestag seiner Verhaftung:

"Als Familie stehen wir geschlossen für Juan Manuel ein. Aber trotz der Familie und trotz aller Solidarität von aussen, die uns stärkt, fühlen wir uns emotional sehr schlecht, alleine, am Boden zerstört. Es gibt eine Lücke in unserem Leben, die niemand ausfüllen kann, und das ist Juan Manuel. Jeden Tag beginne ich von Neuem mit dieser Beklemmung, mit diesem Leiden, das uns nie loslässt. Jeden Tag gehe ich ins Gefängnis, Juan Manuel besuchen, es gab keinen Tag, an dem ich nicht hin ging. Und jedes Mal muss man diese Erniedrigungen erleiden, bei den Kontrollen. Sie hegen offensichtlich besondere Rachegelüste gegen einen Aktivisten wie Juan Manuel und lassen dich das spüren, machen Sprüche und Beleidigungen, aber man muss das alles still ertragen, denn wenn man etwas sagt, dann zahlt nachher Juan Manuel die Konsequenzen."

Auch seien ihre drei Kinder immer wieder erkrankt, kaum sei eines gesund, werde ein anderes krank, dies als Folge der psychischen Belastung. Die Familie hat deshalb auch eine durch medico finanzierte psychologische Betreuung erhalten. Liliana erzählt, dass diese sehr wichtig sei, um sich aussprechen zu können und die Folgen der Haft zu ertragen.

Liliana erzählt, Juan Manuel sei in der Haft in seiner Haltung bestärkt worden. Er denke zwar an die Familie, aber auch daran, wie viele weitere Menschen unter der repressiven Regierung leiden. Er sei allerdings schon sehr besorgt, insbesondere um die Gesundheit seiner Familie. Wenn Liliane wegen irgendeiner Sache später kommt, bekommt er es mit der Angst zu tun, fürchtet, sie sei von den wahren Mördern von Brad Will überfallen worden. Ähnliche Ängste stehen die beiden um ihre Kinder aus.

Die Denunziation der Machenschaften der lokalen Mächtigen ist gefährlich, niemand äussert sich, aus Angst, meint Liliana weiter. Drei Familien kontrollierten den Vorort der Hauptstadt, Santa Lucia del Camino: "Ihr Hunger nach Macht führt sie dazu, Verbrechen zu begehen" wie dasjenige gegen Brad Will, so Liliana. Andere Machenschaften wie der lokale Drogenhandel seien durch diese lokalen Machthaber gedeckt. All dies sei der Grund dafür, dass die Leute einen grundsätzlichen Wandel wollten, deshalb sei der Aufstand von 2006 geschehen. Juan Manuel hat diesen Kampf gelebt und ist heute in seinen Worten "eine Geisel des Staates". Auch die aus der Solidaritätsbewegung mit Südmexiko entstandene "Internationale Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte" kommt zum Schluss, das mexikanische System "bestraft die Opfer und beschützt oder belohnt gar die Verantwortlichen dieser gravierenden Menschenrechtsverletzungen". medico wird die mexikanischen Organisationen, die sich gegen diese Missstände trotz aller Gefahren zur Wehr setzen, weiterhin tatkräftig unterstützen.


Philipp Gerber, Campaigning

medico international schweiz
Quellenstrasse 25 Postfach 1816 8031 Zuerich
Tel. 044 273 15 55 Fax 044 273 15 66
Postcheckkonto 80-7869-1
www.medicointernational.ch

siehe auch: http://www.medicointernational.ch/content/view/180/1/

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