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Oktober: GUERRERO, die zehnte Stele

La Jornada vom 19.02.2003
Subcomandante Marcos
übersetzt von Dana

  (Die politischen Gefangene und die Verschwundenen: die rebellische Erinnerung)

Ein wenig Trauer und Mut setzen ein, als die Hand und die Augen Oktober und Guerrero erreichen. Aber es gibt keine vergebliche Bitterkeit oder resignierte Niederlage in der Hand, als sie zur Wolke wird, noch in den Augen als sie zu Stein werden. Denn dies ist die Staat Guerrero, ein Name und eine Geschichte, die viel Trauer und viel Mut vereinen, aber auch viele Erinnerungen und Rebellionen.

Guerrero. Mehr als drei Millionen Bewohner und mehr als eine halbe Million indigene Amuzgos, Mixtecos, Nahua und Tlapanecos.

Die blaue Wolke fliegt. Gen Westen, nahe an Puebla und Oaxaca, sind die Berge zu sehen. Sie sind in Hochlandgebiete und Flachlandgebiete unterteilt. Zum grössten Teil werden sie von Tlapanecos, Nahuas und Mixtecos bewohnt. Als diese Nahrung, wirtschaftliche und Gesundheitsprogramme und Infrastruktur forderten um sich entwickeln zu können, antwortete die Fox Regierung mit . Maquilas! Ja, wie überall in der mexikanischen Landgegend, die von der neoliberalen Politik zerstört wird, herrscht in den Bergen von Guerrero ein Überfluss an billige Arbeitskräfte. Beide sind freie Beute für Unternehmer und Regierungsbehörden. Und wie vielerorts in der mexikanischen Landgegend, produziert diese Region in erste Linie Migranten. Von den Zuckerrohr- und Bohnenanbaugebiete von Cuautla unterwegs nach New York City, vorbei an den Feldern des nordöstlichen Mexikos, emigrieren Campesinos aus Guerrero auf der Suche nach einem Lebensunterhalt für ihre Familien. Mindestens 30.000 Migranten pro Jahr verlassen ihre Felder und Häuser.

Aber die Maquilas des Foxschen ’Marsch in den Süden’ Plans (ein Name der unzweifelhaft an die Eroberung erinnert) kommen nicht alleine. Die Bundesarmee und die Polizei begleiten sie. Ja, zusammen mit den Maquilas kommen mehr Armee- und Polizeibarracken, Kontrollpunkte, Missbräuche, Repression. Und mit den Soldaten kommen Prostitution, Alkoholismus, Drogenhandel. Sie enteignen das Land der Campesinos um Barracken und Militärstraßen zu bauen. Und damit zusammenhängend wachsen auch die Konflikte zwischen den Gemeinden. "Was durch Geschichte vereint wird, wird durch das Kapital getrennt," scheint das Motto der neoliberalen Regierungen zu sein.

Das Menschenrechtszentrum Tlachinollan denunzierte das Vorhandensein eines wahren Militärreservats in Guerrero, "als ein Mittel zur Eingrenzung der sozialen Bewegung". "In diesem Kontext gibt es viele Gemeindekonflikte, die Militarisierung der Region hat zugenommen um die Maquilazonen zu beschützen oder Voraussetzungen zu schaffen, um die Investitionen im Maquilakapital garantieren."

In Tlapa, ist dem Menschenrechtszentrum Tlachinollan zufolge "ein Punkt der weiterhin Anlaß zur Sorge gibt, die Tendez dieses indigene Gebiet zu militarisieren. Als ob der Ausgang des Dialoges, der sozialen Koordination und Gemeindeentwicklung einer militärischen Strategie untergeorndet sind. Die Militarisierung wird als ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Stabilitär dieser Gebiete rechtfertigt, ohne die Ursachen der extremen Armut, des Elends und der massiven Migration zu berühren (.)"

Und weiter:

"Die Ablehnung des Gesetzesvorschlag für indigene Rechte und Kultur machte den indigenen Organisationen in Guerrero klar, dass es sich hierbei um eine gutgeplante Bemühung gehandelt hat, um das indigene Gesetz den Bedürnissen des transnationalen Kapitals anzupassen. Die Gemeinden werden auf ihre eigenen Gebiete keine Entscheidungen treffen dürfen, und vor allem werden sie nicht in der Lage sein Pläne zu entwerfen, die im größeren Einklang mit der ethnischen Entwicklung stehen, noch werden es die Gemeinden sein, die darüber entscheiden."

Und der Gewinn aus der Zerstörung der Landgegend ist so profitabel, dass der Gouverneur von Guerrero, René Juárez (alias "Zedillos verzogener Sklave"), nach Handels- und Investmentvereinbarungen ausser Landes sucht, besonders auf dem Bergbaugebiet, mit Kanada und Japan. Es ist allseits bekannt, dass es in den Bergen von Guerrero viele neue Mineralien gibt, die für zukünftige Technologien nützlich sein werden. "Es gibt vier Regionen metallischer Minerale in Guerrero, reich an Gold, Silber, Kupfer, Blei, Eisen, Zink, Quecksilber, Antimon und Wolfram, und nur in Taxco und Mezcala wird abgebaut. Es gibt auch drei Zonen mit nicht-metallischem Vorkommen an Barium, Fluorit, Graphit, Quartz, Calcit, Dolomit, Puzol, Tuffstein, Marmor, Gyps, Amethyst, Kalkstein, Granit und Titanium, sowie Kobalt, Nickel, Chrom, Kalium und Salz. Dieser Reichtum breitet sich über 38% des Territoriums von Guerrero aus. Heute betrachten die Bundes- und Staatsregierungen, sowie mehrere transnationale Unternehmen Guerrero als eins der Bundesstaaten mit dem größten Potential für Bergbauentwicklung in Mexiko. Die Staatsregierung hat auf Foren und in Veröffentlichungen mit großem Rummel ihr Vorhaben angekündigt, Guerrero in ein nationales Bergbauzentrum zu verwandeln, das mehr Einnahmen einbringen soll, als der traditionelle Tourismus. Derzeit beteiligen sich mindestens 11 japanische, US-amerikanische und kanadische Bergbauunternehmen am Abbau in Guerrero." (Rolando Espinosa und Verónica Villa in Ojarasca, La Jornada, 2002.)

Señor Florencio Salazar, der ehemalige Leiter des Plan Puebla-Panama, stammt aus Guerrero, und damit auch kein Zweifel daran entsteht wer hinter dem Plan steht, wechselte er im Regierungsministerium zur sogenannten "Abteilung für Proteste und Soziale Bewegungen" über (oder anders, die "Abteilung für die Korruption und Repression sozialer Bewegungen").

Aber es gibt auch solche, die sich nicht korrumpieren lassen, und sich der Repression widersetzen.

Xochistlahuaca ist eine Gemeinde am Fuß der Berge. Diese Gemeinde wird auch Suljaá genannt, was auf Ñomndaa (Amuzgo) "Blumenwiese" bedeutet. Sie wird hauptsächlich von Angehörige des Amuzgo Volkes bewohnt, zusammen mit mixtekische und Nahua Gemeinden. Ihre Geschichte des Widerstandes ist nicht neu. Sie haben den aztekischen Eroberer getrotzt, den Spanischen Invasoren, den liberalen Kreolen, den indigenen und Mestizo Kaziken. Da sie sich nicht ergeben haben, versuchte man sie auszulöschen... und versagte. Offiziellen Zahlen zufolge sind zwei Drittel der hiesigen Bevölkerung Analphabeten, fast 100% haben kein Zugang zur medizinischen Versorgung, die Hälfte hat kein Einkommen, 80% der Häuser haben keine Wasserversorgung und die Hälfte kein Strom.

"Da sie genug von den Auflagen, den Kaziken und der Armut hatten, beschlossen die Dorfbewohner von Suljaá am 20. November 2002 ihre eigene Bezirksautoritäten zu wählen, in Einklang mit den Amuzgo Sitten und Gebräuche, auf eigene Faust und gegen den Willen der Kaziken, der politischen Parteien und der gegenwärtigen staatlichen Wahlgesetze.

"So ernannten mehr 70 Calandyo (Oberhäupter), Alte und Ejiditarios, sieben Nanman’iaan (direkt übersetzt: "jene die schmutzig sind weil sie arbeiten’) oder traditionelle Autoritäten für die Gemeindeversammlung. Ab diesem Tag übernahmen die gewählten Autoritäten die schwierige Aufgabe, unter dem Prinzip des "dem Willen des Wolkes dienend und nicht sich selbst’ zu regieren, und das Suljaá wats’iaan ndaatyuaa, (das Ratshaus von Suljaá) zu besetzen, ehemals der Regierungspalast von Xochistlahuaca und Hauptsitz des Gemeinderats und aller Regierungsstrukturen, die ihnen seit Jahrhunderten aufgezwungen worden sind, und von der heutigen "Wahldemokratie" gestärkt werden." ("Die Nanncue ñomndaa erringen ihren eigenen Pfad zurück." Carlos González García. Ojarasca, La Jornada.)

Der Kampf der Suljaá Indigenas hat sich der Macht ferngehalten. Er fordert weder Anerkennung noch Subventionen, sondern Respekt, und hält sich raus aus der traditionellen Politik und deren Wahlformen. So lauten ihre Worte:

"Heute nehmen wir unseren eigenen Pfad zurück. Indem wir unseren Pfad beschreiten werden wir wissen wohin wir gehen, den Pfad von unten, den wir gelernt haben, der uns gelehrt hat, den die Großeltern unserer Großeltern Jahrhunderte lang beschritten haben, der nicht aus Lügen, sondern aus echte Schritte gebaut ist, alle zusammen, vereint wie am Tag an dem wir aus dieser Erde geboren wurden.

"(.) die Bildung einer autonomen Regierung in dem wichtigen Bezirk von Suljaá (Xochistlahuaca), das Herz der Kultur des Nancue Ñomndaa Volkes, nach mehr als 500 Jahre der Fremdherrschaft, wird die Re-Konstituierung der indigenen Gemeinden und Völker der Region ermöglichen. Es ermöglicht vor allem die Reorganisation des Nanncue Ñomndaa Volkes, und eröffnet unserer Bevölkerungen ein Weg für ihre eigene Entwicklung und die Resolution ihrer politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse, nach Jahre der Armut und der Marginalisierung."

Die Wolke reist weiter durch die Berge von Guerrero. Einige Polizisten sind zu sehen. Die Wolke versteckt sich und beobachtet aufmerksam. Die Polizei erreicht eine Gemeinde. Aber anstatt sich zu verstecken oder misstrauisch zu sein, kommen die Leute mit kleine Kameras raus und bitten die Polizisten sich mit ihnen fotografieren zu lassen. Die Wolke bittet überrascht um Erklärung. "Das sind die Comunitarios," lautet die Antwort. Seit Oktober 1995, sind die "Comunitarios", wie die Menschen sie liebevoll nennen, für die öffentliche Sicherheit der Küsten- und Bergregionen von Guerrero verantwortlich gewesen. Die Comunitario Polizei wurde hauptsächlich von den Yopes (oder Tlapanecos), aber auch den mixtekischen Gemeinden gefördert. Das haben sie ohne jede Regierungsbeteiligung oder Finanzmittel von außen geschafft, und mit der moralischen Stärke um das Verbrechen in diese gewalttätige Region dramatisch zu reduzieren. Die Regierung von Guerrero mag sie offensichtlich kein bisschen, und die mexikanische Armee hat schon mehrmals gefordert, dass die Gemeinden ihre Waffen übergeben und sich in munizipale und staatliche Polizeiabteilungen assimilieren lassen, mit der Drohung Haftbefehle gegen sie auszustellen.

In der "Erklärung für Sechs Jahre des Kampfes Gegen Verbrechen und Für das Recht der Indigenen Völker auf Gerechtigkeit" wird der Grund für die Comunitario Polizei erklärt: "der Mangel einer effizienten, engagierten und verantwortungsbewussten Antwort seitens der offiziellen Behörden hat die indigenen Völker der Region gezwungen sich auf die Grundrechte zu berufen, die in der Verfassung unseres Landes verankert sind, und unsere eigene Formen der Ausübung von Gerechtigkeit für unsere Völker wiederaufzunehmen (...) Unsere Bildung und Ausbildung erfolgte durch unsere eigene Tragödie und die Gleichgültigkeit der Regierung."

Die Wolke reist weiter und erreicht die Region, in der die Organization der Campesinos Ecologistas der Sierra von Petatlán und Coyuca de Catalán (OCESP) arbeitet, die zu dem Zweck gegründet wurde die Umwelt zu schützen. Und für die Regierung gibt es nichts subversiveres als die Abholzung der Bäume zu verhindern.

Am 2. Mai 1999 wurden Teodoro Cabrera und Rodolfo Montiel (ausgezeichnet mit dem Goldman Umweltpreis) offiziell zum Gefängnis verurteilt. Sie waren von der Armee verhaftet und gefoltert worden, vom mexikanischen Gericht abgerichtet und verurteilt, und von Amnesty International zu Gewissensgefangene erklärt worden. Ihr Verbrechen: der organisierte Widerstand gegen die Zerstörung der Wälder.

Augenblick mal! Gewissensgefangene? Heißt das etwa "politische Gefangene"? Aber . die Regierung des Wandels?

Um darauf eine Antwort zu finden, muss die Wolke zu Stein werden und Mama Pietra und die Damen des Eureka Komitees aufsuchen.

Aber wer sind diese Wächter der rebellischen Erinnerung?

Gestern, als wir noch unter der PRI Diktatur lebten, und besonders während der Regierung der unseligen Luis Echeverría Alvarez und José López Portillo, wurde Außenpolitik als Fassade für eine interne Politik des Terrors benutzt. Salvador Allendes Kampf in Chile wurde anerkannt, um den Schmutzigen Krieg zu verbergen, der in Mexiko geführt wurde. Die Farabundo Martí Front der Nationalen Befreiung aus El Salvador wurde als reguläre Armee anerkannt, damit niemand nach den verschwundenen Festgenommenen in Mexiko fragte. Das sind nur einige Beispiele dieser Politik. Während dieser Periode hatten die Damen des Eureka Komitees, Verwandte von Verschwundene, unter dem fehlenden Verständnis und der häufig fehlenden Solidarität der lateinamerikanischen Linken zu leiden, weil die Vertreter der Linken in Los Pinos oder im Regierungsministerium empfangen wurden und erhebliche Hilfsleistungen erhielten, während ihre mexikanischen Compañeros in dem Labyrinth des Militärlagers Nr.1 gefangen waren. Bis heute haben sie wenig Interesse an das Schicksal der Mexikaner gezeigt, die den bewaffneten Aufstand gewagt haben, häufig ihrem eigenen Beispiel folgend.

Heute, da wir unter der Regierung leben unter der "alles sich ändert, damit alles beim alten bleiben kann", zwingen die Winde der Globalisierung sie eine andere Art der Politik zu fördern. Heute ist es für sie weniger wichtig die innere Stabilität zu erhalten, als sich als Juniorpartner und Untergebene der heutigen Globalisierung zu behaupten, die im Grunde nichts anderes ist, als eine Neuverteilung der Welt durch die wirtschaftlich-militärische Machtzentren ist, ein Krieg gegen die Menschheit.

Aber da viele der Seniorpartner Mexikos "demokratische Klausel" als Bedingung für die Unterzeichnung von Handelsabkommen eingeführt haben, ist es notwendig geworden das Banner der Menschenrechte zu benutzen um sie zufrieden zu stellen. Aber das alles bedeutet nichts mehr, als sich der heutigen Hegemoniepolitik der nordamerikanischen Supermacht anzupassen, die Invasionen, Massaker und zivile Restriktionen ausführt, die nur mit denen der Nazizeit zu vergleichen sind. Und all dies findet als Höhepunkt des Zynismus, unter dem Mantel der Menschenrechte statt. Der kommende Krieg gegen den Irak ist ein glänzendes Beispiel.

Auch in Mexiko werden individuelle Rechte verletzt (man muss sich nur ansehen was vor einige Monate in Morelos los war, mit den Umweltschützer, die sich friedlich gegen die Zerstörung unseres Kulturerbes widersetzten). Morde werden weiterhin verübt deren Opfer soziale Vorkämpfer sind, die Gefängnisse füllen sich weiterhin mit politische Gefangene (wie im Fall unserer zapatistischen Compañeros in Querétaro, Tabasco und Chiapas, der Cerezo Brüder und der ERPI und EPR Gefangenen), und die Frage der politisch Verschwundenen bleibt weiterhin ungelöst. Darüberhinaus gibt es neue politisch Verschwundene als Produkt der heutigen Regierung.

Die große Veränderung ist, dass man sich nicht länger einer internationalen Politik als Alibi für diese Praktiken bedient. Die Frage ist nicht mehr, ob wir zur Dritten Welt gehören. Heute müssen sie nur noch darauf hören was die Stimme ihres Gebieters sagt, und den Anschein erwecken Menschenrechte zu schützen, auch wenn es geschieht indem das Gesetz niedergetrampelt wird.

Die Freilassung von General Francisco Gallardo erfolgte nicht durch die Anerkennung seiner Unschuld, sondern durch das Zurechtbiegen des Gesetzes um internationale Institutionen zufrieden zu stellen ohne die militärische Hierarchie zu verärgern. Erika Zamora wurde freigelassen, weil ihre Inhaftierung unhaltbar war, aber wenn sie unschuldig ist (was sie ist), welche Verantwortung trägt dann die Armee, die das Campesinotreffen in El Charco, Guerrero, aus nächster Nähe angegriffen und massakriert hat? Die Campesinos Ecologistas der Sierra (Montiel und Cabrera) wurden freigelassen, aber ihre Unschuld wurde nicht anerkannt. In einer nachfolgenden Entscheidung wurde ihre Schuld sogar bestätigt, und wenn sie in Freiheit bleiben, dann nur aufgrund des internationalen Druckes. Darüberhinaus sind die Holzfällerkaziken und ihr Chef und Beschützer, Rubén Figueroa, noch nicht einmal vorgeladen worden um eine Aussage zu machen (das wird wahrscheinlich erst erfolgen, wenn keine Möglichkeit mehr besteht sie zu belasten).

Es ist außerordentlich wichtig die Bedeutung des Kampfes des Eureka Komitees für die lebendige Übergabe aller politisch Verschwunden zu betonen (538 Fälle wurden von den Damen dokumentiert, 214 Fälle in Guerrero, und davon 172 alleine in 1974). Der Senat beschloss schließlich in Dezember 2001, die interamerikanische Konvention gegen das gewaltsame Verschwinden von Personen zu ratifizieren, die in Belem, Brasilien, am 9. Juni 1994 angenommen wurde. Es hat den Anschein, als ob ein bedeutender Schritt für die Lösung dieses schrecklichen Problems genommen wurde, aber gleichzeitig wurde ein Vorbehalt und eine interpretierbare Erklärung formuliert. Dies war eine Verletzung des grundsätzlichen Inhalts der Konvention, und insbesondere eine neue Verspottung der die Opfer (und ihre Verwandte) der schrecklichen Praktik des gewaltsamen Verschwindens, das von der Resolution 47/133 der Generalversammlung der Vereinten Nationen als ein Verbrechen gegen die Menschheit verurteilt worden ist.

Der Vorbehalt des mexikanischen Senates bezieht sich auf die Anerkennung der Sondergerichte des Militärpersonals, das die Verbrechen des gewaltsamen Verschwindens verübt hat, und stellt so sicher, dass sie nicht vor einem Zivilgericht gestellt werden.

Die interpretierbare Erklärung andererseits legt fest, dass die Bestimmungen der besagten Konvention auf jene Vorfälle angewendet werden, die nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes angeordnet, ausgeführt oder verübt werden. Das heißt, Straffreiheit für die Vergangenheit.

Durch diese zwei Punkte wurde Artikel IX der Konvention verletzt. Der Artikel besgt folgendes: "Das Verbrechen des gewaltsamen Verschwindens kann nur von den zuständigen Gerichte jedes Staates gerichtet werden, unter Ausnahme aller Sondergerichte, besonders militärische. Handlungen von gewaltsames Verschwinden können nicht als Ausführung militärischer Pflichten betrachtet werden." Und Artikel III: "Das besagte Verbrechen gilt als fortdauernd oder fortgesetzt solange das Schicksal oder der Verbleib des Opfers nicht geklärt worden ist."

Was den Schluss zulässt, dass Artikel XIX verletzt wird, der besagt: "Staaten haben das Recht Vorbehalte hinsichtlich der besagten Konvention zum Zeitpunkt ihrer Unterzeichnung, Ratifizierung oder Anerkennung zu formulieren, solange diese mit dem Ziel und dem Zweck der Konvention nicht inkompatibel sind.

Mit dem Vorbehalt und der interpretierbaren Erklärung garantiert der mexikanische Staat die vollständige Straffreiheit jener, die das Verschwinden Hunderter Mexikaner verübt und angeordnet haben.

Aus diesem Grund hat das Eureka Komitee vollkommen recht, und berühren einen wunden Punkt wenn sie darauf hinweisen, dass es vollkommen nutzlos ist einen Sonderermittler zu haben, der vorgeblich die Verschwundenenfälle untersuchen soll, der bevor er seinen Arbeitsplan vorgestellt hat, bevor er die Mütter der Verschwundenen von Sinaloa um Blutproben gebeten hat, bevor er seine Büros in Guerrero mit so viel Pomp eröffnet hat, keine nennenswerte Arbeit irgendeiner Art geleistet hatte.

Oder könnte es in Wirklichkeit nur darum gegangen sein einen Apparat zu erschaffen, der benutzt werden kann wenn Señor Fox auf seine ständigen Weltreisen auf die Menschenrechtsverletzungen in Mexiko angesprochen wird?

Als in Argentinien beschlossen wurde eine Untersuchung des Schmutzigen Krieges durchzuführen, wurde eine Sonderkommission ernannt, unter dem Vorsitz des großen Schriftstellers Ernesto Sábato — und nicht irgendeines grauen Bürokraten — die tadellose Arbeit leistete. Die Verbrecher und tatsächliche Folterer wurden mitsamt ihrer Bosse auf die Anklagebank geschickt. Letztendlich beschloss der Staatsoberhaupt auf schamlose Weise sie alle zu begnadigen, und das Schlussliniengesetz (Ley de Punto Final)wurde erlassen.

Natürlich sehen wir es mit Freude, dass Luis Echeverría Alvarez vor dem Ermittlungsausschuss für die Massaker vom 2. Oktober 1968 und vom 10. Juni 1971 vorgeladen wird, aber diese Freude verflüchtigt sich wenn wir erfahren, dass die Gesetze dermaßen zurechtgebogen wurden, dass weder er, noch irgendeiner der beteiligten Beamten belangt werden können.

Das Schauspiel wurde perfekt inszeniert, und dazu gehört auch die vorgebliche Empörung des Sonderermittlers, der natürlich während Luis Echeverrías Amtszeit ein Staatsbeamter gewesen ist, in der gleichen Regierungsabteilung die den Schmutzigen Krieg gegen Tausende Mexikaner geplant und ausgeführt hat.

Um den mexikanischen Staat nun reinzuwaschen, will man die Verantwortung für den Schmutzigen Krieg auf ein paar Handlanger der Macht beschränken: Francisco Quirós Hermosillo, Mario Arturo Acosta Chaparro und Miguel Nazar Haro. Was verborgen wird, ist dass es sich dabei um eine Staatspolitik gehandelt hat, eine Politik, die nicht aufgegeben worden ist: bis heute hat unter der neuen Regierung bereits 22 verschwundene Festgenommene gegeben.

Diese Staatspolitik kann durch die Hetzreden des Herren Ermittlers nicht verborgen werden, der von seinem Cousin Deni Prieto redet und versucht sich hinter das Bild des Rebellen zu verstecken, der am 14. Februar 1974 in San Miguel Nepantla, im Bundesstaat Mexiko ermordet wurde.

Wir sind hier Zeugen einer neuen gemeinsamen Falle der Legislativen und der Exekutiven (genau wie die indigene Gegenreform). Einerseits die vollkommene Verzerrung der Internationalen Konvention gegen das gewaltsame Verschwinden, andererseits der Versuch die Macht auf internationaler Ebene reinzuwaschen, indem ein paar angeheuerte Mörder vorgesetzt werden, die eine Reihe Fragen beantworten sollen. Und zuletzt arbeiten sie nicht daran die gewaltsam Verschwundenen aufzufinden, sondern erklären sie stattdessen für tot, ohne irgendwelche Beweise vorzulegen. Eine neue Maskerade um die Naiven abzulenken oder um ein paar professionelle Politiker mit einer linken Vergangenheit beschäftigt zu halten.

Angesichts dieser Maskerade erhebt sich die Würde der Mütter des Eureka Komitees, die entschlossen sind sich nicht für diese Legitimierung einer neuen Verspottung herzugeben. Die Macht und die Regierung können den "Fall" schließen und Hunderte Mexikaner für tot erklären, sie können diese Methoden angeblich moralisch verurteilen (während sie sie gleichzeitig weiterhin implementieren), sie können ein paar Gewissen kaufen und Geld im Austausch für Würde anbieten. Aber solange das Eureka Komitee, die Doñas, weiterhin ihre unnachgiebige, würdige Haltung aufrechterhält, werden all diese Tricks nutzlos sein. Der Schrei des würdigen Mexikos wird weiterhin lauten: Lebendig wurden sie uns genommen, lebendig wollen wir sie wieder!

"Ja!" sagt und sagt sich der Stein, "denn die Erinnerung an all diese Männer und Frauen ist weiterhin lebendig, und wird es weiterhin bleiben, solange es Frauen wie die Doñas gibt."

Wieder zur Wolke geworden fliegt der Stein nun nach Morelos. Sie wird sicher eine Blume der Erinnerung und Rebellion am Grab von General Emiliano Zapata Salazar niederlegen, Anführer der Befreiungsarmee des Südens und Oberster Kommandant des Armee der Nationalen Befreiung.

Aus den Bergen des südöstlichen Mexikos.

Subcomandante Insurgente Marcos

Mexiko, Januar 2003.

 Quelle:  
  http://www.jornada.unam.mx/ 
 

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