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Bericht ueber die Menschenrechtsdelegation nach Montes Azules vom 18.-20.04.2003

News vom 28.04.2003
(von 2 Compañeras)

  Am Freitag dem 18. April 2003 fuhr eine Menschenrechtedelegation nach Montes Azules, in die beiden raeumungsbedrohten Gemeinden Nuevo San Rafael und Nuevo San Isidro. Die Gruppe setzte sich aus Presse, mexikanischen und internationalen MenschenrechtsbeobachterInnen zusammen, insgesamt 23 Personen.

Hintergrundinformationen:

1978 entstand die Schutzzone "Reserva Integral de la Biosfera Montes Azules"(REBIMA). Die Ausrufung dieser Schutzzone erfolgte ueber die Koepfe der dort lebenden Indígenas hinweg. Eine Ausnahme bildete eine Indígenagruppe, der 600.000 h Land zugesprochen wurde, "unter gleichzeitiger Unterzeichung eines Vertrags ueber den lukrativen Abbau von Tropenholz durch die Familie des Praesidenten von Mexico". Einzig diese 70 Familien haben das offizielle Recht im Biosphaerenreservat zu leben. "Heute dient diese Gruppe, die sich seitdem "Lakandonen" nenen, als "Vorzeige-Indianer" der Regierung, um die Vertreibung der Tzeltales, Tzoziles, Choles und Tojolabales zu rechtfertigen."

Montes Azules weisst viele natuerlich Recourcen auf, neben Erdoel, Erdgas, Uran und Wasser auch eine reichhaltige Flora und Artenvielfalt, eine der hoechsten Biodiversitaeten der Welt. Ausserdem ist diese entlegene und auesserst unwegsame Gegend das Rueckzugsgebiet der EZLN. Ein Grund mehr fuer das Bundesumweltministerium (PROFEPA), Montes Azules als " Gebiet hoechster Prioritaet fuer die Wiederherstellung von Gesetz und Ordnung" einzustufen und entsprechend zu militarisieren.

In den letzten Jahren kamen viele Fluechtlinge und durch Militaer Vertriebene aus ganz Chipas nach Montes Azules. Hier ist der letzte Ort wo Platz fuer sie ist. Die Gemeinden verstehen sich groesstenteils als soziale Unterstuetzungsbasen der EZLN. Diese Menschen, die endlich Land und einen Platz zum Leben gefunden haben, sind der mexikanischen Regierung und den Lakandonen ein Dorn im Auge. Seitens der Regierung, ihr nahestehenden Umweltschutzorganisationen und den Lakandonen begann die Hetze, die SiedlerInnen wurden der "Schaedigung der Oekologie" angeklagt. Der Rat des in Montes Azules befindlichen Autonomen Bezirks "Ricardo Flores Magon" sagt dazu: "Die Regierung hat diesen Boden seit vielen Jahren gepluendert, sie hat die Holzfirmen und der Pemex (staatliches Erdoelunternehmen das nahezu alle Tankstellen in Mexico betreibt) den Eintritt gewaehrt und sagt heute das sie sich Sorgen um die Umwelt macht". Das es hier nicht um Naturschutz sondern um die Aufstandsbekaempfung der Zapatisten und die wirtschaftlichen Erschliessung der Region geht wird klarer, je mehr hintergruendige Zusammenhaenge auftauchen. Im Zuge des Plan Puebla Panama (PPP), eines gewaltigen Entwicklungsplans fuer den Ausbau der wirtschaftlichen Infrastruktur der Zentralamerikanischen Region, sollen mehrere Staudammprojekte (32 in Chiapas), Erdoel und Mineralienabbau fuer die Mikroelektronik, die Umruestung der Landwirtschaft auf Exportprodukte (hauptsaechlich Rindfleisch, was Waldrodungen fuer Weideflaeche erfordert), ein breites Strassennetz sowie steuerfreie Fabrikzonen fuer auslaendische Investoren (Maquiladoras) errichtet werden. Montes Azules bietet durch die Megadiversitaet und das Klima, ein gigantisches Versuchslabor fuer Biotech,- und Pharmakonzerne. Schon heute fuehrt der Pharmakonzern Monsanto hier Versuche mit gentechnisch veraendertem Reis und Mais durch. Sie brauchen jedoch keine Proteste von Umweltschutzorganistionen oder gar der Regierung zu fuerchten, haben sich doch Monsanto und Norvatis(die weltweit fuehrenden Biotech,-und Pharmakonzerne) bereit erklaert, nach der Raeumung des Gebietes den Naturschutz zu gewaehrleisten.

Auch die Sponsorenliste der "Conservation International" (CI), eine angebliche Umweltorganisation die sich sehr um die Vertreibungen bemueht, enthaelt Namen, die wenig mit Umweltschutz zu tun haben : McDonalds, Walt Disney Corp., Ford, Exxon (Erdoel und Energiekonzern), Intel(Mikroelektronik) sowie einige mexikanische Gentechfirmen. Neben der Bioprospektion-d.h. dr Forschung, Sammlung und anschliessender Patentierung der genetischen Vilfalt des Urwaldes, soll auch der Oeko- Tourismus ausgeweitet werden. Diese Aufgabe uebernehmen mehr und mehr die Lakandonen. Die mexikanische Regierung hat ihnen bereits die gewinneinbringende Verwaltung von 2 archaeologischen Ausgrabungsstaetten anvertraut.

Die mexikanische Regierung versucht die Situation als Konflikt zwichen verschiedenen Indígenagruppen darzustellen, aber in Wirklichkeit geht es ihnen um Profit und wirtschaftliche Interessen.

(noch mehr Hintergrund: http://www.free.de/bankrott/basta/ma.html)

Aktuelle Situation

Den aktuellen Anlass fuer die Menschenrechtsdelegation stellte ein Ultimatum das eine Gruppe bewaffneter Lakandonen in Begleitung der Umweltschutzbehoerde PROFEPA und dem Militaer (Marine), am 12. April 2003, stellten. Darin drohten sie die Gemeinde Nuevo San Isidro gewaltsam zu vertreiben, wenn sie nicht bis zum 19. April 2003 das Reservat verliessen. Eine aehnlich verlautende Drohung erhielt auch die Nachbargemeinde Nuevo San Rafael. Die Gemeinden hatten um die Unterstuetzung und Anwesenheit von MenschenrechtsbeobachterInnen gebeten.

BERICHT zweier Beobachterinnen

Nach einer anstrengenden und kurvenreichen Fahrt kamen wir am spaeten Nachmittag in San Isidro an und wurden mit offenen Armen entfangen. Staunend standen wir vor einem breiten, smaragdgruenen Fluss, den wir auch sogleich in leckenden Holzkanus ueberquerten. Am anderen Ufer nur Urwald, soweit das Auge reicht. Irgendwo im Urwald dann — verteilt ein paar Plastikplanen , die junge Gemeinde Nuevo San Isidro. Bei einer Begehung am naechsten Tag bekamen wir einen naeheren Eindruck davon, wie die Menschen hier leben: ein paar Decken am Boden, manchmal ein Brett als Bett, eine Plane fuer bis zu 10 Menschen, den Fleischwolf zum Maismahlen und diverse Wasserkanister als "Wasserleitung". Ausserdem viele Hunde zum Schutz vor wilden Tieren und ebenso viele Huehnern die noch etwas wachsen muessen.

Ein Compañero erklaerte uns das der Boden hier sehr gut sei und was sie alles anbauen wollten: Mais, Bohnen, etwas Reis, Tomaten, Zucchini, Aepfel und Soya. Da fuer eine Milpa (das Feld) aber auch gerodet werden muss, fuegte er noch hinzu: "Die Regierung sagt wir zerstoeren den Wald. Das stimmt nicht, wir schonen die Baeume, wir zaehlen die die wir faellen muessen." Und tatsaechlich verwenden die Menschen hier allergroesstenteils nur ‘totes’ Holz zum Feuermachen. Ein anderer Mann bemerkt: "Die Regierung will hier einen Staudamm bauen und dann wird alles hier sterben, alle Baeume, alle Tiere und auch die Menschen. Aber uns sagen sie, dass wir den Wald zerstoeren. Aber sie schicken die Firmen hierher, die mit dem Holz handeln..."

(eine Notfallkomission, die im Maerz 2003 in Montes Azules war, schreibt: "Nachdem wir die Region ueberflogen haben stellten wir fest, dass die von den Gemeinden verursachten oekologischen Schaeden im Vergleich zu den grossen Problemen die Bundesstrassen, Viehzuechter, die Holzindustrie, Militaranlagen (!)und andere wirtschaftliche Nutzungen des Bodens hervorrufen, minimal sind.")

Ein Grossteil des Gemeindelebens findet am Ufer des Lacantún statt. Hier waschen die Menschen ihren Mais, ihre Toepfe, sich selbst und holen hier auch ihr Wasser. Dazu laufen die Maedchen bis zu 20mal am Tag mit den verschiedensten Wassergefaessen (bis zu 20l) die steile Uferboeschung rauf und runter. Da es keine andere Moeglichkeit gibt, muessen die Menschen das Flusswasser trinken und viele werden davon krank, besonders die kleineren Kinder.

Als wir fragen warum sie nach hiergekommen sind, erzaehlen sie, dass sie aus Chavajewal im Municipio ‘El Bosque’ kommen. Dort sei zuwenig und vor allem schlechtes Land fuer sie alle gewesen. "Im Juni 1998 kam das Militaer in unser Dorf. Sie haben gesagt das sie Waffen suchen. Dann sind sie gekommen mit Guardias Blancas (Privatarmee der Grossgrundbesitzer) und Panzern. Sie haben geschossen und 3 Compañeros umgebracht." Nach dieser Militaeroffensive fluechteten sie in die Gemeinde ‘8 de febrero’, wo sie aber nicht bleiben konnten. Nun sind sie hier und wollen eine autonome Gemeinde gruenden. Sie verstehen sich als soziale Unterstuetzungsbasiz der EZLN. "Auf dieser Erde sind wir es, die sie bearbeiten, sind die Arbeitenden, und hier bleiben wir."

Ueber eben dieser Erde standen nun die Sterne und die Baeume wurden vom Schein der Lagerfeuer erhellt. Am Flussufer sassen einige Maenner als Nachtwache, morgen sollte das Ultimatum ablaufen. Noch ein Satz des Interviews liegt in der schwuelen Abendluft: "Wir werden unsere Koerper hierlassen, denn unsere Toechter und Soehne haben nichts zu essen. Von hier werde ich nicht gehen, nur Gott weiss ob ich sterben werde oder nicht."

Der 19. April 2003 verstrich, ohne dass die Lakandonen kamen, und die Menschenrechtsdelegation fuhr wieder ab, nachdem allerdings nachts ihr (leeres) Auto von ca. 60 Soldaten umstellt worden war. Da nicht klar war, wann es zu weiteren Konfrontationen mit den Lakandonen, dem Militaer oder dem Ministerium fuer Umwelt und Naturressourcen (Semarnat) kommen wuerde, beschlossen ein paar der BeobachterInnen hierzubleiben. Die BewohnerInnen von Nuevo San Isidro waren darueber sehr gluecklich und beruhigten uns mit den Worten: "Ihr braucht keine Angst zu haben, wir stehen hier — zusammen."

Waehrend unseres Aufenthaltes in der Gemeinde fuhr mindestens zweimal taeglich ein Motorboot des Ministeriums fuer Umwelt und Naturessourcen (Semarnat) vorbei. Vertreter des Semarnat sollen auch die Lakandonen nach Nuevo San Rafael begleitet haben. Das Semarnat war letztes Jahr in die Vorgeschichte eines Massakers vom Militaer an Indígenas im Bundesstaat Oaxaca, verwickelt. Es wurden 27 Menschen ermordet und Semarnat stand im Zentrum der Kritik. Ebenfalls letztes Jahr, im Maerz 2002 gruendete Semarnat den ersten nationalen ‘Biotechnologiefonds’, der mit 13,6 mio Euro vom der mexicanischen Regierung unterstuetzt werden soll. Dies soll in Zusammenarbeit mit dem nationalen Rat fuer Wissenschaft und Technologie (Conacyt) entstehen. Welche Interessen Semarnat wirklich vertritt, wird hier wohl sehr klar.

Am 23 April 2003 tauchte das Semarnatboot in Begleitung von einem Militaerboot auf. Beide legten am gegenueberliegenden Ufer an. 9 mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten und 3 zivil gekleidete Menschen blieben fuer eine Stunde dort stehen und fuhren dann gemeinsam wieder weg. Es sei nicht das erste mal das das Militaer hier vorbeikaeme und provoziere, erklaerten uns die Menschen aus San Isidro. Eine weitere derartige Provokation des Militaers und des Umweltschutzministeriums gab es am Freitag dem 25.04.2003. Ausserdem kamen am selben Tag die Lakandonen in die Nachbargemeinde 13 de septiembre und kundigten an, am Sonntag wiederzukommen um die Gemneinde Nuevo San Isidro zu raeumen.

Die letzte Nachricht aus San Rafael erhielten wir Montag, dort sei soweit alles ruhig. Wir halten euch weiter auf dem Laufenden, sobald wir mehr erfahren. Die Lage ist jedoch nach wie vor alles andere als entspannt, es befinden sich weiterhin MenschenrechtsbeobachterInnen in beiden Gemeinden. Zivile Friedenscamps sollen zumindest in San Isidro dauerhaft eingerichtet werden.

Die Ueberfaelle der vergangenen Woche, von Lakandonen auf die Gemeinde El Paraiso im Grenzgebiet zum Biosphaerenreservat, versetzen uns in grosse Sorge um die anderen Gemeinden.

Eine Anwesenheit von mexikanischen und internationalen MenschenrechtsbeobachterInnen ist dringend notwendig und wichtig.

Interview mit einer Bewohnerin San Isisdros

Zwichen hohen Selvabaeumen, Huehnern, Hunden und Kindern unterhalten wir uns auf spaerlichem Spanisch (meinerseits und ihrerseits)

Wie alt bist du?
C. Ich weiss es nicht, ich habe keine Akte.
Wie viele Kinder hast du?
C. 7 Toechter und 2 Soehne.
Haben die meisten Familien hier so viel Kinder?
C. Ja, so 6-10 Kinder.
Wie viele Familien wohnen jetzt hier?
C. 6 Familien. Aber 2 (dabei wird nicht klar ob zwei Familien oder zwei Personen gemeint sind) sind gegangen als die Lakandonen gekommen sind. Sie hatten Angst und sind gegangen.
Wohin sind sie gegangen?
C. In ihre Doerfer.
Aber sie haben kein Land dort?
C. Nein.
Ihr habt hier viel Arbeit, machen Frauen und Maenner dieselbe Arbeit?
C. (Lachen) Nein, die Maenner machen die Milpa (Feld) und saehen Mais. Wir machen Tortillas, das Essen.
Ihr seid eine Unterstuetzungsbasis der Zapatistas?
C. Ja, ja sind wir.
Hast du von den revolutionaeren Frauengesetzen gehoert, von den Rechten der Frauen?
C. Ja.
Was denkst du darueber?
C. Ja, das es eine gute Sache ist.
Haben die Frauen hier in der Gemeinde dieselben Rechte wie die Maenner?
C. Ja, das haben wir.
Nehmt ihr an Versammlungen der Gemeinde teil und entscheidet mit?
C. Ja, da sind auch Frauen.
Gibt es viele Krankheiten hier?
C. Ja,ja, meine Tochter hat viele Krankheiten. Hohes Fieber, Husten, Durchfall. Seit zwei Wochen Fieber.. (die Frauen die neben uns sitzen erklaren ebenfalls das ihre Kinder krank sind)
Habt ihr eine Moeglichkeit etwas dagegen zu tun?
C. Nein, wir haben nichts um sie zu heilen. Wir haben nichts, kein Geld. Das Problem ist das wir kein Wasser haben, nur den Fluss. Und der Fluss ist sehr dreckig, alle Leute baden darin und waschen und so...
Gibt es jemanaden die/der sich mit Heilpflanzen und Naturmedizin auskennt?

C. Ja, wir kennen alle ein bisschen. Es hilft sehr wenig. Wir muessen Wasser suchen, da (ausscheifende Handbewegung) etwas weiter in den Bergen.. Wir kennen hier noch nicht alles.
Wie wuerdest du gerne leben, hast du einen Traum wie dein Leben aussehen koennte?
(Lachen und aufgeregtes Tzozil gehen zwichen den Frauen hin und her)
C. (Lacht) Hmmm, ich weiss nicht, (aquí estamos) wir sind hier...

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