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»Frauen zahlen den Preis für den Drogenkrieg«

Poonal vom 08.03.2011
von Anayeli García Martínez, Poonal Nr. 936

  Buch »Im Kreuzfeuer« (Fuego Cruzado)(Mexiko-Stadt, 15. Februar 2011, cimac).- Interview mit der Journalistin Marcela Turati über ihr Buch »Im Kreuzfeuer« (Fuego Cruzado)

Angesichts eines von Tod und Angst erdrückten Mexikos, in dem aufgrund einer gescheiterten Sicherheitsstrategie immer mehr Gewalt erzeugt wird, hat es sich die Journalistin Marcela Turati zur Aufgabe gemacht, die Geschichten der ermordeten Jugendlichen, Waisen, Witwen, Verwundeten, Vertriebenen und ganzer Familien zu sammeln und zu erzählen, die seit 2006 die Opfer des »Kriegs gegen den Drogenhandel« sind.

In ihrem Buch »Kreuzfeuer« beschreibt die Mitarbeiterin der Wochenzeitung »Proceso« die Trostlosigkeit eines Landes, in dem das Morden trauriger Alltag geworden ist und der mangelnde Schutz durch den Staat dazu führt, dass es immer mehr ausgestorbene Dörfer gibt. Journalistische Selbstzensur ist Realität geworden, Opfer werden verdächtigt, an ihrem eigenen Unglück schuld zu sein − und es sind die Frauen, die Gerechtigkeit fordern.

»Ich beschäftige mich nicht mit dem Thema des Drogenhandels. Ich mache mich nicht daran herauszufinden, wer Chef von welchem Kartell ist, wer der lokale Boss ist und welche Verbindungen er zur Polizei hat. Als Reporterin habe ich immer danach geschaut, welchen Einfluss staatliche Politik auf die StaatsbürgerInnen hat. Jetzt ist es mein Ziel zu erklären, wie sich die Gewalt auf die mexikanische Gesellschaft auswirkt«, erklärt Turati in einem Interview mit Cimacnoticias.

Chronik der Straflosigkeit

2007 begann Marcela Turati, sich mit der Gewalt in Chihuahua zu beschäftigen. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, sich nicht mit dem Drogenhandel zu befassen weil sie sich einfach nicht für das Thema interessierte, begann sich ihr Notizblock seither mit Zeugenaussagen zu füllen. Diese Notizen brachten Turati drei Jahre später dazu, das Buch »Kreuzfeuer« zu schreiben – mit dem sie, wie sie selbst sagt, »sozialen Journalismus betreibt«.

Cimac: Jeden Tag beschreiben die Medien das Klima der Gewalt. Warum dann noch dieses Buch?

Turati: Ich hatte den Eindruck, dass zwar schon viele Bücher über den Drogenhandel geschrieben worden sind, aber alle sich auf die Bosse, auf die Politiker und die Korruption zwischen diesen beiden konzentrieren. Es gab kein Buch, das über die Leute berichtet, über die Auswirkungen der Gewalt auf die Menschen; keines hat den Opfern eine Stimme gegeben − und für mich war aber genau das am Wichtigsten.

Außerdem wollte ich die Realität von anderen Perspektiven aus betrachten. Ich wollte die Gewalt durch die Brille anderer Disziplinen sehen – die der Psychologen, Soziologen und Sozialarbeiter und nicht nur aus Sicht der Sicherheitskräfte und der Polizei. Man muss die sozialen Aspekte einbeziehen, um diese komplexe Thematik zu analysieren, die nicht nur aus dem Kampf der Guten gegen die Bösen besteht.

Cimac: Was sind die Erkenntnisse aus deiner journalistischen Aufarbeitung der sozialen Phänomene im Bereich der ’Drogengewalt’?

Turati: »Es herrscht so ein Chaos, dass man sich entschloss, die Armee, die Marine und die Polizei auf die Straßen zu schicken ohne dabei an die Menschen zu denken und an die Betreuung der zahlreichen Familien, die Menschen verloren hatten. Man hat die Gesellschaft sich selbst überlassen, ohne politische Ansätze zur Förderung von Beschäftigung und Bildung.

Dieses Buch ist wie eine Chronik der Straflosigkeit und zeigt, wie die Straflosigkeit weitere jugendliche Killer hervorbringt, die das Gefühl bekommen, dass sie jegliche Art von Verbrechen begehen können, ohne jemals dafür bestraft zu werden. Das Buch schildert eine soziale Katastrophe, in der nur wenige Geschichten, vielleicht gar keine, einen glücklichen Ausgang nehmen.«

Die Männer bringen sich gegenseitig um − die Frauen fordern Gerechtigkeit

In den Seiten von »Kreuzfeuer« gibt die Autorin den Opfern der Gewalt gegen den Drogenhandel ihre Identität zurück. So zeigt sie zum Beispiel den Kampf einer Frauengruppe, die angesichts der Tatenlosigkeit der Behörden die Zugstrecke Chihuahua-Pazifik blockiert, oder auch den Fall einer Lehrerin auf dem Land und einer Friseuse, die sich nach dem Mord an ihren Söhnen zu Expertinnen der Verbrechensaufklärung entwickeln.

Cimac: Was passiert mit den Frauen im Kampf gegen die Drogenhandel? Wo sind die Mütter, Töchter, Schwestern?

Turati: Die Gewalt belastet insbesondere die Frauen. Es werden fast nur Männer umgebracht, 90 Prozent der Toten sind Männer, die meisten davon sind jünger als 30 Jahre. Vor allem die Familienväter oder ältesten Söhne werden getötet, jene also, die die Familien ernährt hatten. Das führt dazu, dass Frauen die vorher nicht arbeiteten, nun einer Beschäftigung nachgehen müssen und für diejenigen, die bereits gearbeitet haben, verdoppelt sich die tägliche Arbeitslast.

Ich hab von Sozialarbeiterinnen erfahren, dass sie auf viele Frauen treffen, die Antidepressiva oder Alkohol nehmen, um sich von Tag zu Tag zu hangeln. Es belastet sie sehr, für die Familie sorgen zu müssen, die ihnen geblieben ist und sie fühlen sich damit überfordert. Aber es gibt auch andere Frauen, die Kollektive gründen und Gerechtigkeit für ihre Toten und Verschwundenen fordern.

Das sind Mütter, Töchter, Ehefrauen und Schwestern, die nach jedem Massaker jegliche Angst verlieren. Sie machen es sich zur Aufgabe, kreuz und quer durchs Land zu fahren, um zu ermitteln, Beweise zu sammeln, die Staatsanwaltschaften aufzusuchen und zu allen Behörden zu gehen, um Ergebnisse von ihnen zu verlangen. Einige fühlen sich wie lebende Tote, die sich sagen sich: ’egal, ob sie mich umbringen, ich will Gerechtigkeit’. Und dafür setzen sie sich ein.

Cimac: Die meisten der insgesamt 12 Kapitel des Buches spielen in Chihuahua. Ist die soziale Lage der Frauen typisch für dieses Gebiet oder glaubst du, dass sie sich schon aufs ganze Land ausgeweitet hat?

Turati: Ich glaube, dass sich die Aktivisten der Gesellschaft vor allem in Ciudad Juárez befinden, und in Chihuahua generell auch, aber ich sehe diesen Aktivismus auch an vielen Orten. Das Netzwerk der Verschwundenen gründete sich in Coahuila und diejenigen, die es vorantreiben, sind Menschenrechtsverteidigerinnen. Beim letzten Netzwerktreffen habe ich Leute aus Tijuana, Sinaloa, Tamaulipas und Durango gesehen.

Ich erfuhr, dass es in Sinaloa einige Frauen gibt, die den Mord an ihren Söhnen untersuchen. Vielleicht ist die Sachlage in Juárez deutlicher, weil es die Leute dort schon so satt haben; es sieht aus, als wäre dort der kritische Punkt bereits überschritten: denn wenn du fühlst, dass du nichts mehr zu verlieren hast und die nächste sein könntest oder Panik bekommst, dann ziehst dich zurück und versteckst dich oder du bleibst.

Cimac: Abgesehen davon, diese Realität darzustellen – was ist der Beitrag dieses Buches und des von dir bezeichneten »sozialen Journalismus«?

Turati: Sozialer Journalismus bedeutet, eine oder zwei Geschichten zu erzählen, mit deren Hilfe du soziale Phänomene erläuterst. »Kreuzfeuer" berichtet von den Waisen, den Witwen, den Familien mit verschwundenen Angehörigen, den Verletzten. Es berichtet von ausgestorbenen Dörfern sowie von den Menschen, die fliehen mussten. Ich wollte das Ausmaß der Problematik erfassen und sagen: Das passiert gerade und es betrifft viele Leute.

Wenn wir die Geschichten von Menschen erzählen, wenn wir einen menschlicheren und sozialeren Journalismus betreiben, machen wir die organisierten Menschen sichtbar. Der Leser oder die Leserin bleibt nicht mit den Sprüchen und leeren Phrasen der Politiker zurück. Wir sprechen von Rechten, damit die Menschen diese Rechte anerkennen. Man kann das nicht immer machen, aber wir versuchen bei jeder Gelegenheit, dass der öffentliche Leser sieht, wertschätzt, reflektiert sich – vielleicht – organisiert.


Quelle: poonal
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