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Vielleicht ... - 3. Brief von Sub Marcos an Don Luis Villoro

Kommunique vom 25.08.2011
übersetzt von Dana

  MarcosVIELLEICHT. . .

(Dritter Brief von Subcomandante Marcos
an Don Luis Villoro in der Korrespondenz
über Ethik und Politik)

ZAPATISTISCHE ARMEE DER NATIONALEN BEFREIUNG
MEXIKO

Juli - August 2011

An: Don Luis Villoro
Von: SupMarcos

Don Luis:

Grüße von uns allen und eine feste Umarmung von mir. Wir hoffen, Sie sind gesund, und dass die Pause in diesem Briefaustausch dazu beigetragen hat, neue Ansätze und Ideen in Angriff zu nehmen.

Obwohl die aktuelle Realität im schwindelerregenden Tempo zu rasen scheint, sollte eine ernsthafte theoretische Reflexion in der Lage sein, einen bestimmten Augenblick davon »einzufrieren«, um darin die Tendenzen zu entdecken, die uns erlauben, seinen Anfang zu sehen wie auch sein Endziel.

(Und da gerade von Realität die Rede ist, erinnere ich mich, dass es im zapatistischen La Realidad war, wo ich Don Pablo González Casanova einen Tauschgeschäft vorschlug: er sollte mir eine Packung Pancrema Biskuits schicken, und ich sollte ihm ein angebliches und unwahrscheinliches Buch über politische Theorie (um es irgendwie zu nennen) schicken. Don Pablo hielt Wort, aber der verzögerte Gang unseres Kalenders hat mich daran gehindert meinen Teil der Abmachung zu halten . . . noch. Aber ich denke, dass es in der kommenden Regenzeit mehr Worte geben wird).

Wie im Laufe unserer Korrespondenz vielleicht angedeutet wurde (und in den Briefen derer, die sich großzügig dieser Debatte hinzugesellt haben), sind Theorie, Politik und Ethik auf eine Art und Weise miteinander verbunden, die nicht sofort ersichtlich sind.

Es geht sicher nicht darum WAHRHEITEN zu entdecken oder zu erschaffen, diese Mühlsteine??, die so reichlich vorhanden sind in der Geschichte der Philosophie und deren Bastardtöchter: Religion, Theorie und Politik.

Ich denke wir sind uns einig, dass unsere Bemühungen sich mehr zu darauf richten versuchen, die Linien hervorzuheben, die nicht klar erkennbar sind, aber für diese Aufgaben ausschlaggebend sind.

Die Theorie einer konkreten Analyse zu »unterwerfen«, ist eine Möglichkeit. Eine andere ist es, sie in der Praxis zu verankern. Aber diese Praxis wird nicht in diesen Briefen umgesetzt, wenn sie überhaupt erwähnt wird. Daher glaube ich, dass wir darauf beharren sollten unsere theoretischen Reflexionen in konkreten Analysen zu »verankern«, oder bescheidener, zu versuchen ihre räumlichen und zeitlichen Koordinaten zu begrenzen. Das heißt, darauf zu bestehen, dass diese Worte an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit gesprochen (oder in unserem Fall, geschrieben) werden.

Aus einem Kalender und einer Geografie.

I. Der lokale Spiegel.

Das Jahr 2011, Chiapas, Mexiko, Erde.

Und hier, in diesem Kalender und dieser Geografie, beobachten wir weiterhin aufmerksam was passiert, was gesagt wird, und vor allem, was geschwiegen wird.

Auf unseren Ländern leisten wir weiterhin Widerstand. Die Aggressionen, die sich aus dem ganzen politischen Spektrum gegen uns richten, gehen unvermindert fort. Wir sind ein Beispiel dafür, dass es tatsächlich möglich ist, dass alle politischen Parteien sich ein gleiches Ziel vornehmen. Gefördert von den Bundes-, Staats-, und Bezirksregierungen, greifen alle politischen Parteien uns an.

Vor jedem Angriff oder danach, finden Treffen zwischen Regierungsvertretern und "sozialen" Anführer oder Parteileiter statt. Dabei wird wenig gesagt, nur was notwendig ist, um sich über den Preis und die Zahlungsmodalitäten einig zu werden.

Jene, die unsere zapatistischen Position kritisieren, dass "alle Politiker gleich sind" sollten mal eine Reise durch Chiapas führen. Obwohl sie dann sicher sagen würden, dass es sich hierbei um ein rein lokales Problem handelt, das nicht landesweit zutrifft.

Aber die politische Klasse in Chiapas wiederholt, in ihrem angestammten Lokalkolorit, die gleichen lächerlichen Routinen der präelektoralen Zeiten.

Es findet eine Begleichung interner Rechnungen statt (genau wie unter Verbrecherbanden), die innerhalb der politischen Klasse als »Gerechtigkeit« getarnt werden. Aber überall geht es dabei stets um das gleiche: den Weg freimachen für den anstehenden Wahlsieger. Alles was unten geschieht wird verdächtigt ein Komplott von einen oder mehreren Rivalen zu sein. Alles was oben geschieht wird verdreht oder verschwiegen.

Bei der Politik der Medien, Huldigungen auszusprechen, gibt es, wenn es um Chiapas geht, zwischen der nationalen und der staatlichen Presse keinen Unterschied.

Kann irgend jemand ernsthaft von Gerechtigkeit in Chiapas reden, solange einer der Verantwortlichen für das Acteal Massaker namens Julio César Ruiz Ferro weiterhin auf freiem Fuß bleibt? »Keine Sorge, mein Präsident, sobald die sich fertiggetötet haben, schicke ich die öffentliche Sicherheitspolizei los um die Leichen einzusammeln«, war die Antwort des damaligen Gouverneurs von Chiapas, Julio César Ruiz Ferro, an Jacinto Arias Cruz, Bürgermeister von Chenalhó, als dieser ihn am 19. Dezember 1997, vor einer unmittelbar bevorstehenden Konfrontation in Acteal warnte. (Maria de la Luz González, El Universal. 18. Dezember 2007).

Und wie steht es um »El Croquetas« Roberto Albores Guillén, verantwortlich für das Massaker von El Bosque, und darüber hinaus Erbauer eines Imperiums von Verbrechen und Korruption, das ihm heute gestattet, gleich an zweiter Stelle nach Juan Sabines Guerrero und seinem »Kumpel«, dem Coleto Manuel Velasco, zu stehen und an die Regierung von Chiapas zurückzukehren? (Apropos »Kumpel«, wird López Obrador für seine Mithilfe das Schlimmste der PRI-stischen Politik von Chiapas zu recyclen, wohl jemals zur Rechenschaft gezogen werden?)

Ah, die alte Rivalität zwischen den altehrwürdigen politischen Klassen von Comitán, San Cristóbal de las Casas und Tuxtla Gutiérrez (deren Vorgeschichte kann übrigens nachgelesen werden in dem Buch von Antonio García de León, "Widerstand und Utopie: Ein Memorandum der Erniedrigungen und Chronik der Revolten und erfüllten Prophezeiungen in der Provinz Chiapas während der letzten 500 Jahren", erschienen beim ERA Verlag, Neus Espresate). [*1]

Während die Vorahnungen eines Sturmes in der Politik des Chiapas von oben ständig zunehmen, scheint Juan Sabines Guerrero weiterhin der Linie verpflichtet, die zuvor schon »El Croquetas« Albores so viele Fiaskos beschert hat: die Ermutigung paramilitärischer und nicht-paramilitärischer Gruppen um die zapatistischen Gemeinden anzugreifen, die Vertuschung der Macht krimineller Mafias mit oder ohne Alibi einer politischen Partei; die Aufrechterhaltung der Straflosigkeit für seine Verbündeten; Simulation als Regierungsprogramm.

Eine lokale und nationale Presse, die gut mit Geld »geölt« ist, schafft es dennoch nicht, den internen Krieg in der Politik von oben unter der Maske der Einstimmigkeit zu verstecken.

Über all dies reicht es folgendes zu sagen: die internen Regeln der politischen Klasse sind schon seit geraumer Zeit gebrochen worden. Die Kerkermeister von gestern sind die Eingekerkerten von heute, und die Verfolgten von heute werden die Verfolger von morgen sein.

Es ist nicht so, dass keine »Abmachungen« mehr geschlossen werden, sie sind nur nicht mehr in der Lage sie auch einzuhalten.

Und eine politische Klasse, die ihre eigenen internen Abmachungen nicht einhalten kann, ist eine Leiche, die auf ihr Begräbnis wartet..

Nein, die politische Klasse von oben versteht überhaupt gar nichts. Aber vor allem versteht sie nicht das Allerwichtigste: ihre Zeit ist abgelaufen.

Regieren ist kein politisches Amt mehr. Die Aufgabe der Regierenden par excellence ist jetzt die Simulation. Weit wichtiger als politische und wirtschaftliche Berater sind heute die Berater für Image, Werbung und Marketing.

So verhalten sich heutzutage die Regierenden in Mexiko, während die lokalen, regionalen und nationalen Realitäten zu Bruch gehen.

Auch den Regierungsbulletins, getarnt als »Reportagen« und »journalistische Berichte«, gelingt es nicht, die Wirtschaftskrise vollständig zu verhüllen: in den wichtigsten Städten des realen Chiapas beginnen sich Verarmung und die marginalsten »Jobs« auszubreiten. Die Armut, die früher ausschließlich auf die ländlichen Gemeinden begrenzt zu sein schien, nimmt heute in den Stadtzonen des mexikanischen Südostens zu.

Genau wie im ganzen Land.

Klingt das so, als ob ich von der Politik von oben auf landesweiter statt auf lokaler Ebene reden würde?

Ah, die Fragmente des zerbrochenen Spiegels, unwiederbringlich zerbrochen. . .

II. Ein politisches Epitaph für eine Klasse oder eine Nation?

Als Felipe Calderón Hinojosa (Präsident geworden durch das nun eingestandene Verbrechen von Elba Esther Gordillo), als Touristenführer verkleidet, um nicht nur nordamerikanische Polizisten und Militärs nach Mexiko zu locken, in die Tiefen der Schwalbenhöhle in Aquismón, San Luis Potosí hinunter starrte, und ein »Oh my God!« ausrief (http://mexico.cnn.com/nacional/2011/08/17/calderon-promueve-destinos-turisticos-en-el-programa-the-royal-tour), hätte er genauso gut in den Abgrund starren können, in dem das Land während seiner Amtszeit gestürzt ist.

Laut einer Statistik des Nationalen Rates für die Evaluierung der Sozialen Entwicklungspolitik (CONEVAL) ist die Zahl der Armen in Mexiko von 48,8 auf 53 Millionen gestiegen. Fast die Hälfte der mexikanischen Bevölkerung lebt in Armut. Fast 12 Millionen Menschen leben in extremer Armut.

Und eine Durchsicht der Karten des gleichen CONEVAL zeigt, dass die Armutsflecken, die ehemals auf die Bundessstaaten im Süden und Südosten Mexikos (Guerrero, Oaxaca, Chiapas) beschränkt waren, nun anfangen sich bis zu den nördlichen Bundesstaaten auszustrecken.

Die Preise für Bedarfsgüter haben sich während dieser Amtszeit verdoppelt und verdreifacht.

Preiserhöhungen vom 1.12.2006 bis zum 01.03.2011;
Preis in 2006 - Preis in 2011

1. Avocado: um 239.04%, von $12.09 auf $28.90
2. Zitronen: um 230.45%, von $6.01 auf $13.85
3. Zucker: um 199.31%, von $7.24 auf $14.43
4. Bohnen: um 199.50%, von $10.03 auf $20.01
5. Tomaten: um 141.74%, von $9.75 auf $13.82
6. Eier: um 144.65%, von $11.58 auf $16.75
7. Käse: um 193.55%, von $40.77 auf $78.91
8. Weissbrot: um 175.00%, von $1.00 auf $1.75
9. Tortillas: um 153.26%, von $6.74 auf $10.33

Mindestlohn: um 22.90%, von $48.67 auf $59.82

im Folgenden die Originaltabelle:


Preiserhöhungen vom 1.12.2006 bis zum 01.03.2011

(Quelle: Zentrum für Multidisziplinäre Analyse (C.A.M.), »Untersuchungsbericht Nr. 90, Mexiko: Ergebnisse der Wirtschaftspolitik und ihren Auswirkungen bei den Arbeitern (2006-2011)«)

Informationen des Zentrums für Multidisziplinäre Analysen zufolge, musste man zu Beginn der Amtszeit von Felipe Calderón 13 Stunden und 19 Minuten am Tag arbeiten, um genügend Geld zu verdienen, um die empfohlene Nahrungsmittelmenge kaufen zu können. Fünf Jahre später, 2011, muss dafür 22 Stunden und 55 Minuten am Tag gearbeitet werden.

Währenddessen haben sich die Gewinne der Millionäre in den letzten 10 Jahren vervierfacht.

Gewinne der Millionäre in den letzten 10 Jahren

Dem muss der Verlust von Arbeitsplätzen wegen Betriebsschließungen hinzugefügt werden. Darunter der kriminelle Coup gegen die Mexikanische Elektriker-Gewerkschaft. Der Angriff wurde von dem skrupellosen Arbeitsminister Javier Lozano Alarcón ausgeführt (an den man sich auch wegen seiner kriminellen Erpressungen erinnern wird − Zhenli Ye Gon und die 205 Mio. US$ für den Wahlbetrug von 2006), und von den großen Massenkommunikationsmedien »gefeiert«.

Die gigantische Propagandakampagne gegen die Arbeiter der mexikanischen Elektriker-Gewerkschaft (einschließlich der Androhung von Strafverfahren gegen ihre Anführer), die sie nicht nur beschuldigt, faul zu sein, sondern sie auch als Terroristen bezeichnet, sollte mit der Realität verglichen werden: Wenn diese Arbeiter tatsächlich faul und nutzlos waren, wie kommt es dann, dass der zentrale Teil des Landes ausreichend Strom hatte, wie funktionierten die Fernsehanstalten, die sie jetzt angreifen, die Zeitungen, die sie verleumden, die Radiostationen, die sie diffamieren? Und was ist mit den Stromausfällen, unter denen seit Entstehen der Bundesstromgesellschaft die meisten Haushalte in diesem Teil Mexikos zu leiden haben? Und die neuen Stromrechnungen die neuerdings mit exorbitanten Beträgen auftauchen?

Aber der Widerstand dieser Arbeiter blieb nicht unbemerkt. Nicht für uns.

Und während die globale Krise die nationale Wirtschaft kaum beeinträchtigt, bleibt die politische Klasse selbst auf der faulen Haut liegen.

Das Jahr 2012 fing im Kalender von oben schon am 1. Dezember 2006 an, und in diesen fünf Jahren hat alles nur bewiesen, dass diese Kalendern nicht einmal dazu taugen, die verfallenen Mauern des großen Hauses zu schmücken, das wir immer noch »Mexico« nennen.

In der PRI schmieden ein Beltrones und ein Paredes Pläne um einen Peña Nieto zu verdrängen, der sich mehr damit beschäftigt Presseauftritte hinzulegen (da ist Geld zu holen) als mit der Politik (er hatte keinen Amt).

In der PRD, beginnt das ungleiche Paar Lopez Obrador und Marcelo Ebrard zu erkennen, dass alles von den Parteibürokratien der selbsternannten institutionellen »Linken« abhängt.

Und in der PAN des nationalen Alptraums sucht ein kleiner Mann, von Tod und Zerstörung umnachtet, nach jemand, der ihm den Rücken deckt, jetzt, da die Präsidentengarde und der Regierungspalast es nicht mehr tun.

Obwohl der Prestigeverlust und der Verschleiß der regierenden Partei groß ist, setzt Felipe Calderón Hinojosa tatkräftig auf den Gebrauch aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel, um seinen Vorschlag durchzusetzen. Wenn das in 2006 geklappt hat, könnte sich das ja in 2012 wiederholen. Und das wird er auch nötig haben, weil er sehr schlechte Karten hat: ein Cordero (spanisch »Lamm«), der seinem Hirten verspricht, weiter Lamm zu bleiben; ein Lujambio, der versucht dem Scheinwerfer auszuweichen, ein Creel, dem Grau sehr gut steht (das ihn definiert), und eine Vazquez Mota, deren einziges Argument darin besteht eine Frau zu sein. [*2]

(Ich erinnere mich an eine Diskussion, als Barack Obama und Hillary Rodham Clinton gegeneinander als Präsidentschaftskandidaten antraten. Einige Feministinnen forderten Unterstützung für Hillary, weil sie eine Frau war, einige Afroamerikaner forderten Unterstützung für Obama, weil er schwarz war. Die Zeit hat gezeigt, dass dort oben weder Hautfarbe noch Geschlecht eine Rolle spielen).

In der Zwischenzeit zupft Elba Esther Gordillo wie eine Bordelldame an Gänseblümchen ... und schließt nicht aus selbst zu kandidieren statt jemand anderen zu unterstützen.

Bei einem derart kläglichen Ausblick scheint es nur logisch, und ist sogar zu erwarten, das andere Vorkandidaten in Erscheinung treten werden, und mit ihnen ihre Unterstützer.

In Wirklichkeit scheint sich außer den Parteicliquen, der wirtschaftlichen Macht und vereinzelten Militanten niemand für den Regierungswechsel zu interessieren.

Die Apathie wird von Wut ersetzt, und nicht wenige träumen davon das mexikanische politische System endgültig zu begraben und mit Arbeiterhänden auf seinen Grabstein den Spruch zu meißeln: »Sie wollten es auf die harte Tour, aber das Spiel ist endlich aus«.

Unterdessen geht der Krieg weiter ... und mit ihm die Opfer ...

III. Das Opfer beschuldigen

In 1971 verfasste ein nordamerikanischer Psychologe namens William Ryan ein Buch mit dem Titel »Das Opfer beschuldigen« (»Blaming the Victim«). Obwohl seine ursprüngliche Absicht darin bestand den sogenannten »Moynihan-Report« zu kritisieren, der versuchte die Armut der schwarzen Bevölkerung als eine selbstverschuldete Folge ihrer eigenen kulturellen Verhaltensmuster darzustellen, anstatt die bestehenden Sozialstrukturen verantwortlich zu machen, ist diese Idee öfters verwendet worden um Fälle von Sexismus und Rassismus zu rechtfertigen (vor allem Vergewaltigungsfälle, bei denen die Frau beschuldigt wird, den Vergewaltiger durch ihre Kleidung, ihr Verhalten oder ihren Aufenthaltsort »provoziert« zu haben).

Obwohl er es anders nannte, beschrieb Theodor Adorno dieses »Beschuldigen des Opfers« als eines der bestimmenden Merkmale des Faschismus.

Im heutigen Mexiko haben hohe Kirchenfunktionäre, Regierungsbeamte, Künstler und »Meinungsführer« der Massenmedien zum gleichen Schwindel gegriffen, um unschuldige Opfer (zumeist Frauen und Jugendliche) zu verurteilen.

Der Krieg von Felipe Calderon Hinojosa hat diesen faschistischen Wesenszug in ein ganzes Programm der Regierung und Rechtssprechung verwandelt. Und die meisten Kommunikationsmedien haben sich die gleiche Strategie zueigen gemacht, und das Denken derer durchdrungen, die immer noch alles glauben, was in der Presse, im Radio und im Fernsehen gesagt und geschrieben wird.

Irgendjemand hat einmal gesagt, dass Verbrechen gegen Unschuldige ein dreifaches Unrecht verüben: den Tod, die Schuld und das Vergessen.

Das gesamte System, das wir derzeit erleiden, bewahrt, pflegt und kultiviert die Namen und Geschichten der Mörder, um sie zu verurteilen oder zu glorifizieren.

Aber der Name und die Geschichte der Opfer werden vergessen.

Jenseits ihrer Familien und Freunde werden die Opfer erneut ermordet, indem sie dazu verurteilt werden zu einer Nummer in einer Statistik zu werden. Oftmals wird ihnen nicht einmal dies zuteil.

In dem Krieg, den Felipe Calderón Hinojosa der ganzen mexikanischen Gesellschaft aufgezwungen hat, ungeachtet von sozialer Klasse, Rasse, Glauben, Geschlecht oder politische Überzeugung, wird ein weiterer Schmerz hinzugefügt: die Etikettierung dieser unschuldigen Opfer als Verbrecher.

So versteckt sich die Herrschaft der Straflosigkeit hinter dem Begriff »Abrechnung zwischen Drogenhändlern«.

Und dieser schwere Felsen fällt auch auf ihre Familien und Freunde.

Die vorherrschende Ungerechtigkeit sichert nicht nur Straflosigkeit für jede Art von Regierungsbeamten auf Bundes-, Staats- und Bezirksebene. Sie belastet auch die Familien und Freunde der Opfer.

Ihre Toten werden auch getötet, wenn ihr Name und ihre Geschichte gesellschaftlich ausradiert werden, rechtschaffene Leben entstellt werden, wenn die Behörden sie mit kriminellen Adjektiven überschütten, die von den Medien bis zum Überdruss wiederholt werden

Die Opfer des Krieges werden dann zu Schuldigen gemacht, und das Verbrechen, das ihnen Gliedmaßen abfordert oder sie ermordet, ist nichts weiter als eine Art göttliche Gerechtigkeit: »sie haben es selbst herausgefordert«.

Felipe Calderón Hinojosa wird als Kriegsverbrecher in Erinnerung bleiben, auch wenn er sich heute, umgeben von Umarmungen und Epauletten, als großer Staatsführer oder »Retter des Vaterlandes« ausgibt.

Man wird sich seiner mit Bitterkeit erinnern.
Das wird sogar die Ungerechtigkeit und den allgemeinen Spott und Hohn übersteigen, der üblicherweise den Abgang von Regierenden begleitet.

Seine klägliche Darbietung als »Touristenführer«, die Illegalität und Illegitimität seiner Präsidentschaftswahl, seine politischen Desaster, seine Mitschuld an der wirtschaftlichen Krise, seine Zusammenstellung einer Bande von Schlägern und Bodyguards, verkleidet als Politiker, seine Vetternwirtschaft und Konsolidierung des bereits bekannten »Los Pinos Kartells«; all seine Verzerrungen werden im Hintergrund bleiben.

Was bleiben wird, ist sein verlorener Krieg, mit seiner Spur »kollateraler« Opfer: die Niederlage, der Verschleiß und der unwiederbringliche Prestigeverlust der Bundesarmee (dem auch die ausgestrahlten TV-Serien wenig bis gar nicht entgegenwirken können); die Auslieferung der nationalen Souveränität an das Imperium der Streifen und trüben Sternen (wie schon gesagt, die Vereinigten Staaten von Amerika werden die einzigen Sieger in diesem Krieg sein); die Vernichtung der lokalen und regionalen Wirtschaft; die irreparable Zerstörung des sozialen Gefüges, und das Blut von Unschuldigen, stets das Blut der Unschuldigen...

Vielleicht gibt es gegen den Tod keine Abhilfe.

Vielleicht kann nichts das Loch der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit füllen, das der Tod eines Unschuldigen zurücklässt.

Vielleicht können wir nichts tun, um die Zehntausende von unschuldigen Toten dieses Krieges zum Leben zurück zu erwecken.

Aber etwas können wir tun, und zwar diese faschistische Theorie der »Beschuldigung des Opfers« zu bekämpfen und die Toten beim Namen nennen und damit ihre Geschichte zurückgewinnen.

Sie von Schuld und Vergessen zu befreien.

Ihre Abwesenheit zu lindern.

IV. Die Toten und ihre Geschichte benennen

Sein Name war Mariano Anteros Corero Gutiérrez. Er war fast 20 Jahre alt, als er am 25. Juni 2009, in Chihuahua, Chihuahua, ermordet wurde.

Als Marianos Vater, der Lic. Mariano Cordero Burciaga, sich mit dem damaligen Gouverneur des Bundesstaates Chihuahua, José Reyes Baeza traf, sagte ihm dieser, die Ermordung sei durch eine Straßenverwechslung verschuldet worden. Einige Wochen nach den Ereignissen, forderte das staatliche Anwaltskollegium von den verantwortlichen Behörden eine Erklärung der Vorfälle. Diese antworteten es habe sich um die »Begleichung alter Rechnungen zwischen Drogenhändlern« gehandelt. Das Opfer beschuldigen.

Hier einige Auszüge seiner Geschichte:

Mariano studierte am Technischen Institut von Parral (ITP) Wirtschaftsingenieurwesen und war für das Jurastudium an der Autonomen Universität von Durango in Spanien zugelassen worden.

Vor seinem Studium diente er als Missions-Freiwilliger im Marista Internat in Chinatú, Bezirk Guadalupe y Calvo, Chihuahua. Er war für 32 indigene Kinder verantwortlich, die auf diesem Internat die Grundschule besuchten.

Mariano war ein junger Zapatist, einer von jenen, die ohne Skimasken kämpfen. In März 2001 beteiligte er sich zusammen mit seinem Vater an der Friedenskette beim Marsch der Farbe der Erde. In 2002 marschierte er bei mehreren Antiglobalisierungsdemonstrationen in Monterrey, Nuevo León, mit, anlässlich eines Gipfeltreffens von Staatschefs an dem Präsident Bush aber auch Fidel Castro teilnahmen. Zum Zeitpunkt seines Todes bewahrte Mariano in einem Rucksack für den täglichen Gebrauch die Sechste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald, das Manifest der Kommunistischen Partei, und das letzte Buch das er gekauft hatte: »Noches de Fuego y Desvelo«. [Anm. d. Übs. *Das letzte Buch von Subcomandante Marcos].

Während unserer Reise der Anderen Kampagne durch den Norden Mexikos, nahm der junge Mariano bei unserem Aufenthalt im Bundesstaat Chihuahua an einem der Treffen statt. Am Ende des Treffens ersuchte er mich um eine private Unterredung.

Das Datum? Der 2. November 2006. Nur wenige Wochen zuvor, am 17. Oktober dieses Jahres, war Mariano 17 Jahre alt geworden.

Wir saßen in dem gleichen Raum in dem das Treffen stattgefunden hatte. In mehr oder weniger Worten erklärte mir Mariano seinen Wunsch in eine der zapatistischen Gemeinden zu kommen um dort zu leben. Er wollte lernen.

Seine Bescheidenheit und Demut überraschten mich: er sagte nicht, er wolle kommen, um zu helfen, sondern um zu lernen.

Ich sagte ihm die Wahrheit: dass es das beste wäre, sein Universitätsstudium weiterzuführen und zu beenden, weil hier (und dort und überall) Menschen von Ehre das zu Ende führten, was sie begonnen haben; und dass er währenddessen nicht aufhören sollte, hier zu kämpfen, in seinem Land, mit seinen Leuten.

Nach Abschluss seines Studiums, falls er seine Absichten bis dahin nicht geändert haben sollte, würde er einen Platz bei uns haben, aber an unserer Seite, weder als Lehrer noch als Schüler, sondern als einer von uns.

Wir besiegelten die Abmachung mit einem Handschlag.

Sieben Jahre zuvor, am 8. Mai 1999, als Mariano neun Jahre alt war, hatte ich ihm eine Nachricht in einem Notizblock geschrieben:

»Mariano: Es kommt ein gewisser Augenblick (jetzt noch nicht, aber irgendwann sicher), an dem Dein Pfad auf andere stoßen wird, die ihn kreuzen, und Du wirst Dich für einen davon entscheiden müssen. Wenn dieser Augenblick kommt, blicke nach innen und wisse, dass es keine Optionen gibt, nur eine einzige Antwort: dem treu zu bleiben, was man glaubt und sagt. Wenn man sich daran hält, spielen weder der Pfad noch die Geschwindigkeit der Schritte eine Rolle. Was zählt ist die Wahrheit der Schritte, die man läuft.

Heute benennen wir Mariano, seine Geschichte, und von dieser Geografie aus übersenden wir seiner Familie eine brüderliche und schwesterliche zapatistische Umarmung, die zwar nicht heilt, aber vielleicht doch lindert ...

V. Richten, oder versuchen zu verstehen

Von unserer Geographie aus haben wir auch versucht, dem Verlauf der Bewegung für einen Frieden mit Gerechtigkeit und Würde zu folgen, angeführt von Javier Sicilia.

Ich weiß, dass zu richten, zu verurteilen oder Absolutionen zu erteilen der bevorzugte Weg der Gedankenkommissare ist, die auf beiden Seiten des intellektuellen Spektrums in Erscheinung treten, aber wir hier denken, dass man sich bemühen muss, einige Dinge zu verstehen:

Erstens, dass es sich hier um eine neue Mobilisierung handelt, die in ihrem Projekt eine organisierte Bewegung zu bilden, ihre eigene Wege beschreitet, mit ihren eigenen Erfolgen und Fehlschritten. Wie alles Neue, denken wir, dass sie Respekt verdient. Man kann mit Berechtigung sagen, dass die Formen und Methoden angezweifelt werden können, aber niemals die Beweggründe.

Und sie verdient auch Aufmerksamkeit um zu versuchen zu verstehen anstatt eilfertige Urteile abzugeben, die denen so teuer sind, die nichts tolerieren das nicht ihrer Kontrolle unterliegt.

Und um zu respektieren und zu verstehen, muss man nach oben blicken, aber auch nach unten.

Zweifellos wecken oben die Zuneigungsbezeugungen an jene, die direkt für so viel Tod und Zerstörung verantwortlich sind, Aufmerksamkeit und Irritation.

Aber unten sehen wir, dass in den Familien und Freunden der Opfer Hoffnung, Sympathie und Zusammengehörigkeit geweckt werden.

Wir dachten es sei vielleicht möglich, dass eine Bewegung entsteht, die diesen absurden Krieg beenden könnte. Das scheint nicht der Fall zu sein (oder noch nicht).

Aber was wir schätzen können ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt die Opfer präsent gemacht hat.

Sie hat sie den Seiten der Verbrechensschlagzeilen entrissen, den Statistiken der mythischen »Triumphe« der Regierung von Felipe Calderón Hinojosa, der Schuld, dem Vergessen.

Dank dieser Mobilisierung beginnen die Opfer einen Namen und eine Geschichte zu haben. Und das Märchen vom »Krieg gegen das Organisierte Verbrechen« zerbröckelt.

Sicher verstehen wir immer noch nicht, warum soviel Energie und Anstrengung investiert wird, einen Dialog mit einer politischen Klasse zu führen, die vor langer Zeit jeden Willen zu regieren verloren hat und nichts weiter ist als eine Verbrecherbande. Vielleicht werden sie das für sich selbst entdecken.

Wir richten nicht, und daher erteilen wir weder Urteil noch Absolution. Wir versuchen ihre Schritte zu verstehen, und die Sehnsucht, die sie antreibt.

Kurzum, der würdige Schmerz, der sie verkörpert und sie bewegt, verdient und hat unseren Respekt und unsere Bewunderung.

Wir denken, dass es logisch ist, einen Dialog mit jenen zu führen, die für diese Probleme verantwortlich sind. In diesem Krieg ist es vernünftig die Personen anzusprechen, die ihn begonnen und eskaliert haben. Jene, die einen Dialog mit Felipe Calderón Hinojosa kritisieren, vergessen diesen elementaren Punkt.

Die Formen, die dieser Dialog angenommen hat, wurden mit allen Arten von Kritik überschüttet.

Ich glaube nicht, dass Javier Sicilia Nachts viel Schlaf über solch wertlose Kritik verliert, wie zum Beispiel die von Paty Chapoy von der La Jornada, von Jaime Avilés (so frivol wie auch hysterisch), oder die Gemeinheiten von Doctor ORA (von dem es nirgendwo heißt, er sei ein Linker oder auch nur konsequent), denen nur noch die Behauptung fehlt, Sicilia hätte seinen eigenen Sohn ermorden lassen um Felipe Calderón Hinojosas Image zu »verbessern«; oder die Anklagen, die ihn beschuldigen nicht radikal zu sein, die gerade von jenen geäußert werden, die »ohne auch nur einen Fenster eingeschlagen zu haben« für eine Errungenschaft halten.

In seiner Korrespondenz (und ich glaube bei einigen öffentlichen Auftritten), erinnert Javier Sicilia gerne an ein Gedicht von Kavafis, insbesondere an einen Vers, der lautet: »Fürchte nicht die Laestrygonen, noch die Zyklopen, noch den zornigen Poseidon.« Und diese hysterischen Kritiker kommen dem nicht einmal nahe, also dringt der Groll dieser kläglichen kleinen Männer nicht über ihre spärliche Leserschaft hinaus.

Die Wahrheit ist, dass diese Bewegung etwas für die Opfer erreicht. Und das ist etwas, dass keiner ihrer »Richter« von sich behaupten kann.

Darüberhinaus weisen weder Javier Sicilia, noch jene, die ihm nahe stehen, die kritischen Bemerkungen der Linken zurück, deren es nicht wenige gibt, wenn sie seriös und respektvoll sind.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es sich dabei um Bemerkungen handeln, und nicht um Anordnungen.

Ich gebe hier den Schluss eines privaten Briefes wieder, den wir ihm geschickt haben.

»Wenn Sie mir eine persönliche Anmerkung gestatten, ich denke sie sollten auch weiterhin mit der Dichtung und der Kunst im Allgemeinen an ihrer Seite weitermachen. Sie bieten festere Handgriffe als jene, die es im leeren Geschwafel der politischen »Analytiker« scheinbar zu Unmengen gibt.

Ich schließe diese Zeilen daher mit den Worten von John Berger:

»Ich kann nicht sagen was Kunst tut, und wie sie es tut, aber ich weiß, dass Kunst oftmals den Richter richtet, Rache für die Unschuldigen fordert, und das Leiden der Vergangenheit in die Zukunft projiziert, damit sie niemals in Vergessenheit gerät.

Ich weiß auch, dass die Mächtigen die Kunst in all ihren Gestalten fürchten, wenn sie das tut, und das diese Kunst manchmal wie ein Gerücht und eine Legende unter den Menschen umhergeht, weil sie einen Sinn verleiht, den die Brutalität des Lebens nicht verleihen kann, einen Sinn, der uns vereinigt, denn letztendlich ist er von der Gerechtigkeit untrennbar. Kunst, wenn sie auf diese Weise wirkt, wird zu einem Ort der Begegnung für das Unsichtbare, das Nichtreduzierbare, das Überdauernde: Tapferkeit und Ehre.«

Vielleicht wird letzten Endes das alles auch nichts zur Sache tun ...

VI. - Eine kleine Geschichte.

Und vielleicht tut diese kleine Geschichte, die ich ihnen jetzt erzählen werde, Don Luis, auch nichts zur Sache:

Am 7. Mai 2011 brach am frühen Morgen eine Wagenkolonne aus der zapatistischen Zone Tzotz Choj auf. Sie transportierte Männer und Frauen der EZLN Unterstützungsbasis, die zusammen mit Menschen aus anderen Zonen am Demonstrationsmarsch zur Unterstützung der Bewegung für Frieden mit Gerechtigkeit und Würde unter der Leitung von Javier Sicilia teilnahmen. Gegen 6:00 Uhr morgens kippte einer der Wagen um, und bei diesem Unfall kam unser Compañero Roberto Santis Aguilar ums Leben. In sehr jungen Jahren war Roberto Zapatist geworden, und hatte den nome de guerre »Dionisio« angenommen.

Die Geschichte des Compañeros Dionsisio scheint einfach, wenn seine Eltern und seine Frau sie erzählen. Sein Vater sagt, dass Dionisio der erste in seiner Familie war, der sich den Zapatisten anschloss:

»Damals als wir auf dem Maisfeld arbeiteten, kam die Stunde, zu der wir uns dort auf dem Feld zu unterhalten pflegen. Er schaute sich um, um zu sehen ob wir alleine waren, und sagte, lasst uns mal eine Weile reden, es gibt da diese Organisation, von der ich höre, dass sie sehr gut ist. Dann fing er an zu reden, er begann zu uns zu sprechen, seinen Brüdern. Er fing an zu erzählen, dass es diese Organisation gab, die sehr gut war, dass es so schien, als ob sie uns helfen könnte, und das sagte er uns. Und so sind wir beigetreten, aber zuerst haben wir die Worte gehört, und dann sind wir auch selbst beigetreten, und nach und nach haben sie sich dann allen Leuten genähert. So sind wir also der Organisation beigetreten.

Wir sind der Organisation beigetreten, weil es uns damals sehr dreckig ging, und es kein Land mehr gab, um es zu bearbeiten. Wir waren sehr arm. Dann hat die schlechte Regierung das getan, wir haben damals darüber geredet, ob es keinen Weg gab, uns ein Stückchen Land zu greifen, weil die verdammte Regierung uns nicht ums Verrecken eins geben würde. Also hat diese Organisation gehört, dass wir diesen Pfad gingen, und dann sind wir dieser Organisation beigetreten. Das war im Jahr 1990.«

Vier Jahre später, als er bereits der zapatistischer Milizionär war, gehörte Compañero Dionisio zu dem Regiment, das die Distrikthauptstädte Altamirano, Chanal und Oxchuc einnahm, und trug eine Schrotflinte Kaliber 20. Die Regierungsgarnisonen an diesen Orten wurden besiegt, aber während des Rückzuges wurden Compañero Dionisio und andere Milizionäre von den PRIistas von Oxchuc gefangen genommen und gefoltert.

Vielleicht erinnern Sie sich, Don Luis, an die Bilder, die damals von den nationalen und internationalen Medien bis zum Überdruss wiederholt wurden: die schwer verprügelten Zapatisten, gefesselt in einem Gebäude im Hauptquartier von Oxchuc, der PRI Mob, der brüllte und ihnen drohte sie lebendig zu verbrennen. Ein Regierungshubschrauber transportierte sie in das Gefängnis von Cerro Hueco, wo sie weiterhin unter Folter verhört wurden. Er wurde 15 Tage lang festgehalten, ohne Nahrung und kaum Wasser, und er wurde um 4:00 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen um ihn mit eiskaltem Wasser zu überschütten. Er hat ihnen nichts preisgegeben. Später kam er zusammen mit anderen zapatistischen Gefangenen frei, im Austausch für den Kriegsgefangenen General Absalón Castellanos.

Dionisio 1Dann folgte der Dialog in der Kathedrale, die Dialoge von San Andrés, die Unterzeichnung der Abkommen, die Nichterfüllung der Regierung, der zapatistische Widerstand.

Zehntausende Männer, Frauen, Kinder und Alte weigerten sich, die Regierungshilfe zu akzeptieren, und begannen den Prozess zum Aufbau ihrer Autonomie durch ihre eigenen Kräfte und mit der Hilfe der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft.

Compañero Dionisio wurde zur Autorität eines Autonomen Zapatistischen Bezirks in Rebellion gewählt, und wurde Vorsitzender der Produktionskommission der Gemeinde. Als die Juntas der Guten Regierung auf die Welt kamen, gehörte er einer von ihnen an. Nach Beendigung seines Gemeindedienstes als autonome Autorität, blieb als lokaler Organisator in seiner Gemeinde.

Wie er seine Aufgaben erfüllte, erzählt uns seine Frau:

Bevor der Compañero mit der Arbeit begann sagte er, dass es für ihn keine Rolle spielte, wie viel Zeit er dadurch verlieren würde, oder dass er nicht genug Geld verdienen würde, auch nicht der lange Weg dorthin, wo er arbeiten würde. Es sei nicht wichtig, wie viel Zeit er verlor, auch nicht mit Pozol, weil es das war, was der Compañero vor der Arbeit sagte, das es das sei, was unser Kampf erforderte. Und er sagte, dass er selbst völlig von dem Kampf überzeugt sei, dass er nicht aufgeben wollte, und ganz gleich wie viel es zu leiden gab, er sei ganz davon überzeugt zu kämpfen. Der Compañero liebte diese Arbeit, es war ihm egal, dass er kein Geld verdiente, aber er liebte die Arbeit, und immer wenn er wegging um mit seiner Kommission oder um mit dem Rat zu arbeiten, waren viele Leute hier in diesem Ejido gegen den Compañero, weil er wegging um für die Organisation zu arbeiten, und er musste als Ejidobewohner immer eine Strafe zahlen, weil er nicht an den Gemeindetreffen teilnahm, und an anderen Arbeiten, die in der Gemeinde gemacht werden sollten.

Dionisio 2Während der Compañero Dionisio seine Aufgaben als autonomer Rat erfüllte, blieb seine Ehefrau zurück um auf dem Maisfeld zu arbeiten oder Holz zu schleppen. Und sie teilten sich die Arbeit: wenn der Compañero von seiner Arbeit im Büro nach Hause zurückkehrte, stand er am nächsten Morgen um 4:00 oder 5.00 Uhr morgens auf, um auf dem Maisfeld zu arbeiten, oder andere Aufgaben zu verrichten, aber seine Frau begleitete ihn immer bei der Arbeit. So teilten sie die Arbeit untereinander.

Am Tag der Demonstration, am 7. Mai dieses Jahres, standen sie um 2:00 Uhr morgens auf und fingen an, sich vorzubereiten: sie bereiteten den Teig für die Tortillas zu, sie machten das Essen fertig, das sie für die Kinder dalassen würden, und bereiteten den Pozol zu, den sie für die Reise mitnehmen wollten. Seine Frau sagt, immer wenn der Compañero Dionisio zu seiner Kommission aufbrach, sagte er, dass er nie wusste, ob er zurückkommen würde. An diesem Morgen brach er frohen Mutes auf. Als die Leiche des Compañeros zurückgebracht wurde, wurde er von vielen zapatistischen Unterstützungsbasen begleitet.

Sie begleiteten ihn bis vor seine Haustür.

Als wir mit den Angehörigen des verstorbenen Compañero Dionisio sprachen, baten sie uns diese Botschaften an jene weiterzugeben, die gegen den falschen Krieg der Regierung kämpfen:

Vom Vater: Diese Botschaft ist für den Compañero Javier Sicilia und andere Compañeros, deren Kinder dafür gestorben sind, weil Sie nach dem Guten suchen. Ich schicke Ihnen diese Botschaft, um sie in ihrem Kampf zu ermutigen, damit Sie die schlechte Regierung besiegen können.

Von der Ehefrau: Diese Botschaft ist für Compañero Javier Sicilia und andere Compañeros, die ihre Kinder verloren haben, um Sie in ihrem Kampf zu ermutigen dass Sie nicht aufhören sollen zu kämpfen, es ist die Botschaft, gemeinsam zu kämpfen.

Von der Mutter: dass Sie weiterkämpfen und stark in Ihrem Kampf bleiben, und dass immer in dieser Situation, wenn wir bereit sind zu kämpfen, wird das vorübergehen, und dass Sie weiterkämpfen sollen, und dass Sie nicht alleine sind.

Dionisio 3
Sie sind ganz bestimmt nicht alleine.

Die Geschichte von Compañero Dionisio ist einfach, und wie die aller Zapatisten, kann sie wie folgt zusammengefasst werden: sie haben sich nicht ergeben, noch haben sie sich verkauft, noch nachgegeben.

-*-

Hmm ... am Ende ist das doch ein sehr langer Brief geworden. Stellen Sie sich mal vor, wie lang der wird, der an Don Pablo González Casanova geschickt werden wird, dem ich nicht nur ein Brief schulde, sondern ein ganzes Buch.

Und jetzt, beim nochmaligen Durchlesen bevor ich ihn abschicke, fällt mir auf, dass alles was darin steht, vielleicht nichts zur Sache tun wird, wenn wir über Ethik und Politik reflektieren.

Oder vielleicht doch?

Vale. Salud, und auf das wir uns mehr bemühen zu verstehen und weniger um zu urteilen.

Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.

Subcomandante Insurgente Marcos.
Mexiko, Juli-August 2011.


Anmerkungen der Übersetzerin

[*1] http://www.amazon.de/Resistencia-utopia-Resistance-Utopia-Provincia/dp/9684113978/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1314600862&sr=8-3

[*2] Zwei kurze Artikel, in denen die voraussichtlichen PAN-Kandidaten für die nächsten Präsidentschaftswahlen vorgestellt werden (leider nur auf Englisch):
http://blogs.ft.com/beyond-brics/2011/05/27/mexican-elections-face-off-begins/#axzz1WjjLY5SP
http://csis.org/blog/race-pan-candidacy

 Quelle:  
  http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2011/08/25/sci-marcos-tal-vez-carta-tercera-a-don-luis-villoro-en-el-intercambio-sobre-etica-y-politica/ 
 

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